Zur Diskussion im "American Psychologist" ( 10-96 )
(unten auch: Übersicht über die Artikel in dieser Ausgabe)
Ein Jahr nach Seligmans Veröffentlichung widmete die American Psychogical Association der Kontoverse um efficacy und effectivess ein Themenheft. Pointiert weisen bekannte Psychotherapeuten und Psychotherapieforscher wie Martin Seligman, Marvin Goldfried und Hans Strupp darauf hin, daß eine einfache Übertragung von Ergebnissen von Wirksamkeitsstudie in Richtlinien für die psychotherapeutische Praxis negative soziale, gesundheits- und berufspolitische Folgen haben würde. Goldfried warnt davor, daß hier die forschungspraktisch bedingten Restriktionen - wie Zeitbegrenzung, Reduktion von Therapiezielen auf Symptomminderung - auf Alltagspraxis übertragen werden könnten. Die Wirksamkeitsforschung nach dem efficacy-Paradigma wird in den USA bereits genutzt, um der psychotherapeutischen Praxis erhebliche Beschränkungen aufzuerlegen
Durch administrative, ökonomische und politische Entwicklungen drohen der Psychotherapie von verschiedenen Seiten einschneidende Begrenzungen. Entscheidungsträger in der Politik und bei Kostenträgern nutzen Befunde aus dem Labor der Therapieforschung, um Geld zu sparen.
Die 90er Jahre sind im Gesundheitswesen der Vereinigten Staaten das Jahrzehnt der Managed Care Organisationen, die im Auftrag der Arbeitgeber, die für Gesundheitskosten ihrer Beschäftigten aufkommen, den Zugang zu Gesundheitsleistungen verwalten und kontrollieren.Die MCO genehmigen nur noch 10-15 Stunden Psychotherapie, und wählen dafür die billigsten Anbieter am Markt aus - die am wenigsten ausgebildeten und unerfahrensten Kollegen. Den Case Managern der MCO obliegt auch die Entscheidung, ob Psychotherapie oder eine andere Behandlungsart angewandt werden darf.
Goldfried wie auch Seligman greifen eine Liaision zwischen den MCOs und der efficacy-Forschung an. Sie drücken die Sorge aus, daß methodologische und konzeptuelle Verengungen der Forschungsrealität durch die MCO in klinische Einschränkungen für praktisch tätige Therapeuten umgesetzt werden (Goldfried, Wolfe, S. 1007). Dann könnten die Grenzen eines Forschungsparadigmas die künftige Entwicklung der gesamten Psychotherapie diktieren (ebenda, S. 1012) Patienten würden routinemäßig mangelhafte Behandlungen erfahren, Erfahrung, Geschick und Ausbildung von Psychotherapeuten würden sich als Handicap erweisen. Die Autonomie und wirtschaftliche Existenz von Psychotherapeuten sei bedroht. (Seligman, S. 1073) Nicht zuletzt haben staatliche Organisationen wie auch Fachorganisationen bereits einschneidende Behandlungsleitlinien für verschiedene Störungen veröffentlicht, deren Nichtbefolgung mit dem Risiko von Kunstfehler-Prozessen bedroht sei. Diese Leitlinien reduzieren die Bedeutung von Psychotherapie in den USA.
Übersicht über die Artikel :
Volume 51, Number 10, October 1996