Notizen zu:
Cierpka, M., Orlinsky, Kächele, Buchheim: Studien über Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten - Wer sind wir? Wo arbeiten wir? Wie helfen wir? -Psychotherapeut 1997 - 42, 269-281
In diesem Artikel ist die Unterscheidung zwischen Prozeß- und Ergebnisforschung nur einer von mehreren interessanten Aspekten dieses Artikels. Ich beschränke mich hier auf diesen Aspekt.
Die Autoren arbeiten heraus, daß Ergebnisforschung dem Gedanken anhängt, daß die Effektivität von Psychotherapie auf die adäquate Anwendung von geeigneten Behandlungstechniken zurückzuführen sei. Doch habe die Effektivitätsforschung schon selbst bewiesen, daß es keine gravierenden Effektivitätsunterschiede zwischen den Schulen/Techniken gebe.
Die Prozeßforschung lege den Schwerpunkt auf das Geschehen in derTherapie selbst, auf die Qualität der Beziehung, die sich zwischen Patient und Therapeut entwickelt. Sie hebt hervor, daß die Wirksamkeit der Psychotherapie auf der Fähigkeit der Psychotherapeutin beruht, sich auf eine besondere, für den jeweiligen Patienten maßgeschneiderte Beziehung einzulassen. Die Gestaltung dieses Beziehungsraums sei also wichtiger als die angewandten Behandlungstechniken.
Eine ganze Reihe von Befunden der Psychotherapieforschung, die die Person des Therapeuten und die Passung zwischen Klient und Therapeut betreffen, werden referiert, vergleichbar dem Artikel von Orlinsky et al. im Handbook of Psychotherapy and Behavior Change.
Die Autoren weisen auf die sozio-kulturellen Bedingungen hin, unter denen die vergleichende Therapieforschung mehr Ausstrahlungskraft gewinnen kann:
"Trotzdem überwiegen auch heute noch die Anstrengungen, Unterschiede in der Wirksamkeit der Methoden festzustellen, weil offensichtlich die Medizin naturwissenschaftlich ausgerichtete kontrollierte Studien und damit begründete Behandlungsmethoden bevorzugt. Die sozio-kulturellen Bedingungen der modernen Gesellschaft schätzen den Pragmatismus, Instrumentalismus und die Effizienz im Vorgehen. Anstatt auf die unterschiedlichen Erfahrungen und die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehung zu setzen, ist es immer noch von Vorteil, Psychotherapie als naturwissenschaftlich begründetes Verfahren im Gesundheitssystem einer modernen Gesellschaft auszuweisen, in der die Forschung mit objektiven Verfahren die Evaluation und die ständige Verbesserung der Methoden gewährleisten kann. Psychotherapie als "humanistische" (d.h. quasimystische) Wissenschaft bekommt dagegen leicht den Anschein, die systematische, wissenschaftliche Evaluation abzulehnen." (S. 279)
Die Autoren weisen aber darauf hin, daß es keinen logischen Widerspruch zwischen einer "technikorientierten" und "beziehungsorientierten" Forschung gebe. Beide Aspekte spielen ja in der Ausbildung und Praxis von Psychotherapeuten eine große Rolle. Gegenüber einer Verkürzung des Psychotherapieverständnis auf den Vergleich von Ausbildungen und Schulrichtungen halten sie fest
", daß die Untersuchung der Ausbildungsmethoden, der Auswahl von Ausbildungsteilnehmern, dem Erwerb von Kompetenz und der Theorievermittlung nicht ausreicht, um dem Forschungsgegenstand gerecht zu werden. Die Perspektive muß ausgeweitet werden, damit man die Psychotherapie und die Psychotherapeuten nicht von ihrem institutionellen, sozialen und kulturellen Kontext herauslöst, in dem sie arbeiten." (S. 279)
Der "Psychotherapeut" erscheint wohl demnächst teils auch online, obiger Artikel ist aber zur Stunde dort noch nicht zu finden. Der Zugang des Verlags zu den Fachzeitschriften ist: http://link.springer.de