1. Eine Entdeckungsreise in die Welten von Psychotherapie und Psychotherapieforschung

Auszug aus "Wer bestimmt, was hilft?"

1.1. Anlaß einer Reise

Aus dem Kontinent der Psychotherapieforschung drangen in den letzten Jahren immer wieder heftige Stürme in die Regionen der Psychotherapie- - eingreifendere Einflüsse als etwa die interessante empirische Untersuchung in der Fachzeitschrift, deren Ergebnisse ich gelassen bedenke, integriere oder auch vergesse. Befürchtungen um die Anerkennung des eigenen Arbeitsansatzes und des eigenen Selbstverständnisses konnten entstehen. Vielen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gelang es wohl, die eigenen Interessen und das eigene Selbstverständnis von diesen fremden Einflüssen freizuhalten - dabei fragten sie sich manchmal, ob sie eher über eine stabile Abwehr oder eine Form tieferen In-sich-Ruhens verfügten.

In den letzten Jahren haben Veröffentlichungen über Psychotherapieforschung , insbesondere das Psychotherapiegutachten von 1991 und das 1994 erschienene Buch von Grawe, Donati und Bernauer mit dem Titel "Psychotherapie im Wandel - Von der Konfession zur Profession" , in Deutschland Aufsehen erregt. In den USA forderte Robyn Dawes unter dem Titel: "House of Cards - Psychology and Psychotherapy built on Myths" (1994) eine stärkere Verankerung psychotherapeutischer Praxis im "Faktenwissen der Psychologie ". Der Ruf nach exaktem Wissen statt "Konfession" und "Mythen" war nicht neu, aber immer noch provokativ, wie das Echo bewies.

Nachdem einige Psychotherapie-Forscher in einem Bestseller bekannten, sie müßten sich der Psychotherapie oft schämen , packte mich die Neugier, und ich wollte herausfinden, was für ein wundervolles Gebiet es ist, von dem aus man auf die Niederungen psychotherapeutischer Praxis so herabblicken kann. Was von dem , was Psychotherapieforscher machen, ist hilfreich für die Integration der Psychotherapien, für das Berufsbild der Psychotherapeuten, für kreative therapeutische Praxis und die Gewährleistung guter psychotherapeutischer Dienstleistungen für die Gesellschaft? Ich entwickelte ein Interesse, mich auf den Weg zu machen und Antworten zu suchen.

Eine ausgedehnte Suche führte mich in unterschiedliche Wissensgebiete. Es wurde auch eine Zeitreise zu den Anfängen meiner Begegnung mit psychotherapeutischer Literatur, mit Wissenschaftstheorie und mit psychotherapeutischen Schulen.

Natürlich fragte ich mich manchmal, ob einiges nicht treffender von einem Bewohner des Landes "Psychotherapieforschung" beschrieben werden könnte. Viele innere Zusammenhänge, die im Lande bekannt sind, bleiben dem Besucher verborgen, vieles wiederum fällt dem Besucher auf, für das die Bewohner blind geworden sind. Letzteres ermutigt mich, eine kurze Einführung in eine ausgedehnte Landschaft mit Hinweisen für vertieftes Kennenlernen, auf historische und soziale Zusammenhänge, mit Empfehlungen an die Leser für einen eigenen Besuch zu schreiben - und einen Versuch, die unterschiedlichen Sprachen verschiedener Denk- und Praxiswelten zu verstehen und zu "übersetzen".

1.1.1. Ausgangspunkte der Reise

Mein fachlicher Ausgangspunkt für diese Reise ist - bei einem Ausbildungs- und Praxisschwerpunkt in erlebnisorientierten Verfahren - klinische Praxis als Psychologe und Psychotherapeut in gewisser Entfernung vom akademischen Raum und Distanz zur experimentell orientierten Psychologie.

Ein allgemeinerer Ausgangspunkt: In den letzten Jahren rücken in vielen psychosomatischen und psychotherapeutischen Institutionen die Gebiete von Praxis und Forschung einander näher. Gestiegen sind die gesellschaftlichen Anforderungen an die Berechenbarkeit der Psychotherapie: Sie wird für voll geschäftsfähig und verantwortlich betrachtet, sie ist ihrem Experimentierstadium längst entwachsen. Die WHO hat 1984 Qualitätssicherung in der Gesundheitsversorgung eingefordert, in Deutschland wurde die Verpflichtung zur Qualitätssicherung im Sozialgesetzbuch V gesetzlich verankert. Kostenkontrolle und Gewährleistung des Leistungsstandards sind Ziele dieser Reformen. Psychotherapeutische Versorgung soll umfassender in das Leistungsangebot der Krankenversicherungen integriert werden, der rechtliche Status der Psychotherapie gesetzlich geregelt werden. Die verschiedenen Berufsgruppen - vor allem die Standesvertetungen von Ärzten und Psychologen, wobei die Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Theologen und anderen Akademiker mit psychotherapeutischer Ausbildung und Praxis meist ausgegrenzt werden - und innerhalb dieser Berufsgruppen wiederum die Vertreter verschiedener therapeutischer Richtungen ringen um die Anerkennung ihrer psychotherapeutischen Arbeit.

Standesorganisationen können selektiv "wissenschaftliche" Befunde als Trumpf ausspielen, die mehr politischen und ökonomischen Interessen dienen als der wahrheitsgemäßen Unterrichtung der Öffentlichkeit. Soll der Zweck die Mittel heiligen, besteht Gefahr, daß unter dem Schlagwort "wissenschaftlich" das Vorurteil zur herrschenden Meinung erklärt wird.

 

1.2. Stationen der Informationsreise

1.2.1. Überblick über die Ziele

Angesichts dieser komplexen "Anforderungssituation" soll dieses Buch:

* für Praktiker, Studierende und interessierte Laien einen Abriß über den Stand und die gegenwärtigen Fragen der Psychotherapieforschung geben,

* die Erfahrungswelt der psychotherapeutischen Praxis mit den Modellen technischer Rationalität und forschungsgeleiteten Handelns kontrastieren,

* Aussagen dazu treffen, welche Arten von Qualitätsurteilen zur Psychotherapie gegenwärtig tragfähig sind,

* die Argumentation von Grawe, Donati und Bernauer zur Wertung der Therapieformen und gegen die Therapieschulen berichten und kritisch betrachten,

* damit auch die Frage diskutieren, wie Integration der Psychotherapien erfolgen kann

* in einem Anhang einige Ideen für die Entwicklung einer selbständigen "Alltagsforschung" durch praktisch tätige Psychotherapeuten vermitteln und Literaturhinweise geben -

all dies in der Annahme, daß die gegenwärtige Kontroverse um Forschung und Praxis konstruktiv für die Entwicklung der Psychotherapie und die Praxis von Psychotherapeuten sein kann.

 

1.2.2. Gebiete und Abschnitte

Die Gebiete, die im Laufe der Recherche beschrieben und erkundet werden sollen, und damit auch die folgenden Abschnitte dieser Arbeit sind:.

* Ortstermine: Erfahrungswelten und Begründungszusammenhänge der Psychotherapien

Das Verhältnis von psychotherapeutischer Theorie und ihrer Erfahrungsbasis bei Pionieren und Protagonisten in der Entwicklung der Psychotherapie wird untersucht. Für Berufsanfänger und Laien bietet dieser Abschnitt zudem informatives Material zu den vorgestellten Psychotherapieformen.

* Im Arsenal: Die Entwicklung der vergleichenden Therapieforschung

Die großen Auseinandersetzungsfelder - die Topoi in der Welt der vergleichenden Psychotherapieforschung - werden besucht und ihre klassischen Methoden umrissen.

* Grenzen: Prozeßforschung

Forschungsergebnisse über den psychotherapeutischen Prozeß zeigen Grenzen der Ergebnisforschung. Die Besonderheiten des psychotherapeutischen Prozesses, der mehr als der Einsatz von Interventionstechniken ist, werden herausgearbeitet.

* Kartografische Gesichtspunkte (1): Behaviorismus und Psychotherapie

Wie hängen Theorie und Praxis, Landkarte und Landschaft zusammen? Dies ist ein Thema der Wissenschaftstheorie.

* Kartografische Gesichtspunkte (2): Qualitative Perspektiven

Paradigmen qualitativer Forschung sind Thema dieses Abschnitts.

* Die Berner Perspektive: Grawes Beitrag und die Diskussion darüber

Klaus Grawe entwickelte mit seiner Berner Arbeitsgruppe eine Perspektive auf die Forschungslandschaft und die psychotherapeutische Praxis. Diese Sicht soll hier dargestellt werden.

* "Psychotherapie im Wandel" - ein Beitrag zur Integration

Wesentliche Kritikpunkte zu "Psychotherapie im Wandel" sollen hier herausgearbeitet werden. Dieser Teil der Reise führt in ein umkämpftes Gebiet; heftige Polemiken in Fachzeitschriften und Wochenzeitungen zeugen davon, wieviel Feindseligkeit entstehen kann, wenn unterschiedliche Wirklichkeitsverständnisse aufeinanderprallen.

* Technische Rationalität oder reflektierte Praxis

Ein Resumee der Reiseeindrücke und Ideen für Begegnungen empirischer Forschung und psychotherapeutischer Praxis werden hier diskutiert.

Für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, für die eine forschende Haltung hinsichtlich ihrer Praxis eine große Bedeutung hat, folgen im Anhang Hinweise für weitere Lektüre und Vorschläge für eigene praxisnahe Forschung. Für Leserinnen und Leser, die sich fragen, wie sie eine geeignete Psychotherapie für sich finden können, sind ebenfalls im Anhang einige Gedanken zusammengestellt.

 

Die Reise - der Gang der Argumentation - wird auch eine Annäherung an eine Definition und Beschreibung von Psychotherapie sein, da sie Begegnung mit den Bezugsrahmen und unterschiedlichen Menschenbildern der Psychotherapien sowie der vergleichenden Therapieforschung ermöglicht.

Die derzeit anerkannteste Definition von Psychotherapie, wie sie auch im Psychotherapiegutachten von 1991 verwandt wurde, lautet:

.".Psychotherapie ist ein bewußter und geplanter interaktioneller Prozeß zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für behandlungsbedürftig gehalten werden, mit psychologischen Mitteln (durch Kommunikation) meist verbal aber auch averbal, in Richtung auf ein definiertes, nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder Strukturänderung der Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens. In der Regel ist dazu eine tragfähige emotionale Bindung notwendig."

Diese Definition ist nach verschiedenen Richtungen hin offen: Sind lehrbare Techniken wichtiger oder weniger wichtig als die therapeutische Beziehung? Welche Rolle spielen vorgefertigte Pläne für bestimmte Aufgabenstellungen gegenüber der kreativen Entwicklung individueller Handlungspläne? Geht es in der Psychotherapie eher um Symptomminimierung oder um Strukturveränderung des Klientsystems? Unterschiedliche Positionen zu diesen Fragen und verschiedenartige Perspektiven auf das psychotherapeutische Geschehen beschreibt der folgende Reisebericht.

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