Mittel und Ausgangspunkt dieser
Arbeit ist eine Sequenz aus einer Sitzung mit einer 19Jährigen Patientin, die u.a. an
einer Angststörung leidet. Anhand dieser Sequenz möchte ich die Arbeit mit inneren
Bildern demonstrieren. Weiterhin möchte ich die Bedeutung dieser Arbeit aufzeigen für
Störungen, bei denen psychodynamische/konflikthafte Aspekte so wie erworbene Aspekte miteinander verschränkt sind. Bei diesen
Störungen - so meine Hypothese ist sowohl eine aufdeckend-deutende Haltung, wie
auch eine emotional korrigierende Haltung sinnvoll, die angstkonfrontierende Techniken
miteinbeziehen kann[1]. Den theoretischen Hintergrund bilden
dabei vorwiegend die Ergebnisse der Säuglingsforschung, die ich mit den Ansätzen der
Gedächtnisforschung verknüpfe. Ich gebrauche dabei den Begriff Unbewusstes
in einem umfassenderen Sinne, als dies üblicherweise in der psychoanalytischen Literatur
geschieht. Um dies zu begründen, erläutere ich zunächst zwei Begriffe aus der
Gedächtnisforschung und zwar den des impliziten und expliziten Gedächtnisses[2].
Unter expliziten oder deklarativen
Gedächtnisinhalten wird die Form von Wissen verstanden, das erinnert werden und
sprachlich oder in Bildern ausgedrückt werden kann. Deklaratives Wissen (vom Englischen
to declare = erklären) handelt von Ereignissen, von Tatsachen oder von Vorstellungen.
Dagegen ist implizites Wissen
Fertigungswissen, das durch Erfahrung erworben wird. Sein Abruf erfolgt ohne bewusste
Erinnerung. Es ist unbewusst, ohne verdrängt zu sein. Denn verdrängt
bedeutet ja, dass anstößigen Vorstellungen, Phantasien, Impulsen die Besetzungsenergie
entzogen wird und dass sie durch Gegenbesetzung am Wiederauftauchen gehindert werden.
Dagegen ist das implizite Wissen unbewusstes, prozedurales Wissen. Sein Vorhandensein wird
durch die Handlung gezeigt. Der automatische Abruf erfolgt effizient und schnell, eben
weil er ohne die Zuschaltung des Bewusstsein, ohne die bewusste Kontrolle auskommt[3]. Unter dieses Fertigungswissen fallen so
verschiedene Dinge wie laufen lernen, überhaupt fast alle motorischen Fertigkeiten, auch
das Klavierspielen, das Zeichnen, Dinge, die durch Übung und Wiederholung erworben und
verbessert werden. Darunter fallen aber auch die Wahrnehmungs- und Ergänzungsregeln, die
Sprachregeln der Muttersprache. Wir können uns die Abläufe unter Umständen bewusst
machen, aber wir müssen es nicht, um sie zu benutzen.
Implizites Wissen ist aber auch, und hier
nähern wir uns der Angststörung, frühes
Wissen, das von Eltern und Betreuungspersonen implizit kommuniziert wird, Wissen, das in
Interaktionsepisoden erworben wird. Ein Beispiel: Ein Kind nähert sich einem unbekannten
Gegenstand z.B. einem piepsenden Roboter.
Dieser Roboter wird sowohl die Neugier des Kindes wecken, wie auch vielleicht, weil
unbekannt, Furcht auslösen. Das Kind wird
nun in das Gesicht der Eltern blicken und daran ablesen, wie es dieses äußere Objekt
bewerten soll. Diese Bewertung wird seine Annäherung an das Objekt, seine Erfahrung mit
dem Objekt bestimmen. Ein Vorgang, den die Säuglingsforscher social
referencing nennen. Er ist von Anfang an unbewusst, bestimmt implizit das weitere
Verhalten, die Bewertung der äußeren Welt, die Erwartungen, aber auch die
Gefühlsregeln. Die Information - was ist gefährlich in der äußeren Welt, was nicht - muss schnell abgerufen werden können. Die
bewusste Bewertung erfolgt nicht immer und wenn dann erst zeitverzögert (Kandel/Squire
1999, S.180f).
Ein anderer Vorgang ist die
Affektabstimmung (affect attunement), die ich weiter unten beschreiben werde.
Auch das Entstehen einer sicherer oder unsicherer Bindung im ersten Lebensjahr beruht auf
impliziter Kommunikation, auf Feinabstimmung, auf Regulierung. Unsicher gebundene Kinder
zeigen schon mit 1 Jahr keinen Ärger/ keine Furcht mehr,
wenn die Mutter den Raum verlässt, weil sie in vielen Interaktionsepisoden gelernt haben,
dass das Zeigen von Ärger unerwünscht ist. Sie unterdrücken Ärger, obwohl seine
physiologischen Korrelate noch gemessen werden können(Dornes 1997, S. 295).
Ich habe diese Vorgänge der impliziten
frühen Kommunikation deshalb so ausführlich beschrieben, weil ich mich vorrangig auf
diese Aspekte beziehen möchte. Der dynamische/konflikthafte Anteil der Angststörung wird
hier nur gestreift, was nicht heißen soll, dass ich ihn für unerheblich halte oder dass
er nicht bearbeitet wurde. Er ist aber in der psychoanalytischen Literatur gut besprochen
(Freud, Hoffmann, Mentzos, König).
Nun aber zu der Patientin und der
versprochenen Sequenz:
Die Patientin, die ich hier Marita nennen möchte, schildert mir in der 85. Stunde ihre
Angst, abends allein zu Hause zu bleiben.
Ich
komme in die Wohnung. Meine Eltern sind nicht da, und da ist dieser große, dunkle, lange
Flur. Ich gerate in Panik, renne hektisch in jeden Raum und mache überall das Licht an,
gucke in jede Ecke, ob da jemand versteckt ist. Dann rufe ich meine Freundin Lisa an und
bitte sie, zu mir zu kommen.
Marita erzählt in dieser 85.Sitzung das
erste Mal von dieser Angst. Es ist ihr sichtlich unangenehm. Sie schämt sich, und ich
vermute, dass sie die Angst als altersunangemessen erlebt. Wenn die Eltern verreisen, muss
sie Freundinnen/Freunde fragen, ob sie bei ihr übernachten. Das empfindet sie zum Teil
als demütigend und auch zunehmend als einschränkend. Ich spüre, dass sie verzweifelt
ist, und dass sie an der Symptomatik arbeiten, die Angst bewältigen möchte.
Ich bitte die Patientin in der Phantasie,
noch einmal die Wohnung zu betreten, an der Eingangstür stehen zu bleiben und mir den
Flur zu beschreiben. Der Flur ist so groß, dass in mir das Bild eines ganz kleinen Kindes
entsteht, dass in diesem Flur steht. Ich bitte sie, in dem Gefühl, den der dunkle Flur in
ihr auslöst, zu bleiben und alle Bilder, die dazu in ihr hochsteigen, zuzulassen. Die
Patientin ist ca. 5-10 Minuten versunken, sie hat die Augen geschlossen. Dann sagt sie:
Ich bin ca. 4 Jahre alt, ich stehe im
Flur und bummere an die Tür. Es ist dunkel. Die Tür ist verschlossen, meine Eltern sind
nicht da. Ich bin voller Panik. Ich rufe und schreie, ich gucke durch den Schlitz ins
Treppenhaus. Nachbarn hören mich endlich. Sie rufen meine Eltern. Meine Eltern kommen.
Sie waren bei Freunden. Sie haben mir nichts gesagt.
Während sie mir die Situation erzählt,
merke ich, dass die Patientin in die Erlebniswelt des kleinen Kindes eingetaucht ist, die
Verzweiflung, die Angst, die Hilflosigkeit noch einmal durchlebt hat. Ich bitte die
Patientin deshalb, aus dieser Erlebniswelt wieder herauszukommen, zurück in das
Therapiezimmer und als 19Jährige mit mir zusammen die Szene zu betrachten, aus einem
sicheren Abstand heraus. Ich frage sie, was dieses kleine Kind gebraucht hätte, um die
Situation besser bewältigen zu können. Sie überlegt eine Zeit und antwortet mir dann: Jemand, der es beruhigt, jemand der es
wieder ins Bett bringt, an dem Bett sitzen bleibt, ihr eine Geschichte vorliest. Ihr
fällt dazu eine Szene mit ihrer Nichte ein, auf die sie oft aufpasst. Ihr fällt ein,
welche Geschichten sie der Nichte vorliest, um sie zu beruhigen. Sie kann in diese
Vorstellungsbilder eintauchen, und die damit einhergehenden Gefühle von Geborgenheit und
Aufgehobensein, von Beruhigt- und Getröstetwerden auf sich wirken lassen. Nach einiger
Zeit frage ich sie:Was hätte das Kind gebraucht, bevor das nächtliche Abenteuer
passierte. Was hätte es dem Kind leichter gemacht, aufzuwachen und ruhig zu
bleiben. Nach einiger Zeit antwortet sie mir:Ein sicheres Gefühl, ein
Gefühl, dass nichts Schlimmes passiert, dass die Eltern gleich wiederkommen, dass sie
gesund wiederkommen, das hätte dem Kind geholfen. Ich frage sie, ob sie sich so ein
Gefühl vorstellen kann, ob sie so ein Gefühl kennt, es schon einmal erlebt hat, und sie
lächelt und nickt. Ich bitte sie, sich jetzt einmal das Kind mit diesem Gefühl im Bett
vorzustellen, und an ihrem entspannten Gesicht merke ich, dass sie sich ganz in dieses
sichere Gefühl begeben kann[4].
In den folgenden Wochen arbeiten wir
fokussiert an dem Thema Angst. Verschiedene Situationen aus der Genese werden in Hinblick
auf alternative Lösungsstrategien betrachtet und mit diesen neuen Strategien durchlebt.
Die Patientin hatte auch verschiedene Träume in dieser Zeit, in denen sie die Problematik
auf einer anderen Ebene bearbeitet.
Nach dieser fokussierten Arbeit kann die
Patientin allein zu Hause bleiben.
Zwei Situationen, die sie in dieser Zeit
erinnert, möchte ich im folgenden darstellen. Ich komme später darauf zurück.
Ich
bin ca. 5 Jahre alt, wir sind im Urlaub, ich wache nachts auf, liege allein im
Hotelzimmer. Ich springe aus dem Bett und renne in Panik durch das ganze Hotel, bis ich
meine Eltern finde, die an der Bar sitzen. Mein Vater spielt mit mir Billard und bringt
mich dann ins Bett.
Zu dieser Situation fällt ihr spontan die
folgende ein:
Ich bin 18 Jahre alt und mit meinen
Eltern im Urlaub. Wir haben zwei Zimmer bekommen, die in unterschiedlichen Flügeln des
Hotels liegen, und ich mache solange Terror, bis wir 2 Zimmer bekommen, die nebeneinander
liegen, obwohl das Hotel ausgebucht ist.
Bei der Arbeit mit inneren Bildern, Szenen
habe ich mich vor allem von dem Ansatz Daniel Sterns leiten lassen. Seine Ideen zur
Entstehung von generalisierten inneren Repräsentanzen und seine Vorstellungen, wie diese
Repräsentanzen in der therapeutischen Arbeit wiederbelebt und verändert werden können,
haben meine Arbeit wesentlich beeinflusst. Bestechend fand ich vor allem die Idee, dass
das Wahrnehmen und Verstärken der Fähigkeiten des Patienten zu einer Veränderung seiner
inneren Repräsentanzen führt und damit zu einer veränderten Interaktion mit seiner
Umwelt, ein Ansatz, den ich auch bei dem amerikanischen Psychoanalytiker Michael Basch
gefunden habe[5].
Eine
weiterer wichtiger Aspekt zum Verständnis der oben dargestellten Veränderungsarbeit ist
m.E. das affect attunement, das Daniel Stern als wichtiges Element mütterlicher Reaktion
bei der kindlichen Entwicklung beschreibt. Bions containment weist in eine ähnliche
Richtung. Eine wesentliche Ergänzung dazu erscheint mir der Theorieansatz von Gergely zur
Affektspiegelung, den Dornes beschreibt (Dornes 2000, S.66).
Zum Schluss möchte ich die geschilderte
Sequenz noch einmal im Lichte der neurobiologischen Erkenntnisse betrachten und
herausarbeiten, welche Bedeutung diese Erkenntnisse für die therapeutische
Veränderungsarbeit haben können.
Bei der Arbeit, die ich hier beschreibe,
geht es um die Arbeit mit einer imaginierten Vergangenheit, ein nochmaliges Durchleben
dieser Vergangenheit mit neuen Möglichkeiten.
Stern geht davon aus, dass der Säugling in
der Interaktion mit der Betreuungsperson Erfahrungen macht, die er als Episoden von
Handlungen, Wahrnehmungen und Affekten innerlich repräsentiert. So könnte zu der Episode
Gestilltwerden die Stimme der Mutter, ihr Gesichtsausdruck, ihre Bewegungen,
ihr Geruch, ihre Haut, die Wärme, die Umgebung, die Atmosphäre, die begleitenden Affekte
gehören, die Abfolge von Handlungen. Diverse ähnliche Episoden werden zu übergeordneten
Einheiten zusammengefasst, deren Generalisierung zu Prototypen führt und diese Prototypen
wiederum zu Erwartungen. Diese generalisierten Interaktionsrepräsentationen sind die
Grundeinheiten der Beziehungsrepräsentationen. Wenn ich hier also von Erinnern spreche,
meine ich das Evozieren und Aktivieren dieser inneren Repräsentanzen, die in der
Vergangenheit gebildet wurden und die immer wieder neu bearbeitet werden. Dabei haben die
Kontextfaktoren(Schlüsselreize) Signalfunktion und bilden den Zugang zu den Erinnerungen.
Kontextfaktoren(Zugangshinweise) können Bilder, Gefühle, Gerüche, Melodien, Zustände
sein(Dornes 1997, S.294). In der dargestellten Sequenz war es die Verbindung von Bild und
Gefühl, die zu einer früheren Szene/Episode geleitet hat, eine frühere Episode
aktiviert hat.
In dem Sinne ist die Arbeit an einer
imaginierten Vergangenheit eine Arbeit an den inneren Beziehungsrepräsentanzen. Nicht die
Vergangenheit wird verändert, sondern die in der Vergangenheit gemachte
Beziehungserfahrung, die als innere Repräsentation die Sicht auf die Welt prägt, wird
erweitert. Diese Repräsentanzen werden nicht überschrieben, sondern es werden neue
Interaktions- und Regulationserfahrungen hinzugefügt. In einem Als-Ob-Szenario wird so
getan, als ob Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Verfügung gestanden hätten und
spielerisch ausprobiert, wie anders sich die Situation dann angefühlt hätte. Dabei
entstehen neue Bewältigungsmöglichkeiten, die zu einer anderen Sicht auf die Welt, zu
einem anderen Selbstbild führen.
Zu der Arbeit mit einer imaginierten
Vergangenheit ist nicht jeder Patient fähig. Marita konnte sich von Anfang an gut auf die
Arbeit mit Vorstellungsbildern einlassen. In der Therapiesitzung ist sie fähig, innere
angstbesetzte Bilder entstehen zu lassen, im Beisein der Therapeutin die damit
zusammenhängenden Gefühle zu beleben und gemeinsam mit der Therapeutin auszuhalten. Das
Bild des dunklen Flurs und das dazugehörende Panikgefühl leiten sie, als sie sich in
dieses Gefühl begibt, zu einer Kindheitserinnerung, die für sie mit dem Gefühl
verbunden ist: Eine Situation, in der sie als 4Jährige von den Eltern im Stich gelassen
wurde. Eine mögliche therapeutische Intervention könnte wie folgt aussehen: Das
Betreten des dunklen Flur in einer Wohnung, die leer und verlassen ist, löst in ihnen
Gefühle aus, die sie als 4 Jährige hatten, als sie von den Eltern im Stich gelassen
wurden. Diese Intervention erklärt der Patientin einen Gefühlszustand. Für die
19Jährige wird dadurch die Angst verstehbar, kognitiv, aber auch emotional. Die
19Jährige kann der 4Jährigen das Gefühl von Angst und Panik beim Verlassenwerden
zugestehen, sie erlebt dieses Gefühl dadurch nicht mehr als so beschämend. Das hilft
ihr, sich mit der Angst auseinander zusetzen. Die Angst wird nicht mehr abgespalten
erlebt. In einem nächsten Schritt kann die Patientin zu der 4Jährigen Kontakt aufnehmen.
Ihr innerer Konflikt zwischen den Autonomiewünschen der 19Jährigen und den
Abhängigkeits- und Sicherheitsbedürfnissen der 4Jährigen wird dadurch belebt. Dieser
Konflikt wird personalisiert(die 19Jährige redet mit der 4Jährigen) und externalisiert.
Marita erlebt nun wie auf einer Bühne einen Dialog zwischen ihrem regressiven und
progressiven Anteil. Ein destruktiver, selbstabwertender innerer Dialog kann so zu einer
liebevollen, akzeptierenden Hinwendung verändert werden. Die relative Distanz zum
Geschehen erlaubt ihr, neue Lösungen zu finden. Die 19Jährige hat sich mit dem
4Jährigen Kind verbündet, stellt diesem Kind ihre Fähigkeiten der Konfliktbewältigung
zur Verfügung, kann dadurch das 4Jährige Kind wachsen, sich entwickeln lassen. Die
19Jährige kann eine Selbstrepräsentanz entwickeln, als jemand, der erfolgreich eine
Krisensituation bewältigen kann.
Was braucht so eine 4Jährige? Eine weitere
Fähigkeit der 19Jährigen ist, dass sie sich gut in die Bedürfnisse der 4Jährigen
hineindenken und hineinfühlen kann. Sie ist sogar als 19Jährige fähig, die 4 Jährige
zu beruhigen. Damit wird ihr im Beisein der Therapeutin eine Fähigkeit bewusst, über die
sie verfügt, die sie aber in der Flursituation noch nicht nutzen konnte. Indem sie mit
der 4Jährigen durch die Situation geht, imaginiert sie eine andere Vergangenheit, erlebt
eine andere Situation inbezug auf dunkler Flur. Dunkler Flur ist
jetzt nicht nur mit Panik, sondern mit einem Gefühl von Beruhigt- und Getröstetwerden,
Gehalten verbunden. Das bedeutet, es gibt jetzt auch eine innere Repräsentation von einer
Marita, die das Erleben eines dunklen Flurs aushalten kann.
Stern stellt in seinem Buch Die
Mutterschaftskonstellation den therapeutischen Ansatz der Gruppe um Liebermann/Pawl
aus San Fransisco dar, die mit Mutter-Kind-Therapien arbeiten. Diese Gruppe hat in den
Mittelpunkt ihrer therapeutischen Arbeit die Arbeit an den Repräsentanzen der Eltern
gestellt. Die Gruppe geht davon aus, dass die Mutter, die bei ihnen Hilfe sucht, zumeist
ein negatives Bild von sich als Mutter hat. Als vorrangig sehen diese Therapeuten es
deshalb an, die Mutter auf ihre Stärken und Fähigkeiten hinzuweisen, auf das, was
gelingt. Dadurch werden diese Fähigkeiten bestärkt und ausgeweitet, was zu einer besseren, erfolgreicheren Interaktion
mit dem Baby führt, wodurch die Mutter von sich als Mutter ein anderes Bild bekommt(Stern
98, S. 151; 155)[6]. Stern führt dazu aus: In
Anwesenheit des Therapeuten wird die Mutter sich selbst als Person anders sehen und
fühlen, als wenn sie mit dem Baby allein ist. Das Potential der Therapie, in der Mutter
alternative(und positivere) Bilder von sich selbst als Mutter zu erzeugen, solche Bilder
zu ermöglichen, zu erlauben und zu fördern, gehört zu den wichtigsten Folgen der
therapeutischen Beziehung... Die aktive Beteiligung der Mutter an der therapeutischen
Beziehung, führt ihr eine Reihe anderer möglicher Mütter vor Augen, die sie selbst
realistischerweise sein oder zu denen sie werden könnte.(Stern 98, S.140)
Ich hoffe, Sie haben schon die Parallelen
zu der Arbeit mit der Patientin entdeckt. Worin besteht nun die korrigierende emotionale
Erfahrung, die die Patientin mit mir in der dargestellten Sitzung machen konnte, welche
unterschiedlichen neuen Bilder von sich selbst und der umgebenden Welt konnte sie
entwickeln?
Im Vorfeld ist zwischen der Patientin und
mir ein gutes Arbeitsbündnis entstanden. Die Patientin kann in meinem Beisein
regredieren, d.h. von mir geht keine Bedrohung für sie aus. Sie erlebt mich als
hilfreich, als eine Therapeutin, die mit ihr gemeinsam die Angst aushält, die durch diese
Angst in keine Panik versetzt wird, d.h. als eine Therapeutin, die angesichts der Angst
gelassen bleiben kann und die die innere Gewissheit hat, dass die Patientin diese
Situation bewältigen kann. In dem Sinne verinnerlicht die Patientin mit der beschriebenen
Situation auch meine Haltung und zwar meine affektive Haltung in dieser Situation.
Stern geht davon aus, dass die Mutter die
Gefühle des Kindes nicht nur spiegelt, sondern auch moduliert. So könnte sie z.B. mit
ihrem Gesichtsausdruck den Affekt des Kindes spiegeln, während sie mit der Stimme, mit
der Tonlage, den Affekt moduliert. Durch die Spiegelung fühlt sich das Baby verstanden,
durch die Modulation wird der Affekt reguliert, so dass das Kind sowohl den Affekt wie
auch seine Regulation verinnerlicht. Mit einer erinnerten und/oder verinnerlichten
Situation sind also nicht nur die Gefühle des Kindes in dieser Situation, sondern
gleichzeitig die Gefühle der Mutter verbunden.
Winnicott fragt in Vom Spiel zur
Kreativität: Was sieht das Kind im Gesicht der Mutter und antwortet
sich selbst (Winnicott 67, S.129; S.134). Sich selbst, gespiegelt durch die
Mutter, d.h. die Mutter kommentiert mit ihrem Gesichtsausdruck die Gefühle des Kindes,
und das Kind verinnerlicht mit einer gegebenen Situation, das eigene Gefühl und die
Kommentierung durch die Mutter.
Wie kann nun die Beziehungsperson, Mutter
oder Vater, Angst verstärken oder regulieren?
Nicht von ungefähr fiel der Patientin die
Situation aus dem Urlaub ein, als sie als 18Jährige das Zimmer neben den Eltern haben
wollte. Sie selber äußerte aus der beobachtenden Distanz ihr Erstaunen, warum die Mutter
eigentlich ihrer Angst nachgegeben hat. Hier könnte man vermuten, dass die Angst der
Patientin auch eine Angst der Mutter ist. Auch die Mutter hat nicht über eine
ausreichende Fähigkeit verfügt, Angst zu regulieren. Bindungsforscher sprechen von einer
Weitergabe von Lebensthemen, aber auch der Formen des Umgangs mit diesen Themen von einer Generation auf die nächste[7]. Sie würden die Mutter als verstrickt und
die Tochter als ambivalent gebunden bezeichnen: Die Angst darf gezeigt werden, das Kind
kann über die Angst die Aufmerksamkeit der Mutter erlangen, aber die Angst kann nicht
reguliert werden. Die Mutter reagiert auf die Angst, ist dadurch irritiert und bleibt in
der aufgenommenen Angst verstrickt. Mal wird die Mutter auf die Angst eingehen, mal wird
sie sie zurückweisen oder ignorieren. Sie zeigt damit, welche Strategien sie im Umgang
mit der eigenen Angst ausbilden konnte. In den erinnerten Szenen spiegelt sich diese
Ambivalenz wider. Die Erinnerung der Patientin oszilliert zwischen im Stich gelassen,
allein gelassen werden und sich an ein
äußeres Objekt anklammern. In beiden Fällen kann/ muss sie die Angst nicht selber aktiv
bewältigen. Einmal ist sie ihr hilflos ausgeliefert, im anderen Fall
reguliert/beschwichtigt ein anderer die Angst durch Anwesenheit. Über die Angst kann eine
Nähe zwischen Mutter und Tochter hergestellt werden, ein Sich- Gleichfühlen. Es gibt
eine gegenseitige Bindung und Beschwichtigung über die Angst. Jede Arbeit an der
Angstbewältigung muss diese Bindung und Loyalität berücksichtigen und sollte neben der
Patientin die Mutter mit im Auge behalten.
Welches ist nun die korrigierende
Erfahrung, die die Patientin in der Therapiesituation machen konnte? Inwieweit kann man
die Erkenntnisse über die frühe Mutter-Kind-Interaktion auf die therapeutische Situation
übertragen?
Studien, die sich mit dem Affektaustausch
in der therapeutischen Situation beschäftigt und dazu Videoaufnahmen ausgewertet haben,
haben die Bedeutung der nonverbalen Kommunikation herausgestrichen. Wir kommunizieren
über Gesichtsausdruck, Tonfall, Körperhaltung, Gestik, vielleicht mehr als uns lieb ist.
Wir verstärken, regulieren, modulieren Affekte. Wir lassen uns anstecken, vielleicht
hochschaukeln, blenden Affekte aus, weichen vor starken Affekten zurück. Wir halten
Affekte aus, immer wieder, containen Affekte, und machen sie dadurch für den Patienten
aushaltbar und regulierbar.
Ich möchte das an der dargestellten
Sequenz beschreiben, soweit mir das beim nochmaligen Durchleben bewusst und zugänglich
ist.
Als mir die Patientin ihre Angst schildert,
habe ich mich ein Stück weit auf ihre Vorstellungsbilder eingelassen, habe sie in mir
hochsteigen lassen. Ich bin kurz in die frühkindliche Angst eingetaucht, habe dann aber
einen Perspektivwechsel vorgenommen und habe mit der Frage, was das Kind gebraucht hätte,
eigene innere Trost- und Beruhigungsbilder in mir hochsteigen lassen, die sich vermutlich
in meiner Stimme, meinem Gesicht, in meiner Haltung ausgedrückt haben. Ich habe nun
wiederum mit meiner Haltung die Patientin angesteckt, die jetzt in sich selber eigene
Trost- und Beruhigungsbilder entstehen lassen kann, die ihr helfen, die Angst zu
regulieren.
Die Patientin macht also in dieser Sitzung
die Erfahrung, dass sie selber ihre Angst regulieren kann, und sie erlebt ein Modell für
eine erfolgreiche Angstbewältigung. Sie macht zudem die Erfahrung, wie hilfreich ein
Perspektivwechsel ist, wie über einen Perspektivwechsel Angst reguliert werden kann, da
er den Zugriff auf altersadäquate Bewältigungsmöglichkeiten erlaubt. Mit der Fähigkeit
zum Perspektivwechsel erhöht sie ihre Flexibilität, Flexibilität wiederum vermindert
Angst.
Die Aufmerksamkeit auf diesen Prozess der
gegenseitigen Affektansteckung und Affektregulierung und seine Reflexion hat meine
therapeutische Arbeit bereichert. Die Unterschiede zur Mutter-Kind-Situation sind jedoch
offensichtlich. Die 19Jährige Patientin ist glücklicherweise - nicht in dem Maße
von mir als Therapeutin abhängig, wie das ein Säugling von der Mutter ist. Sie verfügt
über ein breites Spektrum an Angst- und Lebensbewältigung, das ihr nur nicht immer
zugänglich ist.
Bei der dargestellten Arbeit werden
einschränkende Verbindungen(Flur-Panik) entkoppelt und neue Verbindungen hergestellt,
wobei auf die Ressourcen der Patientin zurückgegriffen werden kann. Ein Handlungsmuster,
das vorwiegend auf impliziten Gedächtnisinhalten beruht, wird bewusst gemacht und durch
die Verknüpfung mit den Ressourcen des Patienten erweitert. Dieses erweiterte Muster wird
nun durch wiederholtes Durchspielen zu einem impliziten und damit weitaus wirkungsvolleren
Gedächtnisteil.
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von
Psychoanalytiker, Neurophysiologen und Neurobiologen[8] hat zu einer Vorstellung der Parallelität
von körperlichen, hirnphysiologischen und seelischen Prozessen in der frühkindlichen
Entwicklung geführt. Alle seelischen Vorgänge so komplex und sozial
vermittelt sie auch sein mögen sind untrennbar mit Hirnprozessen verbunden,
schreibt Roth (Tsp 14.5.00, S. S2) Und Edelmann merkt an: Wir betten den Geist
wieder in die Natur ein(putting the mind back to nature)(Edelmann 1995, S.27).
Angenommen wird, dass durch wiederholt
stattfindende Interaktionen zwischen Säugling und Betreuungsperson psychische
Repräsentanzen entstehen, die wiederum einhergehen mit neuronalen Verschaltungsmuster und
synaptischen Verbindungen. Diese neuronalen Verschaltungen, die unserem Denken, Fühlen,
Handeln, Erinnern zugrunde liegen, sind weitaus plastischer als lange Zeit angenommen.
Besonders in den ersten 2 Lebensjahren entwickeln sie sich in Abhängigkeit von ihrer
Nutzung weiter, werden verstärkt, überformt und umgebaut[9]. Gedächtnis entsteht durch die
Interaktion mit der Umwelt, die eine ständige adaptive Veränderung des Organismus zur
Folge hat(Leuzinger 1998, S.896)[10].
Der Neurobiologe Gerald Hüther beschreibt
diese Vorgänge in seinem m.E. sehr lesenswerten Artikel Die neurobiologische
Verankerung von Erfahrungen und das spätere Verhalten. Ich fasse im folgenden seine
Argumentationslinie zusammen:
Neuartige Anforderungen oder Veränderungen
führen im Organismus zu einer Stressreaktion. Bereits vorhandene Strategien werden
daraufhin untersucht, ob sie zur Lösung der Anforderung beitragen können. Dies bedeutet,
dass sowohl kortikale wie limbische Netzwerke aktiviert und verstärkt Botenstoffe
ausgeschüttet werden. Diese Stresshormone initiieren Prozesse, die als mehr oder weniger
stark angstbesetzter Handlungsbedarf wahrgenommen werden. Lässt sich das Problem durch
die Aktivierung der Verschaltungsmuster lösen, so erlischt die Stress- und Angstreaktion.
Die verstärkte Ausschüttung der Botenstoffe wirkt aber noch längere Zeit nach und
trägt durch die Stimulation der Rezeptoren der Nervenzellen zur Festigung und
Verstärkung der aktivierten Verschaltungen bei. Durch die wiederholte Aktivierung kommt
es zu einer immer effizienteren Bahnung. Das Ergebnis ist eine Verfestigung und zunehmende
neurobiologische Verankerung der Bewältigungsstrategien. Diese neuronalen
Verschaltungsmuster bilden das Substrat der Erwartungshaltungen, Verhaltensweisen und
Reaktionsmöglichkeiten. (Hüther 2000, S.90f)
Die Arbeit mit inneren Bildern ist ein
emotional hochbesetzten Prozess. Er ist deshalb auch für einige Patienten nicht möglich
ist. Für die Patienten, die damit arbeiten können, erlebe ich ihn als sehr wirksam.
Gerade bei einer Angstpatientin kann vermutet werden, dass durch das wiederholte
Durchleben neuer Strategien im therapeutischen Setting diese neuen Strategien vertrauter
werden und dadurch weniger angstbesetzt. Viele unserer Strategien erwerben wir in den
ersten Interaktionen mit wichtigen Anderen. Mit den Strategien erwerben wir Bewertungen,
welche Strategie uns erfolgreich, welche uns weniger erfolgreich erscheint. Diese
Bewertungen können auf die frühkindliche Erlebniswelt fixiert bleiben, halten mit der
weiteren Entwicklung nicht Schritt. Die Bewertungen entwickeln sich zu Überzeugungen, Haltungen, sie gehören mit zu der
Identität des Menschen. Werden neue Strategien im Sicherheit bietenden therapeutischen
Rahmen ausprobiert und da wo sie als erfolgreich erlebt werden, mit Variationen
wiederholt, stehen sie in Stresssituationen besser zur Verfügung. Dies wiederum hat
Auswirkungen auf das Selbstbild des Patienten, seine Vorstellungen, seine Phantasien.
Die Arbeit mit inneren Bildern spricht alle
Sinneskanäle an und lässt komplexe Situationen innerlich entstehen, die sowohl verbale
wie auch nonverbale Aspekte beinhalten. Ein großer Teil dieser Arbeit läuft auf einer
vorbewussten und unbewussten Ebene ab und wirkt sich dadurch auf das implizite und das
explizite Gedächtnis aus, aktiviert das kortikale wie das limbische System. Durch diese
Arbeit können Situationen anders bewertet werden, die Angst in der Situation selber
bewältigt und die damit einhergehenden Körpersensationen reguliert werden, was zu einem
gesteigerten Kompetenzgefühl und zu mehr Selbstvertrauen führt[11].
Verena Kast spricht von Imagination als dem
Raum der Freiheit, der ähnlich wie die Träume zu einem Dialog zwischen Ich und
Unbewusstem führen kann(Kast 1995, S.11ff).
Je intensiver sich Patient und Therapeut
auf die inneren Bilder einlassen können, desto näher sind sie am emotionalen Erleben und
desto bedeutsamer werden sie. von ihnen kann eine schöpferische Kraft ausgehen, die neue
Energien entstehen lässt, ein Prozess, der sich sehr fruchtbar auf die therapeutische
Interaktion auswirken kann.
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