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des DPI 25|11|99 |
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Fachtexte zur
Entwicklung von
Psychotherapie in Theorie und Praxis
Fragen zur Wirksamkeit
von Psychoanalyse
als psychotherapeutischem Verfahren
Dr. Erwin Kaiser
Vorbemerkung
Die folgende Zusammenfassung zur Effektivität von
Therapieverfahren ist für Kollegen gedacht, die sich argumentativ mit den gängigen
Stereotypen von der Überlegenheit der Verhaltenstherapie bzw. der mangelnden
Effektivität von psychoanalytischen Langzeittherapien auseinandersetzen. Ich möchte
betonen, daß es sich im Folgenden lediglich um eine Zusammenstellung von immanter Kritik
handelt, die belegt, daß die Thesen des Herrn aus Bern wissenschaftlich unseriös sind.
Der aktuelle Diskussionsstand hierzu ist am besten in dem Sammelband von Fäh &
Fischer (1998) nachzulesen.
Meine Einschätzung der wissenschaftlichen und
berufspolitischen Lage geht dahin, daß Psychoanalytiker bezüglich ihrer Effektivität
als psychotherapeutischem Verfahren inzwischen "nachgerüstet" haben und mit
großem Erfolg - siehe die DPV-Katamnesen-Studie - dabei sind, positiv die Wirksamkeit von
Psychoanalyse nachzuweisen.
Was derzeit fehlt, ist die argumentative Basis, um sich mit
der zweiten Berner These auseinanderzusetzen, daß nämlich effektive Psychotherapie nur integrativ
sein kann, d.h. unter Anwendung aller "empirisch" nachgewiesener
Wirkfaktoren von Psychotherapie. Dieses "pharmakologische Modell" von
Psychotherapie hat eine hohe Plausibilität für den gesunden Menschenverstand von Kassen-
und sonstigen Politikern und entspricht darüberhinaus dem Selbstverständnis der
größten Gruppe von Psychotherapeuten, die sich selbst als Eklektiker definieren.
Grawe behauptet, die kognitiv-behavioralen
Verfahren (Verhaltenstherapie) seien die wirksamsten Psychotherapien .
- Ein Hochschullehrer für mathematische Statistik hat
gezeigt, daß die statistischen Verfahren, die Grawe angewandt hat, um zu dieser
Schlußfolgerung zu kommen, unangemessen sind: "Grawe bleibt den statistischen
Nachweis seiner Ergebnisse und Schlußfolgerungen schuldig."
- Grawe u.a. (1994) haben "Güte-Kriterien von
Wirksamkeitsstudien" untersucht und setzen diese stillschweigend mit
"Wirksamkeit eines Therapieverfahrens" gleich.
- Grawe berücksichtigt nur Studien mit Labor-Design, wie sie
in der Verhaltenstherapie üblich sind, und schließt naturalistische Studien, wie sie
überwiegend von Psychoanalytikern durchgeführt werden, aus seiner Übersicht aus. In
Laborstudien wird symptombezogen gemessen und dadurch werden symptombezogene Therapien wie
die VT bevorzugt.
- Die Untersuchungen, die Grawes Schlußfolgerungen zu Grunde
liegen, bilden nicht die Versorgungs-Realität ab. Wenn nur die Versorgungs-relevanten
Untersuchungen berücksichtigt werden, schneidet die Verhaltenstherapie deutlich
schlechter ab als Gesprächstherapie und analytische Psychotherapie.
- Was die "klinische Relevanz" angeht, liegen psa.
Studien klar vor Gesprächs- und verhaltenstherapeutischen.
- An einzelnen Studien ist nachgewiesen worden, daß Grawes
Interpretationen von Vergleichen zwischen Verhaltenstherapie und psychodynamischen
Kurztherapien - extrem vorsichtig ausgedrückt! - "fragwürdig" sind und
systematisch die VT bevorzugen.
- Eine Gruppe von namhaften Psychotherapieforschern faßt ihr
Urteil über Grawes Behauptungen in dem Titel ihres Buches: Zwischen Konfusion und
Makulatur zusammen, an anderer Stelle ist von "fahrlässiger
Umgangsweise mit z.T. völlig unzureichenden Vergleichsstudien" bzw. "enormen
Interpretationsverrenkungen" die Rede.
Grawe
behauptet, die Effektivität von Therapieverfahren könne ausschließlich mit Hilfe
Kontrollgruppen-Untersuchungen nachgewiesen werden.
- Grawe erklärt das Kontrollgruppen-Design zum non-plus-ultra
der Therapieforschung und schließt von vorneherein naturalistische Studien aus. Diese
Auswahl ist willkürlich und begünstigt einseitig die Verhaltenstherapie.
- In der Psychotherapieforschung gilt das
Kontrollgruppen-Design als überholt, seit deutlich geworden ist, daß damit nur eine
Labor-Wirklichkeit, nicht aber die Versorgungs-Relität erfaßt wird.
- Martin Seligmann, einer der renomiertesten
Psychotherapieforscher in den USA, hat seine Studie im Consumer Report zur
Wirksamkeit von Psychotherapie mit einer deutlichen Kritik am experimentellen Design der
bisher üblichen Studien verbunden. Seligmann (1995) hat eine riesige
"Verbraucherbefragung" zur Psychotherapie durchgeführt und hält die Ergebnisse
seiner Studie für aussagekräftiger als alle Laborstudien nach dem experimentellen
Paradigma: "The efficacy study [i.S.v. Laborstudie] is the wrong method for
empirically validating psychotherapy as it is actually done, because it omits too many
crucial elements of what is done in the field." [Hervorhebung vom Autor]
Grawes
erweckt den Eindruck, seine Schlußfolgerungen seien besonders wissenschaftlich, weil sie
auf mehreren tausend Studien basieren, die er mit Hilfe der Metaanalyse aufbereitet hat.
- Grawe selbst schreibt in einer früheren Veröffentlichung,
daß die Metaanalyse Artefakte produziert, die einseitig die Verhaltenstherapie
begünstigen.
- In Grawes Metaanalyse werden unter "Psychoanalyse"
Studien subsumiert, in den psa. Kurztherapie von 5-6 Wochen bei Störungsbildern angewandt
wurde, die in der Versorgungs-Praxis niemals psychoanalytisch behandelt würden:
Alkoholabhängigkeit, chronische Schizophrenie, Zwölffingerdarmgeschwür, psychiatrische
Patienten, Herzinfarkt, usf..
- Obwohl Grawe jede einzelne Studie nach wissenschaftlichen
Güte-Kriterien untersucht hat, schließt er solche, die nach diesen Güte-Kriterien
völlig unzulänglich sind, aus seiner Metaanalyse nicht aus.
Grawe behauptet, daß 40 Stunden Psychotherapie ausreichen.
- Diese Aussage beruht auf einem methodischen Denkfehler:
Grawe verwechselt den Gruppendurchschnitt mit der individuellen Besserung (Rüger 1998, S.
78ff
- Darüberhinaus handelt es sich bei der Stichprobe, die er
seiner Behauptung zu Grunde legt, um Patienten, für die eine Indikation für eine
psychodynamische Psychotherapie - also eine Kurzzeittherapie gestellt wurde. Das
entsprechende Ergebnis besagt nichts weiter, als daß die Indikationen richtig waren,
d.h., daß innerhalb von 40-50 Sitzungen Besserungen eintraten.
- In einer Übersicht über die Literatur in der "Bibel
der Psychotherapieforschung", dem Handbook of Psychotherapy and Beahvior Change werden
156 Studien zu dieser Frage berichtet; davon deuten 100 auf eine Überlegenheit von
längeren Therapien, in 50 Studien fand sich keinen Unterschied, nur in 6 wird ein
negatives Ergebnis berichtet.
- Moderne Studien an klinischen Gruppen zeigen, daß kurze
Therapien in bestimmten Fällen nicht effektiv sind. Die Autoren einer intensiven Studie
über depressive Patienten kommen ausdrücklich zu dem Schluß, daß bei schweren
Depressionen kurze Therapien nicht ausreichen.
- Zwei neuere Studien zur stationären psa.
Langzeitgruppenpsychotherapie haben Effektstärken ergeben, die die bei Grawe angegebenen
Durchschnittswerte für behavioral/kognitive Therapien weit übertreffen.
- Patientenbefragungen ergeben ein ganz anderes Bild: Je
länger die Therapie dauert, desto größer wird der Erfolg der Behandlung eingeschätzt.
"Mit Psychoanalyse werden nur Patienten behandelt, die
so gesund sind, daß sie eigentlich keine Psychotherapie bräuchten."
- Der BDP hat eine Untersuchung veröffentlicht, in der die
Wirksamkeit von Kurztherapie-Verfahren demonstriert werden sollte, wie sie im Rahmen der
Erstattungsregelung zwischen der Techniker-Krankenkasse und dem BDP angwandt wurden.
- Eine Re-Analyse dieser Daten zeigt erstens, daß mit
diesen Kurztherapie-Verfahren Patienten behandelt worden sind, die gesünder waren als der
Durchschnitt der Versicherten der Techniker Krankenkasse und zweitens, daß
Psychoanalytiker im Vergleich zu Gesprächs-, Gestalt- und Verhaltenstherapeuten die
kränksten Patienten behandeln.
Grawe behauptet, Langzeitpsychoanalyse sei
empirisch nicht erforscht.
- Es gibt viele naturalistische Studien über die Wirksamkeit
von Langzeitpsychoanalysen. Die Ergebnisse von verschiedenen Studien in den USA faßt
Bachrach (1997) so zusammen: "Für eine Psychoanalyse geeignete Patienten ziehen
beträchtlichen therapeutischen Gewinn aus einer Psychoanalyse."
- In Deutschland gibt es das Heidelberger Katamnesenprojekt
(Bräutigam u.a. 1990), die Berliner Therapie-Studie (Rudolph u.a. 1991), die Untersuchung
von Breyer u.a. (1996), die Münchner Psychotherapie Studie (Huber u.a. 1997), die
Jungianische Studie von Keller u.a. (1997).
- Sandell (1997) fand eine deutliche Überlegenheit von
hochfrequenten Langzeitbehandlungen über niedrigfrequentere. Die Effekte stiegen nach
Abschluß der Behandlung weiter an.
- Keller u.a. (1997) und Breyer u.a. (1996) zeigen an
gesundheitsökonomischen Daten, daß Langzeitbehandlungen effektiv sind.
- Die Consumer Report Studie hat im Rahmen einer
großen Befragung von ehemaligen Psychotherapie-Patienten ergeben, daß Patienten nach
langen Therapien mit den Ergebnissen klar zufriedener waren als nach kurzen Behandlungen.
- Aktuell sind in Deutschland zwei große Untersuchungen im
Gang: Die DGPT-Studie (Grande u.a. 1997) und die DPV-Studie (Projektgruppe
"Katamnesenstudie" 1997).
- International laufen mehrere Studien: Beenen (1997), Varvin
(1997), Fonagy & Target (1997)
Grawe erweckt den Eindruck, Psychoanalytiker seien
nicht an empirischer Forschung interessiert.
- Siehe oben die von Psychoanalytikern durchgeführten oder
geplanten Studien.
- In der Internationalen der Psychotherapieforschung, der Society
for Psychotherapy Research, arbeiten viele Psychoanalytiker an vorderster Front und
liefern wichtige Beiträge.
Psychoanalyse ist wirksamer als
niederfrequente und kürzere Behandlungen.
- so das Ergebnis der Katamnese-Studie von Sandell. Was
die Veränderung der Symptomatik angeht, so schneidet Psychoanalyse deutlich besser ab als
niederfrequente Psychotherapie und weitaus besser als kurze Therapien.
- Die endgültige Effektstärke von Langzeit-Psychoanalyse
nach einem 3-Jahres-Zeitraum ist außerordentlich hoch, wenn man sie mit den in der
Literatur berichteten Effektstärken vergleicht.
Literatur
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Psychoanalysen im Rückblick. Methoden, Ergebnisse und Perspektiven der neueren
Katamnesenforschung, (S. 285-319). Gießen: Psychosozial Verlag.
- Beenen, V. (1997). Die Amsterdamer PEP-Studie. In
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und Perspektiven der neueren Katamnesenforschung, (S. 336-347). Gießen: Psychosozial
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unbezahlbar? In Leuzinger-Bohleber & Stuhr (Hrsg.), Psychoanalysen im Rückblick.
Methoden, Ergebnisse und Perspektiven der neueren Katamnesenforschung, (S. 320-335).
Gießen: Psychosozial Verlag.
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Psychotherapieforschung. Eine kritische Auseinandersetzung mit Aussagen und
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Stuhr (Hrsg.), Psychoanalysen im Rückblick. Methoden, Ergebnisse und Perspektiven der
neueren Katamnesenforschung, (S. 407-414). Gießen: Psychosozial Verlag.
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