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Aussichtslose Fälle
- Die wirksame Behandlung von Psychotherapie-Veteranen
DUNCAN, Barry L; HUBBLE, Mark A; MILLER, Scott D.
Stuttgart (Klett-Cotta) 1998
Die therapeutische Begegnung
- Verinnerlichung von Ich und Du
BERNHARD_HEGGELIN, Alice
Göttingen (Vandenhoeck&Ruprecht) 1999
Rezensiert von Karl Weisensee
Zufälligerweise gleichzeitig gekauft,
ergänzen sich diese beiden Bücher meiner Meinung nach perfekt:
Bernhard- Heggelin ist eine
Psychologin und Psychotherapeutin mit tiefenpsychologischem und analytischem Hintergrund
stark beeinflußt von Gaetano Benedetti. Die
Arbeitsgruppe um Duncan kommt mehr aus dem Umfeld der Familien-/Systemischer Therapie,
Eheberatung und Kurztherapien. Beide Autoren bzw. Autorengruppen sind erfahrene
Psychotherapeuten auch in Kurztherapien - eine europäische und eine amerikanische Stimme.
In den jeweiligen Büchern schimmern natürlich auch die unterschiedlichen
Versorgungsstrukturen in der Schweiz und in den USA durch. Womit beschäftigen sich nun
diese psychotherapeutischen Veteranen? Duncan et al. schildert die Arbeit und Entwicklung
einer Arbeitsgruppe, die sich mit gefürchteten, mit chancenlosen, ja aussichtslosen
Patienten beschäftigt und stellt ihre Erfahrungen mit dieser besonderen Patientengruppe
in Breite und zeitweise sehr redundant vor. Bernhard-Heggelin äußert sich an Hand vieler
Fallbeispiele, mit denen sie ihre Thesen illustriert, zum Thema therapeutische Begegnung.
Gemeinsam ist beiden, dass sie abheben auf die Grundlagen jedweder Psychotherapie und die spezifische Therapiemethoden und
therapeutische Traditionen, aus denen sie jeweils stammen, ausdrücklich in den
Hintergrund stellen. Gleichzeitig wird in beiden Büchern deutlich, dass sie untrennbar in
ihren Traditionen verwurzelt sind.
Beide Stimmen erscheinen mir wichtig in dem
schulenübergreifenden Disput, der vielleicht einmal zu einer wirklichen integrativen
Psychotherapie führen mag. Es sind auch Beispiele, dass Integration nicht bedeuten muss,
sich von seiner methodischen Heimat zu lösen. Duncan und seine Arbeitsgruppe führt
empirische Argumente ins Feld: Sie weisen auf alt bekannte Ergebnisse der
Psychotherapieforschung hin, die eigentlich sehr klar aussagen, dass Klientenfaktoren und
Beziehungsfaktoren ca. 70 % des Erfolgs einer Therapie erklären, Technik oder
Modellfaktoren aber nur ca. 15%. An Hand dreier Fallgeschichten ihrer Arbeitsgruppe -
Dissoziative Identitätsstörung, Wahnhafte Störung und Borderline
Persönlichkeitsstörung - schildern sie ihren Ansatz, die bekannten Heilfaktoren in der
Therapie zu maximieren. Ihre Grundthese ist: Der Behandlungserfolg ist auch in
solchen Fällen möglich, wenn sich die Therapie auf das Bezugssystem des Klienten
ausrichtet und die Änderungstheorie des Klienten respektiert."(S.10). Wie sie diese
These konsequent in ihren Behandlungen von Therapie Veteranen umsetzen, beschreiben sie an
Hand der drei Beispieltherapien mit streckenweisen wörtlichen Therapieausschnitten, die
sie dann jeweils kommentieren und in ihrem Bezug auf ihr Vorgehen auswerten.
Streckenweise ist ihre
Monographie sehr langatmig und die Autoren wiederholen ihre Thesen mit nur kleinen Nuancen
- insoweit wirkt ihr 259 Seiten dickes Buch sehr aufgebläht und redundant. Dies nimmt
aber nichts von der Bedeutung ihrer Thesen und
Strategien weg, die im übrigen nicht nur für Veteranen wichtig sind, sondern eigentlich
selbstverständliche Grundlage jeder Psychotherapie sein sollten. Ja - ich vermute, dass
diese Wiederholung' gerade darin begründet liegt, dass die Autoren eindringlich auf die
Grundlagen jeder Psychotherapie hinweisen wollen und alles
versuchen, ihre Ansichten zu vermitteln. Dies macht ihr Buch leicht und schnell lesbar.
Die Thesen von Bernhard-Heggelin sind da etwas komplexer: Eigentlich beschreibt sie eine
anthropologische und existentielle Tiefendimension von Psychotherapie. Therapie ist für
sie zu allererst Begegnung. Die Therapeutin ermöglicht im Rahmen der Therapie zunächst
eine Begegnung mit einem in der bisherigen Lebensgeschichte des Patienten fehlenden Du,
der Patient gewinnt aus dieser Begegnung die Fähigkeit, zunächst dieses Du in sich
hineinzunehmen und schließlich sich selbst zu begegnen. Ihre tiefenpsychologische
Begrifflichkeit entwickelt sie weiter an Hand von Fallvignetten, literarische Beispiele
wie Novalis und Wolfgang Borcher illustrieren ihre Thesen. Sie bezieht die klassischen
Autoren analytischer Säuglings- und Entwicklungsforschung genauso mit ein, wie sie zentrale Konzepte der Tiefenpsychologie wie Übertragung und
Gegenübertragung aufhebt in ihrem Konzept der Begegnung. In der Kombination mit ihren
Fallvignetten ergibt sich ein spannendes Buch, das auf eine ganz andere Art Grundlagen von
Psychotherapie deutlich macht. Ich lass es immer wieder mit dem Gefühl: Das hast du doch
auch schon so gedacht - jetzt schreibt es endlich mal jemand. Mit Recht schreibt Gaetano
Benedetti im Vorwort: ...habe ich kaum so bewegende Seiten zu diesem Thema
gelesen..."(S.7.).
Für nicht tiefenpsychologisch orientierte
Therapeuten setzt eine solche anrührende Lektüre natürlich voraus, dass man sich nicht
an der tiefenpsychologischen Begrifflichkeit stösst. Diese beiden Stimmen gleichzeitig
gelesen lassen eine Ahnung aufkommen, wie eine integrative Psychotherapie aussehen könnte
- und das einer solchen Therapie die Zukunft gehört. Und zwar nicht so sehr, weil die
jeweiligen Gesellschaften dies aus Kostengründen von uns Therapeuten einfordern, sondern
weil eine solche erahnbare integrative Psychotherapie einfach besser ist, nicht nur
effektiver. Viel Spass beim Lesen.
Karl
Weisensee
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