E-Journal des DPI  25|11|99

Fachtexte zur Entwicklung von
Psychotherapie in Theorie und Praxis

Jahrgang 1, 2000


 

Die Psychoanalyse der Zukunft der Psychoanalyse

Michael B. Buchholz

 

Der Befund: Fehlentwicklung, Krise, Chaos?

    Die Geschichte der Psychoanalyse ist immer von besorgten Blicken um  ihre Zukunft begleitet gewesen. Von Zeit zu Zeit erscheinen Bücher mit den entsprechenden Titeln, 1975 hieß der Band mit Beiträgen von Kohut "Die Zukunft der Psychoanalyse" und dieser Titel wird 20 Jahre später in einem Band von Cremerius wiederholt. Ihre Zukunft hat durchaus Geschichte. Zukunftssorgen begleiten obstinat ihre Entwicklung.

    Besorgt warnten schon Ferenczi und Rank 1924 (S. 39) vor "Fehlentwicklungen" und diese Diagnose steigert sich dann. Edelson (1989) sieht eine tiefgreifende Krise und, schlimmer noch, Robert Holt (1992) und neuerdings Thomä (1999) sehen gar ein theoretisches Chaos. Die Frage ist dann, kann man einen Blickwinkel finden, von dem aus das Chaos als Kosmos erscheint?

    Die diagnostischen Befunde zum Zustand der Psychoanalyse sind verpufft. Nach vielen kritischen Analysen zu psychoanalytischen Institutionen, zur Dogmatik der Lehranalysen, der Verstaubtheit der Lehre und der Trockenheit der Ausbildungsseminare, so stellte erstaunt Erdheim in einem Vortrag fest, operieren diese nach wie vor - im wesentlichen unverändert. Kernberg (1996) veröffentlichte eine ironische Liste, was man alles tun könne, um den Nachwuchs von der Ausbildung abzuschrecken - und beschrieb in 30 Punkten den status quo vieler Institute; das ist bitter. Viele Rufe zur Vereinheitlichung, zur Darstellung eines "common grounds" sind verhallt. Stimmt also irgendwas mit der Psychoanalyse selbst nicht oder haben sich die Umstände so verändert/verschlechtert, daß die Psychoanalyse nicht mehr in die Welt paßt? Marcuse hatte ihr Veralten diagnostiziert und man muß sich sorgen: Stirbt sie gar? Immerhin wird sie über 100 Jahre alt, aber ihre Identität hat sie immer noch nicht gefunden - oder wieder verloren, aber wo im Laufe ihrer "Bewegung"? Sind es die Kinder der alten Dame, die ihr die Krankheiten "Institutionalisierung", "Medizinalisierung" und "Verrechtlichung" an den Hals gehext haben? Andere behaupten, die Psychoanalyse habe kritische Kraft noch nicht verloren, während die nächsten meinen, auch als Gesellschafts- und Kulturkritik sei sie kraft- und zahnlos geworden.

Die Behandlung

    Ich sehe vier verschiedene Strategien, mit denen man auf die gegenwärtige Lage zu reagieren versucht. Ich will sie auflisten und meine Stellungnahmen dazu abgeben:

1. "Zurück zu Freud"

    Die erste Strategie folgt dem Ruf "Zurück zu Freud". Sie wird von sehr unterschiedlichen Autoren vertreten. Ihre Beiträge sind ungewöhnlich geistvoll, sie heben auf Freuds Genialität ab, auf seine unwidersprochen einmalige Leistung der Schaffung einer neuen Wissenschaft. Ihre Beiträge dokumentieren ein profundes Wissen um die Qualen ihres Schöpfers und um die Besonderheiten der Entstehung einer Wissenschaft, die sich mit dem Unsichtbaren und den menschlichen Tiefen beschäftigt. Die Strategie des "Zurück zu Freud" will identitätsstiftende Effekte in der Gegenwart bewirken. Hier setzt die Kritik an. Denn man kann sich - leider - nicht mehr in allen Fragen auf Freud berufen. Freud hatte Minimal- und Maximaldefinitionen der Psychoanalyse gegeben. Nach einer dieser Definitionen ist Psychoanalytiker, wer Übertragung und Widerstand anerkennt, nach einer anderern gehört die Anerkennung des Unbewußten und des Ödipus-Komplexes dazu. Wir sind jedoch weit davon entfernt, einig definieren zu können, was Übertragung ist; es gibt enge und weite Definitionen und Auffassungen, wonach die Übertragung ein Echo der Gegenübertragunga ist . Und die Rede von der Gegenübertragung verdunkelt oft mehr als sie erhellt.

    Wir haben es heute mit Krankheitsbildern zu tun, von denen wir eine andere als eine nur ödipale Ätiologie annehmen müssen und wir streiten uns heftig über männliche und weibliche Varianten des Ödipus. Und anderes kommt hinzu. So ist es z.B. fraglich, ob wir Freuds Auffassung von der Wissenschaft als einer weltanschauungsfreien Weltanschauung, ob wir seine Ansichten über die Säuglingsentwicklung, inwieweit wir die Annahme des tierischen Erbes des Menschen noch teilen können, ob die Metapsychologie eine Hexe ist, die verbrannt werden muß; Kurz - die Strategen des "Zurück zu Freud" liefern wertvolle und teils tragische Einsichten über die Entstehung der Psychoanalyse, aber ob sie die gegenwärtige Situation bewältigen helfen können, ist fraglich. Wer zurück will, riskiert die Schaffung eines Ursprungsmythos und trägt möglicherweise zum sektenartigen Charakter psychoanalytischer Institutionen mehr bei, als einem lieb sein kann. Wenn eine Wissenschaft sich allzusehr an ihren Gründer bindet, behindert sie in schwer einzuschätzender, aber wirkungsvoller Weise ihre eigene Weiterentwicklung und institutionalisiert Glaubenssysteme mit allen fatalen Folgen, wie z.B. die Geschichte der Häresien und Dissidenzen. Adolf-Ernst Meyer war hier ganz radikal; er forderte die Befreiung von der "Altlast Freud" - eine Forderung, der ich mich in dieser Radikalität nicht anschließen mag. Ich stelle im Gegenteil manchmal mit Befremden fest, daß man Weiterbildungsgänge an psychoanalytischen Instituten durchlaufen kann, ohne Freud im Original gelesen zu haben. Dabei läßt man sich nicht nur die Schönheit seiner Prosa entgehen, sondern spart sich auch das Staunen über die Fülle an Beobachtungen, die er sorgfältig zusammengetragen hat. Aber entwickelte Wissenschaften zeichnen sich dadurch aus, daß die Zitierungen ihrer Gründerfiguren ab- und nicht zunehmen und so könnte diese Strategie selbst ein Beitrag zur gegenwärtigen Lage sein, nicht ihre Heilung.

2. "Mehr Wissenschaft"

Eine zweite Strategie fordert Innovation durch mehr Wissenschaft. Grawe et al. (1994) haben deutlich gemacht, daß sie den Zustand der Psychotherapie insgesamt als von konfessionellen, sprich: religiösen Überzeugungen bestimmt sehen und sie bringen dagegen in höchst traditioneller Manier das Geschütz der wissenschaftlichen Aufklärung, die sich immer schon antireligiös gebärdet hat, in Stellung. In der Tat: viele fachliche Fragen werden unentschieden mitgeschleppt. Hier sind moderne Methoden der wissenschaftlichen Entscheidbarkeit gefordert - aber welche? Die Detailprobleme sind außerordentlich vertrackt. Ich nenne wenige Beispiele. Wir wissen,

  • immer weniger, worin sich "stützende Psychotherapie" von "Psychoanalyse" unterscheidet (Wallerstein 1990)
  • daß formale Diagnosen (wie z.B. im ICD oder DSM) und Behandlung wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben (Helmchen 1991);
  • daß Prognosen über zu erwartende Behandlungsverläufe, die sich allein auf Patientenmerkmale stützen, lediglich 8-9% der Varianz des Outcome erklären (Kächele und Fiedler 1985; Bachrach et al. 1991);
  • daß die sog. Messungen, die von ratern vorgenommen werden, in Wirklichkeit Schätzungen sind, daß der Ausdruck "Messung" also Rhetorik ist, die die Ansprüche des Wissenschaftsbetriebs befriedigen soll; unter der Hand verwandelt diese Rhetorik psychoanalytische Qualität in eine fiktiv meßbare Effizienz und untersucht sie mit den gleichen Methoden, wie man das Training in einem Sportverein im Hinblick auf das Gewinnen von Medaillen untersuchen könnte.
  • aus einer empirischen Untersuchung von Raue et al. (1995), daß die theoretische Orientierung von ratern, ob sie also psychodynamisch oder behavioral ausgerichtet sind, erheblichen Einfluß auf das nimmt, was sie selbst mit gut operationalisierten Instrumenten beobachten - abhängig von ihrer Grundorientierung wird dasselbe Transkriptmaterial völlig unterschiedlich beurteilt! Wie könnte es auch anders sein, wo wir seit Jahren wissen, daß es keine theoriefreien Beobachtungen geben kannb. Das ist nun sogar empirisch dokumentiert - die Diskussion der methodologischen Folgen steht noch aus.

    Grawe (1995) selbst entwickelte seine "Allgemeine Psychotherapie", indem er vier Therapeuten-Variablen als empirisch gut gesichert annimmt (Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung, aktive Hilfe zur Problembewältigung und die Klärungsperspektive). Nachdem er diesen gemeinsamen Nenner dargestellt hat, regt er den Praktiker an, sich zu fragen:

"Beruhen die Probleme des Patienten auf fehlendem Bewußtsein für etwas und/oder auf einer ungeklärten oder konflikthaften Motivkonstellation und/oder auf einem Nicht-anders-können?" (Grawe 1995, S. 140)

    Mögliche Problemquellen sollen so diagnostiziert werden. Eine solche Diagnostik liefert in Anwendung empirischer Befunde jedoch nichts anderes als eine ziemlich einfache Psychologie. So fragen sich manche Pädagogen, ob der Schüler nicht genügend Voraussetzungen mitbringt ("fehlendes Bewußtsein für etwas"), zu faul ist ("konflikthafte Motivkonstellation") oder zu dumm ("Nicht-anders-können"). Der aufwendig zusammengebraute Extrakt aus der Forschung wiederholt nur – die naive Alltagspsychologie.  Darüber ist Grawesruh eingekehrt.

    Die Kluft zwischen Wissenschaft und Profession kann nicht durch verschärfte Anwendung eines physikalistischen Wissenschaftsmodells überbrückt werden - auch empirische Psychotherapieforscher (Blatt 1995, Henry 1998) sehen mittlerweile sogar verhängnisvolle Folgen. Der Konsens, Forschung in der Psychotherapie habe sich ausschließlich an Gruppendesigns und biostatistischen Kriterien auszurichten, ist durchbrochen (Waldvogel 1997). Es darf und es muß wieder darüber diskutiert werden, welche Wissenschaft zur Erkundung psychotherapeutischer und insbesondere psychoanalytischer Prozesse angemessen ist – und welche bezahlt werden soll.
 

 3. "Klinische Falldiskussionen"

Eine dritte Strategie will Klärung der Probleme durch Zugriff auf die im engeren Sinne psychoanalytische Empirie, den Fall. Falldarstellungen sind beliebt und man muß den Mut derjenigen, die Fälle präsentieren, ohne jeden Einwand bewundern. Reaktionen sind prognostizierbar: Jemand wird aufstehen und vertreten, es habe sich nicht um Psychoanalyse, sondern "nur" um Psychotherapie gehandelt; andere verteidigen die Präsentation, während Dritte sich nicht im Sitz halten können vor Mitteilungsdrang, wie das Material anders, sprich: besser zu verstehen sei. Zur Internationale der Besserwessis gehöre ich natürlich auch oft dazu.

    Jeder kennt Debatten unter Psychoanalytikern, in denen einer seine Position mit der Behauptung untermauert, er habe kürzlich einen Patienten gehabt, bei dem es sich genau so verhalte, wie es die gerade von ihm vertretene Theorie fordere. Ein anderer reagiert mit einem Gegenbeispiel und die Frage wird nicht entschieden. Streeck (1994) hat vier renommierten Psychoanalytikern der beiden deutschen Gesellschaften das Transkript einer einzigen psychoanalytischen Sitzung vorgelegt mit der Bitte, zu interpetieren, was ihrer Meinung nach in dieser Stunde geschehen sei. Natürlich gab es vier völlig verschiedene Meinungen. Die Interpretationen der vier Analytiker wurden aufgezeichnet und in einer zweiten Untersuchungsrunde wiederum den drei je anderen zur Stellungnahme vorgelegt. Man bestätigte sich gegenseitig "blinde Flecken" oder vermutete beim je anderen gar unanalysierte Restneurosen. Kurz, diese Strategie stimmt nicht gerade optimistisch, jedenfalls solange nicht, als Einheitlichkeit der Auffassungen als höchster Wert im wissenschaftlichen Kontext angesehen werden muß. Dann kann man nur babylonische Sprachverwirrungen diagnostizieren und muß verzweifeln.

    Buchholz und Reiter (1996) haben klinische Falldarstellungen in psychoanalytischen und familiendynamischen Fachzeitschriften über je 5 Jahrgänge untersucht. Die weitaus häufigste Form der Fallgeschichte ist der 5-Zeiler, also die Form mit minimalem Informationsgehalt; lange Fallgeschichten oder gar Transkripte sind in beiden Schulen sehr selten. Wir sprechen von der "Sonatenform der Fallgeschichte": Einer langen theoretischen Exposition folgt eine knappe Durchführung am Fall, der wiederum eine Reprise des theoretischen Themas folgt. Spence (1993) hat gefordert, das klinische Material so umfangreich zu präsentieren, daß andere theoretische Schlüsse als die des Autors aus dem Material überhaupt gezogen werden können. Dieser Vorschlag schätzt die professionell-praktische Erfahrung, daß es viele Methoden gibt, wie der Kuchen angeschnitten werden kann.

    Auch der damalige Herausgeber des "Intern. Journal", David Tuckett (1993) meint, ausführliche Falldarstellungen seien so selten, weil der Drang zur theoretischen Einheit eine soziale Funktion für den Zusammenhalt der psychoanalytic community hätte. Sie könnte bei theoretischem Dissens auseinanderbrechen, die Angst davor ist groß. Falldarstellungen sind demnach nicht nur mit inhaltlichen Problemen belastet, sondern zusätzlich von einer sozialen Integrationsaufgabe. Daß dies freilich auch bei den familiendynamischen Schulen zu beobachten ist, läßt vermuten, daß es sich nicht um eine psychoanalytische, sondern um eine Besonderheit der professionellen Kommunikation handelt, die schulenunabhängig ist. Tatsächlich, professionelle Praktiker kommunizieren in vielerlei Sprachen und es gibt Schilderungen wie die von John Klauber (1977), die zutiefst erleichtert feststellen, daß sie es 10 Jahre nach ihrer Ausbildung geschafft haben, sich von der theoretischen Über-Ich-Last zu befreien. Es könnte also sein, daß gerade der Drang nach Einheitlichkeit die babylonische Sprachverwirrung hervorbringt (statt sie zu lösen), während die professionelle Praxis in vielerlei Zungen redet. Das professionelle Pfingsten wäre die Antwort auf das wissenschaftliche Babylon.
 

4. Psychoanalyse der Psychoanalyse

    Eine vierte Strategie fordert eine "Psychoanalyse der Psychoanalyse" (Balmary 1982; Carveth 1993; Lickint 1996; Plaut 1993c ). Der Grundgedanke ist: Wenn das Unbewußte allgegenwärtig ist, dann müssen auch die Konzepte der Psychoanalyse selbst vom Unbewußten bestimmt sein. Diese Autoren teilen den Gedanken, daß die Begriffe der Psychoanalyse eine Art formativer Kraft haben, mit der sie ihren Gegenstand herstellen, den sie gleichwohl nur zu beschreiben behaupten. Die Psychoanalyse kann das Innenleben des Menschen nie zum Thema machen, ohne ihrerseits auf mehr oder weniger konventionalisierte Ausdrucksformen zurückzugreifen. Insofern ist unsere Theorie immer und unabdingbar eine "social theory of mind" (Mitchell 1988). Vielleicht ist es eine ihrer größten Selbsttäuschungen, wenn sie meint, Seelisches unabhängig von oder sogar im Gegensatz zu Sozialem ausloten und untersuchen zu können. Die Fixierung an eine Theorie wäre bloß Konvention – und wie dann ist Innovation möglich? Wo die Balance zwischen Konvention und Innovation zu einseitig zugunsten der Konvention ausschlägt, entsteht das Bedürfnis nach Neuem, um der Wiederholung der immergleichen Beobachtung, der Zitierung der immergleichen Zitate, den immergleichen Theorien zu entkommen. Arnold Goldberg (1990) spricht hier drastisch vom "prisonhouse of psychoanalysis". Wo sich die Waage zu einseitig zugunsten der Innovation neigt, erschallt der Ruf, die Psychoanalyse würde aufgegeben, die richtige Theorie nicht zitiert, die falschen Beobachtungen mitgeteilt.

    Carveth (1993) sieht eine Angst vor frischen Ideen. Sie gründe in der Überzeugung, Entdeckungen seien "dort draußen", im Niemandsland des seelischen Innenlebens, im "inneren Afrika" zu machen. Das konfligiert mit der anderen Überzeugung, unsere Landkarte vom "inneren Afrika" habe doch keine weißen Flecken mehr. Carveth sieht bei beiden Haltungen eine gemeinsame Einstellung am Werk, die eher den Eroberungsgeist eines Francis Drake wiedergebe als die psychoanalytische Erfahrung. Die Erfahrung drängt über die Theorie hinaus und kann doch nur als Theorie kommuniziert werden. Theorie bewahrt eine Erfahrung, die außerhalb ihrer liegt, sie ist sozusagen eine Intuition, die die Geduld verloren hat (George Steiner). Will man Psychoanalyse also erweitern, muß man ihre Begrenzungen analysieren, insbesondere ihre Metaphern, die in ihrem Zentrum stehen. Sie steuern unbemerkt Wahrnehmungen, geben Beobachtungen die konventionelle Form und erneuern rituell die Tradition. Darin behindern sie Innovation. Sie zur Kenntnis zu nehmen ist ein Beitrag zur "Psychoanalyse der Psychoanalyse".

    Wenn man die Seele als "Apparat" oder als "Dampfkessel" sieht - dann kann gelegentlich ein Hammer das richtige Reparaturwerkzeug sein. Sieht man das Selbst als zerbrechliche ("fragmentierte") chinesische Vase - dann ist der Hammer gerade falsch und die Vase muß in den Brennofen der Übertragung. So macht es auch einen Unterschied, ob sich der Analytiker als "Detektiv" sieht (Lorenzer 1985) - dann will er ein Verbrechen aufklären und es gibt nur eine Wahrheit, die man dann auch ermitteln kann. Oder ob er "unaufdringlich" (wie Balint sein Ideal formuliert) ist - dann geht es gerade nicht darum, das letzte Wort zu haben, sondern immer um das Finden des nächsten. Was stellen wir uns vor, wenn man in Fallgeschichten liest, eine Deutung "trifft", vielleicht sogar "ins Schwarze"? Die Deutung kommt in dieser Metapher als Pfeil daher, der "das Schwarze" penetriert. Der Pfeil deutet nicht, er erlegt das Wild des Unbewußten, der Analytiker tritt als Jäger, vielleicht auch als Trophäensammler auf. Der Analytiker ist nicht einfach Analytiker - eine solche identitätslogische Gleichung A = A wäre nicht informativ und deshalb langweilig. Freud sagt, der Analytiker sei Aufklärer und Archäologe, Bergführer, Chirurg, Dämonenbekämpfer, Lehrer, Spiegel und vieles andere mehr. Jede dieser Metaphern enthält ein ganzes Modell therapeutischen Handelns – und artikuliert unbewußte Phantasien.

    Warum macht Freud von solchen widersprüchlichen Darstellungsmitteln Gebrauch? In seinem Buch über den Witz (GW VI, S. 167) macht er das klar: Um sich Begriffe wie "Abfuhr" oder "Energie" "philosophisch zurechtzulegen", versuche er eine "Verbildlichung für das Unbekannte". Positiv also können wir über die Seele gar nichts sagen, es braucht bildliche Darstellungsmittel. Dies ist ein durchlaufendes Thema für Freud; schon in einem Brief aus dem Jahre 1873 schreibt er an Emil Fluß, er denke mit einer gewissen "schlaftrunkenen Philosophie". Wenn, wie er in der Traumdeutung dann formuliert, der Traum nichts anderes sei als eine Art zu denken, dann kann man das auch umdrehen: auch das Denken ist ein Traum, insbesondere das psychoanalytische Denken verbildlicht das Unbekannte. Ricoeur (1986) meinte, die Metapher sei das "Träumen der Worte". Zugleich ist die Metapher universelles Denkwerkzeug. Lassen Sie mich nur einen Beleg nennen. In der kognitiven Linguistik findet durch die Arbeiten des Chomsky-Schülers George Lakoff eine Revolution der Bedeutungstheorie statt. Lakoff und sein Ko-Autor Mark Johnson stellen den Körper, der Erfahrungen macht und kategorisiert, ins Zentrum. Ihr neues Buch heißt deshalb "Philosophy in the Flesh" und sie beginnen es mit drei wuchtigen Sätzen. Der erste heißt: "The mind is inherently embodied". Das darf Psychoanalytiker, die Freuds These kennen, das Ich sei v.a. ein körperliches, durchaus freuen, denn es geht weiter. Der zweite Satz heißt: "Thought is mostly unconscious" und Sie dürfen mir glauben, das ganze dicke Buch darf man als Bestätigung dieser These lesen und man findet viel aus der cognitive science zusammengetragen, wo man sich als Analytiker beruhigt zurücklehnen kann. Der dritte Satz heißt: "Abstract concepts are largely metaphorical" und damit wird die gängige Trennung zwischen dem anscheinend höherrangigen abstrakten Denken und dem bildhaft-anschaulichen aufgehoben. Wissenschaft kann auf Metaphern nicht nur nicht verzichten, sie ist sogar in ihnen fundiert und in menschlichen Körpern, die Erfahrungen machen. Wir sehen nur, was wir wissen, und wir wissen es nur, weil wir es sind.

    Das Problem sind also nicht Metaphern, also auch nicht die vielfältigen und teils ja auch widersprüchlichen Metaphern bei Freud. Thomä und Cheshire (1991) haben es problematisiert, wenn die Metapher als Tatsache genommen wird. Freud schwankt hier. Er sieht (GW XIII, S. 65), "daß wir genötigt sind, mit den wissenschaftlichen Terminis, das heißt mit der eigenen Bildersprache der Psychologie (richtiger: der Tiefenpsychologie) zu arbeiten. Sonst könnten wir die entsprechenden Vorgänge überhaupt nicht beschreiben, ja, würden sie gar nicht wahrgenommen haben." Angesichts der Bilderflut rettet er sich schnell auf einen Felsen "roher Tatsachen", wenn er fortfährt: "Die Mängel unserer Beschreibung würden wahrscheinlich verschwinden, wenn wir anstatt der psychologischen Termini schon die physiologischen oder chemischen einsetzen könnten." Aber diesen vermeintlich sicheren Hort gibt er im nächsten Satz sofort wieder auf: "Diese gehören zwar auch nur einer Bildersprache an, aber einer uns seit längerer Zeit vertrauten und vielleicht auch einfacheren".
Statt nun sog. Tatsachen als Korrektiv einzubringen, schlägt die vierte Strategie einer Psychoanalyse der Psychoanalyse nun vor, die Begrenzungen unserer eigenen theoretischen Bildersprache zu analysieren. Die Strategie der "Psychoanalyse der Psychoanalyse" scheint somit das paradoxe Potential zu haben, die Psychoanalyse bewahren und erneuern zu können.
 

ALTERNATIV-MEDIZIN

    Psychoanalytische Denkfiguren sind in dem Maße, wie ihr kultureller Einfluß wuchs, weit in andere Wissenschaften eingesickert.

Das, so vermutet Reiche (1995), gilt für alle auf Reflexion des Subjekts setzenden Unternehmungen vorzüglich interpretierender Art wie Oevermanns objektive Hermeneutikd, qualitative Sozialforschung, und auch für Teile neurowissenschaftlicher Arbeiten (Pierre Changeuex), aber auch für Literaturwissenschaftler wie Peter von Matt oder Manfred Schneider.

    Tatsächlich - selbst wenn die Psychoanalyse empirisch in toto falsifiziert wäre, müßten ihre erbittertsten Gegner zugestehen, daß ohne sie der moderne Diskurs des Menschen über sich selbst gehaltlos und flach verliefe (Lear 1996). Auch die moderne Philosophie vollzieht die Geste, sich selbst jene begrifflichen Stufen unter den Füßen weg zu analysieren, die vom Kopf schon weit überragt werden. Die eigene Begriffsleiter zu analysieren, macht ihr Unternehmen so ungemein erregend. Der Aufstieg in die Höhen der Abstraktion schafft ungemeine Ausblicke in die Tiefe, aber bewahrt er vor dem Absturz? An irgendeiner Stelle macht der Diskurs deshalb Halt und erklärt seine zuletzt gefundenen Begriffe zu letzten Befunden. Sie stabilisieren – aber um den Preis, daß aus "Verbildlichungen für das Unbekannte" dann Tatsachen gemacht werden.

    Innerhalb der Psychoanalyse sind es Autoren wie Carveth, Goldberg, Spence, Mitchell, Benjamin u.v.a., die in solcher Neigung zur Selbst-Fixierung (in) der Theorie das gegenwärtige Kernproblem psychoanalytischen Denkens sehen; soweit das Denken aus Angst vor Identitätsverlust an seine Begriffe fixiert bliebe, käme die Psychoanalyse gebannt nicht von der Stelle. Mit solcher Fixierung verliert die Psychoanalyse ihre avantgardistische Position; sie kann nicht mehr andere Wissenschaften inspirieren, sondern braucht selbst, will sie nicht ermattet zurückbleiben, theoretische Infusion. Aus Fixierungen löst bekanntlich nichts besser als Psychoanalyse und so bringt diese vierte Strategie einer kulturell einflußreichen Theorie des Menschen vielfältig angereichert zurück, was sie zuvor an andere abgegeben hatte. Damit wird Psychoanalyse wieder theoretisch anspruchsvoll und avanciert zu Anschlußfähigkeit an andere Wissenschaften, aber eine Psychoanalyse der Psychoanalyse ist unvermeidlich auch selbstkritisch. Hier soll in drei Thesen dargestellt werden, wie so Zukunft gewonnen werden könnte. Und vorsichtig füge ich hinzu, diese Vorschläge sind offen für weitere.

1. These: Als Theorie menschlicher Interaktion hat die klinische Psychoanalyse Zukunft

    Niemand kann sicher wissen, was sich in der Seele eines anderen Menschen abspielt. Die Psychoanalyse behauptet mit ihrem zentralen Konzept des Unbewußten sogar, daß niemand das von sich selbst wissen kann. Das Unbewußte ist mit Freuds Formel "inneres Ausland" und wir erhalten manchmal in Träumen oder Fehlleistungen magere Kunde von diesen Vorgängen. Wir können sie nur modellieren. Wir erschließen unbewußte Vorgänge, wir "erraten" sie, wie Freuds vielfach gebrauchtes Wort dafür lautet. Dies ist ein Vorgang, den er sogar im Alltag am Werke sieht. In seinem Buch über "Die Psychopathologie des Alltagslebens" hat er ein schönes Beispiel dafür überliefert.

Einer Dame will in einer Gesellschaft der Titel des Buches "Ben Hur" nicht einfallen und Freud (1904, S. 26) fügt dieser Schilderung an, "auch den anwesenden Herren versagt sich der richtige Einfall". Freuds These ist klar: die Dame setze das Aussprechen des Buchtitels einem sexuellen Angebot gleich.

    Interessant ist nun, wie Freud die Teilhabe der Herren an dieser Fehlleistung beschreibt. Er sagt: "Ihr Unbewußtes hat das Vergessen des Mädchens in seiner wirklichen Bedeutung erfaßt und es ... gleichsam gedeutet." Und um keinen Zweifel daran zu lassen, daß er hier das Unbewußte nicht als Objekt einer Deutung sieht, sondern ihm die Kompetenz der Deutung zuspricht, schreibt er weiter: "Man kann in der Tat ganz allgemein behaupten, daß jedermann fortwährend psychische Analyse an seinem Nebenmenschen betreibt und infolgedessen diese besser kennenlernt als jeder einzelne sich selbst." In "Totem und Tabu" (GW IX, S. 191) wiederholt er, die Psychoanalyse habe gelehrt, "daß jeder Mensch in seiner unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten, das heißt, die Entstellungen wieder rückgängig zu machen, welche der andere an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat". Diese starke These behauptet also, das Unbewußte sei Subjekt der Deutung, nicht deren Objekt. Es deutet, nimmt wahr, ordnet ein, diagnostiziert - mit allen Ungewißheiten, immer aber beständig. Ohne Deutung keine Interaktion - doch was Psychoanalytiker deuten, ist dann eine "Deutung der Deutung"; wir deuten, wie ein Patient eine bestimmte Gegebenheit auffaßt. Der Patient erscheint als kompetentes, sich seine Welt und seine Beziehungen "deutendes" Subjekt. Und weiter kann man folgern: er, der Patient, behandelt sich immer schon selbst, bevor er in eine Behandlung eintritt. Professionelle Behandlung wäre dann konsequent als Supervision schlechter und unzureichender Selbstbehandlungen aufzufassen (ein Beispiel mit Transkripten bei Buchholz 1996).

    Die empirische Forschung hat mittlerweile für solche in rasantem Tempo ablaufenden Deutungen Material beigebracht. Krause (1992, Krause et al. 1996) beobachtet die mimische Synchronisation von klinisch Gesunden mit psychiatrisch auffälligen Partnern. Sie vollzieht sich in Sekundenschnelle und Krause zögert nicht, darin das Stellen einer "vorbewußten Diagnose" zu sehen. Der Sozialwissenschaftler Frank Nestmann (1988) untersuchte "alltägliche Helfer", also Gastwirte, Friseure, Barkeeper, Taxifahrer. Sie werden oft als Ansprechpartner für Problemlagen wahrgenommen. Wie reagieren sie? Nestmann stellt fest, daß sie ein "Diagnostikum" (S. 201) verwenden. Wirte schätzen ihre Gäste z.B. nach der Sitzplatzwahl im Lokal ein. Wer sich in eine Ecke verdrückt, wird wohl irgendwie problematisch sein. Taxifahrer beobachten den Gang aufs Taxi zu, registrieren die Entscheidungsdauer bis zum Einsteigen und rechnen von da aus auf zu erwartende Problemgespräche hoch.

    Dem "Dialog auf die Spur" zu kommen, ist das erklärte Anliegen des Ulmer Lehrbuches von Thomä und Kächele; es geht, wie auch bei den baby-watchern um das "attunement" zwischen kompetenten Beteiligten. Hier können auch sozialwissenschaftliche Befunde eingebracht werden.

    Die Mikrosoziologie der Interaktionen hat eine Fülle von detaillierten Methoden der alltäglichen Deutung beschreiben können. Einige liste ich auf, weil diese Forschungsrichtung Freuds These vom Unbewußten als Subjekt der Deutung belegt.

    Eine erste generelle Methode ist, jedem interaktiven Ereignis einen Sinn zu geben. Das Unbewußte ist Subjekt. Ereignisse werden auf einer "case-by-case"-Basis (Schegloff 1987, S. 102) interpretiert. Wenn ich mich bei diesem Vortrag daneben benehme und plötzlich bizarre Verhaltensweisen zeige, würde das von Ihnen nicht als statistische Anomalie verrechnet, sondern Sie als Zuschauer versuchen, dem irgendeinen Sinn beizulegen - ganz unabhängig davon, ob Sie in psychoanalytischer Ausbildung waren oder nicht.

    Eine weitere Methode ist, Ereignisse zu typisieren. Ein 14-Jähriger ist dem Einen noch ein Kind, dem Andern schon ein Jugendlicher. Er wird als Typ erfaßt.  Objekte solcher Typisierung sind auch Interaktionsgestalten. Man stelle sich den folgenden Dialog auf einer Straße vor:

Passant: "Können Sie mir sagen, wie spät es ist?"
Angesprochener: "Ja, es ist halb neun".

    Bis hierher typisieren wir die Situation als eine, in welcher eine Auskunft erbeten wird. Das kennen wir, dafür haben wir praktische Typologien von der Art zur Verfügung: "Ach so, hier handelt es sich um..." Was aber, wenn der Passant auf die Mitteilung, es sei halb neun, antwortet: "Gut! Sie können es!"? Plötzlich würden wir gewahr, daß er eine ganz andere Typisierung vorgenommen hat; ihm ging es nicht um eine Auskunfserteilung, er typisiert die Situation rückwirkend als eine, in welcher er die Fähigkeit des Befragten, ob er die Uhr lesen kann, geprüft hat. e

    Typisierungen haben eine episodische Struktur. Wenn ein Freund zum andern sagt: "Kennst Du den schon?", dann ist ziemlich klar, jetzt soll ein Witz erzählt werden. Der Typ der Situation wird indiziert, wobei es zu Mißverständnissen besonderer Art kommen kann, bei denen es nicht nur um einfaches Falschverstehen geht, sondern darum, daß der Typ der Situation, in der man sich zu befinden meint, verschieden aufgefaßt wird. Solche "typischen Mißverständnisse" begegnen uns in Therapien. Patienten fassen Behandlungen z.B. als "Beichte" oder als "ärztliches Gespräch", als "Umgekrempelt-Werden" oder als "Schulunterricht" auf (Thomä und Kächele 1988, Kap. 7). In letzterem Fall (v. Kleist 1987) mögen sie z.B. eine Stunde mit den Worten beginnen: "Wir sind das letzte Mal stehen geblieben bei..." oder sie könnten sagen, ihr Ziel sei, dies oder jenes zu "lernen". Worte wie "lernen" zeigen an, wie der Betreffende die Situation auffaßt.

    Vielfache andere Typisierungen der therapeutischen Situation kann man leicht anfügen. Man erkennt sie daran, daß man das Wörtchen "als" verwendet. Professionell ist dann die Kunst, sich zu verständigen, obwohl Beteiligte die Situation so verschieden auffassen. Dazu nutzt der Kliniker das Konzept der Übertragung; es erklärt ihm, wenn einer die Situation als "Beichte" auffaßt. Der Kliniker typisiert die Situation damit seinerseits. Übertragung ist dann nichts, was der Patient "hat", sondern was der Therapeut "sieht" (Schafer 1976) - als Konzept (nicht als Tatsache) ermöglicht es dem Therapeuten die professionelle interaktive Leistung. Wenn wir also an Beschreibungen und Selbstbeschreibungen fixiert sind, wie Marcia Cavell (1997, S. 143) Freud wiedergibt, kann man solche Fixierung natürlich als "Wiederholung" bezeichnen oder eben als Übertragung der Vergangenheit auf die Gegenwart. Das Entscheidende ist das Angebot einer neuen "Interpretationsstrategie", "die uns Beschreibungen zugänglich macht, die uns früher unzugänglich waren". Das Konzept der Übertragung ist ein solches professionelles Werkzeug in der Interaktion, es macht neue Beschreibungen und Selbstbeschreibungen zugänglich und verbindlich. Das hat heilsame Wirkungen dann, wenn die professionelle Kunst es schafft, sie als neu und zugleich als anschlußfähig, also nicht überwältigend, anzubieten. Paare schaffen das hin und wieder; sogar dann, wenn der Mann die Ehe als ökonomisches Unternehmen, seine Frau sie hingegen als eine spirituelle Reise typisiert. Einem Patienten, der Entlastung vom seelischen Druck erwartet, kann man nicht umstandslos mit dem Vorschlag, "Schach" zu spielen – eine andere von Freuds Metaphern – kommen; es braucht Interaktion.

    Auch narrative Formen (Boothe) oder konversationelle Formate (Stefan Wolff/Streeck) gehören zu den alltäglichen Methoden. Sie befähigen uns, in unseren Interaktionen zu bestehen getreu der Devise Freuds, daß jedermann ständig psychische Analyse an seinem Nebenmenschen betreibe. Und ich meine, es wäre nicht falsch, psychotherapeutische Interaktion als Spezialfall verändernder Interaktionen aufzufassen. f

    Psychotherapie und Sozialwissenschaft im Verbund mit anderen Nachbarn – ich habe beispielhaft cognitive science und die baby-watcher erwähnt - wäre also ein interessantes Programm der Zukunft. Da jede Therapie ihre eigenen, höchst individuellen Kontexte entwickelt, ist Psychoanalyse nicht nur eine "talking cure", sondern - mit einer Veränderung von nur 3 Buchstaben (Wolff und Meier 1995) - eine "talking culture".

    Aufklärungsbedarf für unbewußte Aspekte auch unserer kulturellen Identitäten besteht hinsichtlich unserer Xenophobie gegenüber den Nachbarn. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, daß solche Xenophobie sich auf empirische Nachbarn nicht erstreckt - hier gibt es kaum Berühungsängste! Angst vor den Nachbarn gibt es seltsamerweise bei der - psychoanalytischen Einsichten doch so viel näher stehenden - Mikrosoziologie der Interaktionen und bei den Kognitionswissenschaften. Eine gewisse Aufklärung der "talking culture" über sich selbst könnte ein nicht ganz unwichtiger Nebeneffekt einer Psychoanalyse der Psychoanalyse werden - mit Öffnungschancen.

2. These: Als Profession hat die klinische Psychoanalyse Zukunft

    Auch wenn ich eben für die Zurkenntnisnahme wissenschaftlicher Nachbarn plädiert habe, können Profession und Wissenschaft nicht gleich gesetzt werden. Professionelle Praktiker und Forscher haben einfach unterschiedliche Probleme, verschiedene Methoden, andere Literaturbestände und greifen auf ganz andere Erfahrungsvorräte zu. Sie sind wechselseitig autonom – das macht Kommunikation erforderlich. Das Gespräch wird erschwert, solange dieser horizontale Unterschied in einen vertikalen verwandelt wird mit der Folge von Über- oder Unterlegenheiten. Wer die Profession nur durch Verwissenschaftlichung verbessern will, folgt dem hierarchischen Modell, wonach Wissenschaft über anderen Handlungssystemen stehe. Das hierarchische Modell - von Thorstein Veblen (1957) in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts formuliert - löst nicht, sondern erzeugt eine Reihe von Problemen, die ich hier auflisten will (vgl. Reiter und Steiner 1996):

  1. Das Problem der Relevanz. Die Psychotherapieforschung ist von Anfang an begleitet von einem Chor kritischer Stimmen, die leise, aber vernehmlich immer wieder danach fragen, was ein Praktiker mit den gefundenen Ergebnissen anfangen könne. Manche, wie Rudolf (1991), Stiles und Shapiro (1989), Stiles (1993 und 1994), Jaeggi (1994) oder Hutterer (1996) meinen sogar, kaum ein Ergebnis der Forschung habe die Praktiker nachhaltig beeinflußt und andere, wie Schachter und Luborski (1999) vermuten, Praktiker brauchen auch eine Art Immunschutz gegen Irritation.
  2. Das Problem des Status. Wissenschaftler genießen höheres Ansehen als Praktiker. Wissenschaftliche Meinungen werden eher zitier – allein deshalb, weil sie eben zitieren.
  3. Das Problem des Transfers. Wissenschaftlich gefundene Ergebnisse sollen, notfalls erzwungen mit politischen Mitteln, zu den Praktikern transferiert werden. Diese erscheinen als Anwender oder als Konsumenten wissenschaftlich gefundenen Wissens (Wolff 1994), nicht mehr als Professionelle mit eigener Autonomie.
  4. Das hierarchische Modell übersieht die völlig unterschiedlichen Handlungs- und Organisationsformen beider Bereiche. Wer als Psychotherapieforscher arbeitet, tut dies meist unter einem solchen Streß, daß ihm kaum Zeit für Behandlungen bleibt - jedenfalls ist gut gehütetes Geheimnis, welcher Forscher wie viele Patienten behandelt. Forscher zitieren andere Literatur, haben eigene, in ihren Diskursen erzeugte Methoden und Probleme, die sich von denen der Professionellen wesentlich unterscheiden.
  5. Es gibt andere Werte und damit affektive Bindungen: Das professionelle Handlungssystem der Psychotherapie ist in allen Schulen – Ausnahme Familientherapie - an persönliche Gründerfiguren (Freud, Rogers, Pearls) gebunden, eine Bindung, die man in der Wissenschaft gerade abzulösen sucht; man möchte objektiv, d.h. ohne personale Voreingenommenheiten sein.
  6. Entscheidender noch ist, daß in beiden Systemen völlig unterschiedliche Zeitstrukturen am Werk sind. Ein Wissenschaftler muß für die Beantwortung einer Frage Literatur auf die Forschungslücke hin studieren, Untersuchungsdesigns entwerfen, Anträge auf Förderung stellen und Untersuchungen durchführen, seine Ergebnisse präsentieren und Abschlußberichte schreiben. Wissenschaft ist langsam, auch wenn der Augenschein etwas anderes nahezulegen scheint. Der Zeitdruck kommt nicht aus der Wissenschaft, sondern aus dem sozialen System der Konkurrenzen. Wollte ein professioneller Praktiker wie ein Wissenschaftler verfahren und Problemlösungen erst anbieten, wenn sichere wissenschaftliche Ergebnisse vorliegen, würde er riskieren, daß der Problembesitzer mittlerweile aus seinem Horizont entschwunden ist.

    Aus all diesen Gründen meine ich, daß Profession und Wissenschaft voneinander unterschieden werden sollten. Beide Systeme unterscheiden sich hinsichtlich Relevanz, Status, Handlungs- und Organisationsform, der Zeitstruktur und der Wertsysteme. Man stellt sich im hierarchischen Modell ihre Verbindung als "Transfer" vor mit abwertenden Folgen für Professionelle. Der Verzicht auf das hierarchische Modell hingegen könnte wohltuende Folgen für das professionelle Selbstbewußtsein nach sich ziehen; Profession steht neben der Wissenschaft, nicht unter ihr.

    Der Professionelle - man denke an Lehrer, Computerprogrammierer, Ärzte oder Manager – ist immer, so die Befunde der neueren Forschung zur Profession, Teil der Situation, auf die er reagieren soll. Das ist das allgemeine Paradox professionellen Handelns. Professionelle wenden nicht empirisch gefundene Variablen an. Für sie gibt es kein "Transfer"-Problem. Sie antworten auf Fragen, wie sie das machen, was sie machen, unwirsch mit Sätzen wie: "Warte, bis ich fertig bin!" (Hubert Dreyfus). Ohne Engagement verliert der Professionelle sein spezifisches, an die Situation gebundenes Wissen oder er gewinnt ein abgekühltes Verhältnis dazu, eine Temperaturveränderung, die ihm die Erbringung der professionellen Leistung nicht erleichtert. Das professionelle psychotherapeutische Engagement kann man bestimmen als intelligente Form taktvoller Zugewandtheit, als lokale Tugend mit globalen Wirkungen.
Professionelle sind personal involviert und ziehen keineswegs nur wissenschaftliche Bestände heran, sondern alltägliche Erfahrungen und anschauliche Bilder, vergleichen weit entfernt auseinander liegende Gebiete. In der amerikanischen Literatur hat sich die Hierarchie umgedreht. Hier spricht man von den "science based professions". Wissenschaft steht nicht richtend über den Professionen, sondern basiert sie. Die These lautet also: Professionelle Psychotherapie ist ein autonomes Interaktionssystem, in dessen Umwelt Wissenschaft vorkommt. Damit meine ich, daß auch andere Umwelten vorkommen: die Tagesform des Therapeuten, lokale Vorlieben einzelner Gruppen für bestimmte Theorien, die Angehörigen des Patienten. Psychotherapie findet in einer Umwelt statt, von der nur ein Teil Wissenschaft ist. Einer Sorge möchte ich Ausdruck verleihen. Würde man sich vorstellen, daß z.B. ein anderes professionelles Handlungssystem, die Pädagogik, ausschließlich so operiert, wie es die Lehrbücher der Sozialpädagogik vorschreiben, darf man sich fragen, ob das eine Verarmung oder eine Bereicherung wäre. Es wäre, als würden Ehepartner ihr Leben ausschließlich nach den Empfehlungen der Ratgeber-Literatur ausrichten. g

    Ich vertrete damit keine wissenschaftsfeindlichen Positionen, ganz im Gegenteil. h Ich würde bedauern, wenn Wissenschaft allein dominante Umwelt würde, weil damit die Autonomie der professionellen Praxis gefährdet wäre. Ich fände es z.B. eine Diskussion wert, ob nicht die Lektüre von zeitgenössischer Literatur, von Romanen, Dramen und Krimis, ob nicht auch Kenntnisse der großen Weisheitslehren wie der Upanishaden i  oder Berichte über mystische Erfahrungen (Siirala 1961) in die Ausbildung von Psychotherapeuten gehören würde - neben wissenschaftlich methodische Ausbildung. j Kurz, Wissenschaft steht nicht über, sondern neben dem professionellen Handlungssystem der Psychotherapie in dem Bewußtsein, daß kein System besseres Wissen erzeugt, sondern anderes. Darin sehe ich einen Beitrag zur Anhebung des Selbstbewußtseins der professionellen Psychotherapeuten, das lange unter dem Diktum zu leiden hatte, "nicht-wissenschaftlich" zu sein. Psychoanalyse sei eine Lebensform, die Wissenschaft "zur Seite" habe, formulierte Stein (1979) - aber eben nicht: über sich. Der Glaube an Verbesserung allein durch Wissenschaft ist ein Stück kultureller Unbewußtheit, ein moderner Mythos, ein angestaubter Fortschrittsglaube. k

3. These: Mit frischen Metaphern hat Psychoanalyse Zukunft

Wegen der "Verbildlichung für das Unbekannte" besteht unsere gesamte Theorie in Metaphern, deren Wert darin abgeschätzt werden kann, ob sie uns die professionelle Leistung ermöglichen oder eben nicht.l

    Metaphern haben einen ungemeinen Vorzug. Sie sind randunscharf.m Sie sind keine feststellenden Definitionen, sondern darstellende Formen, die die Vorstellung anregen. Wenn jemand sagt, "er fauchte vor Wut", dann ist es gleichgültig, ob man sich einen Löwen, einen Drachen oder einen Kater vorstellt - man versteht das Szenario. Es erzeugt eine Imagination. Verstehen reicht soweit wie die Vorstellung. Damit wird ein Sender-Empfänger-Modell der Kommunikation, auch der therapeutischen!, verabschiedet werden müssen.n Dies Modell ist in der militärischen Informationstechnologie entstanden, aber es gab schon andere, auf die heute zurückzugreifen sich wieder lohnt.

    Ernst Cassirer (1923, S. 225) gibt uns ein neues, ein anderes Verständnis von der Sprache, wenn er sagt, daß ihre Kraft "eben darin liegt, daß sie den Gegensatz des subjektiven und des objektiven Seins nicht als den abstrakten und starren Gegensatz zweier einander ausschließender Gebiete faßt, sondern daß sie ihn in der vielfältigsten Weise dynamisch vermittelt denkt. Sie stellt nicht die beiden Sphären an sich, sondern ihr Ineinandergreifen und ihre wechselseitige Bestimmung dar – sie erschafft gleichsam ein Mittelreich, durch welches die Form des Daseins auf die des Tuns, die Formen des Tuns auf die des Daseins bezogen und beide miteinander zu einer geistigen Auseinandersetzung verschmolzen werden".

    Metaphorisches, bildhaftes Reden ist eines jener Mittel, mit dessen Hilfe die Sprache etwas repräsentiert, was jenseits von ihr liegt. Dies zu vernehmen ist insofern vernünftig, als Vernunft etymologisch von Vernehmen kommt. Deshalb meinte Gadamer einmal, für ein gutes Gespräch komme es nicht so sehr darauf an, was einer sagt, sondern darauf, daß einer hört. Im therapeutischen Dialog kommt es darauf an, das "Träumen der Worte" zu vernehmen.

    Metaphern können deshalb nicht übersetzt werden. Nehmen wir das berühmte Beispiel von Quintillian: pratum ridet - die Wiese lacht. Wie wollte man das in eine nicht-metaphorische Redeweise übersetzen? Es geht nicht ohne Inkaufnahme erheblicher Informationsverluste. Wer es wörtlich verstehen wollte, würde damit nur anzeigen, daß ihm der Sinn für die Metapher fehlt. Er würde behaupten, lachende Wiesen gibt es nicht und basta!  Wenden wir uns von einem solchen kruden Empirismus ab. Die Metapher weist stets über sich hinaus auf etwas, das sie nur an-deuten kann. Sie ermöglicht eine therapeutische Sprachkunst, die dem Prinzip folgt: je geringer die Andeutung, desto größer die Bedeutung und umso lohnender die Deutung.
 
    Die Metapher hat allerdings auch einen großen Nachteil: Sie formt die Welt nach ihrem Bilde. Freud hat seelische Konflikte in militärischen Metaphern beschrieben, er sprach von "Abwehr", "Besetzung" und "Widerstand", wir reden heute häufig von "Interventionsplanung" und erzeugen damit ein Guerilla-Modell der therapeutischen Interaktion: schnell rein (neutral und abstinent) in den Dschungel schwieriger Beziehungen und ebenso schnell sich wieder zurückziehen. Was, so fragen Cox und Theilgaard (1987) zu Recht, wäre anders, wenn wir das Seelenleben in Begriffen der Musik, der Dissonanz und des Kontrapunktes, der Harmonie und der thematischen Verarbeitung beschreiben würden? Die Psychoanalyse kann musikalische Werke interpretieren (Leikert 1996), aber sie könnte es sich auch gefallen lassen, selbst musikalisiert zu werden. Dann würden Metaphern wie Stimmung, Worte wie Einschwingen, seelischer Gleichklang, Rhythmus, Takt oder auch Sphärenmusik ein produktives Gegengewicht zur Vorherrschaft unserer verräumlichenden Augenbilder schaffen. Wir würden Sinn für den interaktiven Tanz der Beteiligten entwickeln oder für den Ton, den einer anschlägt, und manchmal würden wir gar das Mitbrummen von unsichtbaren Dirigenten zu hören bekommen.

    Gute Kliniker haben längst ein Repertoire von solchen frischen Metaphern parat. Denn nichts ist so langweilig, als wenn sich beide am therapeutischen Dialog Beteiligten einig darüber sind, der eine von beiden habe einen Ödipuskomplex - mit dieser Idee beginnen Patienten heute ihre Behandlung, während sie sie zu Freuds Zeiten damit beendeten. Das war eine frische Metapher zu Beginn dieses Jahrhunderts. Ich glaube, es darf nicht als Revision diffamiert werden, wenn ich die Forderung aufstelle, daß wir andere, wieder frische Metaphern finden müssen, weil wir nur so eine Re-Vision des Freudschen Anliegens zustande bekommen. Wir brauchen dazu die Fähigkeit, Wert und Begrenztheiten der Metaphern der traditionellen Theorie zu sehen und wir brauchen Mut, frische Metaphern an deren Stelle zu setzen.

    Wenn wir Profession und Wissenschaft unterscheiden und Interaktion mit frischen Metaphern schätzen lernen, können wir auch wieder Ausbildungsteilnehmer dafür begeistern, die Dinge so zu sehen, wie sie sie nun einmal sehen - aufgrund ihrer Fähigkeit nämlich, "psychische Analyse an ihrem Nebenmenschen" zu betreiben. Dazu könnten wir uns sowohl kritisch als auch unterstützend verhalten, aber nicht weil wir es "richtig" wüßten, sondern weil wir andere Metaphern benutzen, die einfach ein anderes Licht auf die Dinge werfen, mit denen wir uns täglich herumschlagen. Die professionelle Aufgabe heißt dann: Kommunikation bei Differenz. Freilich müßten wir auf Einheitlichkeit verzichten und es schätzen, in vielen Zungen zu tönen.

    Gewiß - ich habe pointiert. Und ich habe naturgemäß vieles auslassen müssen, was anderen am psychoanalytischen Herzen liegen mag. Mir liegt am Herzen die Idee, daß wir die Psychoanalyse nicht nur als emotionale Heimat sehen, als warmes Tuch verklärender Erinnerung, in das man sich auf dem Rückzug vor einer feindlicher werdenden Welt hüllen kann; wir brauchen sie auch als intellektuelle Heimat und als kulturelles Stimulans, um uns - nach einem Worte Adornos - von den übermächtigen Verhältnissen und unserer Ohnmacht darin wenigstens nicht dumm machen zu lassen.
 

Anschrift des Verfassers:

Prof. Dr. Michael B. Buchholz
buchholz.mbb@psychotherapie.org

copyright beim Verfasser

 

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Fußnoten

A Bei Kelman (1987, S. 111) heißt es: "Consequently, while there is now a broad consensus that the reactions of the analyst to the patient can be informative about the patient's pathology, there is as yet no generally accepted way of characterizing this phenomenon".
B    Leichsenring (1996) erinnert in seiner kenntnisreichen Kritik an Grawe an den wohlbekannten Umstand in der vergleichenden Psychotherapieforschung, daß Forscher immer dasjenige Verfahren als wirkungsvoller in ihren Untersuchungen ermitteln, dem sie sowieso den Vorzug geben.
C Die Versuche, die Psychoanalyse zu analysieren, haben eine längere Tradition (z.B. Maylan 1929). Meist wurde polemisch ad personam argumentiert. Moderne, dekonstruktivistisch inspirierte Versuche argumentieren nicht personalisierend, sondern konzeptuell und das macht sie so viel interessanter. Lütkehaus (1995, S. 76) verdeutlicht, daß es nicht um Personalisierung geht: "Die Analyse der Analyse fordert mehr als die Analyse der Analytiker..."
D  Auch wenn Oevermann sich gegen das psychoanalytische Erbe seiner strukturalen Hermeneutik verwahrt hat - soziologische Autoren (Willems 1996) sehen es deutlich.
E  Ein literarisches Beispiel findet sich in dem Roman "Zirkuskind" von John Irving: "Am Flughafen von Rajkot wurde die Lautsprecheranlage getestet....‘Eins, zwei, drei, vier, fünft‘, sagte eine Stimme. ‚Fünf, vier, drei, zwei, eins‘. Dann wiederholte sie das Ganze. Vielleicht wurde gar nicht die Lautsprecheranlage getestet, dachte Dr. Daruwalla, sondern nur, wie gut die betreffende Person zählen konnte".
F  Rank und Ferenczi schrieben bereits 1924 in ihren "Entwicklungszielen der Psychoanalyse", "Die regelrechte Psychoanalyse ist in diesem Sinne sozusagen ein sozialer Vorgang" (S. 38) und wenige Seiten zuvor haben sie die behandlungstechnischen Konsequenzen bereits entwickelt: Die "aktuelle Aufgabe" in jeder Analyse bestünde "darin, daß man jede Äußerung des Analysierten vor allem als Reaktion auf die gegenwärtige analytische Situation (Abwehr oder Anerkennung von Aussagen des Analytikers, Gefühlsreaktionen auf dieselben usw.) verstehen und deuten muß... (S. 35).
G  William P. Henry (1998, S. 126), Ko-Autor der großen Vanderbilt-Studie, schreibt über das Verhältnis von Forschung und Praxis, erkennbar betroffen: "If I had given this talk several years ago, I might have said that my greatest fear was that psychotherapy research would have no effect on clinical training. Today, my greatest fear is that it will - that psychotherapy research might actually have a profoundly negative effect on future training."
H  Henry (1998) kennzeichnet vielmehr umgekehrt den Typus der von ihm kritisierten empirischen Forschung in der Psychotherapie als "pseudoscience".
I  Auf diese indischen Quellen verweist Freud; im Konzept des Nirwana ist ein Nachhall dieser Lektüre zu erkennen. Stein (1986) stellt fest, daß Freud via Schopenhauer durchaus in den Hafen auch der indischen Philosophie eingelaufen sei.
J  Hobson (1985) schreibt in seinem wunderbar klinischen Buch, er sei einmal von angehenden Psychotherapeuten gefragt worden, was sie denn lesen sollten. Er habe geantwortet: Shakespeare und die Bibel.
K  Auch Körner (1995) sieht eine Differenz zwischen der Verwissenschaftlichung und der Professionalisierung und akzentuiert als Unterscheidungskriterium die Berufsethik. Das ist eine und noch auszuarbeitende wichtige Ergänzung.
L   vgl. Buchholz 1996 und Buchholz und v. Kleist (1997)
M  Hier kann man auf Freuds Strategie der "Verbildlichung für das Unbekannte" zurückkommen. Freud vertritt diese Strategie sehr selbstbewußt. Eugen Bleuler hielt Freud in einem Brief vom 20.11.1912 (zit.nach Grubrich-Simitis 1993, S. 356) vor: "Ihre psychologischen Begriffe sind vorläufige, nach Ihren momentanen Erfahrungen geschaffene; Sie sind bereit, sie jeden Augenblick nach neuen Erfahrungen zu ändern, manchmal vielleicht ohne sich dessen zu sehr bewußt zu sein; so haben sie keine bestimmten Grenzen." Freud habe in seinem Antwortbrief, so Grubrich-Simitis, diese als Vorwurf gemeinte Stellungnnahme Bleulers "als großes Kompliment" angesehen und hinzugefügt, daß nur so, durch "Begriffsbildung 'aus Vorläufigkeiten'" es möglich sei, "sich der fortschreitenden Erkenntnis des Ubw anzuschmiegen" (Grubrich-Simitis zitiert hier aus Freuds Antwortbrief).
N  Was in den Kommunikationswissenschaften längst der Fall ist (Lenke, Lutz, Sprenger 1995)

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