| E-Journal
des DPI 05|04|00 |
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Fachtexte zur
Entwicklung von
Psychotherapie in Theorie und Praxis
Die Fähigkeit zum
Alleinsein als Fähigkeit zur Selbstregulation:
Stern und Winnicott
Regina Konad
Als Kindertherapeutin kann ich Ihnen den Moment im Verlauf
einer Therapie nennen, in der ich die neu erworbene Fähigkeit eines Kindes zum Alleinsein
zum ersten Mal wahrnehme. Das Kind beginnt, in Anwesenheit des Therapeuten versunken zu
spielen, zu malen, Gestalten aus Ton zu schaffen, ohne sich der Anwesenheit des
Therapeuten dauernd vergewissern zu müssen, sei es durch Fragen, ängstlichen
Blickkontakt oder andere Bemächtigungs- und Kontrollversuche. Im Therapieraum entsteht
eine entspannte, spielerische Atmosphäre, in der das Kind in meinem Beisein für sich
sein kann, hingegeben an seine Beschäftigung. Als Therapeutin erlebe ich dabei eine
innere Freiheit und Leichtigkeit. Meine Gedanken wandern umher, während auch ich aus Ton
einen Gegenstand forme oder aus Holzklötzen Landschaften entstehen lasse. Dem
vorangegangen sind oft Phasen heftiger Attacken bei dem einen Kind oder stereotype, sich
wiederholende Spiele bei dem anderen, was wiederum bei mir lähmende Müdigkeit, Unlust
und Gereiztheit oder aber Anspannung und Alarmbereitschaft auslösen kann. Und dann der
Umschwung, der manchmal ganz plötzlich kommt, und der oft verbunden ist mit dem Gefühl,
eine schwere Krankheit glücklich überstanden zu haben.
Bei Jugendlichen erlebe ich diesen Wandel an ihren
Möglichkeiten, Beziehungen zu ihren engen Freunden oder Freundinnen neu und anders zu
gestalten. Eine Jugendliche beschrieb mir diesen Prozeß folgendermaßen: "Es ist
Abend, und da bekomm ich dann diese Sehnsucht, ich fühle mich so allein, so allein
gelassen; da werde ich ganz unruhig, da muß ich meinen Freund anrufen, ich muß seine
Stimme hören. Ich weiß, daß ich ihn nerve, aber ich muß ihn hören, ich muß spüren,
er ist da, er ist für mich da. Erst dann bin ich beruhigt sonst gerade ich immer
mehr in Spannung, was sich bis zur Panik steigern kann." Ich frage die Jugendliche,
ob sie sich an eine Situation erinnern kann, in der sie auch so unter Spannung geraten
ist, sich aber selber beruhigen konnte. Sie denkt nach: "Ja, neulich, da hab ich mir
gesagt: Jetzt rufst du ihn nicht an! und hab Musik angemacht und so aus dem
Fenster geguckt und da kamen viele Bilder in mir hoch. Danach war ich ruhig, hab mich an
den Computer gesetzt und gearbeitet."
Winnicott spricht von der Fähigkeit, in Anwesenheit eines
anderen allein zu sein. Er betont, daß diese Fähigkeit die Erfahrung einer wiederholten
ausreichend guten Bemutterung voraussetzt, wodurch eine innere Zuversicht und der Glaube
an eine wohlwollende Umwelt aufgebaut wird.
Die Säuglingsforscher haben diese ausreichend gute
Bemutterung in beobachtbare Interaktionsepisoden aufgegliedert und daraus ein
Konzept der Feinfühligkeit entwickelt, bei dem es um die Fähigkeit der Mutter geht, auf
die Impulse des Kindes angemessen zu reagieren. Die Säuglingsforscher gehen davon aus,
daß ein Kind, das regelmäßig in Situationen, in denen es verzweifelt ist, beruhigt und
getröstet wird, diese Regulationen zu einer automatischen emotionalen
Selbstberuhigungsaktivität transformiert, die dem Kind dann auch in Abwesenheit der
Eltern zur Verfügung steht.(Dornes) Mahler spricht von Objektkonstanz als der Fähigkeit,
das abwesende Objekt intrapsyschisch zur Verfügung zu haben und damit auch dessen
Bemutterungsfunktion.
Ich möchte nun das Konzept Winnicotts zu dem der
Säuglingsforscher in Beziehung setzen, ihre Komplementarität und Verzahnung bei aller
Unterschiedlichkeit der Sprache und des Zugangs aufzeigen und dies mit Beispielen aus
meiner Kindertherapiepraxis anreichern.
Ich beziehe mich hier vor allem auf Winnicotts Vortrag
"Die Fähigkeit zum Alleinsein", der in "Reifungsprozesse und fördernde
Umwelt" veröffentlicht ist. Winnicott betont darin, der Fähigkeit des Alleinseins
gehe die Fähigkeit voraus, in Anwesenheit eines anderen allein zu sein. Das klingt
zunächst wie ein Pardoxon und doch ist die Fähigkeit, in Anwesenheit eines
anderen allein zu sein, eine wesentliche Fähigkeit, um sein personales Selbst, wie dies
Winnicott ausdrückt, entdecken zu können.
In Anwesenheit eines anderen allein sein können heißt,
daß ich bei mir bleiben kann, mit mir beschäftigt, mit meinem Spiel, meiner Arbeit,
meinen Gedanken, obwohl oder weil ein wichtiger anderer anwesend ist. Das setzt voraus,
daß dieser andere mir ein Gefühl von Sicherheit, von Aufgehobensein vermittelt, daß er
mir die Erlaubnis gibt, bei mir sein zu dürfen, daß er sich dadurch nicht
zurückgewiesen fühlt, wertlos, unbeachtet. Das setzt auch voraus, daß keine Gefahr von
diesem anderen ausgeht, daß ich keine Übergriffe befürchten muß, keine plötzlichen
Stimmungsschwankungen, Wutausbrüche oder andere unvorhersehbare Handlungen, die ich mit
all meinen Antennen vorausahnen muß, um davon nicht überrascht und überwältigt zu
werden.
Juliane: "Wenn sie mich fragen, wie es mir geht, wenn
das und das passiert, dann fällt es mir schwer, ihnen zu antworten. Es fällt mir schwer,
mich auf mich zu konzentrieren, bei mir zu bleiben, meine Gefühle, meine Empfindungen zu
erkunden. Ich denke zuerst, was möchten sie gerne hören, worauf wollen sie hinaus. Wenn
ich das und das sagen, wie werden sie dann reagieren, werden sie genervt sein,
gelangweilt, erfreut? Manchmal möchte ich etwas sagen, damit sie stolz auf mich sind,
manchmal genau das Gegenteil. Ich will sie ärgern, provozieren und freue mich, wenn es
mir gelingt."
Diese Patientin ist auf mich ausgerichtet, auf meine
Reaktion. Sich in meiner Anwesenheit mit sich selbst zu beschäftigen, hieße für diese
Patientin, sich mir ungeschützt auszuliefern. Wenn sie sich ihren Gedanken und
Assoziationen überließe, welche unkontrollierten Gedanken, Gefühle, Wünsche und
Bedürfnisse kämen dann an die Oberfläche, welche Aspekte ihrer Persönlichkeit? Wie
werde ich mit diesen Gefühlen und Wünschen umgehen? Werde ich sie zurückstoßen,
befremdet sein, ungehalten? Wie wird sie selber sich dann fühlen? Wird sie sich schämen
für diese oft unerwünschten Gefühle, Gedanken, Wünsche, Verhaltensweisen? Sich
verachten? Ist sie so, wie sie ist, richtig? Eine spannende Frage für eine junge Frau,
die in Therapie geht, um sich zu verändern, die aber möchte, daß die Therapeutin sie so
annimmt, wie sie ist, damit sie sich selber annehmen kann.
Der anamnestische Hintergrund: ein willkürlicher, zu
Jähzorn neigender, übergriffiger Vater mit einem hohen Ich-Ideal, dem sie es nicht recht
machen konnte, und eine depressive Mutter, die mit sich beschäftigt war und dem kleinen
Kind wenig zur Verfügung stand.
Wenn Winnicott sagt, daß die Fähigkeit zum Alleinsein die
Erfahrung einer ausreichend guten Bemutterung voraussetzt, so haben die Säuglingsforscher
anhand der Beobachtung von Kleinkindern diese ausreichend gute Bemutterung in kleine
Interaktionssequenzen eingeteilt und anhand dieser kleinen Sequenzen die frühen
Regulationsmechanismen zwischen Mutter und Kind dargestellt. So entwickelt sich zwischen
dem 2. bis 6. Monat zwischen Baby und Bezugsperson - Caregiver sagen die
Säuglingsforscher - das sogenannte Lächelspiel; dabei regulieren sich zwischen Säugling
und Bezugsperson Nähe und Distanz, Stimulierung und Ruhe, Für-Sich- und
Mit-dem-Andern-Sein, Spannung und Entspannung. Wobei, und darauf weisen die
Säuglingsforscher hin, das Baby einen aktiven Part übernimmt - so man es läßt! Bei
diesem Lächelspiel entstehen erste Interaktionsmuster, erste Empfindungen von
Urheberschaft, von eigenem Raum, erste Erfahrungen von Sich-Trennen und Sich-Wiederfinden.
Bei dem Lächelspiel treffen sich die Augen der Partner,
des Kindes und seiner Bezugsperson, in einem gewissen Rhythmus, auf den beide Partner sich
einschwingen. Dieser Blickkontakt wird begleitet von allen möglichen Lauten, Körper- und
Gesichtsbewegungen und steigert sich zu einem gegenseitigen Lächeln oder Juchzen. Das
Baby wendet dabei immer wieder den Kopf ab, um kurz darauf den Blick wieder aufzunehmen.
Über das Kopfabwenden kann das Baby sein Erregungsniveau und seinen Affektzustand
regulieren. Messungen haben ergeben, daß der Puls des Kindes ansteigt, wenn das
Lächelspiel seinem Höhepunkt zustrebt und in dem Moment abrupt abfällt, in dem das Kind
seinen Blick abwendet. Das macht deutlich, wie eng die individuelle körperliche
Regulation, etwa des Pulses, mit der interaktiven Regulation verzahnt ist. Das läßt
vermuten, welche Folgen es haben kann, wenn die Bezugsperson das Pausierungsbedürfnis des
Kindes nicht respektieren kann. Wie sehr eine Bezugsperson sich auf den Rhythmus des
Kindes einstellen kann, hängt davon ab, welche eigenen Bedürfnisse sie in der
Interaktion mit dem Kind befriedigt und wieweit sich diese mit denen des Kindes decken. Es
hängt auch davon ab, wie sie das Verhalten des Kindes z.B. das Kopfabwenden
interpretiert. Empfindet sie es als Zurückweisung, so könnte sie sich ihrerseits
zurückziehen und, wenn das Baby den Kontakt wieder aufnehmen möchte, nicht mehr zur
Verfügung stehen. Ein anderer Elternteil könnte das Blickabwenden nicht respektieren und
dem Blick des Babys folgen, das Kind immer wieder zur Kontaktaufnahme stimulieren. Meist
ist für diesen Elternteil das eigene Erregungsniveau für die Interaktion mit dem Kind
maßgeblich, der eigene Rhythmus. Es fällt ihm schwer, sich auf den Rhythmus des Kindes
einzustellen. Ein anderer Elternteil wiederum könnte konkrete Vorstellungen haben, wie
sich ein Baby verhalten sollte. Gemessen an diesen Vorstellungen könnte er den Säugling
als zu langsam, zu gierig, zu fordernd empfinden. Auch dieser Elternteil wird dann
versuchen, das Kind zu manipulieren, ihn zu einem anderen Rhythmus zu bewegen. Das
Kopfabwenden des Babys in diesem wechselseitigen Spiel kann als eine erste Vorform
angesehen werden der sich entwickelnden Fähigkeit des Alleinseins, d.h. allein/
eigenständig sein zu dürfen.
In seinem Buch "Die Mutterschaftskonstellation"
beschreibt Stern wie bestimmte Themen durch verschiedene Klinische Fenster
hindurch verfolgt werden können. Er geht davon aus, daß klinisch relevante Grundthemen
wie Vertrauen, Bindung, Abhängigkeit, Selbständigkeit, Kontrolle, Autonomie,
Bemeisterung und Selbstregulation Themen darstellen, die während des ganzen Lebens
relevant bleiben. Sie sind nicht alters- oder phasenspezifisch. Keine der frühen
Lebensphasen ist speziell der Herstellung einer endgültigen Version irgendeines dieser
Themen gewidmet. Zwischen dem Baby und einer überkontrollierenden Mutter werden sich in
den unterschiedlichen Phasen immer wieder dieselben Themen herausbilden, aber mit jedem
Entwicklungssprung nimmt die Verhandlung des Themas(z.B. der Eigenständigkeit) eine
unterschiedliche Gestalt an.
Eindrücklich beschreibt Stern in einem Kapitel die
Interaktion zwischen einem Säugling und seiner depressiven Mutter. Er zeigt auf, welche
unterschiedlichen Interaktionsmuster sich herauskristallisieren können und welche Folgen
das für die Erwartungen des Säuglings, für seine späteren Erlebnisweisen, für seine
Verhaltensstrategien haben kann. Läßt sich eine Mutter von Zeit zu Zeit durch das
Lächeln ihres Babys zum Leben erwecken, so entstehen andere Gefühle von Urheberschaft,
als wenn das Baby wenig Reaktionen in der Mutter auslösen kann, in Identifikation mit ihr
in eine Art Minidepression zusammensackt.
In diesen ersten Monaten brechen die Regulationsprozesse
oft zusammen. Gemeinsamer Rhythmus, Unterstimulierung und Überstimulierung wechseln sich
ab. Die Beruhigung des schreiendes Babys ist vielleicht eine der schwierigsten Aufgaben in
dieser Zeit. Stern(1998, S.92) zitiert Zeanah, der feststellt, daß Schreien bei weitem
das häufigste Problem sei, das Eltern von Säuglingen motiviert, Hilfe zu suchen. Die
Fähigkeit, ein Kind zu trösten und zu beruhigen, hängt im wesentlichen davon ab,
inwieweit die Eltern ihre eigenen Erregungszustände regulieren können. Sie hängt auch
davon ab, wie die Eltern das Schreien des Babys interpretieren, d.h. welche Bedeutungen
sie ihm zuschreiben, welche Phantasien durch das Schreien ausgelöst werden. Schreien
steckt an, löst bei anderen Säuglingen Schreien aus, steigert das Erregungsniveau. Auch
Lächeln hat diese stark ansteckende Eigenschaft, die aber meistens in der Interaktion
erwünscht ist. Sich anstecken lassen und die ausgelösten Affekte modulieren können ist
eine wichtige Fähigkeit, um ein Kind beruhigen und trösten zu können, nicht mit ihm in
Panik zu geraten. Finden diese Regulationsprozesse wiederholt statt, können sie von dem
Kind verinnerlicht werden, und es kann sie mit der Zeit als eigene Fähigkeit evozieren.
Dornes hat in seinem Buch "Die frühe Kindheit"
Objektkonstanz als eine Fähigkeit beschrieben, nämlich als die Fähigkeit zur
Selbstberuhigung. "Die Rede vom guten oder schlechten Selbst- und Objekt-
"Bild" ist ...metaphorisch zu verstehen. Libidinöse Selbst- und Objektkonstanz
kommt entwicklungspsychologisch nicht in erster Linie so zustande, daß ein Kind sich
während der Trennung immer wieder explizit die Momente aus der Vergangenheit bildhaft ins
Gedächtnis ruft, in denen die Mutter es tröstete, wenn es Kummer hatte, oder es
warmherzig nach der Trennung begrüßte. Sondern: Wenn Trost und Warmherzigkeit
alltägliche Erfahrungen waren, dann werden sie in emotionale Automatismen transformiert,
die dem Kind eine unbewußte (automatische) Selbstberuhigung auch in
Abwesenheit der Eltern erlauben. Das Wesentliche an der Fähigkeit, (kurze) Trennungen zu
ertragen, ohne das Objekt zu hassen oder sich selbst zu beunruhigen, liegt also nicht in
erster Linie in der kognitiven Fähigkeiten des Kindes, das abwesende Objekt
intrapsychisch als Bild zu evozieren und sich damit /dadurch zu trösten(obwohl das auch
eine Rolle spielen mag), sondern darin, eine Art automatischer emotionaler
Selbstberuhigungsaktivität zur Verfügung zu haben, die sich nicht auf kognitive
Operationen gründet, sondern auf die in der Vergangenheit gemachten regelmäßigen
Beruhigungs-,Trost- und Trennungserfahrungen." (Dornes 1997, S.309)
Im therapeutischen Prozeß erleben wir eher die
Inszenierungen mißglückter früher Dialoge. Gerade in der Kindertherapie erfordert dies
ein hohes Maß an eigener Regulationsfähigkeit. Kinder agieren und das zumeist
blitzschnell. Eh sie sich versehen, ist das Therapiezimmer in eine Trümmerlandschaft
verwandelt und jede wohlmeinende Deutung geht im Chaos unter. In die Position des Kindes
gehen können, in seine Welt eintauchen, sich einfühlen in seine Erlebnisweisen und dann
in die therapeutische Distanz zu gehen, verwickelt werden und immer wieder einen
klaren Kopf zu bekommen. Das erfordert ein hohes Maß an Flexibilität.
Rainer Krause hat in einem workshop in Berlin anhand von
Videosequenzen die Affektabstimmung zwischen Therapeut und Patient aufgezeigt. Deutlich
wurde an diesen Aufnahmen, daß 80% der Informationen, die ausgetauscht werden, nicht
bewußtseinsfähig sind, d.h. auf der Ebene der Mimik, der Physiologie, der
Körperhaltung, des Blickkontaktes ausgetauscht werden. Je schwerer gestört die Patienten
waren, desto stärker waren sie auf einen Leitaffekt festgelegt, unfrei in der Breite
ihrer Ausdrucksmöglichkeiten. Trifft nun ein Gesunder im Gespräch auf einen schwer
gestörten Patienten, so paßt sich der Gesunde im Verlauf des Gespräches den reduzierten
Ausdrucksmöglichkeiten des Patienten an, läßt sich in sein System hineinziehen. Auch
Therapeuten passen sich zunächst an, wobei diese Anpassungsprozesse überwiegend
unbewußt geschehen. Wichtig für uns als Therapeuten, und besonders als Kindertherapeuten
ist es, daß wir uns von diesen zumeist negativ Affekten zwar anstecken lassen, diese dann
aber umwandeln können, daß wir die Beziehungsmuster erleben und darauf nicht reziprok,
und damit bestätigend, sondern eben anders reagieren können, mit dem Patienten die
Erfahrung einer anderen, neuen Beziehung machen können.
Was passiert aber, wenn wir uns in ein Beziehungsmuster
haben hineinziehen lassen, welche Möglichkeiten haben wir, wieder in die therapeutische
Distanz zu gehen? Wie und mit welchen Mitteln können wir als Therapeuten uns regulieren,
wenn wir zu sehr verstrickt sind? Stern hat in einem Vortrag von "moments of
now" gesprochen, von Momenten der Wahrheit. In der Therapie mit Kindern erleben wir
diese Momente oft, weil eigene Kindheitsmuster belebt werden, die größtenteils implizit
und prozedural sind, die nicht gewußt sondern agiert werden und/ oder weil durch
Affektansteckung Prozesse ausgelöst werden, die automatisiert ablaufen.
Ich möchte dazu ein Beispiel geben: Ein damals 7jähriges
Mädchen. Ich nenne sie Lisa. Ein unruhiges Kind. Ein schwieriger Therapiebeginn. Ich bin
unsicher, ob sich daraus eine Langzeittherapie entwickeln wird. Viele Absagen. Die Mutter
erscheint als Geschickte, mißtrauisch- verschlossen. In den Sitzungen mit Lisa kann ich
wenig mitschwingen, kann mich schlecht auf sie einstellen, habe das Gefühl, sie in ihrer
Unruhe nicht halten zu können, keinen Zugang zu ihr zu finden, sie nicht zu verstehen.
Sie spielt nicht, sie malt nicht. Sie fängt viel an, bricht es immer wieder ab, springt
von Spielzeug zu Spielzeug. Sie stellt ununterbrochen Fragen, Fragen, die ich als
distanzlos und bedrängend erlebe. Zu einer Sitzung in dieser Anfangsphase kommt sie und
verkündet: "Heute will ich malen!" Sie will ein ganz großes Blatt, alle
Stifte, malt ein, zwei Striche. "Kann ich das mitnehmen? Für meine Mama, bitteee,
warum kann ich das nicht mitnehmen. Hier darf man gar nichts." Sie kaut auf ihrem
Buntstift, hat merklich keine Lust mehr weiterzumalen. "Malst Du auch was? Mal doch
auch mal was? Warum malst du nichts?" Der Ton wird immer quengelnder. Sie rutscht auf
dem Stuhl hin und her, erregt sich und auch ich spüre Unruhe in mir aufsteigen. "Sag
mal was, warum sagst du nichts?" Mir fällt nichts ein, jedenfalls nichts, was mein
therapeutisches Über-Ich zulassen würde. Ich merke, daß ich den Atem anhalte, mich wie
gefangen fühle. Ich stehe auf, gehe ans Fenster und öffne es. Ich schaue hinaus auf die
Bäume. "Immer ist das so schwierig zwischen uns," denke ich, "sie hat so
etwas trotzig Forderndes, so als ob sie hier nichts kriegen würde." Mir fällt ein
Kindergedicht aus meinem ersten Lesebuch ein: Mein kleiner Bruder Ärgerlich und ich muß
lachen. Ich erzähle ihr das Gedicht: Mein kleiner Bruder Ärgerlich hat alles, was
er will, und was er hat, das will er nicht, und was er will, das hat er nicht, mein
kleiner Bruder Ärgerlich hat alles, was er will. Jetzt muß auch sie ein wenig das
Gesicht verziehen. Die Situation zwischen uns entspannt sich. Wir haben beide Humor.
"Sieh mal an, eine Gemeinsamkeit", denke ich schmunzelnd. Jetzt fällt mir eine
schöne Situation zwischen uns aus einer der letzten Sitzungen ein. Wir hatten zusammen
Musik gemacht. Lalala, Kleinkinderlieder gesungen. Beim Singen konnten wir uns aufeinander
einstellen, konnten mit den Melodien unterschiedliche Stimmungen ausdrücken, mit dem
Rhythmus Erregungen aufnehmen und modulieren. Daran knüpfe ich an, frage sie:
"Wollen wir zusammen Musik machen?" Eine vielleicht ungewöhnlich aktive
Intervention: etwas vorschlagen, auf eine geglückte Interaktion als gemeinsame Ressource
zurückgreifen. In der Arbeit mit den Eltern frage ich oft, wenn die Klagen über das Kind
nicht enden wollen: "Und was funktioniert? Was mögen sie an ihrem Kind? Wann
verstehen sie sich?" Ich habe festgestellt, daß wir in Krisensituationen eher
Lösungen finden, wenn wir uns die Bedingungen angucken, unter denen die Interaktion
glückt. Diese Intervention habe ich auf die Therapiesituation angewendet, auf die
therapeutische Beziehung. Ist diese Intervention hilfreich oder behindert dieses aktive
Eingreifen den therapeutischen Prozeß? Kann dadurch möglicherweise das Beziehungsmuster
nicht verstanden, nicht bearbeitet, nicht verändert werden? Hilft meine Intervention der
Patientin bei ihrer Fähigkeit, sich selber zu regulieren, oder habe ich "nur"
mir selber geholfen?
Ich möchte einige Daten zum familiären Hintergrund ergänzen, damit das Beziehungsmuster
deutlicher wird, um diese Fragen dann wieder aufzunehmen.
Lisas Mutter hat eine schwere Angstsymptomatik. Sie hat die
kleine Tochter schon früh gebraucht, um die eigene Angst regulieren zu können.
Eindrücklich beschreibt sie mir, wie sie oft nicht auf die Straßen gehen kann, weil sie
Angst hat, ohnmächtig zu werden. Ihr Herz fängt an zu rasen bei der Vorstellung, gleich
auf die Straße gehen zu müssen, und sie weiß, wenn sie jetzt zu Hause bleibt, wird es
nur noch schlimmer. Mit der Tochter zusammen ginge es viel besser. Lisa schaffe es immer
wieder, sie von ihren Ängsten durch ihr Gequassele, durch ihr Trödeln, ihre
Widerständigkeit abzulenken. Sie sei ganz schnell mit Lisa und nicht mehr mit sich
beschäftigt. "Komm jetzt!" "Laß das!" "Hör sofort damit
auf!" Auf diesem Hintergrund ist der oben beschriebene Anfang der Sitzung
verständlich. Die Patientin reinszeniert ein Beziehungsmuster mit mir, das in der
Interaktion mit der Mutter für beide überlebenswichtig ist. Sie spielt dabei den aktiven
Part ( Mach mal, tu mal) wie auch den Part, der durch seine Aktionen mich dazu
bringt, "paß auf, laß das!" zu sagen. Das hat im Zusammensein mit der oft
depressiven, innerlich abwesenden Mutter eine Funktion, wirkt aber abzulenken in der
Therapiesituation zunächst inadäquat. Ich bin zwar ruhig, aber doch mit ihr
beschäftigt. Außerdem gibt ihr der therapeutische Raum die Möglichkeit, ihre Konflikte
symbolisch darzustellen. Dazu ist sie aber noch nicht in der Lage. Sie klebt an mir,
braucht mich zur eigenen Regulation. Mein ruhiges mit ihr Beschäftigtsein beunruhigt sie.
Sie braucht jemanden, an dem sie sich reiben kann, den sie spüren kann, um sich selber zu
spüren. Sie erregt sich, um sich lebendig zu fühlen. Sie braucht eine reale, lebendige
Beziehung, in der sie die Möglichkeit hat, unterschiedliche Gefühle, Nähe und Distanz
zu erleben. In der Schule onaniert sie exzessiv im Unterricht. Sie konstelliert einen
Teufelskreis aus Erregung und heftiger Reaktion ihrer Umwelt. In der Beziehung zur Mutter
dient diese heftige Stimulation der Depressionsabwehr und zwar der gemeinsamen, sie
verbindet Mutter und Tochter, stellt Nähe zwischen beiden her. Sie beschwichtigt die
Trennungsangst, die Angst, den anderen zu verlieren, die Angst zu sterben. Jetzt wird es
vielleicht verständlich, warum meine ruhige Zugewandtheit sie bedroht. Sie spürt mich
nicht, hat Angst in diesem weiten, stillen Raum zu versacken, verloren zu gehen. Mit ihrem
unaufhörlichen Reden vergewissert sie sich: Bist du noch da? Bist du noch für mich da?
Sie braucht die Therapeutin als eine Person, die strukturierend und regulierend eingreift.
Weil sie mich braucht, auf mich angewiesen ist, muß sie mich beherrschen, mir ihren
Willen aufzwingen. Meine Eigenständigkeit bedroht sie. Zudem hat sich in Lisa die
Gewißheit etabliert, daß sie ohne Kampf gar nichts bekommt, daß sie ohne Geschrei gar
nicht bemerkt wird. Mit ihrem Geschrei erreicht sie eine Reaktion, manchmal, wenn sie
lange genug quengelt, eine Befriedigung der materiellen Wünsche ("kriege ich ein
...") Das gibt ihr das Gefühl, wirksam und mächtig zu sein, nicht klein und
ohnmächtig, ausgeliefert. Auch bei mir will sie die Große sein, fordert, kämpft.
"Ich bin aber stärker." Manchmal ist es dann schwierig, hinter der trotzigen
Kämpferin das kleine bedürftige, das verzweifelte Kind zu sehen, das Kind, das Liebe
möchte und immer wieder Ablehnung provoziert, und mit diesem Kind zu kommunizieren, auf
einer Ebene, die diesem Kind angemessen ist, in einer Art, die es nicht beschämt. Die
Machtkonflikte, die sie inszeniert, um sich groß und mächtig zu fühlen, kann man
deuten, bewußt machen. Eine ausreichend gute Selbstregulation ist aber implizites,
prozedurales Wissen und kann sich m.E. erst aufgrund wiederholt erlebter
Regulationserfahrungen ausbilden. Auf diesem Hintergrund wird vielleicht meine
Intervention verständlich. Das gemeinsame Musizieren stellt für uns beide eine andere
Regulationserfahrung dar, eine, die nicht an Kontrolle und Bemächtigung gebunden ist. Das
gemeinsame Musizieren nimmt ihr Bedürfnis nach Aktivität und Lebendigkeit, nach Nähe
und Bezogenheit auf. Wir kommunizieren über ein Medium, so daß zwischen uns erste
Ansätze eines schöpferischen Raumes entstehen können. Wir regredieren beide auf einen
frühkindlichen Dialog, in dem wir uns als aufeinander bezogen erleben können. Das
Musizieren ist ein gegenseitiger aktiver, lebendiger, schöpferischer Prozeß, für den
wir beide gleich gute Möglichkeiten einbringen und bei dem sie ihre Erregung aktiv
regulieren kann, bei dem wir unterschiedliche Stimmungen, unterschiedliche Gefühle
ausdrücken können. In dem Sinne nimmt es ihre Bedürfnisse auf, durchbricht aber das
pathologische Muster, stellt ihr eine andere, eine neue Möglichkeit zur Verfügung, diese
Bedürfnisse zu befriedigen. Lisa hat für sich eine weitere Lösung gefunden: Zu den
letzten Sitzungen hat sie eine Stoffpuppe mitgebracht, Mäxchen. In der Interaktion mit
Mäxchen finde ich gerade heraus, was so ein kleines, sagen wir mal 3-jähriges Kind alles
braucht, was es sich wünscht; wie es ihm geht und wie es sich manchmal fühlt. Über
diese Stoffpuppe kann Lisa Bedürfnisse nach Versorgtwerden, nach Umhegtwerden, nach
Kuscheln ausdrücken, über sie kann sie das Bemuttertwerden genießen.
Für Winnicott ist die Fähigkeit allein zu sein ein
Zeichen der Reife. Sie ist etwas anderes als Zurückgezogenheit, die Flucht aus einer
Beziehung, die als zu bemächtigend erlebt wird. Der Unterschied ist für ihn der Grad des
Entspanntseins, den man im Zusammensein mit einem wichtigen anderen erlebt.
Allein sein können heißt: die Eltern als Eltern, als Paar
erleben zu können oder, wie es Winnicott ausdrückt, die Erfahrung der Urszene aushalten
zu können.
Um die Eltern als Paar erleben zu können und emotional
auch als solche zu akzeptieren, braucht es Eltern, die in der Elternposition sind, und die
in dem Kind das Kind sehen, nicht den idealen, weil ganz auf sie eingestellten Partner,
die ideale, nährende, Bedürfnisse befriedigende Mutter oder den gefürchteten,
gewalttätigen Vater, vor dem sie sich schützen müssen.
Es ist notwendig, daß die Eltern sich als Paar erleben,
als Paar aufeinander bezogen sind. In dem Sinne ist Kindertherapie immer auch
Familientherapie. Die Fähigkeit zur Spannungsregulation als erlebte, erfahrene
Fähigkeit. Wie viele von ihnen haben nicht schon - sagen wir samstags in der
Fußgängerzone - schreiende Kinder und genervte, schreiende, schlagende Eltern erlebt.
Eltern, die durch das Schreien der Kinder in einen derartigen Spannungszustand geraten,
den sie selber nur durch Schreien/ und oder Schlagen abreagieren können. Eltern, die ihre
unruhigen, quengelnden Kinder mit Süßigkeiten beruhigen, trösten, beschäftigen.
In den Symptomen unserer Patienten sehen wir die
Reinszenierungen dieser Interaktionsformen. Kinder, die sich schneiden, wenn sie in
Panik geraten, verzweifelt sind, Mädchen, die anfangen zu essen. Kinder, die sich selber
so behandeln, wie sie behandelt wurden.
Identifikation mit dem Aggressor hat das Anna Freud in "Das Ich und die
Abwehrmechanismen" genannt. Das Kind greift auf die Beruhigungsformen zurück, die es
überwiegend erlebt hat.
Anja: "Am stärksten habe ich diese Eßanfälle, wenn
ich aus der Schule nach Hause komme, hundemüde und erschöpft einen leeren
Nachmittag vor mir. Dann gerate ich unter Spannung. Ich fühle mich hilflos und
verzweifelt, ich schaufle dann haufenweise Essen in mich rein, danach fühle ich mich
total elend."
Aber auch dieses Mädchen kennt, wenn ich sie danach frage,
andere Beruhigungsformen. Nur sind sie ihr nicht immer verfügbar.
Aber danach gefragt, erinnert sie sich an die Sitzungen einer Atemtherapie, die sie
gemacht hat. Plötzlich kann sie für sich das Gefühl wiederbeleben, in Balance zu sein
ein Gefühl von Glück und Zufriedenheit, von Ausgeglichenheit. Und sie stellt sich
vor, wie sie sich nach der Schule auf ihren kleinen Balkon setzt und sich für 5 Minuten
auf den Atem konzentriert. Ob es für sie eine neue und andere Möglichkeit sein könnte,
Kraft und Energie zu schöpfen?
Die meisten meiner Patientinnen haben die Fähigkeit zum
Alleinsein nicht erwerben können. In ihrer Fähigkeit zur Spannungsregulation sind sie
auf wichtige andere und auf Ersatzregulationen angewiesen.
Wir als Therapeutinnen werden in diese pathologischen
Beziehungsmuster hineingezogen, lassen uns hineinziehen, um uns am eigenen Schopf, mit
Hilfe unserer Supervisions- und Intervisionsgruppen wieder herauszuziehen.
Einer meiner Ausbilder in systemischer Familientherapie
sagte einmal zu mir: "Innerlich höre ich an den kritischen Stellen dann,
wenn ich wieder so verstrickt bin - die Kollegen an die (imaginäre) Einwegscheibe
klopfen und weiß dann: Jetzt mußt du raus!" Er beschreibt hier einen
Prozeß, der in der Realität so stattgefunden hat, den er verinnerlichen konnte, und der
ihm nun als innerer Dialog zur Verfügung steht.
Zuletzt etwas Kritisches zu diesem Vortrag
Ich habe bei meinen Beispielen eher von vereinnahmenden,
mißbrauchenden, bedürftigen Müttern geredet, weniger von den Väter. Alle Eltern, so
möchte ich jetzt anmerken, waren einmal Kinder und haben ihre eigene Genese.
Im psychoanalytischen Diskurs nennt man es "mother
blaming": Wenn die Kinder krank sind, haben die Mütter Schuld. Rohde-Dachser et al.
haben in der Psyche eine Untersuchung veröffentlicht, in der sie darstellen,
in welcher Art und Weise männliche und weibliche Psychoanalytiker in ihren
Fallbeschreibungen das Wort "Mutter" und "Vater" verwenden und wie
häufig und mit welchen Konnotationen sie Begriffe benutzen, die im Wortumfeld von
"Mutter" und "Vater" auftauchen. Dabei traten signifikante
Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Autoren zutage. In den Beschreibungen der
männlichen Autoren ist so fassen die Autorinnen die Untersuchung zusammen - die
Schilderung der Mutter durchweg aggressiv getönt und vom Wunsch nach Befreiung von ihr
getragen.
Mütter, so betont Rohde-Dachser in einem anderen Aufsatz, erscheinen in psa
Fallbeschreibungen und Theorieentwürfen als verschlingend, dunkel, kastrierend, beengend,
ungeordnet, Väter als befreiend, strukturbildend, rettend. Und meistens sind Mütter eben
"nicht ausreichend gut".
Aber ist die Mutter nicht verantwortlich, gerade in den
ersten Lebensmonaten werden sie jetzt vielleicht innerlich ausrufen. Sie wird
verantwortlich gemacht und mit dieser Verantwortung ziemlich allein gelassen, möchte ich
ihnen antworten.
Deutlich wurde mir das bei einem Vortrag, den Maya Nadig
1996 hier in der Koserstraße gehalten hat. Mutterschaft so betont sie - ist ein
individuelles und soziales Phänomen. Sie ist Ausdruck biologischer, sich im Individuum
vollziehender Prozesse der körperlichen und mentalen Veränderung. Die persönliche
Identität der Frau gerät in Bewegung. Gleichzeitig ist die Mutterschaft der grundlegende
Faktor für das Überleben einer Gesellschaft und stellt einen kulturell hoch besetzten,
geformten und kontrollierten Prozeß dar. In der
Mutterschaft, so Maya Nadig, ist der Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft in
besonderer Schärfe enthalten. Anhand ihrer Studien über die Geburtsrituale der Mayas auf
dem Yukatan in Mexiko schildert sie, wie eine indianische Bauerngesellschaft diesen
Widerspruch löst, daß heißt in welcher Weise diese Gemeinschaft Verantwortung
übernimmt bei der Geburt, aber auch in den ersten Lebensmonaten und -jahren des Kindes.
Eindrücklich beschreibt sie, welche Rituale in dieser Gesellschaft entwickelt wurden,
welche festgelegten, sich mit dem Lebensalter des Kindes verändernden Aufgaben die
Mitglieder dieser Gemeinschaft übernehmen, um die Mutter in der schwierigen Zeit der
Geburt und der ersten Lebensmonate zu begleiten. An diesem Vortrag wurde mir klar, wie
allein wir unsere Mütter mit der Verantwortung lassen, und wie hoch die
unterschiedlichen, oft widersprüchlichen Erwartungen an sie sind. Scheitert sie, wird das
Kind krank oder auffällig, trägt sie die Schuld. Sie wird zur Erzieherin, Lehrerin
zitiert. Sie sitzt uns gegenüber. Und natürlich wird der Heilungsprozeß des Patienten
davon abhängen, inwieweit wir uns in ihr Schicksal einfühlen können oder ob wir sie aus
der Kindposition heraus verteufeln.
Mütter, die ihren Kindern keinen Halt geben können, weil
sie selber nicht gehalten wurden, brauchen ein therapeutisches Milieu, in dem sie
gehalten, in dem ihre Konflikte ausgehalten werden. Dazu braucht es Therapeuten, die ihren
Rückhalt wiederum in einer offenen, kollegialen Atmosphäre finden, in der "moments
of now" ausgehalten werden.
Literatur:
Dornes,M.(1997): Die frühe Kindheit. Frankfurt am Main:
Fischer
Köhler,L.(o.J.): Neue Erkenntnisse der
Entwicklungspsychologie der ersten drei Lebensjahre. Skriptum
Nadig, M. (1989): Die gespaltene Frau Mutterschaft
und öffentliche Kultur, in: Was will das Weib in mir? Freiburg: Kore
Rohde-Dachser, Christa et al.(1993): "Mutter" und
"Vater" in psychoanalytischen Fallbeschreibungen. In: Psyche 793
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