Vortrag
im August '97 zur Jubiläumsfeier
des Psychosozialen Forums PSF e.V.
Was ich Ihnen vortragen möchte, steht stellvertretend für
eine ganze Reihe theoretischer Setzungen, die ich nicht alle in diesem Vortrag entfalten
kann. Es geht um ein neues Denken in der Psychologie. Zur Darstellung bringen will ich
dieses Denken nun von einem bestimmten Ansatzpunkt aus, und der ist das
"Bildverstehen". Bildverstehen ist unser Name für das Seelische.
Lassen wir uns für eine kurze Zeit hier einmal darauf ein,
das Psychische auf eine ungewöhnliche Weise zu betrachten. Und damit keine unnötigen
Verwirrungen entstehen: Ich gebrauche die Worte immer in ihrer allgemeinsten Bedeutung.
Andernfalls mache ich es durch den Zusammenhang oder über zusätzliche Erläuterungen
eindeutig. Wenn ich also hier einmal vom Psychischen und ein anderes Mal vom Seelischen
spreche, dann meine ich in beiden Fällen das gleiche.
1. Bildverstehen, ein neuer Begriff von Psyche.
Mit einer bildanalytischen Psychologie - und so nennen wir
unsere Art zu denken - lösen wir uns von dem traditionellen Seelenbegriff. Wir schaffen
uns dabei einen neuen und erweiterten. Psyche, so legen wir fest, ist für uns alles,
wovon wir sagen können, daß es sich nach Art eines Bildes versteht. Die Seele ist für
uns nämlich das "Bildhafte-sich-Verstehen" gleich welchen Zusammenhangs. Kurz:
das jeweils gegebene "Bildverstehen".
Beispiel: (die Bilder sind in dieser Version des Vortrags
leider nicht enthalten)
Eine
bebilderte Fassung im pdf-Format
Eine bebilderte Fassung im html-Format,
seitenweise abrufbar
Hier streiten sich offenbar zwei Menschen und es sieht so
aus, als wollten sie sich gleich gegenseitig an die Gurgel gehen. Was ist aber jetzt das
Seelische daran? Für die bildanalytische Psychologie ist das Seelische dieser Situation
genau das, was uns in der Fassung dieses Wortbildes entgegentritt. Die bildhafte
Beschreibung "als wollten sie sich gleich an die Gurgel gehen" steht als ein
Gleichnis für die Art und Weise, in der beide miteinander umgehen. Es beschreibt, wie
sich das beobachtbare Geschehen verstehen läßt, oder bestimmter ausgedrückt: nach
welchem Bild "es sich versteht". Die besondere Situation in diesem Streit hat
also ein ihr eigenes "Bildverstehen" und damit - nach unserem psychologischem
Verständnis - auch eine ihr eigene Psyche und Psychodynamik, was sich an der Fortsetzung
eines solchen Streites auch bestimmt gut zeigen ließe. In der Tiefenpsychologie und
Psychotherapie kommt den Bildern und Gleichnissen natürlich schon immer eine ganz
besondere Bedeutung zu: Man spricht hier z.B. von der Bildersprache des Seelischen. Für
eine bildanalytische Psychologie sind Gleichnisse und Bilder aber NICHT nur bloße
Darstellungsmittel oder Medien - wie es das Wort "Bildersprache" ja nahelegt.
Sie sind vielmehr das Psychische bzw. die Seele der jeweiligen Sache selbst. Hierin
unterscheidet sich das bildanalytische Denken von den anderen im weiten Sinne
tiefenpsychologischen Schulen.
Das Bild oder das Gleichnis ist für uns das, was die
jeweiligen Gegebenheiten zusammenhält. Ein Bild, ein bestimmendes Gleichnis, ist für uns
nicht der Ausdruck einer irgendwo versteckten Seele, sondern die Seele der jeweiligen
Zusammenhänge selbst. Die Bilder sind es , die aus den Zusammenhängen ein "in sich
verstehbares Ganzes" machen. Für uns ist das Seelische nicht gleichzusetzen mit dem,
was wir Erleben und Verhalten nennen, auch nicht mit dem, was wir alles unter einer
Persönlichkeit verstehen. Psychisches geht darüber hinaus: Alle Prozesse, Beziehungen
und Dinge nämlich, soweit sie uns bildhaft begegnen, sind von seelischer Natur.
Seelisches verstehen wir auch nicht als etwas von oben nach
unten Abgeleitetes, als die jeweilige Äußerung einer über allem stehenden Charakter-
oder Persönlichkeitsstruktur etwa. Wir meinen mit dem Psychischen vielmehr eine sich
immer wieder neu einrichtende Wirklichkeit mit wechselnder Mitte, eine Wirklichkeit, die
eben nicht ein einfaches und festes Zuhause hat.
Natürlich bietet sich uns im Erleben und Verhalten und in
allem, was wir mit Persönlichkeit und Entwicklung verbinden, ein besonders gutes Feld,
Psychisches zu studieren. Wir können aber das Seelische auch in ganz anderen
Zusammenhängen finden, so z.B. in Prozessen, die quer durch Dinge und Menschen
hindurchgehen, also z.B. auch in einem Vortragsgeschehen.
In einem Vortrag geht es nicht hauptsächlich um eine
Person und auch nicht schwerpunktmäßig um ein bestimmtes Verhalten und Erleben. Die
Entwicklung eines Vortrags scheint sich in ganz anderer Weise zu verstehen, als es uns die
vertrauten Einteilungen in Zuhörende und Vortragenden z.B. oder in textliche und
sprachliche Dinge erst mal nahelegen.
Was ist z.B., wenn der rote Faden in einer
Vortragsentwicklung verlorengeht? Das "Verlorengehen des roten Fadens" ist
zweifellos ein Vorgang bildhafter Natur - in unserem Sinne also etwas Seelisches.
Kennzeichnend für eine bildanalytische Psychologie ist es nun, in einem solchen Falle
zunächst einmal diesem Wortbild zu folgen und davon auszugehen, daß es der VORTRAG ist,
der den roten Faden verliert und nicht etwa - wie wir vielleicht gerne schlußfolgern
möchten - der Redner.
Das Vortragsgeschehen als ein Ganzes ist es, um dessen
Schicksal und Verlaufsgesetz es geht: Der Vortrag als ein bildlicher Prozeß, der
verschiedene Menschen und Anliegen, Erwartungen, sachliche Gegebenheiten, Atmosphärisches
und vieles vieles mehr in bestimmter Weise miteinander zu verbinden versteht.
Derjenige, der die Rede hält oder auch der Zuhörer etwa
merkt das Verlorengehen des roten Fadens möglicherweise gar nicht oder stellt es
vielleicht erst viel später fest. Und trotzdem kann dieses Bild durchgehend für den
Ablauf der Rede wirksam sein und sich möglicherweise in ganz anderen Dingen als dem
naheliegenden Unruhigwerden der Zuhörer oder dem "Ins- Schwim- men-kommen" des
Vortragenden zum Ausdruck bringen; so z.B. in einem überbetont freundlichen Eingehen des
Redners auf eine technische Frage aus dem Publikum.
Der Vortrag zeigt auf diese Weise auch eine Seele, weil er
einem Bild folgt. Das heißt: die Entwicklung des Vortrags folgt einem EIGENEN Gesetz und
ihr Spielraum ergibt sich aus den besonderen Zwängen und Freiheiten, die durch das
spezifische Bild bestimmt sind.
Ich kann mir vorstellen, daß es für manch einen jetzt
schwierig wird, diesem Gedankengang zu folgen. Es ist nämlich schon etwas ungewöhnlich,
so zu denken. Und aus diesem Grunde werde ich die Form des Vortrags ab hier auch ein
bißchen abwandeln. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich für die Dauer einer
Viertelstunde jetzt nur noch über ein einziges Beispiel reden werde. Und hierzu habe ich
einen bestimmten Gegenstand als Beispiel gewählt: Die Tasse.
Wir legen hierzu nur kurz fest, daß es uns um die Tasse
als Haushalts- und Gebrauchsgegenstand geht. Das heißt, sie soll uns hier nicht so sehr
als Sammelgegenstand oder Reiseandenken, auch nicht als Zeugnis der Kulturgeschichte
interessieren. Nach unserer Auffassung gibt es das sogenannte Ding-an-sich ja nicht. Und
also gibt es auch die Tasse nicht, ohne daß sie uns entweder in der einen oder anderen
Perspektive entgegentritt.
Auch eine anscheinend so simple Sache wie die Tasse, also
eine Tee- oder Kaffeetasse z.B., hat ein Bildverstehen. Und das heißt jetzt nicht nur,
daß sie ein bestimmtes und typisches Erscheinungsbild hat. Nein! Wenn wir von der Tasse
als einem Gebrauchsgegenstand reden, dann meinen wir etwas Umfänglicheres, etwas, das
sich nicht nur auf das Äußere dieses Gegenstands bezieht.
Ich stelle nun die These auf, daß die Tasse für uns etwas
Besonderes leistet. Und wie sieht das nun aus? Da ist also zunächst einmal eine Kanne mit
dem heißen oder warmen Getränk darin. Wollten wir jetzt ohne Hilfe der Tassen davon
trinken, haben wir uns zunächst einmal auf eine Reihe von Einschränkungen einzulassen:
Ohne Tassen müßten wir an die Kanne jetzt direkt heran.
Das hieße aber, wir könnten nicht aus diesem Vorrat so ohne weiteres trinken - wenn zur
gleichen Zeit das noch ein anderer will. Wir müßten also vielleicht erst mal warten, bis
der andere die Kanne freigibt. Außerdem müßten wir mit dem sperrigen Behälter ganz
besonders sorgsam umgehen, sonst könnte schnell ein Mißgeschick geschehen. Wir müßten
uns in unserem Trinkstil auch ganz diesem Vorratsbehälter und seiner besonderen Form
anpassen. Vielleicht kommen wir an das warme Gut ja nur in ganz kleinen Schlückchen oder
umgekehrt auch nur in größeren und wenig kontrollierbaren "Schüttungen"
heran. Vielleicht verbrennen wir uns auch die Finger an der Kanne, weil wir sie irgendwo
anfassen müssen, wo sie zum Anfassen nicht so gut geeignet ist. Wir müßten es uns auch
versagen, den Geschmack des Getränkes individuell noch etwas abzuwandeln, wenn ein
anderer, der aus der Kanne mittrinkt, es anders haben will - und auch dann, wenn wir
allein aus der Kanne trinken und wir es uns mittendrin anders überlegen und das Getränk
nicht mehr so süß wie bisher haben wollen.
Wir sehen, die Tasse bietet uns viele Vorteile, die wir bei
einem "Direktanschluß" an den Vorratsbehälter nicht hätten: Wir können in
gut kontrollierten und uns selbst genehmen Schlucken das Getränk zu uns nehmen. Wir
können es in der Temperatur gut kontrollieren, vom Rande nippend trinken, das Ganze an
der verhältnismäßig großen Oberfläche gut abkühlen lassen. Wir können unseren
Genuß in der Form persönlich variieren, das Getränk in vollen Zügen genießen oder
auch in feinen kleinen nippenden Schlucken. Wir können auch unseren Lippen eine besondere
Wohltat bieten und uns obendrein das Gefühl verschaffen, etwas ganz für uns allein und
persönlich zu haben, so wie einen kleinen Schatz, der nur für uns allein da ist. Das
zeigt uns dann die eigene Tasse an, die vielleicht sogar den eigenen Namen trägt und mit
der wir vielleicht auch eine ganz persönliche Geschichte verbinden.
Interessanterweise erinnert das alles auch an sehr frühe
Verhältnisse, die wir alle kennen, also an die Ernährung durch die warme Zufuhr aus der
Brust der Mutter oder aus der Nuckelflasche. Lassen wir diesen Vergleich einmal zu, dann
sehen wir einigermaßen verblüfft, daß wir durch den Gebrauch von Tassen nicht einer
alten Glückseligkeit hinterherlaufen und diese uns ersatzweise wieder herzustellen
suchen. Nein, wir sehen eher, wie der Mensch mit diesen Tassen eine uns viel besser
erscheinende Form der Mutterbrust-Versorgung entwickelt hat.
Der Mensch scheint mit den Tassen das, was wir alle
entwicklungsgeschichtlich einmal als Erfahrung höchster Beglückung erlebt haben,
überbieten zu wollen: Denn im Unterschied zu früher laufen wir beim Trinken nicht
Gefahr, mit einem falschen Handgriff (bzw. mit einem unpassenden Biß) den Fluß zum
Versiegen zu bringen - z.B. Mutter wird sauer. Wir sind nicht auf ein kleines Rinnsal
angewiesen, wir können auch in großen Schlucken genießen, wenn wir wollen. Wir müssen
uns nicht anstellen, weil die andere Brust jetzt dran ist oder das Geschwisterchen. Wir
brauchen uns beim Trinken auch nicht groß anzustrengen. Wir staunen hier bei dem
Vergleich mit frühen Formen flüssiger Zufuhr, daß der Mensch sich mit der Erfindung der
Tassen verbessert hat. Und die Nostalgie der paradiesischen Kindheit tritt für einen
Augenblick etwas zurück.
Bisher habe ich vor allem davon gesprochen, was die Tasse
für uns leistet. Dabei habe ich nicht ohne Vergnügen der klassischen Psychoanalyse eine
gewisse Referenz erwiesen bzw. ihrer besonderen Wertschätzung der frühkindlichen
Verhältnisse.
Wir haben auch gesehen, daß die Bedeutung der Tasse nicht
ausreichend damit erfaßt wäre, wenn wir in ihr nur die Leistung einer Kompensation oder
eines Ersetzens früherer und idealerer Verhältnisse zu sehen versuchten. Ein über die
frühen Verhältnisse hinausgehendes Verfügen- und Genießenkönnen schien uns vielmehr
die besondere Leistung zu sein, die sich für uns mit einer Tasse als Gebrauchsgegenstand
verbindet.
Ist die Tasse damit aber schon als ein Bild und Gleichnis
verstanden, welches sich auch in anderen Dingen und Zusammenhängen zeigen und als
Verstehenshilfe nützlich machen kann? Wenn die psychische Realität "Tasse"
sich nach einem bestimmten Gleichnis oder Bild versteht (also ein Bildverstehen hat), dann
muß sie das leisten.
Wie ist das jetzt mit der Tasse? Kann sie uns auch zu einer
Verstehenshilfe für anderes werden? Dazu formulieren wir das bisher Gesagte jetzt etwas
ins Allgemeine um:
Die Tasse, so haben wir gesehen, ermöglicht uns eine Form
stofflicher Zufuhr, in deren Mittelpunkt eine Art raumschaffender Aufschub steht. Der
Stoff, um den es in unserem Beispiel geht, ist der Tee. Stoff im übertragenen Sinne kann
aber auch etwas ganz anderes sein: Eine Haltung, z.B. die Einstellung einer bestimmten
Sache gegenüber, eine Idee, die jemanden bewegt - alles das wären Beispiele für etwas
Durchgängiges, das sich analog zum flüssigen Stoff in der Kanne auf dem Weg in etwas
anderes hinein befindet.
Die Tasse gibt diesem Prozeß und Übergang, in dem sich
der Stoff befindet, eine besondere Fassung: Das Einbringen des Tees in die Fassung der
Tasse gehört zum Prozeß der persönlichen Einverleibung des Stoffes schon dazu, der
entsprechende Stoff bleibt aber noch weitgehend unverändert dabei, wenn wir einmal von
einer möglichen individuellen Beigabe (von Zucker oder auch Zitrone im konkreten Falle)
absehen.
Die "Tasse" ermöglicht es uns nun, diesen
Prozeß in ganz bestimmter Weise auszudehnen und zwar so, daß wir das Ganze so gut wie
möglich nach unseren EIGENEN Bedürfnissen und GESETZEN durchführen können. Dem Stoff
wird dabei sogar eine gewisse Referenz erwiesen, er muß sich nicht irgendwelche
Prozeduren gefallen lassen, die an sein Wesen rühren; stattdessen kann er sich sogar
eines gewissen Raumes sicher sein, in dem er sich noch einmal, in der ihm eigenen Weise -
aber doch auch schon auf den bevorstehenden "Verzehr" bezogen - entfalten kann.
Konkret: er duftet, - oder übersetzt: eine Sache, mit der wir uns gerade befassen, kann
einen gewissen Charme haben, den wir erst einmal so duften bzw. auf uns wirken lassen.
Ein kurzer Blick zurück: Mit den Streitenden am Anfang
hatte ich ein Beipiel dafür gewählt, wie sich das Seelische einer Beziehung in einem
Gleichnis bemerkbar macht. Seelisches im Bild einer Beziehung zwischen zwei Menschen zu
sehen, das ist uns nicht ganz so unvertraut. Mit dem Beispiel eines Vortrags wurde es aber
schon ein Stückchen befremdlicher. Seelisches erschien uns dabei gleichsam quer zu den
gewohnten Einteilungen zu verlaufen und dabei Menschen und Sachen in einem zu verbinden.
Mit der Tasse versuchen wir nun auch an den leblosen Dingen unseren neuen Begriff von
Psyche zu erproben. Prüfen wir jetzt einmal, ob das Gleichnis der Tasse uns helfen kann,
z.B. auch das Geschehen eines Vortrags in psychologischer Hinsicht zu verstehen. Schaffen
wir das von der Tasse her?
Beziehen wir uns doch auf diesen Vortrag hier:
Es steht eine neue Art des psychologischen Denkens zur Verfügung - so wie der Tee in
einer Kanne etwa: Gemeint ist das "Bildanalyische Denken. Man kann auf
verschiedene Weise davon etwas abbekommen: z.B. als Auszubildender in der
psychotherapeutischen Weiterbildung beim Psychosozialen Forum. Da kann man sich dieses
Denken zu eigen machen. Das Zu-eigen-machen geschieht dann z.B. ganz konkret in den
Gruppensitzungen.
Und so wie die Ausbildungsgruppensitzungen so ist auch der
Vortrag zum zehnjährigen Bestehen hier eine Form, in die ein bestimmter gedanklicher und
haltungsrelevanter Stoff gebracht ist. Dieser Stoff will, dem Gleichnis Tasse folgend, mit
einem gewissen Aufschub behandelt werden, um dann, nach einer gewissen Würdigung und je
nach Geschmack und Bedürfnis für jeden einzel-nen in etwas individuell Verarbeitetes
überzugehen. Was aus meinen Ausführungen jetzt zu Ihnen herüberkommt, muß also noch
nicht gleich verarbeitet und verstanden werden.
So ein Vortrag (sehen wir ihn von der Tasse her) lebt
vielmehr davon, sich gleichsam duftend vor uns hinzustellen. Er enthält etwas, was im
wesentlichen noch unübersetzt ist in die Begrifflichkeit jedes einzelnen Zuhörers - und
was fürs erste auch noch so bleiben darf - obwohl natürlich am Ende eindeutig die
Auflösung steht ins individuelle Verstehen hinein oder in ein Nützlichmachen für die
eine oder andere davon abweichende Sache. So ein Vortrag wirkt nach. Und die Auflösung
des interessierenden Stoffes, also die Umwandlung in etwas Eigenes, kann auch erst viel
später stattfinden.
Für diejenigen, die es vielleicht noch immer nicht
glauben, daß wir mit dem zufällig gewählten Beispiel der Tasse tatsächlich ein
UNIVERSALES Gleichnis gefunden haben, werden wir dasselbe Gleichnis nun darauf befragen,
ob es uns nicht auch etwas über das Seelische im ALLGEMEINEN sagen kann:
Sehen wir also, ob wir nicht sogar eine "ganze
Psychologie" von der Tasse her entwickeln können. Natürlich kann das hier nur ganz
kurz angerissen werden. Gönnen wir uns aber vorher erst noch ein Stückchen gemeinsames
Erleben [eingespielt wird Samba de Janeiro]. Das ist der Sommerhit dieses Jahres
"Samba de Janeiro".
Was wir gehört haben, wenn wir es von seiner Wirkung her
beschreiben, können wir einen Ohrwurm nennen. Wir meinen damit einen Wurm, der jetzt
natürlich nicht wirklich in unsere Ohren kriecht, vielmehr verstehen wir das Ganze in
einem übertragenen Sinn. Und das ist logisch konsequent so. Andererseits spüren wir aber
auch, daß da noch ein bißchen mehr ist als nur das, was die Analogie zu beschreiben
vermag: Ein bißchen meinen wir doch auch tatsächlich, daß dieses Lied uns in die Ohren
geht und eine Art Wurmrealität besitzt. Beides - also dieses Verstehen im nur
übertragenen Sinne und das Ernstnehmen des Darüberhinausgehenden - geht aber logisch
nicht zusammen.
Und vorwegnehmend sei schon an dieser Stelle gesagt, daß
nach dem Gleichnis der Tasse genau DAS ein besonderes Kennzeichen des PSYCHISCHEN ist: Die Tasse
macht uns aufmerksam auf eine paradoxe Realität: Und das will sagen: Im Psychischen geht
es weder um etwas Irrationales noch um etwas voll Verstehbares (also auch nicht um etwas,
was sich irgendwann einmal in einer Reihe von Analogien etwa auflösen ließe).
Natürlich hätten wir uns diesen Charakterzug des
Seelischen auch schon an den anderen Bildern klar machen können, am Beispiel des
"verlorengehenden roten Fadens" etwa oder auch am Bilde des
"Sich-gleich-an-die-Gurgel-gehens". Der Ohrwurm ist nur ein weiteres Beispiel
hierfür.
Ich will das aber an dieser Stelle mit Hilfe der Tasse noch
etwas deutlicher machen. Blicken wir hierzu noch einmal zurück. Da gibt es den Übergang
von der Kanne weg in den Körper eines Trinkenden hinein - und wichtig dabei ist dieser
kleine raumschaffende Aufschub. Übersetzt heißt das: Psychisches hat mit einem
"Stoff" (Stoff im Sinne von etwas Ganzheitlichem und Durchgängigem) zu tun, der
im Begriff ist, in etwas anderes überzugehen und auf dem Wege dahin in eine bestimmte,
ihn gleichsam aufhaltende Fassung gerät. Das was ihn dabei "aufhält" ist die
Doppelnatur des Seelischen, das weder Klar-ins-Logische- noch ins Mystisch-magische-
Hineinpassen der Geschehnisse. Diese paradoxe Natur ist es, welche die Verfassung des
Seelischen auszeichnet. Seelisches tritt uns also immer als etwas Paradoxes entgegen.
Kurz: Wenn wir z.B. das eben gehörte Lied einen Ohrwurm sein lassen, obwohl wir ja wissen, daß es
sich nicht um einen wirklichen Wurm und um ein reales "im Ohr sitzen" dabei
handeln kann - oder andersherum: wenn wir uns an die handfesten Analogien halten und das
eben genannte "Mehr" trotzdem ausdrücklich MITGELTEN lassen - dann haben wir es
mit dem Seelischen zu tun.
Paßt diese Vorstellung vom Psychischen jetzt auch noch zu
unserer zuerst aufgestellten Formel, die da lautete: "Das Seelische ist das jeweilige
Bildverstehen"? Sie widerspricht der vorgenannten Formel - wie wir gleich sehen
werden - natürlich nicht, sie gibt nur einen anderen Blick auf die Sache. Das kann aber
helfen, unser neues Konzept vom Seelischen noch etwas genauer und tiefer zu erfassen. Aber
auch hier müssen wir wieder übersetzen.
Bildverstehen sagt ja: "Da ist etwas, was sich nach
diesem oder jenem Bild versteht". Wir tun also so, als ob die Welt von lauter kleinen
Seelen belebt sei - wie in der Philosophie des Animismus etwa: Da wo wir ein Bildverstehen
feststellen, soll also etwas existieren, das "sich versteht", so als befände
sich dort ein der menschlichen See-le analoges Sein. Natürlich wissen wir, daß es UNSINN
ist, z.B. in dem Ohrwurmhaften des gehörten Liedes eine Art Seele im engeren Sinne zu
vermuten, und wir fassen daher dieses "Sich-Verstehen" auch gerne in einem
übertragenen Sinne auf. Und dann heißt Bildverstehen einfach, daß etwas
NACHVOLLZIEHBAR" (also verstehbar) in sich zusammenhängt. Mit der von uns gewählten
Formel wollen wir aber darauf hinweisen, daß sich die seelische Wirklichkeit gerade nicht
auf das reduzieren läßt, was mit Hilfe eines Bildes sich voll nachvollziehbar
beschreiben läßt.
Der Begriff vom "Bildhaften-sich-Verstehen", den
wir für die seelische Wirklichkeit gesetzt haben, soll daran erinnern, daß die
psychischen Dinge uns immer als sehr eigenständig entgegentreten, so als würden sie
tatsächlich ihren "eigenen Kopf" haben und in der Lage sein, sich (und zwar
jetzt im engen Wortsinne) selbst zu verstehen.
Das Tassengleichnis führt, wie wir sehen, unser Verstehen
vom Seelischen auf die ihm eigene Art weiter und verhilft dabei auch zu einem tieferen
Verständnis unserer Formel vom Bildverstehen. Und von dieser Formel sind wir ja
ausgegangen.
Wir erinnern uns: Das Konzept "Bildverstehen" als
Fassung unserer WAHL für DAS, was WIR unter Psyche verstehen, war der Ausgangspunkt für
unser Tassen-Experiment. Es ging darum zu zeigen, daß jedes beliebige "Ding"
aus sich heraus ein Gleichnis und einen eigenen "Ordnungszusammenhang"
entwickeln kann. Und um es uns nicht zu leicht zu machen, habe ich das Beispiel einer
sogenannten unbeseelten Sache gewählt, also das Beispiel eines zwar alltäglichen, aber
"materialen Gegenstands.
Wir können jetzt - durch den Umweg über das
Tassengleichnis um einiges klüger geworden - sagen: Das Seelische ist überall da, wo es
darum geht, sich auf ein bestimmtes Doppeltes einzulassen, auf Zusammenhänge, die man in
ihrer paradoxen Natur und in ihrer logischen Unauflösbarkeit erst einmal so stehenlassen
und akzeptieren muß. Und das ist gut zu wissen - besonders dann, wenn wir vom Seelischen
und seiner besonderen Natur profitieren wollen. Letzteres haben wir ja vor, wenn wir uns
das Wissen um die besondere Natur des Seelischen für eine Psychotherapie und Beratung
fruchtbar machen wollen. Aber hierzu werde ich gleich noch etwas mehr sagen können.
Schließen wir also hiermit jetzt unsere Überlegungen zum
Beispiel der Tasse als einem seelischen Gleichnis ab:
Auch die Tasse hat also, wie sich zeigen läßt, ein bildhaftes
Sich-Verstehen, kurz
ein "Bildverstehen":
Sie versteht sich als das Angebot eines kleinen raumschaffenden Aufschubs innerhalb
eines ganz bestimmten, auf Zufuhr und Kontinuität ausgerichteten Übergangsprozesses.
Damit sehen wir, wenn ich den Faden von vorhin wieder
aufgreifen darf, daß die sogenannten toten oder technischen Dinge mit in den
Gegenstandsbereich einer bildanalytischen Psychologie hineinfallen. Und wir sehen, daß
die Dinge, wenn wir sie erst einmal in ihren eigenen Möglichkeiten ernstgenommen haben,
sich bald als umfassende Formeln und Gleichnisse erweisen. Sie werden dabei jeweils zu
etwas weit über sich selbst Hinausweisendem. Bilder sind also nicht nur
Ausdrucksbildungen VON etwas (und schon gar nicht bloße Audrucksbildungen eines alles
bestimmenden Gesamtzusammenhangs - wie z.B. Goethe es uns in seiner Morphologie zu lehren
versucht hat) - sie sind vielmehr Ausdrucksbildungen im Sinne eines gleichnisgebenden
Zusammenhangs und Formel FÜR etwas.
Welche Konsequenzen bringt das nun mit sich, den Begriff
der Psyche solcherart zu erweitern?
Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich hier einen Aspekt
besonders hervorheben: Wenn das Bildverstehen die Sache ist, die uns interessiert, dann
tun wir etwas für eine reichhaltigere Welt, für eine Welt, die uns eine Vielfalt von
"in sich verstehbaren" Zusammenhängen bieten kann. Wir müssen den verspürten
Zusammenhängen nicht mehr eine - durch ein bestimmtes System vorgeschriebene - Ableitung
verpassen.
Wenn Bilder gleichsam Formeln sind, welche aus SICH heraus
Zusammenhang stiften, dann können wir auch auf IHNEN unsere Ordnungen bauen. Auch von
IHNEN aus läßt es sich kategorisieren. Ein festes Kategoriensystem allerdings gibt es
dann nicht. Deutlicher: Ein System von Kategorien (also ein festes Begriffssystem), was
die seelischen Zusammenhänge für jeden Fall gleichermaßen übersetzbar macht, gibt es
in einer bildanalytischen Psychologie nicht.
Sowie Nietzsche das "aphoristische Denken gegen
das system-gebundene gestellt hat, so stellen wir das bildanalytische
(bild-perspektivische) Denken gegen eine Psychologie, die mit einem System arbeitet.
Durchkämmen wir die Wirklichkeit mit dem Raster des einen oder anderen psychologischen
Systems, wie es eben so üblich ist, dann erhalten wir natürlich früher oder später
eine straff geordnete - und vor allem das System bestätigende - Abfolge von
Zusammenhängen.
Man kann sich gut vorstellen, daß bei einer klassisch
psychoanalytisch ausgerichteten Ableitung z.B. die Welt irgendwann tatsächlich aus lauter
phallischen oder oralen sowie analen oder ödipalen Vorgängen und ihren Entsprechungen
besteht. Im Falle einer bildanalytischen Betrachtung und Durchforschung der Wirklichkeit
wird die Welt hingegen vielfältiger und lebendiger, eben bildperspektivisch. In diesem
Falle schickt sich jedes Bild an, SELBST ein Gleichnis und damit eine Art "ordnender
Zusammenhang" für das Ganze zu werden.
Schließlich und endlich wollen wir aber nicht übersehen,
daß eine solche Wirklichkeit vielleicht auch Angst machen kann. Es ist ja nicht gesagt,
daß sich jeder Mensch eine solche, vielfältig zentrierbare Welt auch wirklich wünscht
und haben will.
Mit meiner Werbung für dieses Denken möchte ich die
anderen existierenden Auffassungen von Psyche also keinesfalls geringschätzt wissen. Als
Bildanalytiker liegt es mir vielmehr daran, gleichsam Geschmack zu machen auf etwas Neues,
vielleicht also darauf, sich bei Gelegenheit noch einmal etwas genauer mit unserer Art des
"bildanalytisch" genannten Denkens auseinanderzusetzen. Vielleicht hilft hierzu
ja auch die Wendung unseres Blickes auf die praktischen Konsequenzen dieses Denkens, auf
die Konsequenzen für eine Psychotherapie und Beratung zum Beispiel.
2. Die Bedeutung unseres Konzepts für eine
Psychotherapie und Beratung
Werfen wir zum Schluß noch einen kurzen Blick auf die
Probleme, in die sich das Psychische verwickeln kann - in einer Welt, die sich in Bildern
und Gleichnissen versteht. Was ist, wenn sich unser Handeln und Erleben plötzlich selbst
nicht mehr versteht? Eben hatte irgendwie noch alles Hand und Fuß und jetzt erscheint es
so, als verstünden sich die Din-ge, in denen wir stecken oder die wir produzieren, selbst
nicht mehr. Sie scheinen ohne rechten Sinn und Zusammenhang. Was ist los? Haben wir jetzt
etwas falsch gemacht? Nein! In eine solche Situation kommen Menschen immer dann hinein,
wenn sich ihre Entwicklung in einem Übergang befindet. Seelisches ist gleichsam im
Übergang von der einen Ordnung in die andere hinein. Umbrüche dieser Art gehören
lebenswichtig zu unserer Entwicklung hinzu, das ist uns bekannt. Und was wir dabei erleben
können, ist nicht nur die Auflösung der ehemals Zusammenhalt gebenden
Bildzusammenhänge, sondern leider auch das noch Fehlen von etwas Funktionierendem Neuen,
was die entfesselten "Kräfte" wieder in ein sinnvolles Ganzes bringen könnte;
höchstens eine Ahnung davon könnte schon dabei vorhanden sein.
Eine ungünstige, aber nicht selten auftretende Reaktion
auf solche - sich andeutende - Umbruchserfahrungen im ganz normalen Leben ist z.B. das
Krankwerden. Das Seelische versucht in diesem Falle gleichsam mit Gewalt, durch die
entsprechende Störung oder Krankheit wieder ein Sich-Verstehen in die Dinge
hineinzubringen: Jetzt weiß man wenigstens, was oder wo es einem fehlt, alles Weitere
kann von jetzt an auf die Lösung dieses Problems ausgerichtet werden; Seelisches versteht
sich wieder, wenn auch für den Preis eines - wie Sie sich denken können -sehr hohen
Aufwandes. Ich kann mich nicht durchsetzen oder ich bin schüchtern und werde so schnell
rot oder ich habe furchtbare Konzentrationsschwierigkeiten; so oder so ähnlich kann sich
das anhören.
Als Betroffener übersieht man sehr schnell dabei, daß
diese Betrachtungsweise schon selbst Therapie ist und zwar eine Art Selbstbehandlung der
Schwierigkeiten eines Übergangs. Das im Augenblick so viel Raum einnehmende
Sich-nicht-Verstehen der gelebten Zusammenhänge hat aber sicherlich eine ganz andere
Behandlung verdient. Und natürlich kann es bei einer psychotherapeutischen Hilfestellung
nicht darum gehen, auf diese bereits schon vorhandene Form der Therapie noch eine weitere
Therapieform "draufzusetzen. Der Betroffene muß sich mit Hilfe des
Psychotherapeuten wieder trauen, sich den gelebten, Sich-selbst-nicht-mehr-Verstehenden
Zusammenhängen zu stellen und sich wieder auf das Ganze seiner Wirklichkeit einzulassen,
mitsamt seinen (zu einem Umbruch immer dazugehörenden) Merkwürdigkeiten. Das Seelische
braucht jetzt eigentlich einen Raum, in dem es versuchsweise das eine oder andere, ihm
noch unbekannte, gleichsam in kleinen Dosierungen an sich und als Wirkung in der Realität
und bei den anderen in Erfahrung bringen kann. Die Tasse als Gleichnis - wir haben sie ja
jetzt im Hinterkopf - würde uns sagen, daß es in einer Psychotherapie darum geht, einen
kleinen raumschaffenden Aufschub sicherzustellen.
Und damit, so glaube ich,haben wir jetzt auch unseren roten
Faden wieder. Eine Therapie z.B. muß helfen, das Übergangshafte des
Entwicklungsprozesses, indem der Betreffende sich befindet, in eine Form zu bringen. In
eine Form, die für eine zeitlang den Betroffenen auf das Übergangshafte geradezu
festlegt. Das ist auch wieder eine schöne paradoxe Formulierung. Besser können wir aber
diesen Vorgang, um dessen Verstehen wir uns hier bemühen nun mal nicht fassen. Das haben
wir ja auch schon im Laufe des Vortrages feststellen können, als es uns darum ging von
der Tasse her eine universale Aussage über das Seelische zu machen. Wir sprachen von der
Paradoxie als einer besonderen Fassung, in die sich das Übergangshafte der seelischen
Wirklichkeit zu bringen versteht.
Das bildanalytische Denken bringt uns nun dazu, für den
Bereich der Psychotherapie eine wichtige Markierung zu setzen. Und damit will ich sagen:
Unser Denken hat weit ins Praktische hineingreifende Folgen. Und zwar geht es dabei um den
Krankheitsbegriff: Dem heilkundlichen Begriff von Krankheit muß ein psychologischer an
die Seite gestellt werden. Der heilkundlich orientierte Krankheitsbegriff verführt
nämlich dazu, auf die eben beschriebene Methode des Betroffenen - die den
Übergangsprozeß ja abkürzen will - zu sehr einzusteigen und den Betroffenen in seiner
problematischen Haltung zu bestärken. Und das gilt besonders dann, wenn da noch die
Krankenkassen mit ihren berechtigten, aufs Heilen und Bessern ausgerichteten Ansprüchen
als Auftraggeber im Hintergrund mitspielen.
Der bestehende Krankheitsbegriff paßt auf die Perspektive
des Funktionierens. Und dieser Blickwinkel steht gleichsam für eine medizinische bzw.
heilkundliche Orientierung der Forschungs- und Arbeitweise. Versuchen wir nun aber von
unseren neuen Einsichten her das psychologische Denken dagegen abzuheben, so nimmt das
Psychologische für uns (im Gegensatz zum Funktionieren) die Perspektive der ENTWICKLUNG
ein. Jetzt könnte ich, wenn wir noch Zeit für einen weiteren Vortragsteil hätten, die
Psychologie noch einmal vom Gleichnis der Entwicklung her für Sie entwickeln. Ich glaube,
Sie nehmen mir das jetzt aber auch so ab, daß so etwas möglich ist.
Wir kürzen also etwas ab: Auch von der Entwicklung her
gesehen gibt es existentielle Probleme, Probleme, die im übertragenen Sinne auf Krankes
und Gesundes verweisen: Die Entwicklung ist demnach "gesund" (gesund im
übertragenen oder im psychologischen Sinne natürlich), wenn sie krisenfähig ist. Das
ist eine wichtige Setzung. Sobald diese Fähigkeit aber fehlt, also die Fähigkeit, die
eigene Entwicklung in eine Krise einmünden zu lassen, in der es um die Bewältigung eines
Umbruchs von Entwicklung geht, haben wir es mit Krankheit im psychologischen Sinne zu tun.
Diese Unterscheidung zum heilkundlichen Krankheitsbegriff, der ja auf das Funktionieren
aufbaut, ist entscheidend:
Ein Mensch, der sich endlich wieder traut, sich auf
bestimmte Veränderungen einzulassen und der dies jetzt vielleicht gerade in Gestalt einer
körperlichen Störung versteht in Gang zu setzen, der beweist doch gerade ein psychisches
Gesundsein und ist nicht etwa - jedenfalls nicht im psychologischen Sinne - als krank
anzusehen. Die Behandlung eines solchen Menschen sollte auf keinen Falle unter der
Führung eines heilkundlichen Krankheitsbegriffs erfolgen. Ich denke, Sie verstehen warum.
Umgekehrt kann ein Mensch, nehmen wir z.B. den sogenannten Workoholiker (also den
Arbeitssüchtigen), der vielleicht jeden Tag sein Jogging macht, ernährungsmäßig auch
nur das Beste für sich tut und keinerlei seelisch-körperliche Beschwerden hat, psychisch
schlicht und ergreifend "krank" sein, denn seine Entwicklungsfähigkeit ist
vielleicht zugunsten eines universalen Beweismusters, mit dem er sich für immer Krisen zu
ersparen versucht, bereits verlorengegangen. Wenn die Entwicklungsfähigkeit fehlt,
sprechen wir im allgemeinen natürlich nicht von Krankheit, und das ist auch gut so. Es
handelt sich ja auch nur um Krankheit im übertragenen Sinne. Und wir wollen auch nicht in
diesem Punkt etwa - nicht daß ich hier jetzt mißverstanden werde - einen neuen
Sprachgebrauch einführen. Der Krankheitsbegriff ist zu stark von einem heilkundlichen
Denken bestimmt.
In den letzten Jahren hat sich einiges geändert: Wenn wir
heute von einer Psychotherapie im engen Sinne reden, dann meinen wir meistens eine
entwicklungs- und veränderungsorientierte Psychotherapie. Teilweise wird unter
"Psychotherapie aber auch eine Dienstleistung im Sinne der Heilkunde verstanden
- und möglicherweise demnächst verstärkt, durch das geplante Psychotherapeutengesetz.
Um Verwechslungen zu vermeiden, sollte im Falle einer so verstandenen Psychotherapie auch
immer von einer heilkundlich orientierten Psychotherapie gesprochen werden. Daß es sich
in der Anwendung dieser neuen Wissenschaft, also der Tiefenpsychologie, die sich damals
schnell und kräftig zu entwickeln begann, im Kern der Sache gar nicht um das Geschäft
des Heilens und des Gesundmachens handelte, sondern um ein neues Umgehen mit der
Entwicklung einer, an den erlebbaren Zusammenhängen seiner eigenen Wirklichkeit
interessierten Persönlichkeit, das ahnte man in der interessierten Öffentlichkeit wohl
auch damals schon. Das Neue mußte sich aber erst noch als etwas Eigenständiges versuchen
abzuheben und durchzusetzen, und zwar neben dem Bild des Heilkundlichen, nach welchem es
sich anderenfalls ja mehr ums Heilen, Lindern und Bessern statt um Entwicklung, zu
kümmern gehabt hätte. Und das vollzog sich dann - für die breite Öffentlichkeit
wahrnehmbar - im Wesentlichen über die Bewegung der 60er- und die der 70er Jahre, über
die einschlägige und die schöne Literatur, über den, das Psychische ganz neu ins Bild
setzenden Film der letzten 40 Jahre und last but not least über das In-Mode-Kommen von
Selbsterfahrungen und psychologischen Weiterbildungen natürlich.
Neben der Psychotherapie im engeren Sinne, die ich - in
Abhebung zu einer heilkundlich orientierten Psychotherapie - entwicklungs- und
veränderungsorientierte Psychotherapie nennen möchte, existiert in der Öffentlichkeit
parallel dazu auch noch ein weiter gefaßter Psychotherapiebegriff: Er bezieht die
heilkundlich orientierte Psychotherapie mit ein (inclusive aller Besonderheiten, auch des
Psychiatrischen).
Unser bildanalytisches Denken macht uns auf den Unterschied
von zwei grundverschiedenen Haltungen aufmerksam, die beide von uns eingenommen werden
können: Die Störungen des Wohlbefindens und Probleme eines Menschen können nämlich
(a) entweder selbst in den Mittelpunkt gestellt und zum ZIEL einer Behandlung erklärt
werden, oder
(b) zum ANLAß dafür genommen werden, vorrangig etwas anderes zu tun, nämlich etwas für
die Entwicklungsfähigkeit des betroffenen Menschen. Wir wollen die heilkundlich
ausgerichtete Psychotherapie jetzt aber nicht etwa als unseriös abwerten. Denn: warum
sollte nicht auch mit psychologischen Mitteln - natürlich nur auf Grundlage einer reifen
Entscheidung hierzu, auf andere Weise natürlich nicht - eine Störung beseitigt und die
Folgen für die Entwicklung einmal auf den zweiten Rang gesetzt werden?
Bei der Gründung des Vereins vor 10 Jahren war der Wunsch
ausschlaggebend, einer entwicklungsorientierten Psychotherapie mehr Raum zu geben und die
Psychotherapie - wie wir damals sagten - aus der heilkundlichen Umklammerung zu befreien.
Unser Engagement begann mit der Entwicklung eines finanziellen Fördermodells für
heilkundeunabhängige Psychotherapien. Im nächsten Schritt wollten wir auch etwas dafür
tun, daß die entsprechende Haltung, die für ein solches psychotherapeutisches Arbeiten
nötig ist, konsequenter als bisher und auf breiterer Ebene gefördert wird. Also bauten
wir eine, den eigenen Wertsetzungen entsprechende psychotherapeutische Weiterbildung auf
mit einem Curriculum, das sich vom Niveau und Anspruch her im übrigen an den bereits
bewährten Standards der tiefenpsychologischen Schulen orientiert. Dabei entdeckten wir,
daß Interessenten mit verschiedenem akademischen Grundberufen überraschend gute und
vergleichbare Voraussetzungen für die psyhotherapeutische Weiterbildung mit sich brachten, vor allem, wenn
sie in ihrer Studienzeit schon die entsprechenden Schwerpunkte gesetzt hatten (Der
Diplompädagoge z.B. hat sich ja häufig während seines ganzen Studiums mit der
Entwicklung konkret als auch mit ihr als ein Gleichnis auseinandergesetzt).
Berufspolitisch ist es uns - im Unterschied übrigens zu den meisten anderen
Lehrinstituten - weniger darum gegangen, für eine heilkundliche Anerkennung der
Psychologie zu kämpfen. Wichtiger war es uns vielmehr, auf das umfassendere Ziel eines
neuen Denkens innerhalb der Psychotherapie hinzuwirken und auf ein neues Verständnis
derselben "jenseits" einer rein heilkundlichen Ausrichtung.
Der Kern der Ausbildung, die wir seit 10 Jahren anbieten,
liegt in einer psychotherapeutischen HALTUNG, die wir mit Hilfe eines bestimmten
Ausbildungsganges zu entwickeln und zu fördern verstehen. Die Haltung ist also das
Entscheidende. Sie trägt das konkrete Tun und Handwerk des "Analytischen
Beraters oder Psychotherapeuten. Haltungen haben aber die Eigenschaft auch über das
hinaus, was ihre Bestimmung im engeren Sinne ist, wirksam werden zu wollen. Und das
beschreibt den geschichtlichen Zeitpunkt heute, an dem wir uns befinden. Die
bildanalytische Psychologie, die sich bereits in Form einer psychotherapeutischen Haltung
bei den Ausgebildeten und teilweise auch schon bei den noch in Ausbildung befindlichen
Analytischen Beratern und Psychotherapeuten verkörpert hat, will sich jetzt auch als eine
eigene psychologische Betrachtungsweise stärker in der öffentlichen Diskussion bemerkbar
machen. Wir wollen uns in Zukunft mehr einmischen. Der heutige Tag ist eine Art
Startschuß hierzu.
Für mich ist das Psychosoziale Forum in den letzten 10
Jahren eine wichtige Plattform gewesen, ganz grundlegende Gedanken und Anliegen sowohl in
einem anspruchsvollen, lebensnahen Rahmen als auch in der Gemeinschaft vieler nicht nur
Interessierter, sondern auch interessanter und liebenwerter Menschen einbringen und
erproben zu können. Einen Grund, heute mit Ihnen hier zu feiern, brauche ich also nicht
lange erst zu suchen. Ich kann ihn fühlen!
Ich danke Herrn Harald Keller für die künstlerische
Ausgestaltung des Vortrags und Ihnen
danke ich für Ihre Aufmerksamkeit
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