| E-Journal des DPI 20|10|04 |
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Fachtexte zur Entwicklung von Psychotherapie in
Theorie und Praxis
Struktur und
Funktionieren von Psychotherapie
- Eine psychologische Analyse
Werner Mikus
Erstpubliziert in: "Entwicklungstherapie"
(Fachzeitschrift für entwicklungsorientierte
Psychotherapie und Analytische Beratung, Köln),
Jahrg. 2004 Heft 1 S. 7-23)
Notwenige Reflexionen über eine Profession
Das Kind
einer neuen Wissenschaft
Wir können in der Psychotherapie eine psychologische
Profession sehen, die sich als Umsetzung eines neuen Verständnisses
von Psyche in den letzten 100 Jahren entwickelt hat. Angeregt durch
die Erfolge in den Naturwissenschaften hatte sich die menschliche
Neugier zu Beginn des 20sten Jahrhunderts jetzt auch der Dinge
angenommen, die bis dahin unter Stichworten wie Seele, Psyche,
Charakter oder Persönlichkeit untergebracht waren oder auch unter
solchen Begriffen wie die Wahrnehmung, der Wille, das Gefühl und der
Verstand. Es entstand eine neue Wissenschaft, die bereit war, dem
Seelischen eine eigene Natur zuzubilligen. Dabei entwickelte sich ein
Bild vom Seelischen, das tatsächlich eine eigene Natur zu entdecken
und herauszustellen begann. Die psychischen Zusammenhänge zeigen uns,
dass sie eigenen Gesetzen folgen, Gesetzen, die sich nicht einfach aus
der Biologie, oder Physiologie ableiten. Die neue Wissenschaft hatte
die Eigengesetzlichkeit des Seelischen zu ihrem Gegenstand gemacht.
Und so entstand sehr bald ein neues Bild vom so
genannten Seelischen. Dieses Bild hatte von Anfang an viele Fassetten.
Und in jeder derselben findet ein Bruch mit den bisherigen
Vorstellungen vom Seelischen statt, und das heißt auch mit ihren
Zwängen und Bevormundungen. Die verschiedenen psychologischen
und psychotherapeutischen Schulen, die sich parallel dazu entwickelt
haben, spiegeln die Kraft und den Variantenreichtum des sich
verändernden Seelenbegriffes sehr gut wieder:
-
Vieles, was
vorher als „gottgegeben“ im Sinne eines Talentes oder auch im Sinne
eines unguten Schicksals hingenommen werden musste, kann plötzlich als
erlernbar und im störenden Falle auch als wieder verlernbar angesehen
werden (Lerntheorien, Verhaltenstherapie).
-
Die
„göttliche“ Eingebung kann als eine Art „Aha-Erlebnis“ oder Schließung
innerhalb eines Gestaltbildungsprozesses verstanden und somit auch den
Tieren (Affen) zugestanden werden (Gestaltpsychologie, Systemische
Psychologie).
-
Ambivalente
Verhältnisse, die wir bisher glaubten überwinden zu müssen, wollen als
unaufhebbar anerkannt werden und rächen sich, wenn wir dem
zuwiderhandeln (Tiefenpsychologie, Psychoanalyse).
-
Zwänge und
Besessenheiten werden nicht mehr nach dem Modell einer Fremdeinwirkung
verstanden, sondern als Verselbständigung von Freud-/Leiderfahrungen,
die sonst als Orientierungshilfen im Dienste der Entwicklung stehen
(Humanistische Psychologie, Bildanalytische Psychologie).
Die neue Profession und die Medizin
Das neue
Verständnis vom Seelischen begann schnell, sich in Form von
verschiedenen psychologischen Professionen „institutionell“
umzusetzen, so z.B. in der Gerichtsbegutachtung, in Coaching und
Prozessberatung, im Marketing oder auch in der Psychotherapie. Die
Psychotherapie kann hierbei als die prominenteste
wissenschaftspraktische Umsetzung dieser Art angesehen werden. Das,
was in einer Psychotherapie wie auch in den anderen psychologischen
Pro fessionen wirkt, ist dieses
neue Verständnis und Wissen von den besonderen Gesetzen und
Zusammenhängen des Erlebens und Verhaltens - wie man das Psychische
oder Seelische heute häufiger nennt.
Mit der
Psychotherapie wurde und wird die Psychologie nun auch im Bereich der
Krankenversorgung aktiv. Auf diesem Gebiet herrschen aber die Regeln
einer anderen Wissenschaft, nämlich die Regeln der Medizin, welche
diesen Bereich schon seit Jahrhunderten versorgt. Die Interessen einer
psychologischen Profession treffen hier auf die Interessen einer
Wissenschaft, die sich in diesem Bereich wie ein Gesetzgeber
eingerichtet hat.
Die Psychotherapie
muss sich in dieser Lage auf das Eigene besinnen. Sie muss damit
beginnen, sich nach ihrer eigenen „Seele“ zu fragen. Tut sie das
nicht, besteht die ernste Gefahr, dass sie entweder die Wahrnehmung
ihrer Aufgaben und Chancen innerhalb der Krankenversorgung versäumt,
oder im anderen Falle den Kontakt zum Eigenen verliert.
Das Eigene verbindet und verpflichtet
Für eine solche Zuwendung zur eigenen Sache möchte ich
werben. Hierzu werde ich im Folgenden eine Modelbeschreibung
vorstellen, die aufzeigt, dass die Psychotherapie etwas hat, das ihr
Funktionieren schulenübergreifend kennzeichnet. Dabei geht es um eine
Beschreibung, die nicht nur auf gemeinsame Züge oder
Wirkungsdimensionen abhebt, sondern vielmehr auf inhaltliche
Zusammenhänge, die uns wie in einer Konstruktion das Funktionieren
nachvollziehbar machen. Ich möchte die Psychotherapie dazu
„versuchen“, ernsthaft nach einem strukturellen Modell zu forschen,
das das psychotherapeutische Tun bei aller schulischen Verschiedenheit
auf ihr gemeinsames Funktionieren hin beschreibt. Mit einer
Modellskizze möchte ich den Anstoß geben. Zusätzlich werde ich durch
das Gleichnis eines Märchens eine Veranschaulichung zu meinem Entwurf
geben, die den strukturellen Zusammenhang von seiner
sinnlich-dynamischen Seite her deutlich macht.
Eine Psychotherapie muss sich auch
abgrenzen können von Formen, in welchen es um Dinge geht, die weniger
in ihrer eigenen Natur liegen, die aber aus anderen Gründen vielleicht
ebenfalls Psychotherapie genannt werden können. „Neben“ der
psychologischen Profession existiert auch eine medizinische
Fachdisziplin, die sich auf den Namen der Psychotherapie beruft. Sie
hat im Laufe der Jahre einige Verfahrensweisen, die der
psychologischen Forschung entstammen, adaptiert und medizin-logisch in
das eigene Fach integriert. Beide Formen begegnen sich auf dem Gebiet
der Krankenversorgung mit unterschiedlichen Haltungen dem Kranksein
und dem Heilen gegenüber.
Die Psychotherapie, welche als
psychologische Profession im Arbeitsbereich der Krankenversorgung neu
ist und nicht, wie die Medizin, eine Jahrhunderte alte Anbindung hat,
muss, wenn sie ihr Eigenes in diesem Bereich geben will, ein Interesse
daran haben, nicht verwechselt zu werden mit einer Psychotherapie als
medizinischer Fachdisziplin. Sie muss sich ihr gegenüber vielmehr wie
das Hauptbild zu einem Nebenbild ins Verhältnis setzen. Auf diese
besondere Beziehung werde ich an anderer Stelle noch ausführlicher
eingehen.
Entwirrung der geltenden Begrifflichkeit
Wegen der verwirrenden Begriffsverhältnisse, die
zurzeit im Bereich der Psychotherapie herrschen, möchte ich noch
einmal zusammenfassend klarstellen: Die Psychotherapie als eine
psychologische Profession existiert innerhalb und außerhalb der
Krankenversorgung. Sie ist überall da gefragt, wo
Veränderungspielräume aufgesucht und hergestellt werden sollen. Wenn
sie innerhalb der Krankenversorgung in Aktion tritt, trifft sie auf
einen Mitbewerber, der gleichsam schon vor Ort ist: Sie trifft auf
eine Form von Psychotherapie, welche sich als medizinische
Fachdisziplin organisiert hat. Von der Sache her unterscheiden sich
beide Formen vor allen Dingen durch ihr unterschiedliches Verstehen
von Krankheit. Hierzu muss an anderer Stelle ausführlicher eingegangen
werden.
Die Berufsbezeichnungen Psychologischer
Psychotherapeut und Ärztlicher Psychotherapeut, die in Deutschland
zuletzt durch das Psychotherapeutengesetz mit Blick auf die
Krankenversorgung eingeführt worden sind, unterscheiden die ausgeübte
Tätigkeit dagegen überhaupt nicht. Sie erlauben lediglich eine
Unterscheidung vom beruflichen Werdegang her: Der eine hat nämlich ein
medizinisches und der andere ein psychologisches Studium absolviert.
Die psychotherapeutischen Weiterbildungen, die im Anschluss daran zur
Wahl stehen, sind für beide Gruppen gleich.
Was vielmehr in der Sache unterscheiden
hilft, scheint mir die Haltung zu sein, in der ein psychotherapeutisch
Ausgebildeter arbeitet und zwar innerhalb wie außerhalb der
Krankenversorgung: Geht er mit der Haltung einer psychologischen
Profession zu Werke - und das ist dem ärztlichen wie dem
psychologischen Psychotherapeuten gleichermaßen möglich - oder
arbeitet er mit dem Selbstverständnis einer medizinischen
Fachdisziplin? Versteht er seine Arbeit als die vorübergehende
Einrichtung einer Zwischenwelt, die sich für den Klienten und eine
gemeinsame Erfahrung mit ihm öffnet, oder versteht er seine Arbeit vor
allen Dingen als ein gezieltes und unmittelbares Einwirken auf seinen
Patienten (Interventionen, „Inputs“)?
Die „Seele“
einer Psychotherapie – Entwurf
Wenden wir uns nun der eigentlichen Frage
zu, der Frage nach dem Funktionieren einer Psychotherapie: Wie greift
das eine ins andere, bzw. wie und warum tut es das und mit welchem
Erfolg? Hierzu möchte ich zunächst in sechs Stichworten auf die
strukturellen Elemente einer Psychotherapie eingehen, bevor ich in
einem weiteren Kapitel auf die verschiedenen Entwicklungspositionen
innerhalb eines Therapieverlaufs mithilfe eines Märchengleichnisses
eingehe.
Die strukturellen Elemente des Funktionierens
1. Bühne für kontextübergreifende Muster
Stellen wir uns die Psychotherapie als eine
Veranstaltung vor, in der, wie auf einer Bühne ein „Problemstück“
aufgeführt wird. Das ist ein „Stück“ aus dem Leben unseres
Therapiefalls. Die Bühne müssen wir uns dabei allerdings etwas weniger
dinglich als die eines realen Theaters vorstellen. Sie besteht in
einem weit weniger klar fassbaren Medium, denn sie meint das Ganze der
gemeinsamen therapeutischen Arbeitsbeziehung und bezieht dabei alle
hierzu gehörenden Verhältnisse mit ein – also nicht nur die rein
zwischenmenschlichen Dinge: Wenn der Klient bei bestimmten Themen
Berührungsängste hat, zeigt sich darin ja auch ein Verhältnis zu einer
Sache. Es geht also in einer Arbeitsbeziehung nicht nur um die
Beziehungen, die zwischen einem Ich und einem Du bestehen, sondern
eben auch um Beziehungen zu Inhalten, Festlegungen und
Verpflichtungen, die zu beachten sind.
2. Der Therapeut als „Mit“spielender
In diesen vielfältigen Beziehungen stellen sich Muster
dar, die wir als kontextübergreifend ansehen können. Sie wirken auch
in anderen Zusammenhängen, also im Leben des Klienten außerhalb der
Therapiesitzung und zurückliegend auch in früheren Zeiten seiner
Entwicklung. Beim Wirksamwerden dieser Muster in der „gemeinsamen
Arbeitsbeziehung“ sind auch psychische Anteile des Therapeuten
beteiligt. Das ist im Wesentlichen auch der Grund dafür, dass sich auf
der so genannten Therapiebühne einerseits ein vertrautes Problemstück
gleichsam wiederholt und nicht wiederholt: Es weist nämlich an den
Stellen Veränderungsspielräume auf, an denen es dem Therapiefall
außerhalb der Psychotherapie nicht gelingt, diese für sich
wahrzunehmen. Hier gelingt das aber, und zwar deshalb, weil die
psychischen Anteile des Therapeuten mit im Spiel sind. Die Haltung des
Therapeuten erlaubt ihm, das reine Muster nicht einfach nur
mitzuagieren, sie lässt stattdessen Veränderungsspielräume erfahrbar
werden.
Das Medium der gemeinsamen Arbeit und die
psychischen Anteile des Therapeuten nutzend kommt es zu einer
Aufführung emotional bedeutsamer und bestimmender Muster aus der
Lebenswirklichkeit des Therapiefalles. Der Psychotherapeut hat durch
ständige Übersetzungsarbeit dafür zu sorgen, dass es auch tatsächlich
das Problemstück des Falles ist, was sich zur Aufführung bringt und
nicht etwa sein eigenes oder das Stück einer Institution oder
ähnliches.
3. Die beziehungsstrukturelle Perspektive
Im Vordergrund einer Psychotherapie sehen wir, wie der
Klient und der Therapeut sich auf bestimmte Themen einlassen, über die
sie sich, wenn es die Situation erfordert, jederzeit übereinstimmend
im Sinne einer Überschrift z.B. verständigen könnten. Es findet in
einer Psychotherapie also zunächst einmal eine vordergründig zu
nennende Behandlung irgendwelcher Themen statt. Das gilt sogar für den
Fall, dass der Klient ausschließlich frei assoziiert, denn auch in
diesem Falle bilden sich inhaltliche Linien und Themen im oben
gesagten Sinne aus. Es findet hierbei aber auch ein
beziehungsstrukturelles Geschehen statt. Dabei geht es um Vorgänge,
die wir meist erst um einiges später verstehen und thematisch
zutreffend benennen können. Was in dieser Art von Zusammenhängen
geschieht, entscheidet aber darüber, ob und welche Fortschritte in
einer Psychotherapie möglich sind und/oder vielleicht gerade gemacht
werden.
Das will ich an einem Beispiel erläutern:
Inhaltlich könnte es in einer Sitzung z.B. gerade um eine sachliche
Aufklärung gehen. Beziehungsstrukturell kann es zur gleichen Zeit aber
um etwas anderes gehen: Vielleicht will der Klient einmal sehen, wie
eng oder weit sein Psychotherapeut die Regeln auslegt, die er ihm
vorab erklärt hat. Der Klient führt also eine Art Test mit ihm durch:
Kann der Therapeut auch mal ein Stück von der Linie abweichen, so wie
er es von einem souveränen Partner, den er respektieren kann,
unbedingt erwartet? Und so legt er es hiermit vielleicht auf eine
tröstende und sich einlassende Antwort des Therapeuten an. Wenn der
Therapeut das bemerkt, wird er sich fragen müssen, ob er die
gewünschte Antwort oder Tröstung in diesem Fall auch einmal gegen die
Regeln geben kann. Vielleicht sieht er ja, wie in einem größeren
Kontext (beziehungsstrukturell also) der Klient mit diesem Test
versucht, ein ernsthafteres Einlassen auf die Therapie vorzubereiten,
frei nach dem Motto: Erst testen und dann vertrauen. In diesem Falle
wäre das Abweichen des Therapeuten von seiner regulären Reaktionsweise
durchaus angebracht. Das Wissen um das Besondere dieser Entscheidung
muss und wird sich dabei sicherlich mit zum Ausdruck bringen.
In einer Psychotherapie versuchen wir den
gelebten Augenblick freizubekommen von der Gewalt der sich
übertragenden Muster. Die eigenen Muster versuchen sich durchzusetzen
und sind sehr geübt darin. Sie nehmen oft keine große Rücksicht auf
das, was von der Sache her vielleicht gerade angebracht ist. Die
gemeinsame Arbeit wird in diesem Sinne zu einer experimentellen Bühne.
Die Realität auf dieser Bühne folgt der gelebten Wirklichkeit des
Falles und hat zugleich auch eine experimentierende und vom
Therapeuten mitgetragene Form. Was sich in der gemeinsamen Arbeit
dabei wie ein Muster wiederholt, ist zunächst einmal nur auf den
Kontext des therapeutischen Geschehens zu beziehen. Denn, ob wir es
darüber hinaus auch schon mit einem kontextübergreifenden und
lebensbestimmenden Muster des Klienten zu tun haben, wissen wir noch
nicht sofort. Wir können es aber rückwärts erschließen, wenn sich das
vermutete Muster mit den Erzählungen, Erinnerungen und den
verschiedenen Hinweisen aus den freien Einfällen, die sich auf das
Vergangene aber auch auf das aktuelle Geschehen außerhalb der Therapie
beziehen, stimmig und dicht zur Deckung bringen lässt.
4. Veränderungsspielräume herstellen
Wir nutzen bei diesem Vorgehen bereits einen Spielraum,
der in den gelebten Zusammenhängen außerhalb der Therapie nur sehr
bedingt vorhanden ist: Wir haben in der Therapie ja nur eine Miniatur
der bewegenden Verhältnisse vor uns. Ein großer Teil der ganzen
therapeutischen Kunst besteht in der Umdimensionierung der wirkenden
Kräfte, welche in einem leidend gewordenen Lebenssystem ihre
zwanghafte Macht entwickeln wollen - in ein „gemäßigtes“ Spiel auf der
Bühne einer therapeutischen Arbeitsbeziehung. Die so genannte
analytische Abstinenz macht von daher einen Sinn. Der Therapeut
versucht, alle zu persönlichen Dinge aus dem Austausch mit dem
Klienten herauszuhalten, um eine Art künstliche Spaltung zwischen der
tatsächlichen und der bühnenhaft therapeutischen Welt
aufrechterhalten zu können.
Die Erzählungen des Klienten, seine
Erinnerungen und Einfälle geben Hinweise auf bedeutsame Zusammenhänge.
Diese sind aber immer schon zurechtgemacht im Sinne einer gelebten
Methode und somit vielleicht auch irreführend. Die
kontextübergreifenden Muster, die sich in dem psychotherapeutischen
Geschehen selbst zur Aufführung bringen, haben für den Therapeuten
dagegen eine große Unmittelbarkeit und eine besondere Dichte. Er muss
nur immer wieder mithilfe der Erzählungen und Erinnerungen des
Klienten prüfen, ob das betreffende Muster tatsächlich auch schon in
anderen Lebenszusammenhängen wirksam geworden ist.
5. Transportabelmachen der neuen Erfahrung
Wenn der Klient oder Patient auf diese Weise zu spüren
beginnt, was in seinen Entwicklungen an Möglichkeiten eingeschlossen
und bisher zu kurz gekommenen ist, erweitert sich sein Sehen. Er
bleibt zunächst dabei noch abhängig von dem mithelfenden
Psychotherapeuten. Denn ohne die besondere Art seines Mitspielens bei
der Erkundung von Veränderungsspielräumen gelänge es ihm nicht. Aus
diesem Grunde spielt die Vorbereitung auf ein „Alleinekönnen“ eine
wesentliche Rolle in der Psychotherapie. Der Klient oder Patient muss
sich dafür rüsten, auch ohne die Mithilfe des Therapeuten seine neu
entdeckten Veränderungsspielräume wahrnehmen zu können. Hierzu hilft
es, die neuen Erfahrungen transportabel und gleichsam mitnehmbar zu
machen. Ein Schlüsselerlebnis, ein Gleichnis, ein dynamisches Bild, so
wie wir es in den Märchen, den Mythen oder Sagen finden, könnte das
Medium sein, in welches hinein sich die zentrale Erfahrung des
Klienten zum Ende hin verdichtet. Der Psychotherapeut wird mit auf die
Suche gehen nach einem solchen vereinheitlichenden Bild. Und wenn das
Gleichnis gefunden ist, kann er dem Klienten dabei helfen, das
gefundene Bild als Übersetzung seiner neuen Erfahrung auch ausreichend
zu erproben. Eine geplante Therapienachbesprechung, die vielleicht für
ein halbes Jahr nach der letzten Stunde vereinbart wird, kann die
Bedeutung des Transportieren-Könnens der neuen Erfahrung
unterstreichen, weil dem Klienten auf diese Weise eine Überprüfung des
selbständig gewordenen Umgangs mit dem Bild angeboten werden kann.
6. Therapieende als Wiederholung und Prüfstein
Das Ende einer Psychotherapie ist von einer ganz
besonderen Bedeutung für die Weiterwirkung des neuerworbenen
strukturellen „Wissens“. Denn auch Trennungen sind strukturelle
Gleichnisse und folgen dem einen oder anderen Muster. Stellen wir uns
vor, ein Klient hat besondere Schwierigkeiten damit, am Ende einer
Entwicklung stark zu werden, und mit einem Erfolg dazustehen. Er
glaubt, dass er dafür immer mit einem Verlassenwerden bestraft werde.
Und darin hat er bisher auch immer Recht bekommen: Er versucht nämlich
vorbeugend seinen Erfolg, sobald es auf ein Ende zugeht,
herunterzuspielen, und zwar über eine Kritik am Ganzen der
betreffenden „Veranstaltung“. Natürlich fühlen sich die Mitbeteiligten
auf diese Weise ebenfalls abgewertet und weil die Kritik außerdem auf
einem sehr hohen Niveau stattfindet, kann der Eindruck entstehen, dass
diejenigen, die sich jetzt von ihm abwenden, ihn tatsächlich seiner
besonderen Fähigkeiten und erworbenen Stärke wegen verlassen.
Natürlich wird ein solches Muster
versuchen, sich auch auf das nahende Ende einer Psychotherapie zu
übertragen. Dazu ist das therapeutische Geschehen auch da: als Bühne
für die gelebten Muster. Es kommt jetzt nur darauf an, dass die
bereits in der Therapie erfahrenen Veränderungsspielräume auch mit in
den Blick geraten. Der Therapeut wäre in dem geschilderten Falle ganz
besonders gefordert, weil in dem Beispiel auch seine therapeutische
Leistung durch die Methode des Klienten in eine „Abwertung“ gerät.
Wenn der Klient den Trick des
Rechtbehaltens in seiner Methode schon verstanden hat, so ist er auch
in der Lage, noch einen Schritt weiter zu gehen und zu verstehen, dass
es ihm wahrscheinlich um etwas anderes geht, als um die Vorbeugung
gegen ein Verlassenwerden. Er will vielleicht das eigene, neue
Stärkegefühl nicht wirklich schon auf die Probe stellen und lieber in
dem schönen Gefühl eines potentiellen Könnens verbleiben
dürfen. Das Ende einer Therapie will aber auf etwas anderes hinaus.
Wenn der Klient zusammen mit seinem Therapeuten zum Abschluss einer
Therapie hin diese Wendung sehen kann, so ist ein weiteres Stück
Veränderungsspielraum gewonnen. Vielleicht ist er stolz darauf, diese
schwächere Seite an sich sehen zu können - von der seine Methode „so
gut“ abgelenkt hat - und fühlt sich jetzt reifer und vielleicht
wirklich ein Stück gewachsen.
Das anstehende Ende einer Therapie bietet
also die Möglichkeit zur Entfaltung eines Problemszenarios mit allen
darin enthaltenen Zwängen und Veränderungsspielräumen. Der
Therapeut muss darauf achten, dass die strukturelle neue Erfahrung,
die der Klient in der Therapie bereits gemacht hat, in dem
Beendigungs-Szenario wieder entdeckt und genutzt werden kann.
Keineswegs aber darf an dieser symbolträchtigen Stelle eine Erfahrung
stehen, die das neue Wissen wieder zurücknimmt oder relativiert. Die
Art und Weise der Aufhebung der gemeinsamen Zwischenwelt einer
Therapie ist in seiner Form und Inhaltlichkeit sehr wichtig. Es muss
in ihr noch einmal auf das besondere Problem des Klienten eingegangen
werden. Denn nur so kann der Übergang von der doppelten Welt des
Klienten (aus der Alltagswelt und der therapeutischen Zwischenwelt
bestehend) hinüber in die Welt ohne Therapie erfolgreich gelingen.
Ich fasse zusammen: Die Psychotherapie
ist ein psychologisches Verfahren. Im Wesentlichen geht es darum,
Veränderungsspielräume herzustellen und weniger darum, ein
funktionierendes Ganzes zu entstören. Methodisch geschieht das in dem
beziehungsstrukturellen Rahmen des psychotherapeutischen Geschehens
und in seinen verschiedensten Akzentsetzungen, weniger über die
Wirkung einzelner Interventionen oder über den Transfer eines Mehr-
oder Besserwissens.
Soweit die Psychotherapie als
Psychologische Profession auftritt, weist sie ein bestimmtes
schulenübergreifendes Funktionieren auf, so wie ich es versucht habe,
mithilfe der sechs strukturellen Elemente in meinem Entwurf
darzustellen. Im Folgenden möchte ich die genannten strukturellen
Überlegungen noch einmal in dem Bild eines Märchens überprüfen und zur
Veranschaulichung bringen.
Strukturelle Verdichtung im Bild eines Märchens
Wir werden sehen, dass sich das Funktionieren einer
Psychotherapie auch in die Form eines „sinnlich-dynamischen“
Gleichnisses übersetzen und sich so noch einmal mit Gewinn auf eine
andere Art und Weise beschreiben lässt. Das besagte Gleichnis, das der
Inhaltlichkeit und Komplexität der behandelten Sache gerecht wird,
finden wir in einem Märchen wieder, konkret in dem Märchen „Der
gestiefelte Kater“.
In Deutschland kennt man es aus der
Grimmschen Kinder- und Hausmärchensammlung. Die Fassung der Gebrüder
Grimm (1812) geht zurück auf einen Stoff von Charles Perrault, aus dem
französischen Märchenbuch Contes de ma mère L’Oye (1697). Das Märchen
ist durch eine junge Erzählerin, die es aus ihrem
französisch-sprachigen Elternhaus kannte, zu den Gebrüdern Grimm
gelangt. Was den folgenden Hergang der Geschichte betrifft, sind sich
beide Versionen gleich:
Nach dem Tod des Müllers muss der jüngste
Sohn sich mit einem Kater als Erbteil zufrieden geben. Der Kater
bittet den Jungen, ein paar Stiefel für ihn anfertigen zu lassen und
bringt wie im Gegenzug mit viel Schläue und Tricks ein paar nützliche
Dinge für den Müllersohn in Gang. Der darf sich zunächst viele Dienste
des Katers einfach nur gefallen lassen, muss sich dann aber auch
irgendwann einmal nackt in einen See stellen. Am Ende erhält er durch
das kluge Treiben des Katers, auf das er sich einlässt, nicht nur den
interessierten Blick einer Prinzessin und das Schloss sowie die
Ländereien eines überwundenen Zauberers, sondern entwickelt sich zu
einem wirklichen Grafen mit Braut und Anwartschaft auf den Thron. Der
Kater ist am Ende selbst ein „gemachter Mann“ und in der Grimmschen
Fassung Erster Minister.
Im Folgenden möchte ich sechs
Entwicklungspositionen benennen, die sich in einem Therapieverlauf
zeigen. Diese können anhand des Märchens (die Grimmsche Fassung dient
dabei als Grundlage, siehe S. 65) in einem inhaltlich einheitlichen
Rahmen dargestellt werden.
Position 1: Den schwarzen Peter vermeiden
Die erste Position im
Märchen behandelt die Erfahrung, dass ein vertrauensvolles sich
Einlassen darin enden kann, plötzlich „den schwarzen Peter“ gezogen zu
haben. Es gibt ja dieses Kinderkartenspiel, in dem durch gegenseitiges
Ziehen von Karten Pärchen zum Ablegen gesucht werden. Unter den vielen
Karten befindet sich aber auch die so genannte Schwarze-Peter-Karte.
Die sollte man nach Möglichkeit nicht ziehen, auf keinen Fall aber
darf man auf ihr sitzen bleiben. Das völlig unerwartete
Konfrontiertsein mit einem Schwarzen Peter scheint das Bild für die
Kehrseite zu sein, die zu der Lebensform eines unschuldig vertrauenden
Einlassenkönnens gehört. Wahrscheinlich hat der

Bleistiftzeichung Stefan Mikus
Müllersohn darauf vertraut, dass ihm im
Schutze der väterlichen Mühle und Geborgenheit nichts Schlimmes
passieren könne und dass die Zukunft, wenn es darauf ankäme, nur Gutes
für ihn bereithielte. Als der Vater stirbt, zeigt sich das besagte
Verhältnis aber jetzt auch einmal von seiner Kehrseite: Er hat beim
Erben nämlich als Jüngster die schlechtesten Karten (also den
schwarzen Peter gezogen) und erbt nichts als den Kater, während seine
älteren Brüder die für einen rechten Müllersohn passenden Dinge
erhalten, wie das Unternehmen selbst, also die Mühle, und das
dazugehörige Transportunternehmen, den zur Mühle gehörenden Esel.
Es kann sein, dass der Müllersohn (oder
der Klient) von einem bestimmten Erlebnis an beschlossen hat (und das
könnte im Falle eines Klienten schon viele Jahre zurück liegen), sich
nie wieder einer bestimmten Erfahrung auszusetzen und von da an keine
Karten mehr auf die Entwicklung hin ziehen zu wollen - denn dann kann
ihn auch nie wieder der schwarze Peter erwischen. In diesem Falle
bliebe sein Handeln aber regelrecht auf demselben sitzen. Er wäre auf
das Prinzip „Pech gehabt“ fixiert. Alles würde sich von da an um das
Vermeiden einer solchen Begegnung und um das vorbeugende Abwehren
einer neuerlichen Erfahrung desselben drehen. Er würde versäumen, die
ihm im Leben entgegenkommenden Dinge zu sehen und ihnen offen und in
einer umschaffensbereiten Weise entgegenzugehen. Es ergäbe sich das
Bild einer ernstzunehmenden strukturellen Einengung von
Veränderungsspielräumen.
Position 2: Auftrag und dyadischer Beginn
Eine Reihe von Aufgaben übernimmt - jetzt vorübergehend
jedenfalls - der Kater oder Therapeut für ihn. Aber, und das ist
wichtig, er tut es nur unter der Voraussetzung, dass er auch einen
Auftrag hierzu erhält. Kurz: Er bittet ihn darum, Stiefel von ihm
„spendiert“ zu bekommen. Der Müllersohn, der sich darauf einlässt,
gibt damit symbolisch einen Auftrag, aber einen Auftrag ohne konkrete
inhaltliche Aufgabenstellung. Der Kater verspricht ihm lediglich etwas
im Sinne der Formel: „Es solle ihm schon bald geholfen sein“.
Interessant ist bei dieser Stiefelgeschichte, dass die Stiefel
offenbar etwas mit der Lust- und Luxus-Seite einer Arbeit zu tun haben
und mit einem besonderen Sinn fürs Praktische vielleicht. Auf jeden
Fall haben sie nichts mit einer magischen Nützlichkeit zu schaffen.
Sie drücken vielmehr aus, dass die lustvolle Seite des Tuns und alles,
was nicht allein von der Not und ihren Abwehrmaßnahmen bestimmt ist,
als ein wichtiger Anteil im Leben des Müllersohnes fehlt und jetzt
durch den Kater vertreten werden soll. Der Müllersohn kann diesem
Prinzip (Überschuss, Luxus) zurzeit nicht mehr dienen (außer
symbolisch noch und zwar über die Hergabe des letzten Groschens für
die an sich unsinnigen Stiefel), deshalb übernimmt der Kater davon
etwas, also von der Seite, die zu einer kompletten seelischen
Entwicklung aber unbedingt dazugehört.
Solcherart ausgestattet (also mit diesem
ausdrücklichen aber offenen Auftrag) geht der Kater (Therapeut) nun an
sein Werk. Wir können auch sagen, mit der Stiefelübergabe tritt eine
Art Zwischenwelt in Kraft. Sie endet in dem Augenblick, indem der
Müllersohn seine zukünftige Frau und Prinzessin die Treppe (im
Schloss, das ehemals dem Zauberer gehörte) hinaufführt, wo die
Hochzeit beschlossen wird und der Kater in das Amt eines ganz normalen
Ministers (Berater) wechselt.
Bis dahin geschieht ein vielfältiges Wirken unseres Katers, das mit
einer ganz bestimmten Herausforderung in der Inszenierung am See eine
wichtige Wende erhält. Zunächst stellt nur der Kater sich immer
wieder der Kehrseite eines Sich-vertrauensvollen-Einlassens; schenkt
er dem König doch die von ihm so heiß geliebten Rebhühner. Der König
hätte ja aus Egoismus oder Willkür auch anders mit ihm verfahren
können: Der Kater erhält aber etwas zurückgeschenkt für seinen Herrn,
dem vermeintlichen Grafen (alias Müllersohn), den er auch immer als
den eigentlichen Spender der geliebten Rebhühner ausgegeben hat.
Der Kater versorgt also den
Müllerburschen mit dem Goldsegen des Königs. In diesem Arrangement
muss sich nicht der Müllersohn der Gefahr aussetzen, noch mal den
Schwarzen Peter zu ziehen, sondern der Kater tut es für ihn. Vieles
erinnert an ein so genanntes dyadisches Verhältnis, wie es
vorübergehend in den analytischen Langzeittherapien eine besondere
Rolle spielt oder auch im Rahmen einer psychiatrischen Behandlung.
Gleichzeitig wird von des Katers Seite aus auch noch etwas anderes
vorbereitet: Bisher konnte der Müllerbursche schmollend und Mitleid
erweckend die Hände in den Schoß legen und die anderen machen lassen,
sich immer darauf berufend, dass er ja der „Zukurzgekommene“ sei, der
mit den schlechten Karten. Aber im Laufe der Aktionen und der
vertrauensbildenden Maßnahmen des Katertherapeuten werden die
Grundlagen dieses „Sich-Herausreden-könnens“ immer mehr ins Wanken
gebracht: Nicht nur, dass er, inzwischen mehrfach mit Gold beschenkt,
sich eigentlich schon als reich empfinden könnte. Nein! Wichtiger
noch: Die vertrauensbildenden Maßnahmen des Katers gepaart mit einem
kleinen Nachhelfen desselben, führen den Müllersohn schlussendlich in
eine Situation, in der ihm die Fluchtmöglichkeit in sein Schmoll- und
Meckersystem nicht mehr zur Verfügung steht: Ohne Kleider im See
feststeckend und kurz darauf in den schönen Ersatzkleidern, die ihm
der König bringen lässt, in der Kutsche sitzend, gibt es keine
Ausflucht mehr für ihn. Am Ende sieht er sich einem interessierten
Blick der Königstochter ausgesetzt, weil ihm für einen Moment das
Gewand des Zukurzgekommenen abhanden gekommen ist (der Kater hatte es
ihm „abgeschwätzt“ und versteckt). Ein unverstellter Blick auf sich
selbst kann stattfinden (entweder von jemand anderem, von der
Prinzessin also, oder auch von seiner eigenen Person auf sich).
Position 3: Die unverstellte Begegnung als Wendepunkt
Der Kater hatte dem Müllersohn bisher vieles
abgenommen. Wenn die Zeit reif ist, kann und muss er auf eine
entschiedene Weise etwas Neues von ihm fordern. Der Müllersohn muss
sich vertrauensvoll auf einen ihm nicht vorher dargelegten Plan des
Katers einlassen (sich nackt in einen See stellen), auf dass sich
daraus etwas Günstiges für ihn entwickele. Er muss sich damit der
Kehrseite eines „Sich vertrauensvollen Einlassens“ endlich wieder
stellen (bisher gab es so etwas ja nur symbolisch in der Form der
geforderten Stiefelinvestition oder „Auftragsvergabe“).
Und was passiert nun? Zunächst einmal passiert eben das nicht, was er
immer befürchtet hatte, nämlich, dass es ihn schlimm treffen werde,
wenn er sich gottvertrauend auf eine offene Sache einließe (wie mit
der Erbschaft). Er wird nicht das Opfer von irgendetwas Schlimmem! Er
hat also nicht den Schwarzen Peter in der Hand. Das ist der eine Teil
der neuen Erfahrung. Es passiert aber noch etwas Wichtigeres,

Skizze aus einer Redaktionssitzung
etwas, das für solche Übergänge typisch
ist: So wie die perfekte Form des Vermeidens ihn von einem direkten
Kontakt mit den Dingen abgehalten und blind gemacht hat für die
Chancen darin, um so mehr müssen ihm diese Möglichkeiten jetzt ins
Auge springen, nachdem er sich dem Leben wieder neu gestellt hat. Und
das geschieht mit der Kraft einer Initialzündung, durch den
geschenkten Blick einer Prinzessin, die offenbar an ihm Gefallen
findet.
Position 4: Die neue Erfahrung kennt kein Pardon
Wenn der Klient erst einmal die Erfahrung gemacht hat,
dass ihm tatsächlich nicht das erwartete Unglück widerfährt, holt ihn
gleichzeitig eine andere Erfahrung ein; die Erfahrung nämlich, wie
dumm er doch bisher gewesen ist. Und gerade auf diese Erfahrung muss
der Therapeut ein Auge haben. Das Folgende gehört ganz wesentlich mit
zu dem Funktionieren eines sich (Wieder-) Herstellens von
Veränderungsspielräumen hinzu:
Der Klient muss mit einem Schlag
erkennen, welch riesigen Aufwand er mit seiner Methode bisher
betrieben und gleichsam „umsonst vertan“ hat. Er muss mit Erschrecken
sehen, um was er sich alles selbst gebracht hat. Und das bedeutet:
Dafür hätte er eigentlich Prügel verdient. Und genau diese Prügel
werden jetzt an einem anderem Ort des Märchens ins Bild gesetzt:
Prügel wird den Arbeitern am Wegesrand, nämlich jetzt vom Kater,
angedroht für den Fall, dass sie nicht bereit sein sollten, dem
vorbeifahrenden König zu sagen, dass die Felder, Wiesen und Wälder des
großen Zauberers, dem Grafen (alias Müllerburschen) gehören. Der
Zauberer ist ein Bild für das alles verschlingende, gestörte seelische
System (die Neurose). Statt weiterhin in ein solches verschlingendes
System Energie hineinzustecken, kann man doch gleich ins werdende
Leben mit allen seinen Offenheiten und Risiken investieren. „Wie
konnte ich nur so dumm sein?“, muss sich der Müllersohn fragen,
angesichts des anerkennenden Blickes der Prinzessin, der ihm als ein
Zufall geschenkt wurde und der nur ein Beispiel dafür ist, was ihm
alles entging, während er in ein System des Schmollens seine
Lebenskräfte und -zeit gesteckt hat. Diese „Gewissensprügel“ sind es,
die in der brutalen Geste des Katers ins Bild gesetzt werden. Der
Kater, der der königlichen Kutsche vorauseilt, hämmert den Arbeitern
an den Wäldern, Feldern und Wiesen ein, dass sie ein neues Regiment zu
erwarten haben und es kein Pardon und kein Zurück für sie gibt. Die
harte Einsicht, eine Menge an Möglichkeiten und Chancen versäumt zu
haben, „knallt“ auf den Müllersohn nieder, wie die Drohungen des
Katers auf die Arbeiter gefressen oder erschlagen zu werden.
Wer einmal verstanden hat, was er wegen
eines solchen „Sicherungsverhaltens“ in seinem Leben an Möglichkeiten
versäumt hat, bei dem stellt sich auch schnell ein untrügliches Gefühl
dafür ein, dass er sich genauso gut wieder auf die „ganz normalen“
Kehrseiten des Lebens einlassen und von dem „faulen Zauber“ lassen
kann. Und in diesem Sinne rufen die Arbeiter am Weg dem König in der
Kutsche zu, dass die großen Ländereien dem Grafen gehören.
Position 5: Das Fassbarmachen und Einverleiben
Aber das reicht noch nicht, wenn eine Therapie richtig
laufen und erfolgreich zu Ende gebracht werden will. Diese neue
Erfahrung muss noch in eine fassbare, transportierbare, man könnte
auch sagen, in eine gut einverleibbare Form gebracht werden. Denn nach
der Zwischenwelt einer Psychotherapie muss das Leben ja weitergehen
und zwar ohne den Therapeuten. Die neue Erfahrung muss daher unbedingt
die Form einer transportablen Einsicht, eines Schlüsselerlebnisses
oder eines zusammenfassenden Gleichnisses erhalten - kurz - die Form
einer „Maus“. Das gelebte System muss weg von dem elefanten- und
löwenartig Großen (Verwandlungskünste des Zauberers) in die banale
Form eines verstehbaren Zusammenhangs (Maus). Erst dann kann man
irgendwann sagen, „die Sache ist gegessen“ (so wie die Maus, in die
sich der Zauberer verwandelt hat, und die am Ende vom Kater gefressen
wird). Es kann sein, dass ein Schlüsselerlebnis, ein individuell
passendes Märchen oder auch ein anderes komplexes Bild transportabel
macht, was in der Therapie im Sinne der erworbenen
Veränderungsspielräume erfahren werden konnte.
Position 6: Abschließende Verwandlung und Trennung
Das verwirrende „Groß und Klein“ des neurotischen
Klage- und Erpressungssystems verliert nicht zuletzt auch durch dieses
Fassbarmachen seine Macht. Das Groß und Klein, das Aufblasen und
Herunterspielen tritt ab und gibt den Dingen jetzt wieder ihre ganz
reale Bedeutung und Nützlichkeit zurück: Der Kater wird ganz nüchtern
ein Minister, der Müllersohn heiratet die Prinzessin und übernimmt
später das Reich des Königs. Das Ende einer Therapie muss die in der
Therapie erlebte Veränderungserfahrung und den im Ansatz bereits neu
erworbenen Veränderungsspielraum auch in der Art und Weise der
Trennung noch einmal behandeln. Die Trennung vom Therapeuten/Kater
macht aus beiden etwas Neues: Der Kater wird aus seiner
zwischenwelthaften Helferfunktion entlassen. Als Minister steht er für
Situationen bereit, in denen man einen Rat von ihm einholen möchte.
Aber die Regierungsgeschäfte liegen beim ehemaligen Müllersohn. Das
symbolisiert, dass auch die Form des Beendigens einer Psychotherapie
noch einmal ganz besonders auf die neu erworbene Erfahrung hin
umgesetzt bzw. übersetzt und durchschaubar gemacht werden muss.
Psychotherapie
in Haupt-, Neben- und Gegenbild
Isolierte statt strukturelle Erfahrung
Nachdem es uns gelungen ist, die Strukturelemente des
Funktionierens einer Therapie im Bild eines Märchens
zusammenzubringen, können wir uns mithilfe des Bildes auch über die
möglichen Fehlentwicklungen einer Psychotherapie Gedanken machen.
Veränderungen müssen in ihrer richtigen
strukturellen Einbettung erfahren werden, sonst sind es keine
strukturellen Neuerfahrungen sondern isolierte, die schnell wieder in
das Verstehensschema einer alten Methode zurückfallen können. Das
können wir uns an einem Punkt des Märchens besonders gut klarmachen.
Es handelt sich dabei um eine Stelle in dem Märchen, die übrigens von
vielen Lesern als unangenehm erlebt wird. Es geht darum, dass der
Kater den Arbeitern unter Androhung von Gewalt den Auftrag gibt, dem
vorbeifahrenden König zu erzählen, dass die Güter, auf denen sie
arbeiten, alle dem Grafen gehören.
Wir haben schon gesehen, was die
Strafandrohung im Bild einer positiv verlaufenden Therapie bedeuten
kann: Wir können in ihr nämlich die schmerzende Einsicht eines
Klienten oder Patienten sehen, der sich angesichts einer neuen und
überraschenden Erfahrung klar darüber wird, sich selbst um sein Glück
„betrogen“ zu haben. Die angedrohte Gewalt des Katers symbolisiert
dann diesen Schmerz, der nicht von Außen, sondern gewissermaßen von
Innen kommt. Die Versuchung des Lebens ist es selbst, die in der
Prügelandrohung des Katers ihre Verkörperung findet:
Die Arbeiter sollen ein für alle Male von
dem Zauberer lassen und die Seite wechseln, wenn ihnen ihr Leben lieb
ist. Beziehen wir das wiederum auf den Klienten in einer Therapie mit
seiner neuen Veränderungserfahrung, dann heißt das: Er schafft eine
Entwicklung im Geiste des Neuen nur dann, wenn er den besagten Schmerz
tatsächlich fühlt bzw. wenn er ihn zulässt und ihn auch im Gedächtnis
behält.
Sieht eine Therapie dagegen diesen
Zusammenhang in einer vergleichbaren Situation nicht, dann wird aus
den Prügeldrohungen des Katers in der Übersetzung auf die Therapie
schnell eine verkürzte lerntheoretische Maßnahme: Mithilfe von Strafen
(mit Belohnungen wäre es natürlich auch möglich) wird eine als
vernünftig erkannte Verhaltensrichtung durchzusetzen gesucht. Das
würde aber nicht dazu führen, dass sich das neu Erfahrene auch in
einer strukturellen Weise beim Klienten/Patienten „einschreiben“
würde. Die erfahrene Freude und der paradoxe Schmerz müssen sich
vielmehr als etwas erfahren lassen, was aus ein und demselben
Zusammenhang kommt. Sie dürfen nicht künstlich, wie von einer
Vernunftsinstanz her, an den Betreffenden heran- und in die Sache
hineingetragen werden.
Das Gegenbild einer Psychotherapie
Überhaupt kann der Kater auch als jemand gesehen
werden, der dem Müllersohn die unangenehmen Dinge im Wesentlichen
abnimmt und mit allem Möglichen, krumme Dinge dabei nicht auslassend,
die Wirklichkeit für seinen Herrn zurechtbiegt und gefügig macht. So
wäre er dann auch das genau passende Gegenstück zu einem Müllersohn,
der einfach nur „dumm“ herumsitzt und verzagt.
Dieses Bild vom Kater, der seine
Handlungen weniger einer Moral als seinen fest vor Augen stehenden
Zielen unterordnet, mag auch der Grund dafür sein, dass viele, die das
Märchen kennen, es nicht besonders lieben. Es kommen in der Erinnerung
bezogen auf den Kater immer sehr gemischte Gefühle auf. Die Stiefel
des Katers müssten in dieser Lesart dann ein Symbol für sein
militärisches Vorgehen sein und nicht, wie in der von mir
beschriebenen Deutung, ein Symbol für den kleinen Luxus, mit dem es
eigentlich alle Dinge verdienen, getan zu werden.
Übertragen wir diese Lesart des
Katerverhaltens nun auf das Problem des Funktionierens einer
Psychotherapie. Dann heißt das, dass der Klient oder Patient
abgetrennt von dem, was der Therapeut tut, eine unschuldige Haut
bleiben kann, weil der Kater bzw. der Therapeut ihm eine echte
Auseinandersetzung mit den Kehrseiten des Lebens erspart und ihm am
Ende - mit seinen Tricks und wahrscheinlich auch auf Kosten anderer -
in das gemachte Bett hilft. Das wäre so, als hätte der Klient mit
seinem Schmollen von Anfang an recht gehabt und als sei ihm für die
erlittene Ungerechtigkeit jetzt die verdiente Gerechtigkeit
widerfahren. Strukturell sähe eine solche Erfahrung aber nicht
besonders gut aus.
Das verführende Muster
Eine solche Grundstruktur, wie ich sie soeben
geschildert habe, treffen wir im Allgemeinen bei unseren Klienten an.
Diese Struktur ist doppelbödig: Sie versucht einerseits, die verloren
gegangene seelische Beweglichkeit wiederzugewinnen, welche in diesem
Stadium oft auch idealisiert ist, andererseits versucht sie aber auch
die Verhältnisse beizubehalten, die dem verselbstständigten Leiden
zugrunde liegen. Wir müssen davon ausgehen, dass der Klient, genau wie
der verzagte Müllersohn, nach einem „Gegenstück“ zu sich selber sucht,
im Sinne eines Katerfreundes, der für ihn alles passend macht. Das
stellt für die Psychotherapie als Einrichtung eine große Verführung
dar. Das Schillernde, das den Begriff der Psychotherapie in der
öffentlichen Meinung umgibt, spiegelt diesen Umstand wieder: Irgendwie
weiß jeder, dass es in einer Psychotherapie um die Herstellung von
Veränderungsspielräumen geht, aber andererseits verbindet man genau so
gut etwas Manipulatives damit.
In seiner Methode geht es dem
Müllerburschen, den wir als das Beispiel für einen Therapiefall
nehmen, zunächst einmal um ein Stück idealisierter Wirklichkeit und in
Anlehnung an das Märchen vielleicht um das Bild des gemachten Mannes.
Mit seinem Handeln sagt er nun: „Solange die Voraussetzungen für mein
Ziel noch nicht stimmen, hat es keinen Zweck, mich auf die
verschiedensten Herausforderungen und Möglichkeiten des Lebens
ernsthaft einzulassen“. Während er sich so hinter dem Schicksalsschlag
eines „Zukurzgekommenen“ zurückzuziehen weiß, entwickelt er
andererseits aber auch eine rege Tätigkeit. Das geht nämlich nicht
anders, wenn er überleben will. Auch in seinem Schmollen erkennen wir
schon eine solche Art von Aktivität. Wir müssen dabei nur an den
moralischen Druck denken, den ein solches Verhalten auf bestimmte
Menschen und in bestimmten Situationen ausüben kann. Die besagten
Tätigkeiten oder Aktivitäten sind aber weit davon entfernt, eine echte
Zuwendung zum Leben zu sein, die sich den Zufällen und Wendungen
stellt und davon ausgeht, dass sich erst in einem längeren Hin und Her
erweist, was wirklich zueinander passt und was nicht. Ein nicht
idealisierender Teil in ihm ist also der nüchternen Realität in einer
extremen Weise zugewandt: Er tritt in diesem Sinne wahrscheinlich
gezielt erpresserisch auf (wie der Kater mit der Drohung gegen die
Arbeiter), er biegt sich die Dinge nicht selten mit Unehrlichkeiten
zurecht (Tricks des Katers), und wahrscheinlich schreckt er auch
nicht davor zurück, sich dort geschickt einzuschmeicheln (Kater
gegenüber dem König), wo er etwas bekommen oder sich ersparen kann.
Die Möglichkeiten der eigenen Entwicklung
sind durch das Festhalten an einem Ideal in ihrer Verwirklichung
behindert. Das heißt: Der Betreffende kann den potentiell günstigen
Zufällen nicht konstruktiv und offen entgegengehen. Entweder das, was
geschieht, passt haargenau (und darauf kann man ein Leben lang warten)
oder das „Schiefe“ wird mit Gewalt passend gemacht. Da beides keine
gute Voraussetzung für eine Entwicklung bildet, ist eine Enttäuschung
im Ganzen vorprogrammiert. Doch genau für diesen Fall passt auf einmal
wieder alles: Der Betreffende bekommt darin Recht, dass alles keinen
Zweck hat, wenn die Dinge nicht von Anfang an passen. Und bei jeder
Enttäuschung, ob sie nun mit einem vergeblichen „Warten“ oder mit
einem fehlschlagenden „Passendmachen“ zu tun haben, bekommt der
Betreffende wiederum Recht. Und damit ist das gelebte System
eigentlich unwiderlegbar geworden.
Das Märchen lässt also, wie wir sehen,
auch diese Lesart zu. Dann beschreibt es, wie jemand mit den
verschiedensten Techniken versucht, sich einerseits aus allem
Herauszuhalten und andererseits kein Mittel auslässt, alles für sich
und auf ein bestimmtes Ziel hin passend zu machen.
Setzt sich in einer Psychotherapie dieses
Muster durch, ohne dass der Psychotherapeut die Möglichkeiten der
Veränderungsspielräume durch sein Mittun hervorbringen kann, dann
landen wir in einem Gegenbild von Psychotherapie. Der Therapeut wird
dann zu einem anmietbarem „Modul“ im Sinne der besagten Methode
wirksam. Er wird zum Teil einer Technik (Katertechnik), die der Klient
auch vorher schon im Sinne seiner zweigeteilten Methode eingesetzt
hatte, und die er jetzt, zusammen mit dem Therapeuten, weiter
perfektionieren und absichern kann. Die Kultur bietet sich für einen
solchen Deal in ihrer reichen Zahl von verselbständigten
„Institutionen“ und „Hilfs“- oder auch „Ablenkungs“-Einrichtungen an.
In den letzten 200 Jahren ist es nicht zuletzt die Medizin gewesen,
die sich ebenfalls stark in diesem Sinne hat einspannen lassen. Eine
Medizin muss um diese psychologischen Hintergründe und Zusammenhänge
in ihren Hilfsangeboten nicht unbedingt wissen. Von einer
psychologischen Profession allerdings müssen wir ein Wissen um diese
Art von Zusammenhängen verlangen und erwarten, dass sie sich explizit
auf dieses Problem einrichtet.
Worauf besonders zu achten ist
Die Psychotherapie als eine psychologische Profession
hat auf zwei Dinge ganz besonders zu achten: Zunächst einmal muss sie
eine Art Zwischenwelt mit dem Klienten einrichten. Damit hebt sie sich
am stärksten von allen interventionsgeprägten Formen des Helfens ab.
Die zwischenweltgeprägte Charakteristik der Arbeit nimmt den Druck aus
den seelischen Verhältnissen, die im Dienste von
Veränderungserfahrungen auf der therapeutischen Bühne mit „kleinerer
Besetzung“ ihre Aufführung finden sollen. Das stellt eine ganz
bestimmte Atmosphäre in der gemeinsamen Arbeit her, die das Geschehen
ganz anders voranbringt, als wenn wir uns mit der Verantwortung eines
Titanen von Intervention zu Intervention voranzubringen suchten. Die
therapeutische Arbeit muss sich ihrer beziehungsstrukturellen
Wirkungsweise bewusst sein. Ihr Erfolg ruht ganz in den Erfahrungen,
die in den lebendigen Beziehungsgeschehnissen innerhalb der
beschriebenen psychotherapeutischen Zwischenwelt stattfinden. Von hier
aus machen sich die neuen Erfahrungen auf den Weg, kontextübergreifend
zu werden und auch außerhalb der Therapie ihre Wirkung zu tun. In
diesem Beziehungsrahmen findet die Veränderung statt und weniger in
den einzelnen Eingriffen des Therapeuten und den einzelnen Reaktionen
des Klienten.
Der zweite Punkt, auf den eine
Psychotherapie besonders achten muss, ist der, dass die Erfahrung von
Veränderungsspielräumen nicht irgendwie von außen in das Leben des
Klienten hineinzubringen ist, sondern in den leidverursachenden
Mustern des Klienten selbst aufgefunden werden müssen. Der Therapeut
muss sich also auf die gefährlichen Muster seines Gegenübers
weitgehend einlassen können. Wenn jemand in einem System gefangen
bleiben „will“, so wie es der Müllersohn tut, dann fordert er eine
Aufhebung des Störenden und eine Beseitigung der Ungerechtigkeit. Der
Müllerbursche glaubt vielleicht, dass er dann, wenn er nur weiträumig
genug alles Unpassende in seinem Leben umgeht, irgendwann einmal durch
lauter Passendes belohnt werde. Er hofft, dass er „irgendwann einmal“
entschädigt wird für das, was ihn in der Zeit, in der er sich noch
vertrauensvoll hingeben konnte, so hart getroffen hatte. Eine
Psychotherapie könnte diesem Wunsch gegenüber leicht ein falsches
Versprechen machen und sich wie der abgespaltene, aktive Teil eines
Klienten, mit allen „Katerkünsten“ in das System des Betreffenden
einspannen lassen.
Beispiel eines Veränderungsspielraums
Wir können uns jetzt fragen, wie eine Situation
aussieht, in welcher der Therapeut nicht einfach nur eingespannt ist
in die 1:1 Wiederholung eines gelebten Musters seines Klienten. Welche
Spielräume sind gemeint, wenn es um die Chancen einer Veränderung
geht, und wie können sie in der Situation wahrgenommen oder aber auch
übersehen und ungünstig behandelt werden? Nehmen wir hierzu noch
einmal die Situation, in der dem Müllersohn unerwartet ein echtes
Interesse von einer Prinzessin entgegengebracht wird. Zum Hintergrund
gehört, dass der Müllersohn in dieser Szene einmal ausdrücklich nicht
in den Kleidern des Zukurzgekommenen steckt. Er hat ja in diesem Falle
vielmehr königliche Kleider an. Nehmen wir das als Beispiel für eine
Therapiesituation, und fragen wir uns: Was wird der Klient im Rahmen
eines verfestigten Musters geneigt sein zu tun? Und was ist es, was er
wahrscheinlich übersieht? Wie kann der Therapeut dabei helfen oder was
kann er in einer solchen Situation falsch und auch richtig machen?
Zur ersten Frage: Was ist der
Müllerbursche im Sinne eines verfestigen Systems geneigt zu tun? Er
wird sich nach einem ersten Verwundern sagen, dass das Aufleuchten in
den Augen der Prinzessin nicht ihm, sondern nur seinen schönen
Kleidern gegolten habe und dass es ansonsten keinen Grund zur
besonderen Freude in diesem Zusammenhange gibt. Diese
Umdeutungsmethode des Klienten setzt normalerweise die folgende
Reaktion in Gang: Der normale Mitmensch, den Therapeuten nehme ich
zunächst einmal aus, wird, soweit er höflich ist, versuchen, die
entkräftenden Zweifel des Müllerjungen durch die verschiedensten
Beteuerungen zu zerstreuen. Die entsprechenden Beteuerungen werden
aber voraussichtlich ihr Ziel verfehlen, denn die Entwicklung erlaubt
an dieser Stelle des Märchens noch keinen größeren „Liebesbeweis“ (und
noch keine größere Erfolgsmeldung). Das bemühte Beteuern ehrlicher
Bewunderung würde also das Misstrauen nur noch vergrößern. Es wäre nur
Wasser auf die Mühlen eines Klienten, der doch davon ausgeht, dass
nichts läuft, wenn es nicht ganz genau für ihn passt. Das als unecht
erlebte Beteuern des Gegenübers oder sein Flüchten bestätigen ihn nur
noch mehr, dass es die Kleider waren, die ihm die besondere
Aufmerksamkeit erbracht haben. Er glaubt weiterhin, dass ihn auch in
dieser Situation nichts dabei helfen kann, dem Schicksal des „Zukurzgekommenen“
zu entfliehen.
Was muss der Therapeut anderes tun?
Hierzu übersetzen wir die Situation wie folgt: Gemeint ist eine
Situation, in der der Therapeut gleichsam die Prinzessin ist und dem
Klienten in Analogie zum Märchen eine Anerkennung ausspricht. Die
Anerkennung ist dann der bewundernde Blick, der dem Klienten
zugeworfen wird und zwar an einer Stelle der Therapie, in der dieser
sich endlich getraut hat, rückhaltlos (nackt) in eine Situation
hineinzugehen und wirklich dabei auf das zu schauen, was ihm an
Überraschendem entgegenkommt. Der anerkennende Blick des Therapeuten
sagt also, dass der Klient einen Fortschritt gemacht hat.
Der Klient denkt jetzt vielleicht, dass
sein Therapeut sich nur freue, weil er, als Klient, den von ihm
empfohlenen Ratschlägen gefolgt ist. Die Bewunderung, die vom
Therapeuten kommt, wäre dann vielmehr die Bewunderung der eigenen
therapeutischen Leistung und Intervention, in deren Gewandung es „auch
nur“ zu der neuen Erfahrung gekommen ist. Würde der Therapeut jetzt
reagieren, wie es der Beschreibung von eben folgend der normale
Mitmensch tut, so müsste er versuchen, den Klienten vom Gegenteil zu
überzeugen. Das wird aber dazu führen, dass der Therapeut
wahrscheinlich das bisher Erreichte in zu hohen Tönen darstellt, eben
auch im Sinne einer Zweifel beschwichtigen wollenden Beteuerung. Er
könnte natürlich auch versuchen, in einer so komplizierten Situation
auf die eine oder andere Weise zu flüchten und z.B. das Thema
wechseln. Beide Handlungsweisen würden aber zu Recht ein Misstrauen
bei seinem Gegenüber erwecken und, da es sicherlich schon vorhanden
ist, es noch weiter verstärken.
Der Psychotherapeut muss also etwas
anderes tun: Er muss dem Betreffenden zeigen, dass er, der Klient, es
in Wirklichkeit selber ist, der sich in besagter Situation einmal
anders „sieht“, und wenn auch nur deshalb, weil ihm gerade mal nicht
das vertraute Seelengewand des „Zukurzgekommenen“ zur Verfügung
gestanden hat. Er selbst war es, der sich für einen Augenblick wieder
mit den Augen des sich Entwickelnden sehen konnte. Das macht ihm das
Interesse der Prinzessin erfahrbar. Er hat eine neue Erfahrung
gemacht, die sehr intensiv und zunächst nur für einen kurzen
„Augenblick“ wirkt. Das muss der Therapeut als Mittuender in einer
solchen Situation bemerken und „unterstreichen“.
Die Möglichkeit einer solchen Erfahrung
war in der konkreten Art und Weise der seelischen Strukturbildung des
Klienten enthalten. Jetzt aber wird sie erst richtig sichtbar und
konkret aufgreifbar durch das richtige Mitspielen des Therapeuten in
der entsprechenden Situation. Zusammen mit dem Therapeuten also, der
an einer solchen Stelle auf die richtige Akzentuierung in der
Erfahrungsverarbeitung achtet und nicht z.B. eingeschüchtert flüchtet
oder sich in Beteuerungen verliert, erfährt der Klient etwas über die
tatsächlich vorhandenen Veränderungsspielräume in seinem Leben, die er
bisher nicht oder kaum gesehen hatte.
Das Unperfekte als Prinzip
An dieser Stelle der
Überlegungen wird es Zeit, an den bekannten Satz zu erinnern, der
meist am Ende eines Märchens steht: „Und wenn sie nicht gestorben
sind…“ Dieser Satz kann uns daran erinnern, dass die in einer Therapie
am Ende „gelösten“ Probleme nicht ein für alle Male verschwunden sind.
Vielmehr wird der Müllersohn immer wieder mal durch das Leben, mehr
oder weniger grob vielleicht, an die Kehrseiten eines „Vertrauenden
Einlassens“ erinnert werden. Es gibt kein Mittel dagegen, sieht man
einmal von der Methode ab, die den Müllersohn in Umkehrung seiner
Wünsche beinahe in den Stillstand jeglicher Entwicklung getrieben hat
(Schmollen, Verzagen). Vielleicht wird der Betreffende es in einer
solchen Situation ja noch einmal mit Schmollen versuchen, und sich
dann aber auch wieder - ähnlich wie er es in der Therapie gelernt hat
- aus den entsprechenden Verstrickungen befreien.
Auch der Versuch, uns über die inneren
Zusammenhänge einer Psychotherapie Klarheit zu verschaffen, muss sich
mit einer Grenze abfinden: Auf dem Weg dahin, uns ein Bild von dem zu
machen, was den umfassenden Prozess einer Psychotherapie zusammenhält,
wurden Zusammenhänge sichtbar, die nicht nur das Hauptbild
psychotherapeutischen Funktionierens beschreiben, sondern auch ein
Nebenbild desselben. Andere Zusammenhänge wiederum machten uns auf ein
Gegenbild von Psychotherapie aufmerksam und damit auf die
Notwendigkeit einer Abgrenzung von Formen, die wir unter dem Anspruch
einer „Psychotherapie“ als unverantwortbar ablehnen müssen.
Das Hauptmotiv, das einen
psychotherapeutischen Prozess bewegt, ist das Herstellen von
Veränderungsspielräumen. Und das ist besonders dort von Nutzen, wo
strukturelle Zwänge sich verselbstständigen oder sich bereits
verselbständigt haben. In Einigem, was die Psychotherapie tut, setzt
sie sich aber auch, vergleichbar mit der Medizin für eine
Störungsbeseitigung ein oder wirbt, so als ginge es schwerpunktmäßig
um eine Lehre, für ein bestimmtes Bild vom Seelischen. Wir können in
der Psychotherapie also eine Reihe von Nebenmotiven am Werke sehen.
Sie gehören mit zu dem Ganzen, vorausgesetzt, dass sie sich nicht
verselbständigen, sondern immer wieder zum Hauptmotiv hin in eine
fruchtbare Beziehung gesetzt werden.
In der institutionellen Wirklichkeit von
Psychotherapie spiegeln sich die genannten Probleme wieder. Wir können
feststellen, dass sich, wie in einem Hauptbild von Psychotherapie,
eine psychologische Profession entwickelt, deren Ziel es ist -
unabhängig von den Zwängen einer Heilberufsordnung -
Veränderungsspielräume herzustellen. Das Nebenbild einer
Psychotherapie wird dagegen geprägt von einer medizinlogischen, bzw. „interventionsorientierten“
Psychotherapie. Hierzu steht als organisatorische Hilfe das Modell
einer medizinischen Fachdisziplin bereit. Die in der Krankenversorgung
eingeführten Verfahren müssen sich zur Zeit von diesem Bild her
definieren.
Und wie verhält es sich nun mit dem
Gegenbild einer Psychotherapie im institutionellen Bereich? Das
Gegenbild einer Psychotherapie können wir auf der Ebene der
Einrichtungen ebenfalls sehr gut wiederfinden. Hier geht es dann um
Psychotherapieangebote, die sich in ihrer Arbeit und Zielsetzung zum
Hauptbild einer Psychotherapie wie abgespalten verhalten. Hier findet
kein kontrollierender Rückbezug der Nebenmotive auf das Hauptbild
statt. Gemeint sind also Therapieformen, die auf diese Weise eine
reine „Entstörung“ zu betreiben suchen oder auch eine ideenmäßige und
quasireligiöse Einverleibung des Klienten (z.B. Sekten).
Ermutigung zum
Eigenen
Das Funktionieren ist von bildhafter Natur
Zum Schluss möchte ich noch einmal kurz auf den Rahmen
zurückkommen, in den ich meine Überlegungen gestellt sehen möchte. Mit
meinem Entwurf geht es mir vor allem darum zu zeigen, dass die
Psychotherapie ein eigenes Funktionieren, sprich: eine eigene Seele,
hat. Trotz der verschiedenen therapeutischen Schulen weist sie eine
eigene, inhaltlich-bildliche Konstruktion auf. Das Märchen vom
gestiefelten Kater macht auf dieses komplex gestaltete Innere mit
seinen verschiedenen Wendungsmöglichkeiten aufmerksam und stellt es
wie in einer Karikatur heraus. Es wäre sicher einmal interessant,
danach zu schauen, wie sich das gleiche Märchenbild auf die
verschiedenen Therapieschulen hin weiter ausdifferenziert.
Das Märchen zeigt uns auf eine
exemplarische Weise, dass es gelingen kann, die verschiedenen
Varianten einer Psychotherapie in einem „Bild“ zusammen zu bringen.
Das beweist, dass es in den verschiedenen Therapieverfahren um etwas
Gemeinsames geht, das nicht nur von formaler Art ist: Die Verfahren
erweisen sich insgesamt als die Umsetzung eines fassettenreichen,
neuen Verständnisses vom Seelischen.
Verfahren, in denen es überwiegend um
direkte Zielsetzungen geht, gleichen sich im Wesentlichen auf eine
formale Weise. Wenn wir jetzt versuchen würden, genau diese Verfahren,
die nämlich das Nebenbild einer Psychotherapie kennzeichnen, in ein
Modell zu bringen, wäre das Ergebnis sicherlich ein anderes als das
hier Vorgestellte: Es würde seinen Schwerpunkt in der Beschreibung von
Wirkfaktoren haben und in ihren Mischungen. Eine Konstruktion dagegen,
die ein Hervorgehen des einen aus dem anderen und zwar
inhaltlich-bildlich ableitbar macht, würden wir hierbei nicht
erhalten.
Ein Blick
vom Märchen auf die Profession
Zum Schluss unserer Überlegungen sollte es erlaubt
sein, das Gleichnis des Märchens auch auf die Problemgeschichte
unserer psychologischen Profession anzuwenden.
Die Psychotherapie verdankt ihre
Entwicklung ebenfalls einem anerkennenden neuen Blick: Man traute sich
im vorigen Jahrhundert und teilweise auch schon ein wenig davor, dem
Seelischen eine eigene Natur und eine Eigengesetzlichkeit
zuzubilligen. Und das ist die Analogie zu der erneuernden Erfahrung
des Müllersohns durch den Blick der Prinzessin, den wir auch als den
eigenen Blick des Müllersohnes auf sich und seine Möglichkeiten
gedeutet haben.
Der neue Blick auf die eigene
Wissenschaft und Profession lässt die Vorstellung aufkommen, dass es
in ihr um etwas anderes geht als nur um ein Stück Fortsetzung der
Heilkunde. Und für die weitere Entwicklung der Psychotherapie könnte
das Gleichnis des Märchens uns sagen, dass es keinen Sinn macht, sich
in zwei Sorten von Aktivitäten aufzuteilen, in denen es auf der einen
Seite darum geht, sich schmollend auf die Position einer zu kurz
gekommenen „heilkundlichen“ Disziplin zurückzuziehen und auf der
anderen Seite darum, nichts unversucht zu lassen, die eigene Sache
doch noch auf die medizinische Wissenschaft hin passend zu machen. Der
neue Blick, wie ich meine, ermutigt vielmehr, sich auf die Entwicklung
einer psychologischen Profession einzulassen.
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(Abhandlungen zur Philosophie und Pädagogik, Band 157)
Anschrift des Verfassers:
Werner Mikus,
50997 Köln Waldkauzweg 73
E-Mail:
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