05|11|00

Nicola Döring (1999)

Sozialpsychologie im Internet
Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse,
Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen
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Göttingen: Hogrefe. 69,- DM ISBN 3 - 8017 - 1255 - 9

Buch-Homepage: URL http://www.nicoladoering.de/Hogrefe/index.html

Quelle: Eichenberg, C. (2000). Psychomed, 3, 196.
Besprechung des Buches: N. Döring, Sozialpsychologie des Internets. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen.

 

Der Patient ist suizidal. Seit drei Wochen, berichtet er, ist seine Online-Liebe nicht mehr im Chat aufgetaucht und hat auch keine E-Mails mehr beantwortet. Er weiss nicht warum, alles war doch Ordnung und so schön gewesen.

Im Zuge der Informatisierung der Gesellschaft werden wir im klinischen Bereich immer häufiger mit psychosozialen Problemen konfrontiert, die mit der Nutzung von Computern und Computernetzwerken zusammenhängen. Ehescheidung infolge von Cyberaffären, Arbeitsplatzverlust infolge von "Online-Sucht", solche oft etwas exotisch anmutenden Fälle werden immer alltäglicher und erfordern eine kompetente Einschätzung und Behandlung. Internet-Nutzung kann aber nicht nur zur Genese und Verschärfung von klinisch relevanten Problemen beitragen, sie kann auch die Problemlösung unterstützen. Patienteninformationssysteme im WWW, Selbsthilfe-Mailinglisten und psychologische E-Mail-Beratung sind Beispiele für eine netzbasierte Verbesserung der psychosozialen Versorgung. Praktikerinnen und Praktiker sind gefragt, die solche Angebote mitgestalten, auf Qualität prüfen, sowie Rat- und Hilfesuchende zur Nutzung ermutigen und anleiten.

Mit den psychologischen Aspekten der computervermittelten Kommunikation vertraut zu sein bildet die Basis zum Verständnis sowohl pathologischer als auch konstruktiver und therapeutischer Formen der Netznutzung. Entsprechendes Hintergrundwissen vermittelt gut lesbar und sehr praxisnah die "Sozialpsychologie des Internet" der Heidelberger Psychologin Nicola Döring. Nach einigen Bemerkungen zur Geschichte und gesellschaftlichen Bedeutung des Internet, werden die wichtigsten Formen des computervermittelten Austauschs in ihren psychosozialen Besonderheiten detailliert beschrieben: Im Zentrum stehen der zeitversetzte Austausch per E-Mail, Mailingliste, Newsgroup und WWW sowie der zeitgleiche Austausch per Chat-, Chat-Forum, MUD, Audio- und Videokonferenz. Themen wie Kommunikationsrhythmus, Anonymität, Emotionsausdruck oder Verhaltenskontrolle kommen dabei zur Sprache. Durch welche soziodemografischen Merkmale sich Netzaktive auszeichnen und wie sie das Internet bevorzugt nutzen wird anhand der Ergebnisse neuerer empirischer Studien beantwortet. Interessant sind dabei unter anderem die Ausführungen zum Stellenwert der vielzitierten sexualbezogenen Netzangebote.

Wie stellen sich Menschen im Netz dar und welche Funktionen erfüllen ihre Online-Identitäten? Wie entstehen neue Freundschaften und Liebesbeziehungen im Netz? Wie unterscheiden sich diese Netzbeziehungen hinsichtlich Partnerwahl, gemeinsamer Aktivitäten oder Beziehungsverlauf von herkömmlichen zwischenmenschlichen Bindungen? Wie bilden sich virtuelle Gruppen und Gemeinschaften und wie wird Zusammenhalt geschaffen, wie werden Aufgaben erledigt und Konflikte gelöst? Diesen und weiteren Fragen zu Identitäten, Beziehungen und Gruppen im Netz geht jeweils ein separates Kapitel nach. Die Darstellung ist spannend, da zahlreiche populäre Vorstellungen über die Netzwelt durch die Konfrontation mit Forschungsergebnissen und Fallbeschreibungen relativiert oder auch widerlegt werden.

 Die beiden Kapitel über Methoden und Theorien der Internet-Forschung helfen bei der Einschätzung des aktuellen Standes der wissenschaftlichen Internet-Diskussion und sind insbesondere jenen ans Herz zu legen, die eigene empirische Arbeiten (z.B. Evaluation eines medizinisch-psychologischen Netzangebots, Entwicklung eines Diagnose-Instruments zur Online-Sucht) durchführen wollen.

 "Die Sozialpsychologie des Internet" eignet sich aufgrund ihrer Anschaulichkeit für Netzneulinge und durch die Vielzahl der Studien und Detailinformationen gleichzeitig für Fortgeschrittene. Dank eines differenzierten Index lässt sich das Buch auch hervorragend als Nachschlagewerk einsetzen. Es ist zu wünschen, dass sich die medizinische Psychologie dem Internet mit kritischem Interesse nähert, Praxisprojekte und Forschungsbemühungen in diesem Bereich vorantreibt. Das hier vorgestellte Buch kann dazu inspirieren und liefert durch seine zahlreichen Quellenangaben eine ideale Arbeitsgrundlage.

Christiane Eichenberg

http://www.christianeeichenberg.de

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