Im Zusammenhang mit der Herzinfarktforschung hat das Coronary Prone
Behavior Review Panel 1981 die Forderung aufgestellt, daß nach dem
damaligen Stand der Forschung neue Meßverfahren für drei Bereiche zu
entwickeln waren:
Eine mögliche Erklärung hinsichtlich der sehr späten empirischen Betrachtungsweise des menschlichen Verhaltens als möglichen Risikofaktor bieten SULS und RITTENHOUSE (1990) mit Blick auf die Probleme einer genauen Datenerfassung an:
"Ironically, the Dangerous Behaviors model, ..., has received the least attention, perhaps because studying behavior in situ requires direct observation, raters, and other cumbersome and expensive procedures."(S. 53)
Ihrer Meinung nach ist es mittels technischer Errungenschaften der letzten Jahre erst möglich geworden, physiologische Untersuchungen gekoppelt mit soziologischen bzw. psychologischen Fragestellungen nicht nur durchzuführen, sondern auch sinnvoll aufzuzeichnen und auszuwerten. Sehr zentral ist hierbei das nonverbale Verhalten als Teil des sichtbaren Verhaltens, eingefordert von oben angefuehrter Kommission. In der aktuellen Forschung hat sich besonders der Bereich des sichtbaren Verhaltens in den letzten Jahren zu einem ertragreichen Forschungsfeld entwickelt. WALLBOTT (1994) beschreibt Verhaltensbeobachtung generell als diagnostische Methode, die in einer Vielzahl von Bereichen einen hohen Stellenwert hat. Dabei weist er besonders der nonverbalen Kommunikation einen hohen Rang zu. Den Bereich der nonverbalen Kommunikation unterteilt WALLBOTT in die Teilbereiche Vokal und Nonvokal, worüber sich sichert streiten ließe.
Bezogen auf den nonvokalen Anteil des nonverbalen Verhaltens steht die Untersuchung der motorischen Kanäle (hier im weiteren Mimik und Körperbewegung und Körperhaltung) im Vordergrund, was in Anlehnung an Punkt 3 des Forderungskatalogs des Coronary Prone Behavior Review Panel ein Ansatz wäre, sich einer empirischen Methodenentwicklung zu widmen.
Bei der Datenerhebung des nonverbalen Verhaltens gibt es nun, wie nicht anders zu erwarten, erhebliche Probleme. Hinsichtlich der empirischen Datenerfassung des nonverbalen Verhaltens lassen sich bereits auf der Ebene der Deskription selbst erhebliche Schwierigkeiten bei der Datengewinnung verzeichnen. Das sichtbare Verhalten tritt immer in einer komplexen Form auf, so daß es schwer fällt, einzelne Komponenten des Verhaltens zu isolieren, ohne die Gesamtheit der Information, die an die Komplexität des Verhaltens geknüpft ist, zu verlieren. Nach wie vor ist hier die Frage ungeklärt, welche Semantik in dem jeweiligen nonverbalen Verhalten bzw. dem motorischen Bewegungsablauf enthalten ist, da eine einheitliche Lexikalik, die im Bereich der Sprachforschung z.B. der Sprache selbst innewohnt, nicht offengelegt ist. BENTE ET AL. (1984) beschreiben das Problem wie folgt:
"Anders als bei den sprachlichen Anteilen des Kommunikationsverhaltens, die wir mit Hilfe des Alphabets zuverlässig und differenziert protokollieren können, steht uns für die Bewegungstranskription, d.h. für die schriftliche Fixierung der in der Interaktion spontan auftretenden Bewegungsweisen, keine dem Alphabet an Leistungsfähigkeit auch nur annähernd vergleichbare Kodierungssprache zur Verfügung."(S. 242)
Auch wenn es keine einheitliche offene Lexikalik des nonverbalen Verhaltens gibt, ist es dennoch jedem Teilnehmer an einer Interaktion möglich, neben der sprachlichen Information auch Informationen aus dem Verhalten zu filtern, da er dieses in seiner Komplexität nicht nur wahrnimmt, sondern dieses auch als Informationskanal interpretiert und nutzt. Zentral ist für eine empirische Auswertung des nonverbalen Verhaltens der Umgang mit der auf Grund der Komplexität überwältigenden Datenfülle. FREY und POOL (1976) beschrieben in diesem Zusammenhang drei der gebräuchlichsten Wege aus dem Dilemma der Datenreduktion, die jeweils einer Datenauswertung vorgeschaltet sein muß:
Allen diesen Vorgehensweisen ist ein gravierender, methodisch jedoch kaum zu behebender Nachteil gemeinsam: die Datenreduktion selbst findet bereits im Verlauf der Datenerhebung statt. BENTE ET AL. (1984) beschreiben den Umgang mit reduktionistischen Datererfassungsmethoden wie folgt:
"Je undifferenzierter dabei das reale Verhalten in den Beobachtungskategorien abgebildet ist, umso 'verschwommener' wird gewissermaßen auch das Bild, das sich der Untersucher vom Verhalten seiner Versuchsperson macht, und um so unsinniger wird sein Anspruch, aus diesem unklaren Verhaltensbild Aussagen über die zugrunde liegenden psychischen Prozesse machen zu können."(S. 243)
Welche Untersuchungsmethoden des nonverbalen Verhaltens sind nun im Moment in der Forschung präferiert? Mit Blick auf eine empirische Datenerhebung bieten sich für die Untersuchung des nonverbalen Verhaltens verschiedene Methoden an. Zwei der wichtigsten Vertreter sind nach WALLBOTT (1994) das Emotional Facial Action Coding System, das auf das Facial Action Coding System aufbaut (EKMAN und FRIESEN, 1978) und das Berner System (FREY, HIRSBRUNNER, POOL und DAW, 1981). Zieht man die oben angeführte Klassifikation der Datenreduktionsverfahren heran, so wäre das FACS einer restriktiven Kodierung zuzuordnen und das EMFACS dem Prinzip des Verhaltensratings.
Das von HJÖRSTJÖ (1970) entwickelte FACS ist ein aufwendiges, jedoch anatomisch sehr gut abgesichertes Verfahren, bei dem es um eine Trennung der Deskription mimischen Verhaltens und der Interferenzen dieses Verhaltens geht. Die Grundlage dieses Systems besteht in den anatomisch vorgegebenen Bewegungsvariationen der zum Gesicht gehörigen einzelnen Muskeln und Muskelgruppen. Daraus ließen sich 44 sogenannte "Action units" ableiten, von denen per definitionem angenommen wird, daß sie die das Grundrepertoire mimischer Variation darstellen (EKMAN und FRIESEN, 1978). Der jeweilige Beobachter bzw. Rater bekommt mittels dieser "Action units" ein standardisiertes Instrumentarium für die Einschätzung der jeweiligen Mimik zur Verfügung. Da das FACS ein Verfahren ist, bei dem die jeweiligen Anwender ausgiebig geschult und angeleitet werden müssen, um reliable Ergebnisse zu erzielen, gibt es seit langem Bestrebungen, dieses Verfahren zu automatisieren. VANGER (in prep) bemerkt dazu:
"Training of coders is also a cumbersome procedure requiring many hours of learning and practicing. For this, the development of an automated coding would solve these problems and would greatly facilitate research to facial expression."
Als mögliche Vorgehensweise schlägt VANGER in Anlehnung an KAISER und WEHRLE (1992) eine Untersuchungsmethode vor, bei der Gesichter mit Hilfe von in einer Computerdatenbank befindlichen Referenzgesichtern verglichen werden. Um diese Datenbank zu erstellen, wurden die Gesichter von 10 Personen an den von EKMAN und FRIESEN (1978) vorgegebenen Referenzpunkten mit Klebepunkten versehen. Die Versuchspersonen wurden gebeten 6 unterschiedliche Emotionen mimisch abzubilden (Freude, Traurigkeit, Ekel, Ärger, Überraschung und Freude), was frontal fotografisch erfaßt und anschließend digitalisiert wurde. Aus den jeweils vorliegenden 6x10 Bildern wurde mit Hilfe der Klebepunkte ein Prototyp errechnet. FUCHS und HAKEN (1988) entwickelten ein computergestütztes neuronales Netzwerk, mit dessen Hilfe VANGER (in prep) in der Lage war, beim Vergleich der jeweiligen Prototypen mit anderen Gesichtern (die ebenfalls mit Klebepunkten versehen waren) Erkennungsraten bis zu 70 Prozent zu erzielen. Festzuhalten ist, daß mit diesem Verfahren die Möglichkeit eröffnet wird, rein deskriptiv an einer Mustererkennung zu bleiben, d.h. den Gedanken, der zur Entwicklung des FACS geführt hat, beizubehalten..
Ging es bei der Entwicklung des FACS noch um eine Trennung der Deskription mimischen Verhaltens und der damit verbundenen Interferenzen dieses Verhaltens, so wurde bei der Weiterentwicklung des FACS nun der deskriptive Aspekt der Datengewinnung mittels der action units mit einer Zuordnung dieser sichtbaren Bewegungen und deren komplexen Muster zu dahinter vermuteten Emotionen verknüpft. Schwierig ist es, eine Definition der Emotion zu finden. Große Übereinstimmung besteht nach HAMM und VAITL (1993) in der Ansicht, daß Emotionen Reaktionsmuster auf diskrete, auslösende interne oder externe Ereignisse sind. Als Indikatoren für eine Emotion dienen ihrer Ansicht nach drei Bereiche:
Mit Blick auf die sehr widersprüchliche Forschungslage ist es ein noch schwierigeres Unterfangen, Annahmen zur Herkunft und Wirkung von Emotionen zusammenzufassen. Folgt man der Annahme von EKMAN und DAVIDSON (1994), daß Emotionen im Verlauf der Evolution eine zentrale Rolle gespielt haben, erscheint die Suche nach sogenannten Basic Emotions, die sich als solche besonders im Gesicht und der Mimik abbilden, angemessen. Hier lassen sich sehr unterschiedliche Zugehensweisen ausmachen:
"My general claim is that "emotion" terms are names for particular interpretive schemes (e.g., "remorse," "guilt," "anger," "shame") of a particular story-like, script-like, or narrative kind that any people in the world might (or might not) make use of to give meaning and shape to their somatic and affective "feelings". (S. 32)
Emotionen sind in Anlehnung an SHWEDER (1994) also interpretierte Ideen die einen Einfluß auf unsere Gefühle haben können oder aber auch nicht. Keinesfalls besteht die Notwendigkeit, allein wirksame Emotionen anzunehmen. Es ist wahrscheinlicher, daß Kulturen und Individuen keine biologisch determinierten Emotionen aufweisen, sondern daß Emotionen ausschließlich soziale Konstrukte sind. Folgt man dieser Annahme, so stellt sich die Frage, wie sich Emotionen im sozialen Kontext auswirken und wo sie beschreib- und nachweisbar sein könnten, was die Frage der Datenerhebung anspricht. Hierzu werfen EKMAN und DAVIDSON (1994) die Frage der Dringlichkeit reliabler Daten auf, um Emotionen überhaupt erst genauer untersuchen zu können. Although everyone agrees that more data are needed, they disagree about how much reliable data are now available, and what kind of data will be most useful in furthering our understanding of the emotions. (S. 47)
Bereits 1984 gingen FRIESEN und EKMAN bei der Entwicklung des FACS zum EMFACS (Emotional Facial Action Coding System) mit Blick auf eine erweiterte Datengewinnung aus ihrer Sicht einen Schritt in diese Richtung.
Das EMFACS wird im Allgemeinen eingesetzt, um die individuelle Wirkung der Interaktion auf die Beteiligten zu untersuchen. Zusätzlich zur Deskription der Muskelaktivität (FACS) wird der sichtbaren Bewegung ein emotionaler Affekt zugeordnet. Nach STEIMER-KRAUSE (1994) ist die zentrale Annahme für die Arbeit mit sichtbarem Verhalten, daß nonverbales Verhalten, insbesondere die affektiven Signale der Mimik, einen erheblichen Anteil bei der Beziehungsregulation und der Entstehung von Beziehungsstrukturen hat. Ihrer Ansicht nach tritt in der nonverbalen Kommunikationsforschung die Frage auf:
"... wie signalisiert das Subjekt dem Objekt, was es wünscht, und wie signalisiert das Subjekt dem Objekt, was das Objekt diesbezüglich tun soll. Dieses Signalisieren oder Kommunizieren geschieht zu einem großen Teil über Affektsignale. In neueren Affekttheorien (...) besteht ein Konsens darüber, daß Affekte als beziehungsregulierende Mechanismen zu begreifen sind." (STEIMER-KRAUSE, 1994, S. 211)
Hinsichtlich des Wertes der durch das EMFACS erhaltenen Daten besteht keinesfalls Konsens. HAMM und VAITL (1993) schließen kritischen Äußerungen zum EMFACS insofern an, daß durch die sprachliche Kategorisierung, die durch die jeweiligen Rater geleistet werden muß, ein Teil des differenzierten und individuellen Erlebens der jeweiligen Versuchsperson verwischt wird. Sie begründen diese Überlegung mit der Annahme, daß die Struktur affektiver Sprache nicht gleichbedeutend mit der Organisation emotionalen Erlebens sein muß.
Noch weiter geht ROSEMEIER (1992), der dem non-verbalen Geschehen nur den Status eines diagnostischen Hilfsmittels zuweist, da über non-verbale Kanäle eine emotionale Verständigung zwischen Individuen erreicht wird, es also eher darauf ankommt, die Reaktion des Interaktionspartners zu betrachten. Besonders problematisch wird die durch Rater unabdingbare Interpretation des non-verbalen Ausdrucksverhaltens, was er wie folgt zum Ausdruck bringt:
"Gefühlsäußerungen bilden sich im Gesicht mehr oder minder vorbewußt non-verbal ab. Gefühle lassen sich allerdings auch bewußt darstellen. Das gleiche Gefühl kann unterschiedliche Darstellungsvarianten bieten." (S.111)
In diesem Zusammenhang wäre das EMFAC nicht mehr in der Tradition der reinen Deskription zu sehen, sondern als Hilfsmittel zu Beschreibung von Emotionen. Es wird angenommen, daß das Konstrukt "Emotion" als reliables Ereignis erfaßbar ist und die Daten im Anschluß an die Kodierung mit Hilfe einer "Differentiellen Emotionsskala" operationalisierbar sind. Hier zeigt sich in Anlehnung an den oben angeführten Emotions-Zugang von SHWEDER (1994) die Problematik der Interpretation des gesehenen mimischen Verhaltens.
Bei einer Untersuchung zur nonverbalen Beziehungsregulation in Dyaden mit schizophrenen Patienten haben STEIMER-KRAUSE ET AL. (1990) versucht, den Regulationsaspekt der Mimik in der Beziehung zwischen zwei Individuen zu untersuchen. Dazu wurden 20 Schizophrene (10 ambulante, 10 stationäre), 10 psychosomatische Patienten (6 mit Colitis Ulcerosa und 4 mit funktionellen Rückenbeschwerden) und 50 gesunde Personen untersucht. Alle Schizophrenen bekamen Neuroleptika in unterschiedlicher Dosierung. Während einer Diskussion über die 4 wichtigsten politischen Probleme, die es in der nächsten Zeit in der Bundesrepublik zu lösen gilt, wurden die Versuchspersonen auf Video aufgezeichnet. Die Aufzeichnungen wurden anschließend nach dem EMFACS ausgewertet.
Herausgefunden wurde, daß bei Schizophrenen alle Expressionen des Obergesichtes gegenüber denen der Kontrollgruppe eingeschränkt sind, wobei die Reduzierung bei den hospitalisierten schizophrenen Patienten größer war, als bei den ambulanten. Im Untergesicht läßt sich bei beiden Gruppen eine Reduktion der Mimik beobachten. Die Hypothese zur unterschiedlichen mimischen Expressivität der einzelnen Gruppen konnte in der Untersuchung also bestätigt werden, wobei jedoch nicht ausschließlich angenommene Reduktionsphänomene in Produktivität und Affektivität zu finden waren. Jedoch scheint die Reduktion bestimmte Formen des Ausdrucks pathologieübergreifend zu betreffen. Die pathologiespezifischen Kennwerte bezogen sich auf das Hervortreten spezifischer Affektexpressionen. Sind bei der gesunden Kontrollgruppe die Affekte Freude, Verachtung, Ekel, Wut und Trauer am häufigsten ausgedrückt, so sind es in der Gruppe der stationären Schizophrenen die Affekt Verachtung, Ekel, Wut, Freude bei den ambulanten Schizophrenen die Affekte Freude, Ekel, Wut und Trauer (jeweils in der gefundenen Reihenfolge).
Zu den elaboriertesten Methoden der Bewegungsanalyse zählt nach WALLBOTT (1994) das Berner System, das unter anderem auf Arbeiten von FREY und HIRSBRUNNER (1981) zurückgeht. Diese Methode wurde entwickelt, um die nonverbale Interaktion zwischen Individuen zu erfassen. Die Grundüberlegung des Berner Systems läßt sich unter anderem auf GOFFMAN (1967) zurückführen, der von einer sozial-darwinistischen Perspektive aus postulierte, daß der Mensch in einer Welt der sozialen Begegnung lebt und bei jedem direkten oder indirekten Kontakt mit anderen Menschen versucht, seine eigene Verhaltensstrategie, das Repertoire seiner Erfahrungen und seiner Erziehung, durchzusetzen. Das Verhalten, das dazu genutzt wird, umfaßt verbale und nichtverbale Handlungen, die unabhängig vom Bewußtseinsgrad ablaufen. Diese Handlungen schlagen sich in der direkten Interaktion jedes Menschen nieder und sind dort deskriptiv erfaßbar. Das Berner System eignet sich in hohem Maß zur Erfassung der nonverbalen Kommunikation, ist jedoch in der praktischen Anwendung sehr aufwendig.
An dieser Stelle soll eine Arbeit von PEPPING (1993) vorgestellt werden, auf die im folgenden etwas ausführlicher eingegangen werden soll, da sie Fragestellungen der vorliegenden Arbeit sehr eng berührt. Pepping schließt sich der Annahme von BOOTH-KEWLEY und FRIEDMAN (1987) an, daß die Gesamtheit der koronaren Herzkrankheit und des Herzinfarktes stärker von anderen Konstrukten abhängt als vom klassischen Typ-A Verhalten.
Trotz dieses Ansatzes versuchte Pepping in seiner Arbeit, mit Hilfe des Berner Systems, noch ausschließlich Typ-A von Typ-B Verhalten zu unterscheiden. Dabei stellte sich die Frage, inwieweit sich motorische Komponenten als Teil des Typ-A Verhaltens oder aber als eigenständige Risikobedingungen der koronaren Herzkrankheit nachweisen lassen. Der Versuchsplan war als eine zweifaktorielle multivariate Varianzanalyse mit Meßwiederholung angelegt. An dem Experiment nahmen 24 Männer im Alter von 35 bis 55 Jahren teil, die sich je zur Hälfte aus der Gruppe der Infarktpatienten und der gesunden Patienten rekrutierten. Diese beiden Gruppen wurden nochmals in Typ-A beziehungsweise Typ B unterteilt.
Bei der Versuchsanordnung ging Pepping davon aus, daß ein Typ-A Verhalten gezielt herbeigeführt werden muß, um meßbar zu werden. Dies versuchte er über ein in dieser Richtung ausgelegtes Design zu erreichen, in dessen Mittelpunkt die Simulation einer "Stressituation" durch mentale Aufgaben stand. Außerdem wurde das strukturierte Interview nach ROSENMAN und FRIEDMAN durchgeführt.
Im Vordergrund stand jedoch die motorische Reaktion auf simulierte Stressoren. Der Ausgangshypothese nach wurde erwartet, daß der klassische Typ-A Patient schnellere und ausdauerndere Bewegungen vollzieht als der Typ-B Patient. Um dies zu überprüfen wurden auf Grund der Auswertung des strukturierten Interviews zwei Extremgruppen (Typ-A und Typ-B) erhoben und mit einer Normal-Gruppe verglichen.
Die Analyse einzelner Bewegungen erbrachte jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen. Somit konnte die Ausgangshypothese nicht bestätigt werden. Dies wurde als Hinweis darauf gewertet, daß das Typ-A Verhalten kein kohärentes Bündel von Eigenschaften ist, wie es die bisherigen Definitionen der Infarktforschung erwarten ließen. Dagegen waren Anzeichen von Unterschieden zwischen den beiden Extremgruppen und der Kontrollgruppe zu finden die sich in der Belastungssituation auf die Ausbreitungsgeschwindigkeit der komplexen Bewegung und die Länge der jeweiligen Bewegung bezogen.
Festzuhalten ist, daß Pepping mit seinem Vorgehen eine methodische Brücke zwischen einem klassischen Fragebogendesign und einem rein deskriptiv/physikalischen Zugang mit Hilfe einer computergestützten Bewegungsanalyse schlug, was der Forderung des Coronary Prone Behavior Review Panel sehr nahe kommt. Zu diskutieren wäre die Frage, inwieweit die Laborsituation, in der Pepping Stressoren in Form von Rechenaufgaben u.ä. einsetzte, geeignet sind, überhaupt eine Reaktion, die dem Alltag nahekommt, herbeizuführen. Verwiesen sei auf eine Untersuchung von KOLLENBAUM ET AL. (1995), die junge Männer beim Einsatz eines tiefenpsychologischen Interviews im Vergleich mit einem herkömmlichen Laborstressor (Rechnen unter Lärm) untersuchten. Erwartet wurde dabei eine stärkere Ausprägung kardiovaskulärer Reaktionen (Blutdruck, Herzrate, Katecholamine) beim Tiefeninterview, da diese Situation den Alltagsphänomen näher ist, als die Laborsituation. Gefunden wurde von ihnen eine ausgeprägtere Reaktion der Blutdruckwerte, die Herzrate dagegen unterschied sich nicht. Das Tiefeninterview kann nach diesen Ergebnissen als geeigneter erachtet werden, kardiovaskuläre Reagibilität bei jungen hypertoniegefährdeten Personen zu untersuchen, als die klassische Laborsituation.
Für weitere Untersuchungen des sichtbaren Verhaltens hat dieser Befund die Konsequenz, in der Belastungssituation (die der Trennung von Gruppen dient) ein Design zu wählen, in dem ein Tiefeninterview eine zentrale Rolle für die Differenzierung spielt und nicht, wie bei Pepping angenommen, Laborstressoren diese Aufgabe übernehmen.
Dr. Ingolf Otto (Dipl. Psych.)