Lieber Christian ! Anbei eine Rezension neuerer amerikanischer Literatur zum Thema "Metapher und Therapie"; das Thema ist deshalb interessant, weil es Möglichkeiten bietet, die Grawe'sche Frage einer "Allgemeinen Psychotherapie" unter etwas professionelleren Gesichtspunkten zu diskutieren. Hier die Rezension und ich bitte um Kommentare:
Unter den kräftigen Schlägen, die die empirische Psychotherapieforschung in der jüngeren Zeit öffentlichkeitswirksam ausgeteilt hat, zuckt das psychotherapeutische Feld getroffen. Die Abwehrkämpfe sind in vollem Gange, manche werden von den nachsetzenden Finanzspürhunden etwas weniger, andere etwas mehr gebissen. Jedenfalls scheint eine Wirkung derzeit zu sein, daß sich psychotherapeutische Schulen geängstigt umeinander scharen und den von außen erzwungenen Integrationsdruck innerlich vollziehen. Die große Vision einer `allgemeinen Psychotherapie' fungiert als ein mächtiger Magnetpol, auf den hin sich alle Bemühungen auszurichten haben; Ziel soll sein, daß einzelne Praktiker empirisch ermittelte Variablen realisieren, die dann bei Patienten bestimmter Gruppierungen als wünschenswert angesehene Effekte hervorbringen.
Die Ausrichtung dieser Diskussion läßt ganz vergessen, daß es innerhalb der Psychotherapieforschung längst eine massive Kritik am sogenannten Einheitsmythos gegeben hatte. Danach ist das, was der eine Therapeut einer gegebenen Schule, sagen wir der Psychoanalyse oder der Systemtheorie, tut, keineswegs dasselbe, was ein anderer Therapeut derselben Schule tut. Warum eigentlich ist das so? Die Antwort ist denkbar einfach: weil Profession und Wissenschaft keineswegs dasselbe sind. Beide gehören höchst unterschiedlichen Systemen an. Man kann sich das klarmachen, wenn man an die unterschiedlichen Zeitstrukturen denkt; Wissenschaftler haben grundsätzlich Zeit zur Verfügung, um ein Problem zu lösen, Professionelle müssen rasch reagieren. Die Systemdifferenz ist noch an weiteren Merkmalen zu unterscheiden: Professionelle Praktiker sind meist Teil des Problems, welches sie lösen wollen und das kann auch nicht anders sein. Sie sind interaktiv beteiligt, das aber wollen und sollen Wissenschaftler gerade nicht sein. Die Lektüregewohnheiten beider sind höchst unterschiedlich; es werden ganz andere Autoren gelesen und zitiert und in unterschiedlichen Zeitschriften veröffentlicht. Teils auch werden wissenschaftlich gefundene Ergebnisse von Praktikern nicht zur Kenntnis genommen - und umgekehrt. Professionelle reagieren auf höchst komplexe und instabile Problemlagen, während für wissenschaftliches Operieren die Fiktion der gesetzmäßigen oder stochastischen Stabilität von abhängigen und unabhängigen Variablen gilt. Die einen reflektieren in Kontexten, die anderen wollen Kontextfreiheit. Kurz, wenn man das Verhältnis von Wissenschaft und Profession bestimmen wollte, dann müßte man (wie Ludwig Reiter und ich formulieren) sagen: Beide bilden Umwelten füreinander, die wechselseitig Komplexität aufbauen, um sich produktiv irritieren zu können.
In der derzeitigen Diskussion aber wird so getan, als gelte unhinterfragt eine Gleichung: PROFESSION IST WISSENSCHAFT. Was wie eine Gleichung aussieht, ist in Wirklichkeit eine Metapher. Was ist das eigentlich, eine Metapher? Sie galt lange Zeit über als ein ziemlich abgewertetes rhetorisches Element, etwas, das Politiker zum Zweck der Verführung von Massen benutzen (`Wir sitzen alle in einem Boot'), das Wissenschaftlicher allenfalls benutzen sollten, wenn sie ihre Ergebnisse für die sog. einfachen Leute aufbereiten. Sie galt als weniger als der `Begriff'. Begriff - das ist etwas anständiges, wer ihn benutzt, zeigt an, daß er sich um die Tugenden der Objektivität, der Sachlichkeit, daß er sich um Theorie bemüht. Seit einiger Zeit jedoch wird die Metapher massiv aufgewertet. Man stellt fest, daß die gesamte Wissenschaft von Leitmetaphoriken durchzogen ist, die man als solche überhaupt erst zu bemerken beginnt. Es gibt sog. Konzeptuelle Metaphern - und diese werde ich, dem Gebrauch in den hier zu besprechenden Büchern folgend, in GROSSBUCHSTABEN schreiben.
Welche Aufwertung die Metapher in den verschiedensten Wissenschaften erfährt, kann man dem verdienstvollen Band von Radman entnehmen. Hier schreiben erstrangige Wissenschaftstheoretiker zugunsten der Metapher und sammeln Befunde aus den verschiedensten Bereichen. Als Beispiel möchte ich die darin enthaltene Arbeit der international renommierten Wissenssoziologin Karin Knorr Cetina nennen. Sie beobachtete Physiker in Teilchenlabors und kann feststellen, wieviel Gebrauch sie von Metaphern machen müssen. Sie sprechen ihren Apparaten, den Detektoren, sogar auf diese Weise moralisch-menschliche Qualitäten zu, etwa wenn sie sagen, der Detektor `nimmt wahr', er `verhalte sich', er `kooperiere nicht', ja er scheine sogar ein eigenes `Innenleben' (S. 344) zu haben. Er hat Qualitäten als autonomer `agent', er `täuscht' dann z.B. den Wissenschaftler über Beobachtungsergebnisse. Ohne solche Vermenschlichung des Apparats, so zeigt die Autorin überzeugend, kann der Wissenschaftler ihn nicht interpretieren. Physiker scheinen demnach neben ihrer `offiziellen' Theorieprache eine zweite, eher verdeckte Sprache zu benutzen und es ist eher diese letztere, durch welche sie sich als Professionelle ihres Fachs erweisen. Solche Befunde sind heilsam für all diejenigen, die der Psychologie eine noch stärkere Orientierung am Vorbild der Physik empfehlen wollen. Hier entsteht ein etwas realistischeres und dafür umso metaphernreicheres Bild der physikalischen Forschung; auch hier wird, nein: hier muß in Metaphern gedacht werden. Aber auch die anderen Beiträge dieses Bandes gehen in eine ganz ähnliche Richtung.
In der Geschichte der Psychologie, so informiert der historisch angelegte Band von Danziger, etwa gab es die folgenden konzeptuellen Metaphern: DIE SEELE IST EIN UHRWERK. Wo diese dominierte, wurden mechanistische Vorstellungen leitend. Sie wurden abgelöst durch die von der Psychoanalyse inspirierte konzeptuelle Metapher DIE SEELE IST EIN DAMPFKESSEL, es folgten im Zeitalter der Zentralheizungen die Leitmetaphern der Kybernetik, wonach Menschen wie feed-back-Schleifen funktionieren und neuerdings setzt sich die Idee DIE SEELE IST EIN COMPUTER in einigen Richtungen durch. Das Bewußtwerden solcher metaphorischer Paradigmen hat Danziger zu einer Geschichte der Psychologie angeregt, in welcher er genau und akribisch die von der Psychologie entwickelten empirischen Verfahren und Methoden nachzeichnet, mit denen die Metapher des Subjekts verpflichtend gemacht wurde. Es ist sofort erkennbar, daß diese neue Geschichtsschreibung der Psychologie mit den Ideen des sozialen Konstruktionismus vereinbar ist und deshalb heißt sein letztes Kapitel auch: `The social construction of psychological knowledge'. Psychologisches Wissen wird als eine Form der sozialen (Erkenntnis-)Praxis analysiert; es wandelt sich mit der Zeit unter massivem außerwissenschaftlichem Einfluß. Psychologisches Wissen erzeugt dominante Diskurse, die die merkwürdige Eigenschaft haben, vergessen zu lassen, daß es sich um soziale Konstruktionen handelt. Nahezu alles, was hier zusammengetragen wurde, will ja immer als `natürlich' erscheinen und nur dann, wenn solches Wissen als `selbstverständlich' Geltung erlangen konnte, konnte es sich durchsetzen. Experimente in der Psychologie sind insofern kein Beleg für `allgemeine' Gesetzmäßigkeiten, sondern reflektieren nur eine unreflektierte Praxis der Durchsetzung. Deshalb wurden in der Geschichte der Psychologie viele kritische Diskurse an den Rand gedrängt und vielleicht gelingt es ja nun, wenn man die Leitmetaphern der dominanten Diskurse stärker in den Blick nimmt, die historisch vorgefallenen Verdrängungen auch wieder rückgängig zu machen. Eine doppelte Frage, die der Identität und die der Macht, ist hiermit angesprochen.
Gamm arbeitet in seinem philosophisch angelegten Buch ebenfalls den Einfluß leitender Metaphoriken heraus und das berührt unmittelbar therapeutische Interessen. Den in der therapeutischen Praxis ist es ja z.B. üblich geworden, davon zu sprechen, `sich zu finden' und damit verwendet man unbemerkt eine metaphorische Sprechweise, die machtvoll suggeriert, es gäbe tatsächlich etwas zu `finden', wenn man nur lang genug `sucht'. Klar ersichtlich wird hier, daß die Diskurse das erzeugen, was dann als `fact' gilt und so warnt Gamm (S. 124) richtig: `Wie die Diskussion der Handlungsmodelle in den letzten zwei Jahrzehnten gezeigt hat, birgt jede Konzeptualisierung des Verhaltens und Erlebens spezifische Folgekosten'. Die Rede vom `sich finden' ermöglicht dann eine dunkle Mythologisierung und trägt, zusammen mit anderen Thematisierungen zu einem Kult des Ursprünglichen und des Irrationalen bei. Dieser begegnet uns ja nicht zuletzt in den Sprechweisen unserer Patienten, wenn diese etwa sagen, daß sie von Gefühlen `überschwemmt' seien oder daß dies oder jenes Ereignis dieses oder jenes Gefühl bei ihnen `ausgelöst' habe. Eine solche Redeweise konstruiert einen Diskurs über Gefühle, in denen diese als Kräfte mit eigener Mächtigkeit erscheinen, denen die Person letztlich ausgeliefert ist. Solche Hilflosigkeit der Person gegenüber ihrem Innenleben führt dann rasch zu therapeutischer Resignation, denn wenn es Überschwemmungen gegeben hat, empfehlen sich allenfalls noch Maßnahmen der Schadensbegrenzung oder der Reparatur. In Übereinstimmung mit postmodernen philosophischen Entwicklungen empfiehlt Gamm daher, einen Sprachgebrauch einzuüben, der von der Leitmetapher des `sich erfindens' geprägt ist. Das befreit aus Hilflosigkeit und Ohnmacht und re-konstruiert die `Mächtigkeit' des Subjekts.
Damit komme ich zu dem anderen Thema der Identität. Kann es denn, wie Fitzgerald behauptet, Identität als Metapher geben? Ist die Identität nicht eher etwas, das doch jeder `hat', das man allenfalls `verlieren' kann? Fitzgerald verbindet drei Momente hier miteinander: Kommunikation und Kultur sind es, die die Identität einer Person bestimmen und folgerichtig definiert er Identität als eine `akademische Metapher für die Person-im-Kontext'. Das ist für Familientherapeuten vertrautes Terrain. Aber Fitzgerald hält auch einige Provokationen bereit. Sorgfältig analysiert er das vorhandene biologische und sozialwissenschaftliche Wissen um die Identität und zeigt dann, welche `spezifischen Folgekosten' (wie Gamm sagen würde) manche metaphorischen Identitätskonstruktionen haben. Denn von `Identität' zu sprechen stellt ja gerade in `akademischer' Manier den Kontext still und wenn ein solcher Diskurs unter dem Einfluß der Massenmedien, denen Fitzgerald eine gewichtige Rolle einräumt, populär wird, wollen alle Menschen nicht nur `Identität' haben, sondern sie wollen eine Identität haben. Nicht der Verlust der Identität, sondern ein Zuviel davon, was ja je nach Kontext sinnvoll sein kann, wird dann gerade als Manko empfunden und so drängt sich bei der Lektüre der Verdacht auf, daß die Popularisierung der Psycho-Diskurse mit am neuen Krankheitsbild der `multiplen Persönlichkeit' produktiv beteiligt sein könnte. Das wäre dann ein Beispiel für `soziale Konstruktion', v.a. aber für `Folgekosten'.
Dies ist ein Aspekt, der auch in dem Buch von Meares mit anklingt, aber dieser Autor ist weniger kritisch. Er stellt die Spiel-Metapher ins Zentrum seiner Darstellung von Klienten mit sog. Borderline-Syndrom. Sie leiden in seiner Sicht an einem zentralen, wenn man so will: kulturellen Paradox. Das persönliche Selbst, Kern der Identität, wächst in einer als `public domain' bezeichneten Sphäre gedeihlicher sozialer Interaktionen; aber der Borderline-Patient gründet sein Selbst, das andere Menschen als nicht-substantiell auffassen, auf physische Gegenstände, wie Spielzeuge oder Körperteile. Damit wieder `spielen' zu lernen, sie nicht verdinglichend `wörtlich' zu nehmen, wird dann ein plausibles Therapieziel. Man könnte auch sagen, in der Behandlung geht es um die Wiedererlangung der Fähigkeit des metaphorischen Verstehens und Selbstverstehens. Insofern erscheinen Menschen mit solchen Störungen fast wie Prototypen einer Kultur, die auf Wissenschaftlichkeit und Begrifflichkeit setzt. Meares ist versierter Praktiker und sein Buch mit klinischen Beispielen reichhaltig garniert; etwas verloren geht ihm dabei der Blick auf diejenigen Metaphern, mit denen Theorien auch Selbstdeutungsmuster folgenreich konstruieren. Aber das ist kein Mangel, denn seine klinisch-praktische Erfahrung, immer unaufdringlich angeboten, entschädigt hier reichlich.
Die kulturelle Dimension ist wiederum stärker das Thema von Fitzgerald. Fitzgeralds Beispiele für die konstruktive Mächtigkeit der Metapher sind die Homosexualität, die ja lange Zeit als `Krankheit' metaphorisch beschrieben wurde (sie war ja eine diagnostische Kategorie) und die Zurkenntisnahme der (sub-)kulturellen Besonderheiten damit blockierte. Sein anderes Beispiel ist die Gerontologie, von der er in Übereinstimmung mit manchen sagt, was hier zusammengetragen wurde, sei häufig nicht mehr als `sentimental nonsense' (S. 161). Die zugrundeliegende konzeptuelle Metapher ALTER IST EIN BIOLOGISCHER PROZESS fordert er konsequent zu ersetzen. Denn auch hier sind die Folgekosten hoch. Wenn man diese Metapher stillschweigend anerkennt, folgt in der Regel eine Strategie der Absonderung alter Menschen und eine soziale Identitätszuschreibung als `Senioren', denn gegen die Biologie ist wiederum kein Kraut gewachsen. Hilflosigkeit also auch hier als Folge einer konzeptuellen Metapher. Statt dessen kann man `Alter' als eine kulturelle und kommunikative Konstruktion kritisch auffassen und dann öffnen sich Hilfe- und Einflußmöglichkeiten - und diese Frage wird uns in den nächsten Jahren, wegen der massiven Verschiebungen in der Alterspyramide, drängend beschäftigen. Die Öffnung derjenigen Restriktionen, die uns unsere `selbstverständlichen' Metaphern nahelegen, wird zu einem höchst handfesten, höchst praktischen Thema und niemand kann mehr sagen, Metaphernanalyse sei etwas für Theoretiker. Ein solches Argument verschanzt nur das Übliche und das `selbstverständlich' gewordene der eigenen Praxis. Es entlastet zwar, läuft aber Gefahr, in der konservativen Ecke zu verbleiben.
Das genau sieht auch Rosenblatt. Sein Untertitel `Towards New Constructions' wendet das, was die anderen Autorinnen und Autoren im Programm haben, ins familientherapeutisch Praktische. Klar, nach den Einsichten der allgemeinen Metaphernforscher wie Berteau und Fiumara, kommen wir ohne Metaphern überhaupt nicht aus. Metaphern hängen nicht nur mit dem Leben in allgemeiner, sondern in imaginativer Weise zusammen. Das `sehen' wir meist nicht - und hier haben wir ein Beispiel fürs Gemeinte, nämlich für die konzeptuelle Metapher WISSEN IST SEHEN ( Fiumara, S. 51). Wir beziehen uns auf diese Metapher, wenn wir ein Problem `klären' wollen, wenn wir `nicht durchblicken' oder `im Nebel tappen' und Fiumara zeigt uns, daß es hier einen den Philosophen und Psychoanalytikern - die Autorin ist beides in einer Person - bekannten `inneren Sinn' gibt, über den wir kaum anders sprechen können als in einer, die Metaphern der äußeren Welt als Bildspender benutzenden Weise. Was wäre z.B., wenn wir unser Wissen mit den Metaphern des `Hörens' organisieren würden? Würde sich etwas ändern?
Durch solche Gegenüberstellungen, die die Metapherntheoretiker uns aufbereiten, können wir überlegen, welche Begrenzungen uns jede aufnötigt, wie jede von der Metapher erzeugte, ach so selbstverständliche Sicht der Dinge, uns therapeutisch lähmt. Das gilt z.B. - und jetzt kehre ich zu Rosenblatt zurück - für die Metapher der `Grenze', von der Familien ja umgeben sein sollen. Niemand hat sie je gesehen, aber alle sind sich darin einig, daß Grenzen eingehalten werden sollen, insbesondere innerhalb von Familien. Das nennt Rosenblatt das, was durch die Metapher `erhellt' (`highlighting') wird. Anderes wird von ihr verdunkelt (`obscuring'). Verdunkelt wird, daß Grenzen nicht real sind, sondern eine Metapher für eine soziale Praxis. `What if family members differ in their thoughts and behaviors that are boundary setting?' (S. 79), stellt er als eine wichtige Frage, die in die gleiche Richtung zielt wie die Fragen von Fiumara. Die Metapher der Grenze verdunkelt, daß sie einen normativen Gehalt hat und implizit, aber wirkungsvoll bestimmte Vorstellungen vom `richtigen Familienleben' transportiert. Solche Überlegungen trägt Rosenblatt aber noch weiter, wenn er auch das `System' als eine metaphorische Redeweise ansieht. Denn es ist auch in der deutschen Literatur in Frage gestellt worden, ob die konzeptuelle Metapher DIE FAMILIE IST EIN SYSTEM das spezifisch Familiäre an der Familie auszudrücken vermag, ob es nicht eine Auffassung von der Familie als eine Art Biotop nahelegt und damit gerade wiederum das Soziale, die Eigenart der Familie als eine Institution oder als auch als einen ideologischen Zusammenhalt, wegblendet.
Der Autor hat sein Buch sehr informiert aufgebaut, es ist systematisch zu lesen, weil er das `highlighting' und `obscuring' jeder Metapher nacheinander abwägt und er gelangt schließlich zu einer Auffassung, die sich der von Fitzgerald annähert, nämlich die Familie als einen kulturellen Zusammenhang aufzufassen. Wenn die Metapher DIE FAMILIE IST EINE KULTUR sich im familientherapeutischen Diskurs etablieren würde, hätte das Folgen. Man könnte eine Familie nicht mehr instruieren, man könnte sie nicht mehr `behandeln', aber man könnte mit ihr gemeinsam ihre Konstruktion von handlungsleitenden Bedeutungsgebungen untersuchen und würde anerkennen, daß die Rede von `der' Familie ein Mythos ist, denn jede bildet ihre höchst eigene Kultur aus, die verstehen zu lernen eine Aufgabe für den postkybernetischen familientherapeutischen Diskurs werden könnte. In der amerikanischen Diskussion wird Rosenblatts Buch in genau diesem Sinne zur Kenntnis genommen und breiter diskutiert. Mit der Unterscheidung zwischen den `erhellenden' bzw. `verdunkelnden' Leistungen der Metapher spricht Rosenblatt das an, was Berteau die kommunikativen Funktionen der Metapher nennt. Metaphern gestatten etwas zu `sehen als', wer eine Metapher verwendet, dem erscheint etwas in einem anderen Licht. Die Metapher kann nicht nur schwer verständliche Inhalte verständlicher machen - was eine außerordentliche wichtige Funktion von ihr ist ( Berteau, S. 219), sie leistet mehr, nämlich etwas, was über den wörtlichen Begriff weit hinausgeht. Sie erzeugt ein poetisch schwingendes Feld vielfältiger Bedeutungen und das gerade ermöglicht eine, für therapeutische Dialoge mächtige Funktion: es kann an Bedeutungen angeschlossen werden, gerade weil sie auf Präzision und Genauigkeit verzichtet. Das ist für professionelle Praxis unverzichtbar. Hier kommt es ja, anders als in der Wissenschaft, nicht darauf an, das letzte Wort zu haben, sondern ein nächstes zu finden.
Das Buch von Berteau ist grundlagentheoretisch angelegt. Die Autorin bezieht sich auf einen weiten Korpus sprachwissenschaftlicher Literatur, bezieht ihre Anschaulichkeit teils aus philosophischen, teils aus poetischen Beispielen. Aber sie verweist auch auf Gesprächsanalysen und dabei wird deutlich, wie weit in den Feldern der Konversations- und Diskursanalyse die Wertschätzung der Metapher sich bereits durchgesetzt hat. Wer sich für die grundlagentheoretische Diskussion interessiert, der greife zu diesem Buch, wer mehr praktische Orientierungen sucht, dem seien die Bücher von Kopp und Meares empfohlen.
Die Bücher von Meares und Kopp setzen hier ganz praktisch fort. Kopps Buch ist voll von Klienten-Beispielen, er zeigt sich als sensibler Zuhörer für die Metaphern seiner Patienten. Wenn ein Patient ihm mitteilt, in seiner Ehe sei seine Frau immer die Lokomotive gewesen, dann gewinnt er leicht eine hilfreiche Problemkonstruktion, indem er mit dem Patienten darüber spricht, ob sein Wagen stehen geblieben sei, wie er sich wieder ankoppeln könne oder ob es andere Kräfte geben könnte, die ihn in Bewegung bringen. Solche Weisen des Zuhörens sind deutschen Professionellen Praktikern wahrscheinlich eher aus dem NLP bekannt und wenn man sich entschließt, die schulischen Auftrennungen auch als eine Art der Wissensverhinderung aufzufassen, dann erkennt man nun, daß sich - gleichsam auf der Hinterbühne der lautstark geführten Auseinandersetzung um die sog. Allgemeine Psychotherapie - längst eine Einheitlichkeit entwickelt hat, die auf einer spezifischen professionellen Leistung basiert, die Kopp richtig als `creative imagination' bezeichnet. Bei dem, was Patienten uns berichten, imaginieren wir immer etwas und die entscheidende Frage ist nicht, ob es `richtig' oder `falsch' ist.
Denn Indurkhya zeigt, daß es einen Zusammenhang zwischen der Metapher und dem Denken gibt, der Folgen für die Verständigung hat. Wir brauchen nicht genau zu wissen, was jemand meint, wenn er sagt: `ich fauchte vor Wut'. Der eine mag sich einen Löwen, der andere einen Drachen, der Dritte eine Katze vorstellen - entscheidend ist, daß eine funktional äquivalente Szene imaginiert wird. Differenzen entstünden erst, wenn der eine an einen Ausbruch schwerer Wut, der andere aber an ein Zirkuskunststück denken würde. Indurkhya zeigt, daß das Problem, welche Imagination `paßt', auf eine elegante Weise gelöst werden kann. Es gibt nämlich so etwas wie körperlich fundierte kognitive Schemata. Eins davon will ich beispielhaft nennen. Das container-Schema basiert auf unserer schon vorsprachlich gemachten Erfahrung, daß wir uns in Räumen bewegen, im Mutterleib aufwuchsen und dementsprechend behandeln wir viele nicht körperliche Themen mit diesem Schema. Wir sagen dann z.B., `er wachte aus dem Schlaf' auf oder nehmen einen anderen in den Blick. Auch das ist eine metaphorische Sprechweise, nämlich eine `Übertragung' (das ist die deutsche Übersetzung von Metapher) einer körperlichen Grunderfahrung auf ganz andere Bereiche.
Allerdings, hier ist noch ziemlich viel offen und die Frage, wie Professionelle zu ihren kreativen Metaphern kommen, ist ziemlich ungeklärt. Klar ist aber, daß sie kreative Metaphern gebrauchen und auf diesem Weg ihren Patienten auf eine originelle und hilfreiche Weise zur Seite stehen. Psychotherapeutische Profis verhalten sich hier, wenn sie wissenschaftlich untersucht werden, nicht viel anders als andere Profis, etwa Computerprogrammierer oder auch Lehrer oder Ärzte. Diese antworten auf die Frage danach, wie sie das eigentlich tun, was sie tun, mit Sätzen wie: `Warte, bis ich fertig bin' oder `Sieh doch zu!' oder `Stör mich nicht' und zeigen damit an, daß sie das Problem kreativ imaginieren müssen. Denken als Probehandeln, wie noch Freud es sah, ist dann nur noch eine Beschreibungsmöglichkeit für professionelle Leistung. Denken ist auch die Fähigkeit, unter Zuhilfenahme von Imagination und Visualisierung eine unlösbare Situation in ein lösbares Problem zu verwandeln - und daß dabei die Metaphern eine zentrale, wenn nicht die zentrale Rolle spielen, können wir nun wissen.
Klar ist weiter, daß die `selbstverständlich' gewordenen Metaphern den Professionellen hinsichtlich ihrer `verdunkelnden' Wirkungen meist nicht sonderlich bewußt sind. Meist wissen sie nicht genau genug, in welcher Weise sie sich ein metaphorisches Bild von ihrem Klienten oder ihrer Familie aufbauen und sie sehen es besonders dann schwer, wenn das aufgebaute Bild konform mit ihrer gerade bevorzugten Theorie ist. Dann halten sie leicht für `Wirklichkeit', was `in Wirklichkeit' eine Metapher ist. Hier kann die Metapherntheorie in vielerlei Hinsichten hilfreich sein, hier kann die Metapherntheorie empirische Forschungen, die professionellen Praktikern hilfreich sind, in Bewegung setzen. Denn man muß nicht unwissenschaftlich werden, wenn man sie in die Umwelt des professionellen Handlungssystems plaziert, denn die hier besprochene Literatur zeigt, es gibt auch Wissenschaft, die unser professionelles Handeln - darf ich dies Wort gebrauchen? - `erleuchten' kann. Und schließlich wird auch klar, daß jede Psychotherapie, ob als Gruppen-, Familien- oder Einzeltherapie erbracht, immer eine Leistung der interaktiven Herstellung der Beteiligten ist. Sie ist in diesem Sinne höchst individuell und deshalb wird fraglich, ob es eine `Allgemeine Psychotherapie' überhaupt geben können wird. Die Beschäftigung mit der Metapher, die ja ein zentrales Moment professionellen Könnens ist, insofern als dies in Sprache und Sprechen besteht, kann für die aktuelle Auseinandersetzung wichtige Argumente liefern, welche die Eigenart des professionellen Handlungssystems als unterschieden vom Wissenschaftssystem herauszupräparieren gestatten.
Michael B. Buchholz (Göttingen/Tiefenbrunn)
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