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Buchbesprechung: Neumann, Peters: Als der Zahnarzt Zähne zeigte... Humor, Kreativität und therapeutisches Theater... in Psychotherapie, Beratung und Supervision.

Prof. Dr. Wolfgang Pfeiffer, Rennestr. 13a, 91054 Erlangen

Apr 1997


"Wolfgang Neumann hat es - zusammen mit seinem am therapeutischen Theater orientierten Kollegen Bruno Peters - unternommen, ein Form der Therapie und Supervision zu entwickeln, die zwar eindeutig auf dem Boden des person-zentrierten Ansatzes steht, aber entschieden über die gewohnte Methodik der "Gesprächspsychotherapie" hinausgeht. Das Streben der Autoren ist darauf gerichtet, daß sowohl Klient als auch Therapeut/Berater ihre kreativen Potentiale entdecken und in die Therapie einbringen."

Wolfgang Neumann hat es - zusammen mit seinem am therapeutischen Theater orientierten Kollegen Bruno Peters - unternommen, ein Form der Therapie und Supervision zu entwickeln, die zwar eindeutig auf dem Boden des person-zentrierten Ansatzes steht, aber entschieden über die gewohnte Methodik der "Gesprächspsychotherapie" hinausgeht. Das wird schon im Titel des Buches deutlich und in der Widmung, die neben Carl Rogers auch Charly Chaplin gilt. Zudem illustriert das Umschlagbild - ein lachendes Gebiß - nicht nur den kuriosen Buchtitel, sondern bringt auch den Hang zu Spiel und Groteske zum Ausdruck, der für Neumanns und Peters therapeutischem Umgang mit Wort und Metapher kennzeichnend ist.

Das Streben der Autoren ist darauf gerichtet, daß sowohl Klient als auch Therapeut/Berater ihre kreativen Potentiale entdecken und in die Therapie einbringen. Dabei heben sie die Bedeutung der Bilder, der Spontaneität und eines naiven Staunens hervor. Neben den Rogersīschen Grundhaltungen bringen sie Techniken der systemischen Therapie zur Geltung, die sich gut in die spielerische Einstellung einfügen, so Symptomverstärkung, paradoxe Verschreibungen, Umbenennen und Schlüsselworte. Aus Neumanns Wunderkiste kommen hinzu Wortverdrehungen, verspielte Assoziationen und natürlich allerlei Reimereien. Absicht ist dabei, Langeweile und verengte Sicherheit zu durchbrechen und sie zu ersetzen durch Überraschung, Neugier und Verunsicherung bis hin zur Verwirrung. Und das geschieht auch mit dem Leser des Buches. Auf charmante und gütige Weise wird hier "das Unaussprechliche mit Leichtigkeit gesagt", wobei die Sprache, das Spiel mit den Worten, als das wichtigste Medium erscheint.

Die Basis der Therapie liegt freilich in der Beziehung, und die beginnt mit dem "ersten Augenblick" (und da ist schon ein Poem über die Augen und ihren Blick eingefügt - womit deutlich wird, daß mit "Sprache" nicht nur die Worte gemeint sind, sondern die Präsenz, der lebendige Austausch zwischen den Partnern). Auf solche Weise ist der ganze Text durchsetzt mit einer Fülle von Episoden, Bildern, kleinen kuriosen Geschichten, wie sie Neumann unter dem Eindruck des Klienten und seiner Mitteilungen erfindet und - liebevoll provozierend -in der Therapie einsetzt. "Der Träge wird zum Mops...die Depressive darf als Dornröschen auf die Prinzen warten....die Zurückgezogene spielt die Seejungfrau, der Elternabhängige wird Bodyguard der Eltern, der Verschlossene darf sich als Geheimagent unkenntlich machen....". Jede der Geschichten trägt einen Titel, z.B."Vom Quakfrosch", "Vom kunterbunten Flatterhuhn", "Über den mutigen Umgang mit dem schlechten Gewissen". Auch der merkwürdige Titel des Buches hat hier seinen Ursprung.

Den poetischen Sprachspielen Neumanns stellt Bruno Peters seine Überlegungen zum therapeutischen Theater zur Seite. Dafür ist er besonders befähigt, da er mit dem Beruf des Psychotherapeuten den des Schauspielers (und so auch die Erfahrung der Schauspielerausbildung) verbindet. Dem Bestreben, in Bildern zu sehen und zu denken, folgen dramaturgische Begriffe, wie Rolle, Figur, Szene, Regie und Inszenierung. Sie werden zunächst auf der Bühne des Seminars realisiert, finden dann aber auch Anwendung auf komplexe soziale Situationen, besonders auf den beruflichen und familiären Alltag. Auf der Bühne werden die typischen Formen der Kommunikation (und ihrer Störung) greifbar und damit auch die Inszenierung der Symptome. Das gilt gerade auch für die Spieler selbst. Sie gewinnen damit Distanz zu ihrem eigenen Verhalten, können sich vom eingeschliffenen Repertoire freimachen und neu Möglichkeiten entdecken.

Im folgenden Teil des Buches werden die Ansätze der beiden Autoren zusammengeführt. Dabei zeichnen sich als Gemeinsamkeiten folgende Prinzipien ab:

Dies wird anhand eines fünftägigen Seminar für soziale Berufe dargestellt. Es beginnt mit den Eröffnungsritualen und den ersten Eindrücken. Dann entfaltet sich ein systematisch aufbauendes Programm von Übungen und Erfahrungen in Verbindung mit Techniken, etwa: Zuweisung von Bildern, Sätzen und Szenen, Hinwendung auf Körperimpulse; Arbeiten mit vorgegebenen Texten. Dazwischen eine Reihe theoretischer Exkurse: Zur Übertragung, zur Aufgabe alter und zur Übernahme neuer Rollen; zum Auspendeln von Nähe und Distanz; zum Erschließen unbekannter Ressourcen.

Der vorletzte Tag bringt das "Werkstattheater, wobei Rollen und Grundlinien des Textes vorgegeben sind, freilich zugepaßt auf die individuelle Problematik. Dabei kann der Regisseur unterbrechen und Veränderungen vornehmen, etwa hinsichtlich der Körperhaltung, der Stellung im Raum, der Distanz zwischen den Spielern, der Zuweisung charakteristischer Äußerungen und Attribute wie z.B. der Clownsnase. besondere Aufmerksamkeit wird auf die Ausarbeitung des Subtextes verwandt. Am Abend eine Fete mit Schminktisch, unter dem Motto: "Schmink Dir an, was du verbergen willst"! Dann erfolgt am letzten Tag die große Inszenierung mit Requisiten und Kostümen. Als Thema etwa: das Warmreden vor einer Talkshow. Dabei übernimmt jeder die mit ihm abgesprochene "Antirolle, beispielsweise der Schüchjterne die des Macho. In der letzten Arbeitseinheit des -Seminars geht es dann um die berufliche Praxis der Teilnehmer, wofür im Buch als Beispiel das Thema "Supervision gewählt ist.

Im Anhang des Buches findet sich eine Sammlung von Werkstattmaterialien. Sie enthält Anweisungen für szenische Übungen, eine Betrachtung über das "Burn-out Syndrom bei Therapeuten, sowie ein Protokoll des Seminars "Innovation statt Resignation; endlich Anmerkungen über die Phasen, welche Kollegen auf dem Wege zum Therapeuten bzw.,. zum Ausbilder durchlaufen.

Abschließend bleibt mir die Frage, was das Buch dem Leser zu vermitteln hat. Mir scheint, das sich nur weniges unmittelbar auf die eigene Praxis übertragen läßt: zu sehr handelt es sich um die ganz persönlichen Wege der Autoren, die nicht zur bloßen Nachahmung geeignet sind. Wohl aber erhält der Leser Impulse, seinen eigenen Weg zu suchen. Zu dessen Gestaltung vermag das Buch - in Bejahung und Widerspruch - eine Menge Anregungen zu geben, wobei mir gerade auch die Heiterkeit und Leichtigkeit des Buches wertvoll ist.

Ich möchte aber nicht verschweigen, daß mir das Buch an manchen Stellen Schwierigkeiten bereitet. So wichtig mir auch der Umgang mit der Sprache ist, möchte ich ihr nicht so ausschließliche Bedeutung zuweisen, wie es hier zuweilen geschieht.: Körperbewegung, Atmung, sinnliches Erfahren der Welt sind mir nicht weniger wichtig- Und hinsichtlich des schöpferischen Schaffens legt es mir den Ton zu einseitig auf Freude und Spiel. Doch geht es hierbei (und in der Therapie) gerade auch um den Versuch, das Quälende und das Bedrohliche zu verarbeiten; und weiterhin um die -oft beunruhigende - Annäherung an das Fremde. Noch dies: Kreativität liegt für mich nicht allein in Spontaneität und spielerischer Schaffensfreude; ich sehe sie nicht minder im Prozeß der Gestaltung. Der aber verlangt Festlegung (das heißt auch Verzicht, Aufgeben von Möglichkeiten), Präzision (das Bemühen um die stimmige Form). Und neben der Freude des Gelingens steht immer wieder der Schmerz der Unzulänglichkeit und des Fehlschlages.

So ist es völlig in Ordnung, daß unsere Wege nicht die gleichen sind. Wohl aber gibt mir das Buch den Anstoß, endlich meine therapeutische Arbeit mit Träumen zu Papier zu bringen. Da geht es auch um Bilder, um das Befreien verdeckter Potentiale; und nicht zuletzt um das Lachen.

Also, demnächst in der GwG-Zeitschrift!

Wolfgang M Pfeiffer/ Erlangen

Prof. Dr. Wolfgang Pfeiffer, Rennestr. 13a, 91054 Erlangen

Beide Autoren arbeiten seit über 20 Jahren regelmäßig in der Aus- und Fortbildung für psychosoziale Berufe zusammen


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Sat Apr 18 22:46:26 MET 1997