Klinik fuer Psychotherapie der Universität Düsseldorf
N-HARTKAMP@NADESHDA.gun.deHallo:
Seit dem Erscheinen von K. Grawes Buch "Von der Konfession zur Profession"ist ja schon einige Zeit verstrichen und die Aufregung um die von ihm behauptete Überlegenheit der verhaltenstherapeutischen gegenüber den psychodynamischen und insbesondere den psychoanalytischen Therapien hat sich ein wenig gelegt.
Gleichzeitig hat sich aber die Auffassung in vielen Köpfen verfestigt, durch Grawe und die Berner Psychotherapie-Vergleichsstudie sei nun eine wichtige Frage der Psychotherapieforschung ein gutes Stück vorangebracht worden, ja, und möglicherweise sei diese Frage doch auch zugunsten der Verhaltenstherapien entschieden worden.
Daß dies keineswegs so ist, belegt der jetzt gerade erschienene, von V.Tschuschke, C.Heckrath und W.Tress bei Vandenhoek & Ruprecht herausgegebene Band "Zwischen Konfusion und Makulatur -- Zum Wert der Berner Psychotherapie-Studie von Grawe, Donati und Bernauer", in welchem die wesentlichen gegen die Berner Studie vorgetragenen Argumente zusammengefasst werden.
Interessanter finde ich aber noch das folgende: V.Tschuschke, Medizinpsychologe an der Universität Köln, hat sich die Mühe gemacht, auf der Basis der von Grawe et al. (1994) veröffentlichten Daten, akribisch genau nachzuvollziehen, was Grawe et al. da im einzelnen eigentlich gemacht, gerechnet und in Tabellen verpackt haben, und er hat sich auch die Orginalarbeiten, die Grawe et al. ihrer Analyse zugrunde gelegt haben , nochmals genau angesehen. Wenn Tschuschke als Resultat dieser Überprüfung dahin kommt, die Wertigkeit der Berner Studie hinsichtlich der differentiellen Beurteilung von Therapieformen als gegen Null gehend einzustufen, dann kann man ihm, wenn man sich durch den manchmal trockenen und sehr faktenreichen, manchmal aber auch erfrischend polemischen Text durchgebissen hat, m.E. nur noch zustimmen: Die Berner Studie von Grawe et al. (1994) sagt uns nichts Substantielles zur Frage der Effektivität und Effizienz unterschiedlicher Therapieverfahren.
Ich finde es einerseits gut, daß dieses Buch jetzt erscheint, nachdem sich die anfängliche Aufgeregheit ein wenig gelegt hat, andererseits finde ich es auch schade, daß es jetzt erst kommt. Natürlich wäre es gut gewesen, wenn Grawe gleich nachdem er seine Thesen vorlegte und sie in Spiegel, Stern, Focus und ZDF popularisierte, eine klare und gut begründete Antwort bekommen hätte, aber eine solche Antwort braucht eben auch ihre Zeit.
Wie unschwer zu merken ist, möchte ich das Buch also möglichst vielen Lesern empfehlen, und wer es in die Hand nimmt, wird darin auch (wenn ich mir als Autor des betreffenden Teils den Hinweis erlauben darf) ein, so glaube ich, recht interessantes Kapitel von mir (N. Hartkamp; Anm. des Hrg.) finden, das sich (unter der Überschrift: "Psychoanalytische Therapie: Ergebnisse und Prozesse - Was wissen wir und wonach müssen wir fragen?") mit dem Stand der empirischen Forschung speziell zur psychoanalytischen Psychotherapie beschäftigt.
Schönen Gruß, N. Hartkamp
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