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1. Begrüssung und Vorstellung

Meine Damen und Herren,

Wir hatten heute und haben in den nächsten Tage Gelegenheit, mehr führende Vertreter der verschiedenen Therapieformen live zu erleben, als uns in unserem Leben wohl je wieder beschieden sein wird. Sie haben sich dies mehr kosten lassen als ein hochkarätiges Opern-, Film- oder Musikfestival. Was ist an diesem Psychofestival so attraktiv? Kann man es als eine einzigartige Lernerfahrung betrachten, die so nie wiederkommt? Wohl kaum. Man hat ja, wenn man sich dafür interessiert, ohnehin gelesen, was Lowen, Minuchin, Watzlawick und all die anderen zu sagen haben, und kein ernsthafter Mensch wird annehmen, man könne in 'drei Stunden lernen, wie man die von ihnen vertretene Therapieform wirklich durchführt. Dafür gibt es ja auch sonst genügend Kurse, die zwar auch manchmal teuer sind, aber doch nicht so teuer wie dieses Festival der Psychotherapie. Die meisten von uns sind also wohl nicht deswegen hier, um zu hören, was die Koryphäen der Psychotherapie zu sagen haben, sondern um zu erleben, wie sie es sagen, wie sie auftreten, wie sie persönlich therapieren. Vielleicht sind auch manche unter uns, die darauf hoffen ,sich vondiesem Wie etwas abgucken, es für sich selbst Übernehmen zu können. Viele von uns sind wahrscheinlich hierher gekommen, um etwas von dem Charisma dieser bedeutenden Vertreter der Psychotherapie persönlich zu erleben. Charisma haben die meisten von ihnen gewiß. Sie sind nachgewiesenermaßen brillante Verkäufer dessen, was sie anzubieten haben, sonst wären sie nicht hierher eingeladen worden.

Ist die Hoffnung berechtigt, daß wir vielleicht etwas von ihrem Charisma in uns aufnehmen können? Man wird diesbezüglich skeptisch sein müssen, leider. Sozialpsychologische Untersuchungen haben gezeigt, daß sich charismatische Personen vor allem durch besonders gut entwickelte nonverbale Enkodier- und Dekodierfähigkeiten auszeichnen. Diese Fähigkeiten erwirbt man früh im Leben und sie gehören zu den Prozessen, die in der Regel automatisch, ohne Bewußtsein, ablaufen. Sie liegen auch in ihrer Ablaufgeschwindigkeit unterhalb unserer bewußten Wahrnehmungsschwelle. Charisma läßt sich also leider nicht durch engagiertes Zuschauen übernehmen. Ich habe so manchen Gestalttherapeuten getroffen, der so spontan zu sein versuchte wie Fritz Perls, und so manchen Psychoanalytiker, der so scharf nachdenkend dreinzuschauen versuchte wie Freud. Das wirkt in keiner Weise charismatisch. Da ist es schon besser, sein eigenes Charisma weiterzuentwickeln und zu pflegen, auch wenn man sich damit abfinden muß, kleinere Brötchen zu backen als die bewunderten Vorbilder. Würden wohl unsere Koryphäen selbst von sich sagen, daß der Erfolg ihrer Therapien von ihrem Charisma, von ihren nonverbalen Enkodier- und Dekodierfahigkeiten abhängt? Schreiben tun sie jedenfalls etwas anderes. Sie glauben ganz offensichtlich daran, daß es wesentlich darauf ankommt, was man tut, und haben dazu dezidierte inhaltliche Vorstellungen entwickelt.

Zum Kennenlernen dieser Vorstellungen mußten wir aber nicht hierherkommen, denn dafür stehen genügend Bücher und Kurse zur Verfügung. Für unser eigenes Charisma werden wir hier auch nicht viel profitieren können. Was also sollen wir hier? Ich will nicht ausschließen, daß es für so manche auch einfach das Spektakel und der Unterhaltungswert ist, der sie hierher gezogen hat. Da haben Herr Meyer und ich Ihnen allerdings wenig zu bieten. Ich kann mir jedenfalls kaum vorstellen, daß Sie die diese Veranstaltung über Psychotherapieforschung der Gelegenheit vorgezogen haben, Jay Haley, Mara Selvini Palazzoli oder Thomas Szasz zu erleben, sich davon einen höheren Unterhaltungswert versprochen haben.

Für mich als Psychotherapieforscher ist die Tatsache, daß sich doch so relativ viele dafür interessieren, was die Psychotherapieforschung eigentlich zu dem Nebeneinander so vieler therapeutischer Ansätze zu sagen hat, wie wir sie hier auf diesem Kongreß versammelt finden, einerseits erstaunlich und andererseits ermutigend. Vielleicht haben Sie auch, wie ich, das intellektuelle Bedürfnis, besser zu verstehen, was eigentlich wirklich die Wirkung von Psychotherapien ausmacht. Ich selbst habe nie einen Augenblick an irgendeine der Geschichten geglaubt, die die verschiedenen therapeutischen Ansätze darüber erzählen, wie psychische Störungen zustande kommen und wie sie wirksam behandelt werden können. Es ist mir immer schleierhaft geblieben, wie man mit gesundem Menschenverstand daran glauben kann, daß therapeutische Veränderungen sich auf zwei ziemlich simple Konditionierungsprinzipien zurückfuhren lassen sollen oder wie man allen Ernstes daran glauben kann, daß Freuds Theorie der psychosexuellen Entwicklung einen bedeutenden Erklärungswert für die Entstehung psychischer Störungen haben sollte. Um das glauben zu können, muß man ja die Augen ganz fest zumachen vor allen sonstigen entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. Es ist mir auch unnachvollziehbar, wie man angesichts der nachgewiesenen Wirkungen familientherapeutischer und verhaltenstherapeutischer Maßnahmen ernsthaft darauf beharren kann, daß sich die Wirkungen von Therapien am besten als Ergebnis von Einsichten konzipieren ließen, die in einem Übertragung-Gegenübertragung-Prozess gewonnen wurden. Um das nicht glauben zu können, muß man ja kein Wissenschaftler sein. Man muß ja nur die Augen offenhalten dafür, was wirklich um einen herum geschieht.

Nur um Mißverständnissen vorzubeugen: Die Geschichten, die die hier nicht genannten therapeutischen Ansätze erzählen, halte ich mit wenigen Ausnahmen für noch viel absurder als die der Verhaltenstherapie und der Psychoanalyse, auf die ich mich hier in sehr verkürzender Weise bezogen habe.

Und dennoch: Ich habe auch erlebt, daß Therapeuten, die an diese Geschichten glauben, ihren Patienten durchaus wirksam helfen konnten. Und diese Wirksamkeit wird durch die Ergebnisse der Therapieforschung bestätigt. In dem, was Psychotherapeuten der verschiedensten Art tun, muß es also wirksame Ingredienzen geben, auch wenn die Erklärungen, die die einzelnen Ansätze selbst für diese Wirkungen geben, noch so unglaubhaft sein mögen. Sie werden auch auf diesem Kongreß immer wieder mit den Geschichten der verschiedenen therapeutischen Ansätze konfrontiert werden, die ich - wie ich glaube, mit gutem Grund - allesamt für mehr oder weniger schöne Märchen halte. Wissenschaftlich sind diese Erklärungen der Wirkung von Psychotherapie, wenn sie einmal untersucht wurden, praktisch durch die Bank widerlegt worden. Wenn wir sie als wissenschaftliche Theorien über die Wirkungsweise von Psychotherapie ernstnähmen, dann wäre es ja auch logisch ganz unmöglich daß alle in gleicher Weise wahr sein könnten. Wir müßten uns dann schon für die eine oder andere entscheiden.

Wegen meiner ausgeprägten Unfähigkeit, an irgendeines dieser theoretischen Systeme zu glauben beschäftige ich mich nun schon seit fünfundzwanzig Jahren intensiv mit der Frage, was wohl sonst die Wirkung wirksamer Psychotherapien ausmachen konnte. Für mich war es von Anfang an klar, daß man das nur herausfinden könnte, indem man das, was wirklich in Psychotherapien geschieht, zu dem in Beziehung setzt, was wirklich dabei herauskommt. Deshalb beschäftige ich mich seit dieser Zeit intensiv mit psychotherapeutischer Prozeß- und Ergebnisforschung. Ich habe selbst viele Psychotherapiestudien durchgeführt, die Zusammenhänge zwischen Therapieprozessen und ihren Wirkungen besser verstehen zu lernen. Ich habe mich aber selbstverständlich auch intensiv dafür interessiert, was andere Therapieforscher darüber herausgefunden haben. Wenn ich hier von "ich" spreche, dann ist das nicht ganz richtig. In Wirklichkeit waren jeweils große Teams an diesen Bemühungen beteiligt, etwas über die wahren Ingredienzen von Psychotherapie herauszufinden.

Wir haben die Ergebnisse unserer jahrzehntelangen Untersuchungen zur Wirkung und Wirkungsweise von Psychotherapie dieses Jahr in zwei umfangreichen Veröffentlichungen vorgestellt. Es handelt sich um ein fast neunhundertseitiges Buch in deutsch und einen Handbuchartikel in englisch.

Die Ergebnisse beruhen insgesamt auf mehreren tausend Therapiestudien, die wir im Hinblick auf relevante Ergebnisse für die Wirkung und Wirkungsweise von Psychotherapien analysiert haben. Natürlich werde ich Sie hier nicht mit den Ergebnissen im einzelnen behelligen. Wenn Sie sich dafür interessieren, können Sie in den angegebenen Literaturstellen Genaueres nachlesen. Ich werde Ihnen im folgenden die Quintessenz vortragen, die sich für mich aus diesen vielen Ergebnissen darüber ergeben hat, was eigentlich wirklich die Wirkung wirksamer Psychotherapien ausmacht.

Abb1

Aus der Fülle der vorliegenden Forschungsergebnisse lassen sich vier therapeutische Wirkprinzipien ableiten. Jeder dieser Wirkfaktoren ist durch hunderte von Einzelergebnissen abgesichert. Ich werde Ihnen jetzt diese vier Wirkprinzipien zunächst einzeln genauer vorstellen und erläutern. Danach werde ich dann noch einmal auf unsere Situation hier auf diesem Kongreß zu sprechen kommen und Ihnen einen Vorschlag machen, wie Sie die aus der Psychotherapieforschung abgeleiteten Vorstellungen über die Wirkungsweise von Psychotherapie auf das anwenden können, was Ihnen hier auf diesem Kongreß geboten wird. Was sind nun die angekündigten vier Wirkprinzipien?


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Infokontakt
Thu Apr 17 22:46:26 MET 1997