Meine Damen und Herren,
die Therapieschulen haben in der Psychotherapie eine nützliche Funktion erfüllt. In ihnen wurden therapeutische Vorgehensweisen konzipiert, erprobt und kultiviert. Sie haben Therapeuten in der Anwendung dieser Vorgehensweisen ausgebildet und auf eine möglichst verbreitete Anwendung der Vorgehensweisen hingewirkt. Ihnen und ihren Begründern verdanken wir die Vielfalt der heute verfügbaren Therapiemethoden. Ohne sie gäbe es all die Ergebnisse und Erkenntnisse nicht, über die ich hier berichten konnte.
Die Therapieschulen wären in der menschlichen Geschichte aber nicht die ersten verdienstvollen Institutionen, die selber nicht in der Lage waren einzusehen, wann ihre Zeit abgelaufen ist und es Zeit ist zu gehen. Dieser Zeitpunkt ist nun gekommen und zwar für alle Therapieschulen und für eine therapieschulartig betriebene Psychotherapie überhaupt. Keine der existierenden Therapieschulen ist mit ihren theoretischen Konzepten in der Lage die Gesamtheit der heute gesicherten Fakten auf dem Gebiet der Psychotherapie auch nur annähernd vollständig zu erklären. Jede der Therapieschulen nimmt nur einen Bruchteil der Möglichkeiten wahr, die nachweislich geeignet sind, Menschen mit psychischen Störungen und Problemen wirksam zu helfen. Sowohl unter dem Wahrheits- als auch unter dem Nützlichkeitsaspekt sind die Therapieschulen daher überholt. Frei nach Schiller könnte man sagen: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Aber er sollte nun auch gehen. Die Zukunft der Psychotherapie liegt in der therapieschulübergreifenden Nutzung der bisher erarbeiteten Erkenntnisse. Eine therapieschulübergreifende allgemeine Psychotherapie kann nicht von Meßdienern betrieben werden, die nachbeten, was ihnen die Hohenpriester der Psychotherapie vorgeben. Sie erfordert mündige Therapeuten, die die blinden Flecken der Hohenpriester sehen und in Frage stellen, und die selbst Verantwortung dafür übernehmen, die Fähigkeiten zu erwerben, die es braucht, um ein wirklich guter Psychotherapeut zu sein.
Ich habe versucht, Ihnen dafür einige Anregungen zu übermitteln, die die Therapieforschung nahelegt. Wenn Sie bisher geglaubt haben sollten, daß Psychotherapieforschung sich in Zahlen erschöpft und eh mit der therapeutischen Praxis nichts zu tun hat, wäre ich froh, wenn ich dieses Bild ein wenig korrigieren konnte. Therapieforschung ist vor allem ein wirksames Antidot gegen Orthodoxie. Manche glauben, ich hätte davon eine Überdosis eingenommen. Das möchte ich Ihrem Urteil überlassen. Aber wenn ich Ihnen, egal ob mit meinen verbalen oder nonverbalen Enkodierungsfähigkeiten, wenigstens eine kleine Dosis davon abgeben konnte, würde ich mich freuen. Genießen Sie, was Ihnen hier auf dem Kongreß geboten wird, aber wenn sie sich einmal allzusehr hingerissen fühlen sollten, dann halten Sie sich den Grawe'schen Therapiewürfel vor Augen und holen sich damit wieder auf den Boden der therapeutischen Realität zurück.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß in den nächsten Tagen und danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Prof. Klaus Grawe
Institut für Psychologie der Universität Bern
(Anm.: Die Titel sind dem Vortragstext für diese Publikation durch den Hrg. dazugefügt worden.)
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