Ich möchte hier betonen, daß ich diese Arbeit nicht hätte schreiben können ohne die Diskussionen mit Ludwig Reiter, Wien; ihm bin ich in vielfacher Hinsicht zu Dank verpflichtet. Diese Diskussionen projektieren das Ziel, psychotherapeutisches Handeln unter professionstheoretischen Gesichtspunkten zu beschreiben und das schließt auch die Analyse professioneller Kommunikation, etwa in Falldarstellungen (Buchholz und Reiter 1996) ein.
Der Autor wendet sich gegen eine Tendenz, Wissenschaft und Profession einander gleichzusetzen. Selbst in den ,,harten'' Wissenschaften wird zwischen ,,Profession'' und ,,Wissenschaft'' unterschieden. Was Professionelle tun, läßt sich nicht als ,,Anwendung'' oder ,,Konsum'' von wissenschaftlichen Befunden beschreiben; Professionelle greifen vielmehr auf eine Vielfalt von Wissensbeständen zurück, von denen nur ein Teil wissenschaftlich fundiert ist. Die in diesem Aufsatz vertretene These heißt deshalb, Wissenschaft und Profession bilden Umwelten füreinander. Wissenschaft und Profession sind nicht hierarchisch organisiert, sondern funktional ausdifferenziert. An klinischen Beispielen wird die professionelle Operationsweise in der Psychotherapie beschrieben. Grawe's Anspruch, Psychotherapie bestehe in der ,,Realisierung'' von Variablen wird als unzureichend abgewiesen; das professionelle Handlungssystem ist autonomer gegenüber seiner wissenschaftlichen Umwelt.
,,Science'' and ,,profession'' are not equal. Even in ,,hard core science'' a distinction is made between the two. Professional treatment in psychotherapy cannot sufficiently be described as ,,application'' or ,,consuming'' of scientific knowledge. Professionals act upon very different stores of knowledge, only part of which are scientific results. Hence the thesis, science be part of the professional environment and vice versa. Science and profession can no longer be viewed as hierarchical organized, science is not ,,above'' profession. Only in an outdated hierarchical model science can be seen as ,,application'' in professional practice. Science and profession are functionally differentiated systems side to side, not one above the other. Clinical examples illustrate professional operations. Thus the authors feels psychotherapy should not be described as ,,realization of therapy variables''; the professional's position vis à vis science is more autonomous.
Michael B. Buchholz, Dipl.-Psych., Psychoanalytiker und
Familientherapeut ist Funktionsbereichsleiter im Krankenhaus für
Psychotherapie und psychosomatische Medizin ,,Tiefenbrunn'' und
Professor am
Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität
Göttingen. Jüngste Buchpublikationen: ,,Dreiecksgeschichten - Eine
klinische Theorie psychoanalytischer Familientherapie'' (1993),
,,Metaphernanalyse'' (1993); ,,Die unbewußte Familie - Lehrbuch der
psychoanalytischen Familientherapie'' (1995); ,,Psychotherapeutische
Interaktion'' (1995); ,,Metaphern der Kur - Eine qualitative Studie
zum psychotherapeutischen Prozeß'' (1996).
"Der Dichter wird beinahe zum Ideal des Analytikers, niemals aber der Wissenschaftler. Doch seine therapeutische Identität ist weder jene des ersten noch jene des zweiten." ( Ulrich Moser 1989, S. 156)
"Wir haben in diesem Krieg von Personen gehört, die zwischen zwei feindlichen Nationen standen, zur einen durch Geburt, zur anderen durch Wahl und Wohnort zugehörig: ihr Schicksal war, daß sie zuerst von der einen, und dann, wenn sie glücklich entkommen waren, von der anderen als Feinde behandelt wurden. Solcher Art könnte auch das Schicksal der Psychoanalyse sein." (S. Freud, GW XVII, S. 31)
Grawes Herausforderung an die Psychoanalyse hat den provokanten und
griffigen Titel "Von der Konfession zur
Profession". Gemeint ist, daß der Weg der Psychoanalyse
vom konfessionellen, sprich: religiösen Zustand in den einer
wissenschaftlichen Profession verwandelt werden sollte und gemeint ist
weiter, daß sie dies besser könne, wenn sie
wissenschaftliche Befunde "anwende". Das unterstellt Gleichsetzung von
Profession und Wissenschaft zusammen mit der Annahme, daß
Professionalität v.a. durch Wissenschaft gesteigert werden
könnte. Die Gleichsetzung von Profession und Wissenschaft
erscheint so selbstverständlich, daß in Grawes Buch ( Grawe et al. 1994) jeder
Hinweis auf das Titel-Stichwort der "Profession" im Register fehlt.
Gegen die Forderung, Professionalität durch Wissenschaft zu steigern, argumentiert viel beachtet Mertens (1994 und 1995), indem er in vielfachen Facettierungen immer wieder die Differenz zwischen den Erfordernissen der therapeutischen Praxis und der empirischen Forschungsmethodologie heraushebt. Mertens verwendet hier eine Argumentationsstrategie gegen Grawe, die auch von anderen Autoren in Anschlag gebracht wird und eine neue Runde in der Auseinandersetzung "Hermeneutik" vs. "Science" eröffnet.
Eine andere Strategie versucht, Grawes Argumentation zu überbieten, indem ihm statistisch-methodische Unzulänglichkeiten in seiner Meta-Analyse nachgewiesen werden. Beispielhaft ist hier die Arbeit von B. Rüger (1994) zu nennen sowie die kenntnisreich argumentierende Arbeit von Leichsenring (1996).
Die eine Strategie muß letztlich Grawe's Verständnis von einem
bestimmten Typ der Wissenschaft (gern als "positivistisch"
ausgezeichnet) ablehnen, die andere anerkennt umgekehrt diesen
Wissenschaftstypus und bemängelt die Einhaltung der diesem Typus
eigenen standards. Eine Zwischenposition nehmen jene ein, die beide
Bereiche in der Nähe zueinander halten wollen, indem sie
z.B. naturalistische designs in der Psychotherapieforschung fordern
(Kächele 1995). Neuerdings hat
Körner (1995) darauf hingewiesen, daß
psychoanalytische Ethik und Professionalität nahe beieinander stehen -
das Thema ist außerordentlich facettenreich. Körners Arbeit macht
deutlich, daß hier nicht nur die Frage ,,Ist Psychoanalyse eine
Wissenschaft - ja oder nein?'' verhandelt wird, sondern weitaus
mehr. Ausarbeitungen sind also erforderlich.
Um die Besonderheiten der Praxis nicht hermeneutisch, sondern professions-theoretisch herauszuarbeiten, möchte ich einen anderen Diskussionsfokus wählen. Nicht Wissenschaft bzw. Wissenschaftlichkeit der Praxis soll zur Diskussion stehen, sondern das Verhältnis zwischen Wissenschaft und dem professionellen Handlungssystem der Psychotherapie. Dies Verhältnis wird meist als hierarchisch dargestellt, so als stehe Wissenschaft über der Praxis, als sei sie gleichsam letzte Instanz, die über alle anstehenden Fragen zu richten habe.
Dies hierarchische Modell ist zu Beginn dieses Jahrhunderts von Thorstein Veblen (1957) ausdrücklich formuliert worden, u.a. auch deshalb um Universitäten gegen andere Bildungseinrichtungen abzugrenzen.Ich will nach einem Blick in andere Bereiche, wo über Professionalität schon lange diskutiert wird, darlegen, daß beider Verhältnis zueinander professionstheoretisch fundiert werden kann mit der Folge, hier eine neue Ortsbestimmung zu realisieren. Wissenschaft und professionelle Praxis haben sich als nebeneinander stehende eigene Diskurssysteme ausdifferenziert (vgl. Luhmann 1990, Wolff 1994, Reiter und Steiner 1996).
Im englischsprachigen Schrifttum dreht sich die Hierarchie um. Dort hat sich der Begriff der "science-based professions" eingebürgert.Eine solche Ortsbestimmung hat Konsequenzen. Im hierarchischen Modell des Verhältnisses beider zueinander gelangt Wissenschaft in der Form der Anwendung oder des Transfers zur Praxis und dementsprechend fordern Wissenschaftler auch in der Psychotherapieforschung stets erneut, diesen Transfer, notfalls mit politischen Mitteln, zu verbessern. Professionalität aber besteht in entscheidenden Aspekten nicht nur in der "Anwendung" von wissenschaftlich gefundenem Wissen. Das möchte ich kurz mit Beispielen aus anderen Bereichen, wie z.B. den Ingenieurswissenschaften, erläutern.