Harvey Brooks, Dekan des Harvard Engineering Program, beschrieb bereits 1967 ein Problem in der Ausbildung von Ingenieuren (zit. nach Schön 1983):Bilde man sie so aus, daß sie allgemeine wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten "anwenden", dann können sie nur auf diejenigen Situationen reagieren, für die sie ein solches gesetzmäßiges Wissen zur Verfügung haben. Solche Situationen sind jedoch selten. Die Anforderungen in ihrer späteren beruflichen Praxis, so stellt Brooks schon damals fest, sind jedoch andere. Sie müssen auf neue Lagen erfindungsreich und kreativ reagieren, um die Lücke zwischen dem zunehmenden Korpus des Wissens und den sich stetig verändernden Erwartungen ihrer Auftraggeber überbrücken zu können. Würden sie nur wissenschaftlich ausgebildet, müßte ihre Lern- und Entwicklungsfähigkeit gerade stagnieren. Wissenschaftliches Wissen wendet gefundene Gesetzmäßigkeiten auf konkrete Fälle an und Brooks stellt fest, daß die Probleme, die Ingenieure als Praktiker zu lösen haben, gerade nicht von der Art sind, daß solches Wissen anwendbar wird. Was gelernt und dann praktiziert werden muß, so damals schon Brooks, lasse sich nie genau und nie vollständig beschreiben. Ganz ähnliche Überlegungen gelten auch für andere Berufe wie Lehrer ( Bamberger 1991 sowie Erickson und MacKinnon 1991), Ärzte oder für das Management ( Baum 1991).
Es dürfte nicht schwer fallen, die Analogie zum Verhältnis zwischen Wissenschaft und professioneller Praxis im psychotherapeutischen Feld zu ziehen. Wissenschaftlich gefundene Ergebnisse haben hier ein charakteristisches Format:
"Die Variable a erzeugt (evtl. in Kombination mit den Variablen b und c) mit einer Wahrscheinlichkeit von x% bei einer Gruppe von Patienten vom Typ y das Ergebnis z".
So etwa kann man, gewiß verkürzt, aber hier exemplarisch, die Ergebnisse der Arbeitsgruppe von Luborsky (1988) verstehen, wonach die Zentrierung der therapeutischen Deutungen auf das zentrale Beziehungskonflikt-Thema den ,,outcome'' verbessert. So sehr solche Ergebnisse, gerade weil sie auch psychoanalytisch begründet sind, befriedigen, gibt es Kritiken (z.B. Hartog 1994) am Verfahren selbst, die nachweisen können, daß relevante klinische Aspekte außen vor bleiben. Daß das Verfahren nur Aspekte der therapeutisch vielfältigen Situationen abbilden kann, wird solchen Kritiken meist gerne zugestanden, weil die Hoffnung damit verbunden ist, irgendwann in der Zukunft das Versprechen einer Professionalisierung der Praxis durch Wissenschaft einlösen zu können.
Im Bereich des Management und der Ingenieurswissenschaften jedoch setzt die Diskussion grundlegender an, indem herausgehoben wird, daß diejenigen Situationen, auf die Professionelle lösend reagieren müssen, gänzlich anders strukturiert sind und es deshalb fraglich sei, ob Verwissenschaftlichung als angemessene Problemlösungsstratgie aufgefaßt werden könne.
Ich beziehe mich auf das Buch "The Reflective Practitioner. How Professionals Think in Action" von Donald A. Schön (1983), einem Sozialwissenschaftler aus Harvard, der sich mit solchen Problemen beschäftigt hat (vgl. auch Schön 1991 sowie Schön und Rein 1994). Ich gebe den Titel hier deshalb wieder, weil darin das Freud'sche Junktim vom Heilen und Forschen (vgl. Nitzschke 1994) anklingt.
Situationen, auf die Praktiker reagiern müssen, sind durch wenigstens 5 Merkmale ausgezeichnet (vgl. Schön 1983), die ich hier zunächst einmal abstrakt aufliste:
"Komplexität" hat, v.a. durch die Arbeiten von Luhmann (1984, 1990) den älteren Begriff der "Totalität" in der wissensoziologischen Diskussion abgelöst. Gemeint ist die funktionale Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilsysteme, die einen eigenen Blick aufeinander entwickeln, aber keines kann "das Ganze" mehr sehen. Von solcher Komplexität sind nun auch die Situationen, auf die Professionelle reagieren müssen. Komplexität erfordert eine Entscheidung darüber, um welche Art von Situation handelt es sich eigentlich? Wobei man zugleich weiß, daß eine solche Festlegung die Situation selbst schon wieder verändert, weil sie andere, relevante Aspekte ausklammert, die sich einem andern Blick zeigen, einer anderen Entscheidung anbieten würden. Komplexität heißt im Fall der Psychotherapie immer Vieldeutigkeit.
Es gibt eine Vielzahl von Antworten oder Lösungen und man weiß dabei zugleich, daß keine definitiv als "die richtige" gelten kann. Denn was als "die Situation" bezeichnet wird, ist ein Ergebnis der eigenen Festlegung. Im Fall der Psychotherapie würde das in einem gewißen Maß manche Debatten verständlich werden lassen. Ob der Ödipus-Komplex Kern der Neurose ist oder die "frühe Störung" ist vielleicht eher Produkt eigener Festlegungen als "in der Sache liegend"; ob eine Frau, die ihrem Mann abends den Whisky bringt, als "abhängig" bezeichnet wird oder ob sie nicht gerade umgekehrt ihren Mann auf diese Weise abhängig macht, ist, wie die Erfahrungen in kasuistischen Seminaren zeigen, Ergebnis der Unsicherheit, die in der Situation selbst liegt.
Viele Perspektiven sind möglich und welche als "Lösung" gewählt wird, obliegt der letztlich nicht vollständig begründbaren Entscheidung des Professionellen. Das Merkmal der "Unsicherheit" ist demnach kein subjektives Gefühl allein, sondern beruht auf der Unmöglichkeit, zwischen der Situation selbst und ihrer "Lösung", d.h. der Antwort auf sie, sicher zu unterscheiden. Nur wo man (problemhaltige) "Situationen" und ihre "Lösungen" trennscharf unterscheiden könnte, sind Worte wie "Intervention" angemessen. Nur dort kann man die "Dosis" der therapeutischen Intervention messen und ins Verhältnis zu einem Ergebnis setzen (vgl. Stiles und Shapiro 1989). Wo das jedoch nicht der Fall ist, muß die Tätigkeit von Professionellen anders beschrieben und dann auch anders wissenschaftlich erforscht werden.
Die Situationen, auf die eine Antwort gefunden werden muß, gestatten nicht, erst aufwendige Untersuchungen anzustellen; es muß - deutlich in Krisensituationen bei Ingenieuren (wenn die Maschine "aus dem Ruder zu laufen" beginnt) - rasch reagiert werden. Auch Ärzte kennen solche Situationen, auch hier kann die Situation im nächsten Augenblick oder am nächsten Tag ganz anders sein. Sie sind aber auch instabil, weil der Professionelle selbst Teil der Situation ist, auf die er reagieren soll. Auch jeder Computer-Programmierer kennt diese Erfahrung. Er kann seine Arbeit nicht unterbrechen, weil er so sehr in der aufwendigen Erstellung eines Programms "drin" ist, daß eine Unterbrechung gerade verhindern würde, daß er Teil der Situation bleibt. Dann würde er das Gefühl fürs Programm und die weiteren notwendigen Schritte verlieren.
Keine gleicht der anderen, jede erfordert eine andere Reaktion. Dies
Merkmal ist für die gegenwärtige Diskussion des Verhältnisses zwischen
Profession und Wissenschaft von besonderer Bedeutung. Gleichartigkeit
der Situationen wäre die Voraussetzung für "Anwendung gesetzmässigen"
Wissens. Im Bereich der Psychoanalyse hat
E.H. Erikson formuliert: "Every patient is a universe of
one".
d.h. solche, die mit den "Umwelten" oder mit den eigenen Normen verträglich sind. Um auf eine Situation professionell reagieren zu können, müssen implizit Umwelt-Unverträglichkeitsprüfungen vorgenommen werden (Vgl. Berman 1988).
Diese Merkmalsliste gewinnt Schön (1983) aus seiner Beobachtung der Arbeit von Professionellen aus verschiedenen Bereichen. Ich habe sie durch Beispiele aus dem psychotherapeutischen Bereich illustriert. Erkennbar wird, daß die Frage, ob Professionalität durch Wissenschaft "gesteigert" werden kann, großen Klärungsbedarf hat. Das aber heißt nicht, wissenschaftsfeindlich zu werden, ganz im Gegenteil. Es heißt, die Eigenarten der eigenen Profession herauszupräparieren und das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Profession einer argumentativen Klärung zuzuführen.
Aus diesen Merkmalen ergibt sich für die Position des professionellen Psychotherapeuten ein erkennbares Dilemma: Er muß auf Situationen reagieren, von denen er ein Teil ist, weshalb es besser wäre zu formulieren: er muß in Situationen agieren. Anerkennt man, daß der Professionelle Teil der Situation ist, muß man der Liste von Schön (1983) ein sechstes Merkmal anfügen:
Andrerseits kann niemand als der Professionelle selbst die Situation angemessen beschreiben, weil nur er die notwendigen intimen und teils auch flüchtigen Detailkenntnisse hat und nur er selbst seine eigenen Gedanken, die Teil der Situationsdefinition sind, kennt. Vollständigkeit der Beschreibung einer Situation wäre aber weiter eine Bedingung für die Anwendung wissenschaftlich gefundenen Wissens.
Bleibt man noch für einen Augenblick bei den Ingenieuren, kann man erfahren, wie Ingenieure auf solche Lagen mit den Merkmalen der Komplexität, der Unsicherheit, der Instabilität, der Einzigartigkeit, des Werte-Dilemmas und der Unmöglichkeit der vollständigen Beschreibung reagieren. Ich entnehme einer anderen Arbeit von Donald Schön (1979) ein illustratives Beispiel, das zeigt, wie Professionelle "think in action" und damit will ich sagen, daß sie nicht einfach "Anwender" sind:
Schön (1979) beobachtete eine Gruppe von Ingenieuren, die die Aufgabe lösen sollten, künstliche Pinsel herzustellen. Nachdem sie eine Weile damit experimentiert hatten, natürliche Pinselhaare durch hauchdünne Plastikfäden zu ersetzen, ohne den gewünschten Erfolg zu erzielen, entdeckte einer von ihnen die Theorie:PINSEL SIND PUMPEN. Natürliche Pinselhaare erzeugen durch ihre Spannung zueinander einen Kapillareffekt, durch den sie Farbflüssigkeit festhalten und sie dann abgeben, wenn sie mit leichtem Druck aufgesetzt werden. Mit Hilfe der als metaphorische Gleichung formulierten TheoriePINSEL SIND PUMPENkonnten nun künstliche Pinsel hergestellt werden.
Dies Beispiel kann fast unmittelbar auf die Art und Weise, wie Therapeuten "Probleme lösen", angewendet werden. Entscheidend ist offenbar, die Dinge zu "sehen als", die Fähigkeit, einen Pinsel nicht nur als Pinsel, sondern auch als Pumpe sehen zu können - und dabei natürlich zu wissen, daß ein Pinsel selbstverständlich keine Pumpe ist. Die Dinge zu "sehen als" erzeugt eine Metapher und wo diese gilt, entsteht eine virtuelle Realität, die die zweiwertige Logik überschreitet: ein Pinsel ist eine Pumpe und ein Pinsel ist keine Pumpe. Beides gilt, tertium datur. Das ist interessant genug, um die Erzeugung der virtuellen Realität noch etwas zu analysieren. Offenbar ist die Fähigkeit zum Reagieren auf Komplexität daran gebunden, die Dinge sowohl "so" als auch "so" zu sehen.
Das erinnert an Batesons (1982) Analyse der "doppelten Beschreibung", die er aus dem binokularen Sehen ableitet. Die Fähigkeit der Integration von Daten, die aus zwei verschiedenen Sinneskanälen (dem rechten und dem linken Auge) abgeleitet werden, übersteigt die Vorstellung von Wahrnehmung als "Abbildung". Abbildung gibt es auf der Retina jedes Auges allein. Die Integration beider Informationskanäle erzeugt eine Information anderen Typs; sie hat die Qualität der Tiefe, sie ermöglicht Tiefenwahrnehmung.
Professionelle übertragen genau diesen Typ von Informationserzeugung auf Situationen mit den beschriebenen Merkmalen, indem sie zwei Bildfelder, im Beispiel das des Pinsels und der Pumpe, so miteinander integrieren, daß eine neue Metapher entsteht, die dann als ad-hoc-Theorie Verwendung finden kann. Eine doppelte Funktion der Metapher (Buchholz 1996) kann dann zum Einsatz kommen. Sie reduziert die Komplexität der Situation bzw. des Problems und bündelt viele Blumen zu einem bunten Strauß. In einer gegenläufigen Bewegung öffnen sich neue Handlungsmöglichkeiten, denn die Metapher steigert zugleich die Dimensionalität des Problems. Das Bildfeld der Pumpe hat andere Dimensionen, die nun auf das des Pinsels "übertragen" werden.
"Übertragung" ist die
wörtliche Übersetzung des "metaphorein" aus dem Griechischen
ins Deutsche.
Wenn Professionelle in der beschriebenen Weise "beim Handeln denken", selbst in einem Feld, das der harten Wissenschaft sicher als näher stehend angesehen werden darf als die Psychotherapie, dann offenbar auf eine Weise, die ein "harter" Wissenschaftler, Robert Oppenheimer (1956), als "Analogical Reasoning" beschrieben hat.
In diesem frühen Aufsatz warnt Oppenheimer auch davor, sich allzu viele Illusionen über die Präzision in der Physik zu machen und das wird gut durch wissenssoziologische Arbeiten, wie sie von Knorr Cetina (1995) vorgelegt wurden, bestätigt. Auch Physiker benötigen zwingend eine Metaphernsprache.
Gänzlich verkehrt wäre es, wollte man den
Satz PINSEL SIND PUMPEN als Definition auffassen; das gerade
würde den professionellen Charakter und seinen Status als
metaphorische Gleichung gänzlich verkennen.