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4. Professionalität im therapeutischen Prozeß

Ich will nun an einem Beispiel sehen, wie therapeutische Professionelle "think in action". Ich möchte einen bestimmten Aspekt professionellen Handelns auf seine Vergleichbarkeit mit dem aus anderen Bereichen Dargestellten überprüfen.

Eine junge Frau sucht einen Therapeuten auf wegen spezieller Probleme mit ihrem Freund. Im Laufe einer geduldigen Exploration stellt sich etwa folgendes heraus, das ich am Beispiel dreier Szenen verdeutlichen will.

Die junge Frau geht mit ihrem Freund einkaufen. 
     Er bestimmt und wählt aus, was ihr steht. 
     Nach dem Einkauf hat sie einen Anfall von 
     Kopfschmerzen.  
Sie geht mit ihm abends zum Essen aus. Er wählt 
     das Gericht für sie. Danach hat sie eine 
     schwere Magenverstimmung.  
Sie  möchte mit ihm abends ins Kino gehen und als 
     sie ihn anruft, erfährt sie eine Absage mit der 
     Begründung, daß er sich ausgerechnet an diesem 
     Abend mit einer anderen Frau zum Kino verabredet 
     hat. Sie bekommt Flimmern vor den Augen.

Der Therapeut arbeitet die Hemmung durch, die die Patientin hindert, sich durchzusetzen. Sie arbeitet gut mit, kommt aber zur nächsten Sitzung und berichtet ganz entsprechende Situationen. Der Therapeut spricht das an, was er für den Masochismus der Patientin hält. Ähnliche Ergebnisse. Der Therapeut spricht mit Kolleginnen über feministische Positionen, sucht das Selbstbewußtsein der Patientin zu stärken. Tatsächlich, sie kommt attraktiver gekleidet, besser zurecht gemacht zu den Stunden, aber mit dem Freund und den Symptomen gehts unverändert weiter. Schließlich sucht der Therapeut den Supervisor - und daher kenne ich die Geschichte - und damit anerkennt er professionell, daß er ein Teil der Situation ist.

Der Supervisor hat den Einfall, daß die Patientin so viel mit dem Therapeuten über den Freund spreche, könne man als eine Art Fremdgehen ansehen. Im Supervisionsprozeß etabliert sich die metaphorische Gleichung: THERAPIE IST FREMDGEHEN, die selbstverständlich nur für diesen Fall und die beschriebenen Aspekte gilt. Eine solche Formel ist keine Definition, sondern eine metaphorische Gleichung.

Die Therapie selbst zu sehen als Fremdgehen steckte dem Therapeuten ein beträchtliches Licht auf. Jetzt betrachtete er die attraktivere Zurechtmachung der Patientin als Angebot an ihn, jetzt erinnerte er kleine Bemerkungen der Patientin, die so hätten verstanden werden können, als frage sie ihn, ob er nicht an jenem Kino-Abend frei hatte. Jetzt verstand er auch, warum er dieses Gefühl hatte, die Patientin mit der Ermutigung ihres Selbstbewußtseins, mit der Deutung ihrer Klagsamkeit nicht wirklich zu erreichen. Er hatte akzeptiert, daß er Teil der Situation ist - und damit wird auch die Patientin auf eine neue Weise Teil der Situation. "Therapie ist Fremdgehen" und das heißt natürlich auch, gerade weil es sich um eine metaphorische Gleichung handelt: Therapie ist kein Fremdgehen, sondern Reflexion solcher metaphorischer Gleichungen.

Psychotherapie ist selbstverständlich weder Mangement noch Ingenieurskunst, aber hinsichtlich der Professionalität können diese Bereiche miteinander verglichen werden. Was Professionelle tun ist nicht Anwendung von wissenschaftlich gefundenem Wissen etwa zur Behandlung von Kopfschmerzen, Magenverstimmungen und flimmerndem Blick.

Professionelle tun etwas anderes:

Wright (1976, aber auch Friedman 1988) sieht es deshalb - in Anlehnung an die berühmte Freudsche Formel - als Ziel des therapeutischen Dialogs an, wo Symptom war wieder Metapher werden zu lassen. Aber selbst mit einer solchen sympathischen These, wonach Symptome Metaphern sind, muß man eine metaphorische Gleichung verwenden, denn Symptome sind natürlich auch noch anderes - und diese Liste ist vielfältig erweiterbar, weil auf jede einzigartige, komplexe, instabile und unsichere Situation eine neue Antwort als spezifische profesionelle Leistung kreiert werden muß.


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Infokontakt
Sat Apr 18 22:46:26 MET 1997