Ich will nun an einem Beispiel sehen, wie therapeutische Professionelle "think in action". Ich möchte einen bestimmten Aspekt professionellen Handelns auf seine Vergleichbarkeit mit dem aus anderen Bereichen Dargestellten überprüfen.
Eine junge Frau sucht einen Therapeuten auf wegen spezieller Probleme mit ihrem Freund. Im Laufe einer geduldigen Exploration stellt sich etwa folgendes heraus, das ich am Beispiel dreier Szenen verdeutlichen will.
Die junge Frau geht mit ihrem Freund einkaufen.
Er bestimmt und wählt aus, was ihr steht.
Nach dem Einkauf hat sie einen Anfall von
Kopfschmerzen.
Sie geht mit ihm abends zum Essen aus. Er wählt
das Gericht für sie. Danach hat sie eine
schwere Magenverstimmung.
Sie möchte mit ihm abends ins Kino gehen und als
sie ihn anruft, erfährt sie eine Absage mit der
Begründung, daß er sich ausgerechnet an diesem
Abend mit einer anderen Frau zum Kino verabredet
hat. Sie bekommt Flimmern vor den Augen.
Der Therapeut arbeitet die Hemmung durch, die die Patientin hindert, sich durchzusetzen. Sie arbeitet gut mit, kommt aber zur nächsten Sitzung und berichtet ganz entsprechende Situationen. Der Therapeut spricht das an, was er für den Masochismus der Patientin hält. Ähnliche Ergebnisse. Der Therapeut spricht mit Kolleginnen über feministische Positionen, sucht das Selbstbewußtsein der Patientin zu stärken. Tatsächlich, sie kommt attraktiver gekleidet, besser zurecht gemacht zu den Stunden, aber mit dem Freund und den Symptomen gehts unverändert weiter. Schließlich sucht der Therapeut den Supervisor - und daher kenne ich die Geschichte - und damit anerkennt er professionell, daß er ein Teil der Situation ist.
Der Supervisor hat den Einfall, daß die Patientin so viel mit dem
Therapeuten über den Freund spreche, könne man als eine Art Fremdgehen
ansehen. Im Supervisionsprozeß etabliert sich die metaphorische
Gleichung: THERAPIE IST FREMDGEHEN, die selbstverständlich
nur für diesen Fall und die beschriebenen Aspekte gilt. Eine solche
Formel ist keine Definition, sondern eine metaphorische Gleichung.
Die Therapie selbst zu sehen als Fremdgehen steckte dem Therapeuten ein beträchtliches Licht auf. Jetzt betrachtete er die attraktivere Zurechtmachung der Patientin als Angebot an ihn, jetzt erinnerte er kleine Bemerkungen der Patientin, die so hätten verstanden werden können, als frage sie ihn, ob er nicht an jenem Kino-Abend frei hatte. Jetzt verstand er auch, warum er dieses Gefühl hatte, die Patientin mit der Ermutigung ihres Selbstbewußtseins, mit der Deutung ihrer Klagsamkeit nicht wirklich zu erreichen. Er hatte akzeptiert, daß er Teil der Situation ist - und damit wird auch die Patientin auf eine neue Weise Teil der Situation. "Therapie ist Fremdgehen" und das heißt natürlich auch, gerade weil es sich um eine metaphorische Gleichung handelt: Therapie ist kein Fremdgehen, sondern Reflexion solcher metaphorischer Gleichungen.
Psychotherapie ist selbstverständlich weder Mangement noch Ingenieurskunst, aber hinsichtlich der Professionalität können diese Bereiche miteinander verglichen werden. Was Professionelle tun ist nicht Anwendung von wissenschaftlich gefundenem Wissen etwa zur Behandlung von Kopfschmerzen, Magenverstimmungen und flimmerndem Blick.
Professionelle tun etwas anderes:
durch Erzeugung virtueller Realitäten mithilfe metaphorischer Gleichungen lösen sie, selbst in einem Feld, das im Vergleich mit der Psychotherapie als "hart" angesehen werden kann, ihre Probleme; es ist eine besondere professionelle Fähigkeit, die mühsam erlernt werden muß, aber die einzige Antwortmöglichkeit auf Situationen mit den genannten 6 Merkmalen darstellt. Die metaphorische Gleichung erlaubt, die Situation in einem anderen Licht zu sehen, sie ermöglicht ein "sehen als". Beide Bereiche treten in eine Art schwingender "Resonanz" ( Black 1954, 1977) zueinander.
Professionell ist, eine Antwort auf komplexe, instabile, einzigartige und unsichere Situationen zu finden, von denen man selbst ein Teil ist. Wenn ich sage "eine Antwort finden", so ist das nicht ganz richtig, denn diese Formulierung unterstellt, daß es eine solche Antwort, irgendwo bereitliegend, schon gäbe; richtiger wäre es, vom "erfinden" einer Antwort zu sprechen ( Gamm 1992).
Professionell ist, das eine im Licht des andern zu sehen, Pinsel als Pumpen, Therapie als Fremdgehen und beides nicht miteinander zu verwechseln. Die Fähigkeit zu entwickeln, in der Metapher der Übertragung zu arbeiten, hat auch Anne Alonso (1985, S. 41 ff.) als eine der Supervisionsaufgaben beschrieben.
Beides sehen, ja und nein, erzeugt wie beim beidäugigen Sehen, "Tiefe" und damit entsteht etwas Neues, eine virtuelle Realität. Diese ist natürlich dem von Winnicott (1969) ausgezeichneten "Übergangsraum" vergleichbar. Ich will hier aber weiter von "virtueller Realität" sprechen, weil ich kein Phänomen meine, das der klinischen Praxis allein zugehört, sondern vielmehr deutlich machen möchte, daß sie auch in anderen professionellen Bereichen in Anspruch genommen werden muß. Sie ist flüchtig, kann mit Definitionen nichts anfangen, kann nicht "abgebildet" werden, weil sie keinen "Gegenstand dort draußen" hat.
Debatten um die "clinical facts", die in den amerikanischen Journalen derzeit geführt werden, bestätigen diese Auffassung. Der englische Psychoanalytiker Tuckett (1993, S. 1181) schreibt:"Any thoughts on the
matter must begin with an acceptance that we have no external and
defined object of study".
Sie wird durch das professionelle Handeln erzeugt und ist deshalb neu. Neu in meinem Beispiel ist, daß die Patientin als "tätiges Subjekt" erscheint. Sie leidet nicht nur unter dem Freund, sondern sie tut selbst etwas. So, durch Tiefe, entsteht eine virtuelle Realität, in der die Erfahrung in der Schwebe (Stein und Stein 1984) bleibt. Der Therapeut sieht die Außenbeziehung seiner Patientin im Licht der Beziehung zu sich und umgekehrt sieht er die Beziehung zu sich selbst im Licht der Außenbeziehungen. Das nennen wir Analyse der Übertragung.
Ermöglicht wird dann die Erzeugung immer neuer Sichtweisen und das
nennen wir in der Psychoanalyse den Prozeß des
"Durcharbeitens". Neue Metaphern der "Situation" bringen neue
Perspektiven hervor und dabei entsteht therapeutischer Wandel.
"Metaphor exerts ist mutative effect by energizing alternative
perspectival aspects of experience"
(Coxund Theilgaard 1987, S. 99). Die Metapher kann dies auch deshalb,
weil ihre Eigenschaft, die zweiwertige Logik zu transzendieren, sie
dem Primärprozeß nahe rückt, von dem Freud (1900) beschrieb, daß in
ihm der Satz vom logischen Widerspruch nicht gelte. Die Metapher
ermöglicht eine "archaische Sprache", die das Medium der Expression
tiefer Gefühle ist, wie alle Kliniker, die sich mit der Rolle der
Metapher befassen, einheitlich feststellen (
Hobson 1985; Wright 1976, Siegelman 1990).
Zunehmend wird der Therapeut Teil der Situation und das muß so
sein; der Prozeß verläuft auf einer Dimension von der Exploration zum
Engagement, das immer neue Distanzierungen erforderlich macht.
Distanzierungen werden möglich durch gute Metaphern, die zur Situation
"passen". Sie können deshalb nicht aus einem festen Repertoire
wissenschaftlicher Bestände abgerufen und "angewendet" werden, sondern
brauchen die kreative Leistung des Professionellen - und dies auch in
Bereichen, die von der Psychotherapie weit entfernt
sind. Professionelles Handeln ist deshalb immer ein chronisches
Provisorium und muß es zwangsläufig sein.
Cox und Theilgaard (1987, S. 135) stellen in ihrem schönen Buch nüchtern
fest: "The patient is a seeker. The therapist, too."
Wissenschaft im professionellen Bereich anzuwenden, muß deshalb immer daraufhin geprüft werden, ob sie diese kreative Fähigkeit stört oder fördert. Professionelle bilden dabei ein Standard-Repertoire von metaphorischen Gleichungen aus und die vom Supervisor erfundene Idee von der Therapie als Fremdgehen dürfte dazu gehören.
Solche Standardrepertoires beschreiben auch Symptome mithilfe von metaphorischen Gleichungen;
Wright (1976, aber auch Friedman 1988) sieht es deshalb - in Anlehnung an die berühmte Freudsche Formel - als Ziel des therapeutischen Dialogs an, wo Symptom war wieder Metapher werden zu lassen. Aber selbst mit einer solchen sympathischen These, wonach Symptome Metaphern sind, muß man eine metaphorische Gleichung verwenden, denn Symptome sind natürlich auch noch anderes - und diese Liste ist vielfältig erweiterbar, weil auf jede einzigartige, komplexe, instabile und unsichere Situation eine neue Antwort als spezifische profesionelle Leistung kreiert werden muß.