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5. Der kreative Aspekt

Die dabei notwendige Erfindung des Neuen spielt im therapeutischen Prozeß eine exquisite Rolle, weil man sich an das Neue nicht adaptieren kann. Gerade schwerer gestörte Patienten finden oft die Standard-Reaktionen ihrer Therapeuten schnell heraus und hier ist deren Fähigkeit zur Kreativität oft auf eine harte Probe gestellt. Therapie als Fremdgehen zu sehen ist für die Patientin sicher in eben dem Sinne "neu" gewesen, wie für die Ingenieure den Pinsel "als" Pumpe zu sehen. Insofern ruft eine solche Veränderung von Perspektiven etwas in die Existenz, was vorher nicht "da" war und diesen Aspekt könnte man mit Cox und Theilgaard (1987) als den poetischen Aspekt des therapeutischen Prozeßes beschreiben. Poesie meint nicht etwas Schöngeistiges, meint nicht das, was gesagt wird, sondern eine Weise, etwas zu sagen. Gefordert ist die Fähigkeit zur Imagination, deren Ergebnis die gute Metapher ist, die aber umgekehrt auch von guten Metaphern angeregt wird.

Im Bereich der sog. Kognitiven Linguistik (prominent: Lakoff und Johnson 1980, Lakoff 1987 und Johnson 1987) findet eine Revolution der Bedeutungstheorie statt, die zur Kenntnis zu nehmen für die Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie von größter Bedeutung werden dürfte. Die Rolle der Imagination wird hier in einer Weise als grundlegend für die Konstitution von Bedeutungsgebungen aufgewertet, die psychoanalytischen Einsichten sehr nahe kommt. Diese könnten mit Hilfe jener reformuliert werden und die Psychoanalyse hätte hier eine exquisite Chance zum Anschluß an ein sich dynamisch entwickelndes wissenschaftliches Feld.

Imagination schafft nach der Überzeugung von Rose (1980) eine "Pause" zwischen Unsicherheiten und das ist notwendig, weil die professionelle Antworten erfordernden Situationen komplex, unsicher, instabil und nie vollständig beschreibbar sind.

Ein kleines Beispiel: Eine schwer depressive, sich in der Stunde massiv selbst anklagende Patientin äußert: "Besonders schlimm finde ich, daß ich so schlecht über meine Gefühle reden kann." Der Therapeut antwortet: "Ja, weil Sie so schlecht über Ihre Gefühle reden." Über das Wortspiel muß die Patientin lachen. Das bringt sie für einen Moment aus der Depression heraus. V.a. aber wird ihr bewußt, daß sie selbst es ist, die schlecht über ihre Gefühle redet. Auch sie wird tätiges Subjekt. Der Therapeut findet nicht "die" Bedeutung", er erfindet eine passende neue und damit bringt er etwas Neues, eine neue Bedeutung hervor.

Der Therapeut braucht einen Sinn für Kohärenz und "Passen" von Äußerung und Situation, der dem sog. "Materialgefühl" von Handwerkern vergleichbar ist. Gute Handwerker wissen, daß sie ein bestimmtes Stück Material besser nicht verwenden, denn es könnte reißen, die Hitze nicht ertragen oder sonstwie ungeeignet sein. Sie "wissen" das, wobei aber ganz unklar ist, was das Wort "Wissen" hier bedeutet, denn es könnte vermutlich in noch so vielen Worten nicht beschrieben werden. Seit den Arbeiten von Polanyi (1964) spricht man professionstheoretisch vom "tacit knowledge".

Nicht nur Menschen, die in Labors arbeiten, verfügen darüber, ebenso auch beispielsweise Ärzte. Patienten rufen beim Psychotherapeuten ein Echo hervor, wecken Bilder, Vergleiche mit anderen Erfahrungen und so konturiert sich allmählich ein Bild von der inneren Wirklichkeit des Patienten. Weil sie mit solchen "Bildern" operieren, sprechen Cox und Theilgaard (1987) vom ästhetischen Imperativ dieser Seite des therapeutischen Prozeßes.

Und schließlich äußern sie sich optimal an jenem Punkt dynamischer Instabilität, der ihnen deshalb die größte Aufnahmefähigkeit des Patienten sichert, weil er selbst nicht weiter weiß, seine Abwehr gerade desorganisiert ist und seine üblichen Methoden, mit sich und seinen Konflikten zurecht zu kommen, für ihn erkennbar versagen.

Auch dafür noch ein Beispiel: Eine psychosenahe, sehr ängstlich-mißtrauische Patientin äußert auf der Station, sie habe solche Angst vor dem, was sie in der Nacht überschwemmen könne. Der Therapeut antwortet mit einem Bild in Frageform: "Ist es wie ein Fluß, der über die Ufer treten könnte?" Und wie durch ein Wunder beruhigt sich die Patientin.

Weshalb? Weil dieses Bild zugleich verschiedene Aspekte einfängt: die anschwellende Flut und die Frage ob die Grenzen halten können. Und beide Aspekte, die so gegensätzlich scheinen, werden in einem Bild integriert. Darüber hinaus macht die Patientin die Erfahrung, daß es Worte, besser Bilder, gibt für vorher unsagbar scheinendes und das teilt ihr, gleichsam zwischen den Zeilen mit, daß andere Menschen ähnliche Erfahrungen kennen. Damit ist sie auch wieder eingeschlossen in eine gemeinsame Humanität, aus der sie sich durch die Unsagbarkeit ihrer Angst vorher isoliert glaubte.

Professionelle antworten nicht mit der Anwendung von Wissen, sondern erfinden frische Metaphern, die die Dinge in einem anderen Licht zu sehen erlauben und wissen zugleich, daß das nur Bilder sind. Nicht aber Bilder, "hinter" denen eine eigentliche Wirklichkeit zu entdecken wäre, sondern Bilder und Metaphern, die integrieren, weil sie die Angst zu sagen erlauben. Gewiß, ein jeder hat die Bretter vor dem Kopf, die ihm die Welt bedeuten. Das aber darf man nicht so verstehen, als wären die Bilder nur Täuschungen; nein, es ist, wie schon Nietzsche wußte anders.

Dem Philosophen Nietzsche ist die Wahrheit ein "bewegliches Heer von Metaphern" und er schreibt in Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne: "Logisch geht es also jedenfalls nicht bei der Entstehung der Sprache zu, und das ganze Material, worin und womit später der Mensch der Wahrheit, der Forscher, der Philosoph arbeitet und baut, stammt, wenn nicht aus Wolkenkuckucksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem Wesen der Dinge."(S. 313). Nietzsche ist Proponent einer marginalisierten Tradition seit Vico, die die Metapher nicht zugunsten des "Begriffs" abwertet, sondern sie vielmehr als "Vater des Begriffs" sieht. Neuerdings ist diese Auffassung vom Primat der Metapher durch die Arbeiten von Nelson Goodman (1981, 1984) (Überblick bei Döring 1994), aber auch Johnson (1981) und Putnam (1993) wieder gut begründet in die wissenschaftstheoretische Debatte eingeführt worden.

Die Bilder weisen auch nicht auf eine andere, eine eigentlichere oder wirklichere Wirklichkeit hin, die wissenschaftlich erfahren werden könnte. Die Erzeugung von Bildern ist unsere "Weise der Weltkonstruktion" ( Goodman 1984), hier sind wir Schöpfer und Zerstörer, hier sind wir Geschöpf und werden Subjekt. Denn wir sehen nur, was wir wissen, und wir wissen es nur, weil wir es sind.


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Infokontakt
Sat Apr 18 22:46:26 MET 1997