Previous Up Next Contents

6. Zum Verhältnis von Wissenschaft und Profession

Professionelle Praxis hat nach einer Formulierung von Stein (1979) Wissenschaft "zur Seite", oder wie Ludwig Reiter und ich formulieren: Psychotherapie ist eine professionelle Praxis, in deren Umgebung Wissenschaft vorkommt. Diese These schließt ein, daß auch anderes in deren Umgebung vorkommt, die Lebenserfahrung, die Persönlichkeit des Therapeuten oder dessen Tagesform, lokale Vorlieben einzelner psychoanalytischer Gruppierungen in der Akzeptanz von Theorien, die Angehörigen von Patienten usw. Diese Formulierung trägt dem Umstand Rechnung, daß Psychotherapie immer durch die Person des Therapeuten hindurch geht und ich habe zu zeigen versucht, daß das auch schon in anderen professionellen Handlungsfeldern so ist. Wenn wir uns vorstellen, daß wissenschaftliche Befunde in der Praxis angewendet würden, dann schließt das ein, daß man sich die Wissenschaft hierarchisch als über der Praxis stehend vorstellt.

Reiter (1995) hat demgegenüber verdeutlicht, daß professionelles Handeln verschiedenen "Systemreferenzen" gegenüber verpflichtet ist. Im System der "Profession", so schreibt er, "kann es in der Tätigkeit von TherapeutInnen und BeraterInnen keine problemlose Anwendung von wissenschaftsorientiertem Wissen geben". ( Reiter 1995, S. 196). Das System der "Wissenschaft" ist nicht an (Be-)Handlung in instabilen und unsicheren Situationen, sondern an "Wahrheit" orientiert und diese unterschiedlichen "Sinnorientierungen" (Reiter) erklären in einem erheblichen Umfang die "Diskurspathologie" zwischen Forschern und Praktikern. Die "Spannung zwischen dem professionellen System und dessen wissenschaftlicher Umwelt" ( Reiter 1995, S. 198) verschärft sich, wenn man die Wissenschaft in einer hierarchischen Konstruktion als über der Praxis stehend verortet.

Wolff (1994) verweist in diesem Zusammenhang auf die Erfahrungen mit der sozialwissenschaftlichen Anwendungsforschung. Danach war bis etwa 1980 ein ähnliches Modell des Wissenschafts-Praxis-Verhältnisses maßgebend, das derzeit auch die Diskussionen in der Psychotherapieforschung bestimmt. In diesem Modell stellt die Wissenschaft Theorien und Methoden Personen zur Verfügung, die dieses Wissen als "Experten" anwenden oder aber es als "Kunden" konsumieren. Es schließt eine Deutung des hier in Frage stehenden Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Profession als hierarchisch ein.

Das Modell erzeugt ein Problem, das als Frage nach der Relevanz für die Praxis bekannt ist. Bei der "Umsetzung" des wissenschaftlichen Wissens entstehen Informationsverluste und Interpretationsblockaden, die zu beseitigen sich eine eigene "Anwendungsforschung" zum Ziele gesetzt hat.

Wolff sieht die Debatten um die Praxisrelevanz der Psychotherapieforschung als direkte Entsprechung. Er stellt für die sozialwissenschaftliche Diskussion fest: Die "wissenschaftszentrierte Position mußte als Konsequenz der empirischen Verwendungsforschung immer mehr zurückgenommen werden" (Wolff 1994, S. 42).

Illustriert wird diese These bei Wolff mit einer Abfolge der entsprechenden Buchtitel: 1976 erschien ein Buch von Badura mit dem Titel: "Angewandte Sozialforschung"; Ulrich Becks Buch hieß 1982 "Soziologie und Praxis" und stellt damit beide Bereiche schon nebeneinander und schließlich heißt das Buch von Bonß/Hartmann "Entzauberte Wissenschaft".

Wissenschaft liefert nicht besseres, sondern anderes Wissen; beide müssen als nebeneinander positioniert vorgestellt werden. Dies entspricht genau den wissenssoziologischen Analysen, wie sie etwa Luhmann (1990) vorgelegt hat.

Eine solche Ortsbestimmung hat sich auch längst so herausgebildet. Wissenschaft und Profession sind gleichberechtigte Diskurse, wie man im akademischen Jargon sagen würde; sie bilden unterschiedliche Netzwerke aus, haben verschiedene Zeitschriften, zitieren unterschiedliche Autoren, obwohl es personelle Überschneidungen gibt.

Professionelle Psychotherapie ist historisch an Gründerfiguren gebunden, Wissenschaft löst diese Bindung in objektivierende Methodologie auf; sie strebt gerade Unabhängigkeit ihrer Ergebnisse von Personen an. Auch unterschiedliche Zeitstrukturen spielen eine Rolle. Ein Wissenschaftler kann sich im Prinzip für die Beantwortung einer Frage Zeit lassen, die Literatur studieren, Forschungsstrategien entwickeln - anders als der professionelle Praktiker: er muß immer rasch reagieren und entscheiden.

Der Zeitdruck, den Wissenschaftler erleben, stammt jedoch nicht aus dem System der Wissenschaften, sondern aus dem der Konkurrenzen.

Schließlich fertigt die Wissenschaft andere Beschreibungen an als der Professionelle; jeder operiert mit den analytischen Instrumenten, die ihm sein Diskurszusammenhang zur Verfügung stellt und erst, wenn beide so entstandenen Beschreibungen nebeneinander stehen, kann wiederum das binokulare Sehen möglich werden, welches "Tiefe" erzeugt.

Das wird sehr eindrucksvoll realisiert in dem von Talley et al (1994) herausgegebenen Band, der die Lücke zwischen Forschung und Wissenschaft zu überbrücken sich zum Ziel setzt. Die Beiträge von Greenberg und Edelson kommen der hier vertretenen Position sehr nahe, aber sie werden nicht professionstheoretisch begründet. Eindrucksvoll ist Orlinsky's Zusammenstellung von Prozeßmerkmalen und ,,outcome'', die psychoanalytische Positionen weitgehend unterstützt.

Wegen dieses Nebeneinander kann die Profession von der Wissenschaft profitieren, aber die umgekehrte Frage wird nun ebenso legitim: welcher Art muß die Wissenschaft sein, damit Professionelle ihre Ergebnisse zur Kenntnis nehmen und sich von ihr bereichert und unterstützt fühlen? Denn manche Autoren (z.B. Rudolf 1991, Jaeggi 1994, Hutterer 1996) haben schon resigniert festgestellt, daß die Forschungsergebnisse keine Antworten auf professionelle Handlungsprobleme anbieten.

Auch Luborsky (1995), grand old man der Psychotherapieforschung, war vor noch nicht allzu langer Zeit dieser Auffassung. Neuerdings ist er optimistischer, während andere wie z.B. H.H. Strupp an ihrer Skepsis festhalten. Vgl. zum Verhältnis Praxis - empirische Forschung das entsprechende Heft der Zeitschrift "Psychotherapy Research" im Jahrgang 1995.

Wegen des Nebeneinander darf die Wissenschaft die von Professionellen verwendeten Theorien nicht einfach ihrem Diskurssystem einverleiben. Die Differenz beider Diskurse muß berücksichtigt werden. Psychoanalytische Theorie z.B. liefert nicht einfach eine Regel zur Anwendung oder zur exakten Vorhersage von Ereignissen oder zu deren experimenteller Kontrolle. Sie liefert vielmehr eine Sprache, die die Anfertigung von Bildern, Beschreibungen und Themen erlaubt und von denen ausgehend bestimmte Formen des "sehen als" möglich werden (Vgl. Auerhahn 1979). Ich will nun unter Rückgriff auf das über die Metapher Gesagte eine Beschreibung versuchen, wie man sich das Verhältnis beider Domänen produktiv vorstellen kann.

Freud hat die Verortung der Wissenschaft in der Umgebung der psychotherapeutischen Profession dadurch zum Ausdruck gebracht, daß er den Analytiker mit bekannten Metaphern als Archäologen, als Chirurgen, aber auch als Lehrer oder Aufklärer, dann auch als Bergführer oder Spiegel beschrieb. Die Tätigkeit eines Bergführers ist von vergleichsweise geringerer Komplexität, die des Chirugen von anderer Komplexität als die des Therapeuten; diese selbst ist so komplex, daß sie nur durch eine Fülle von Metaphern aus Wissenschaft und anderen Umgebungen beschrieben werden kann. Keine allein ist zureichend, jede für sich instabil. Vielen Autoren ist aufgefallen, daß Freud höchst widersprüchliche Metaphern für die Beschreibung der psychoanalytischen Tätigkeit heranzieht. Carveth (1993, 1994) etwa hebt die Passivität fordernde Haltung der Spiegel-Metapher heraus und stellt sie der ein aktives Eindringen beschreibenden Chirurgen-Metapher gegenüber.

Es wäre nun ganz verfehlt, wollte man sie gegeneinander ausspielen. Vielmehr macht Freud von einer bestimmten Darstellungsstrategie Gebrauch, die sich näher anzusehen lohnt. Er hat sie im Buch über den "Witz" (GW VI, S. 165) als "Verbildlichung für das Unbekannte" beschrieben. Er bezieht sich hier darauf, daß er der Wissenschaft seiner Zeit Begriffe wie "Energie" oder "Abfuhr" entnehme, um damit eben das Unbekannte sich "philosophisch zurechtzulegen", wie er hier sagt. Das genau ist die Strategie, der die Metapher folgt: Ein zu beschreibender Zielbereich wird mit Mitteln aus einem anderem, dem Ursprungsbereich, zu beschreiben versucht. Das ist eine Strategie, der auch die Alltagssprache (vgl. Sapir 1977) folgt.

Die Art und Weise, wie wir z.B. die "Zeit" beschreiben oder die "Liebe", mag als Beispiel dienen. Im Mythos ist die Zeit ein Kreis (vgl. dazu Cassirer 1924), in der theoretischen Welt der Symmetriebrüche hat sie eine irreversible lineare Gestalt ( Jantsch 1982), in der Umgangssprache verwenden wir viele Redeformen, die erkennen lassen, daß wir die Zeit metaphorisch als Raum konzipieren (Zeit"punkt") und seit Benjamin Franklin wissen wir, daß Zeit auch Geld ist und wir sie deshalb "sparen", "einteilen" oder "verplempern" können. Als metaphorische Gleichungen formuliert könnte man so auflisten: ZEIT IST GELD; ZEIT IST EIN KREIS; ZEIT IST EINE GERADE; ZEIT IST EIN RAUM - und dann mit Augustinus konstatieren, daß wir schon wissen, was die Zeit ist, aber wenn wir es definieren sollen, versagen uns die Worte.

Ganz ähnlich ist es mit der Liebe. Wir verwenden Redeformen, in denen wir die Liebe als Krieg ("jemanden erobern"), als Spiel ("mal sehen, ob er heute bei ihr zum Zuge kommt"), als Wahnsinn ("verrückt nach ihr") oder Verliebte als Maschinen ("Funken sprangen über", "er konnte nicht abschalten") metaphorisch konzeptualisieren (vgl. Buchholz 1996, Lakoff 1987).

Betrachten wir diese kognitive Strategie, die die metaphorische Gleichung ermöglicht, etwas genauer. Es gibt viele - durchaus nicht nur abstrakte - Zielbereiche (Zeit und Liebe hier im Beispiel), die durch Definitionen nicht beschrieben werden können. Wir ziehen statt dessen sinnlich-anschauliche Ursprungsbereiche heran und das tut vielfach auch die Wissenschaft.

Zell"kern"; Atom"kern"; vgl. dazu Cheshire und Thomä (1991) sowie Martin (1993) für die Biologie und Mayr (1987) für die Politik. Ohne Metaphern kommt selbst die Mathematik nicht aus; sie spricht beispielsweise von "Schnitt"-mengen oder den "Schenkeln" des Dreiecks.

Das allerdings, die unvermeidliche Metaphorisierung abstrakter Zielbereiche durch sinnlich-anschauliche Ursprungsbereiche ist nur ein Teil der hier in Anschlag kommenden kognitiven Strategie. Jede einzelne auf diese Weise entstehende metaphorische Gleichung bleibt zwangsläufig systematisch unterkomplex.

Wenn wir in Redeformen die Gleichung verwenden DAS LEBEN IST EIN TAG ("Lebensabend"), dann kann das keine Definition sein; denn Tage sind Teil des Lebens, nicht schon dieses selbst. Die Unterkomplexität der sinnlich-anschaulichen Beschreibungsdimensionen wird durch die Vielzahl von Metaphoriken kompensiert und solche Kompensation ist der zweite Teil der hier in Rede stehenden kognitiven Strategie, die uns die Metapher ermöglicht. Deswegen dokumentieren wir kontextsensibel unser Wissen durch die konzeptuelle Metapher DAS LEBEN IST EIN BAUM, eine ständige NEUGEBURT usw.

Von diesem zweiten Teil der kognitiven Strategie, der Kompensation, macht Freud in seiner Vielfalt der metaphorischen Gleichungen für den Analytiker Gebrauch. Dann ist A (der Analytiker) eben nicht einfach A=A; eine solche identitätslogische Gleichung wäre nicht informativ und deshalb langweilig. Vielmehr gilt: A = Aufklärer; A = Bergführer; A = Chirurg; A = Dämonenbekämpfer; A = Lehrer<; A = Spiegel usw. Die Vielfalt der metaphorischen Gleichungen kompensiert die Unterkomplexität jeder einzelnen.

Freud machte von dieser kompensierenden Strategie Gebrauch, als er aufgrund seines breiten Bildungshorizontes seine Bilder aus Wissenschaft, alltäglicher Erfahrung und v.a. aus der Antike zur Veranschaulichung der Seele und der psychoanalytischen Profession bezog.

So beschreibt es, ganz unabhängig von Metaphern- oder Professionstheorie, Patricia Kitcher (1992) in ihrer brillianten wissenschaftshistorischen Studie zur Entwicklung von Freuds Denken. .

Es könnte sich als notwendig erweisen, zu untersuchen, inwieweit die dabei entstandenen Konzepte von anderen als Definitionen aufgefaßt wurden mit der Folge der Dogmatisierung psychoanalytischer Theoriebestände, die das Bedürfnis erzeugt, aus dem "Prisonhouse of Psychoanalysis" ( Goldberg 1990) auszubrechen.

Sieht man Freuds theoretische Strategie mit seinen eigenen Worten als "Verbildlichung für das Unbekannte", dann müßte das professionelle Handlungssystem der Psychotherapie den Anschluß an die wissenschaftliche Umgebung auch dergestalt wieder finden, indem neue Ursprungsbereiche erschlossen werden, Bildgebungen aus zeitgenössischer Wissenschaft überprüft und übernommen werden. Freuds Vorliebe für militärische Metaphern (Abwehr, Widerstand) und Gleichnisse ist gut bekannt. In diesem Sinne halten Cox und Theilgaard (1987, S. 110) fest, daß die Metapher in der psychoanalytischen Welt zentral sei (vgl. z.B. Haesler 1991) und werfen die Frage auf, welche Folgen es hätte, wenn die Konzeptualisierung der Profession durch militärische Metaphern ersetzt würde; beispielsweise durch solche aus der Musik, durch Bilder der Dissonanz, der Harmonie, der musikalischen Auflösung oder des Kontrapunktes.

Ebenso wäre interessant, Fleiß auf die Umstellung der Theorie von "Energie" auf "Information", von "Kraft" auf "Funktion" zu verwenden oder die Untersuchungen von Therapietranskripten umzustellen von individueller "Subjektivität" auf "Interaktion", von der hermeneutischen "Text"-Analyse auf "Kontextuierung".

Das alles kann ich hier nur andeuten. Aber ich möchte damit klar stellen, daß ich nicht das Bestehende gegen wissenschaftliche Kritik einfach affirmativ verteidigen oder gar immunisieren möchte. Aber ich bin davon überzeugt, ein Teil der Probleme, denen sich professionelle Psychotherapeuten derzeit ausgesetzt sehen, ist mit empirischen Mitteln weniger lösbar, sondern erfordert theoretische Umstellungen, die nicht als "Revisionen" diffamiert werden dürfen, obwohl ich auch davon überzeugt bin, daß nur so eine Re-Vision des Freudschen Anliegens gelingen kann.

Mit meiner Verschiebung des Diskussionsfokus aus Anlaß der Grawe'schen Herausforderung auf "Profession" und auf deren Verhältnis zur Wissenschaft wollte ich zu zeigen versuchen, daß professionelle Praxis ihre Eigenständigkeit gegenüber der wissenschaftlichen Umwelt behaupten kann.

Eine andere Umwelten auschließende Verwissenschaftlichung der Praxis trüge hohe Risiken der Verarmung mit sich. Es ist außerordentlich verdienstvoll, daß die Arbeitsgruppe von Lester Luborsky (1988) zeigen konnte, daß Deutungen, die den zentralen Beziehungskonflikt eines Patienten direkt aufgreifen, mit einem positiven Behandlungsergebnis einhergehen. Würde man sich nun aber Verwissenschaftlichung der Praxis so vorstellen, daß Trainings von angehenden Therapeuten allein mit der von Luborsky entwickelten Methode (oder einer anderen) durchgeführt würden, dann würde Verwissenschaftlichung gerade Verarmung der Praxis riskieren. Wenn man sich gedankenexperimentell vorstellt, das sei schon die ganze Ausbildung, wird sich schnell das Bild einer gleichsam anorektischen Psychotherapie einstellen, die der Poesie, des ästhetischen Imperativs ermangelt und die Kompetenzen zur Handhabung komplexer, instabiler, unsicherer, einzigartiger Situationen eher reduziert.

Wenn nur noch Wissenschaft in der Umgebung professioneller Handlungen vorkäme, magert das Geschehen ab, verschlankt sich auf seine Struktur und wäre darin jener zeigenössischen Pop-Musik vergleichbar, die immer mehr auf Melodie, Dissonanz, Harmonie und auf musikalische Form verzichtet und die "Musik pur", den Rhythmus des "h(e)art beat" zusammen mit repetierten Textfragmenten übrig läßt - Steigerung der erlebten Intensität wird angezielt bei gleichzeitiger Reduktion von Inhalten und (musikalischer Formen)-Sprache. Eine Gruppe, die "Damned", hat auf einem Platten-Cover stolz verkündet: "Wir können schon drei Akkorde!". Der therapeutische Prozeß braucht mehr und Professionelle können mehr.


Previous Up Next Contents
Infokontakt
Sat Apr 18 22:46:26 MET 1997