Up

Ethische Aspekte in der Psychotherapieforschung

Eine vorläufige Standortbestimmung

Norbert Hartkamp


aus: Wolfgang Tress, Michael Langenbach (Hg) Ethik in der Psychotherapie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998

ISBN 3-525-45832-0

Die Veröffentlichung des Textes im WWW erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Vandenhoeck & Ruprecht


Einleitung

Ethische Fragen finden in der zeitgenössischen Psychotherapieforschung keine bevorzugte Aufmerksamkeit. Pychotherapieforschung beschäftigt sich gegenwärtig in erster Linie mit den Fragen nach Therapieeffekten, mit der Frage der Kosteneffizienz psychotherapeutischer Behandlungen, mit der Frage nach der Abbildbarkeit der Prozesse, die in psychotherapeutischen Interaktionen wirksam werden oder auch mit den Fragen differentieller Indikationsstellung in der Psychotherapie.
Auch dann, wenn man den Begriff der "Ethik" in einem etwas breiteren Sinne so auffaßt, daß er all das mit einschließt, was man unter Oberbegriffe wie Moralität und Wertung fassen kann, ändert sich nichts an diesem Bild: Ethische Fragen sind in der Psychotherapieforschung kein bevorzugtes Thema.
Vor diesem Hintergrund kann es mir in meinem Versuch einer Standortbestimmung nicht so sehr darum gehen, unterschiedliche Positionen, die innerhalb einer Diskussion vertreten werden, zu referieren und kritisch zu würdigen, sondern eher darum, mögliche Fragestellungen zu formulieren und auf mögliche Bereiche hinzuweisen, in denen ethische Aspekte innerhalb der Psychotherapieforschung Bedeutung gewinnen können.
Ein solcher Bereich ist der der Therapeut-Patient-Interaktion. Hier geht es um Fragen nach dem ethischen Verhalten des Psychotherapeuten als Gegenstand der Psychotherapieforschung, hier geht es aber auch um Fragen impliziter Wertungen seitens des Therapeuten, die Teil einer therapeutischen Theorie der Technik sind. Solche impliziten Wertungen vermögen es zweifelsohne, die Aufmerksamkeit des Therapeuten in der Interaktion auf bestimmte Phänomene zu lenken, ihn bestimmte Dinge als wesentlich oder erstrebenswert ansehen zu lassen, während er gleichzeitig anderen Entwicklungen zurückhaltend oder gar innerlich ablehnend gegenübertreten mag. In diesem Zusammenhang geht es auch um die Frage nach den ethischen Systemen, die im empirischen Wissen von Psychotherapeuten implizit enthalten sind.
Ein zweiter Bereich betrifft die Frage nach der Genese moralisch-ethischer Einstellungen des Patienten und ihrer Veränderung im Zuge des therapeutischen Vorgehens. Hier gibt es sicherlich Berührungspunkte zwischen Psychotherapieforschung einerseits und der Persönlichkeitspsychologie, der Sozialpsychologie und der Anthropologie andererseits. Hier ist die Frage nach der alltäglichen Moralität zu stellen, wie diese funktioniert und wie sie sich im Lauf des Lebens verändert. In diesem Bereich wäre dann auch die forschungsmethodische Frage anzusiedeln, ob - und wenn ja mit welchen Methoden es gelingen kann, ethisch-moralische Einstellungen oder Werthaltungen von Patienten und ihre Veränderung zu erfassen.
Ein dritter Bereich betrifft ethische Aspekte der Organisation von Psychotherapieforschung. Hier geht es etwa darum, wie eine good practice der Psychotherapieforschung aussehen sollte und wie ihre Einhaltung gesichert werden kann. In diesem Zusammenhang kann die Notwendigkeit und können die Schwierigkeiten des informed consent für die Durchführung von Forschungen in der Psychotherapie diskutiert werden, ebenso wie die auch unter ethischen Aspekten problematische Forderung nach Randomisierung von Patienten, die im Rahmen klinischer Studien unterschiedlichen Behandlungsbedingungen zugewiesen werden sollen. In diesem dritten Bereich geht es auch um die Rolle von Ethikkommissionen: Wann sind sie einer ethisch verantwortlichen Forschung dienlich, wann können sie auch hinderlich sein? Welche Fragen legt sich die Psychotherapieforschung vor? Wie sehr läßt sich Psychotherapieforschung in den von ihr untersuchten Fragestellungen in einer Art vorauseilenden Gehorsams von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wie der Kostendämpfungsdebatte, beeinflussen? In diesem Bereich kann es schließlich auch um die Frage gehen, wie der psychotherapeutische Wissenschaftsbetrieb organisiert ist - auch dies hat durchaus ethische Implikationen.

Ethische Aspekte der Therapeut-Patient-Beziehung

Wenn im Hinblick auf ethische Aspekte von der Therapeut-Patient-Beziehung gesprochen wird, so gilt das Interesse in besonderer Weise der Frage der Grenzüberschreitungen in dieser Beziehung und hier wiederum der Frage der sexuellen Grenzüberschreitungen. Sexuelle Beziehungen zwischen dem meist männlichen - Psychotherapeuten und seiner Patientin sind, soweit die vorliegenden Befunde hierzu eine Aussage zulassen (Svartberg 1992), zwar nicht häufiger als intime Beziehungen zwischen Arzt und Patientin in anderen medizinischen Bereichen, gleichwohl sind sie - dies ist breiter Konsens - unter allen Umständen abzulehnen, da sie, so Svartberg (1992), in nahezu allen Fällen zum Schaden der Patientin ausgehen. Die American Psychiatric Association hat diesen Grundsatz in ihren "Principles of Medical Ethics" eindeutig formuliert: "Sexual activity with a current or former patient is unethical". Forschung richtet sich in diesem Zusammenhang zum einen darauf, die Häufigkeit solcher Grenzüberschreitungen abzuschätzen und zum anderen darauf, die Bedingungen zu klären, unter denen sexuelle Grenzüberschreitungen zustande kommen.
Die diesbezügliche empirische Befundlage ist allerdings - insbesondere soweit es um europäische Studien geht - noch recht unbefriedigend, so daß weitreichende Schlußfolgerungen wie die, Behandlungen von Patientinnen durch männliche Therapeuten seien grundsätzlich fragwürdig (Pollack 1992), nicht gerechtfertigt erscheinen. Krutzenbichler und Essers (1991) berichten über eine einzige, aus Frankreich stammende, Studie zur Frage sexueller Beziehungen zwischen Psychoanalytikern und ihren Patientinnen, in der von 15 befragten Analysandinnen vier angaben, eine sexuelle Beziehung mit ihrem Analytiker gehabt zu haben. Aus Nordamerika liegen zu dieser Frage hingegen eine Reihe von empirischen Studien vor, die als anonyme postalische Befragungen durchgeführt wurden. Der Anteil der Psychotherapeuten, die über eine sexuelle Beziehung mit einem gegengeschlechtlichen oder gleichgeschlechtlichen Patienten berichten, liegt - mit einer erheblichen Schwankungsbreite - zwischen 1,1% (Bory u. Pope 1989) und 14,7% (Holroyd u. Brodsky 1977). Die in den 80er Jahren zu beobachtende Abnahme dieser Quote gegenüber früheren Studien muß dabei möglicherweise eher auf die zunehmende Scheu zurückgeführt werden, über solches Verhalten auch in einer anonymisierten Befragung zu berichten (Gabbard 1994). Auch für die amerikanischen Studien gilt, daß systematische Befragungen von Psychotherapiepatienten zu dieser Frage bislang nahezu völlig fehlen, was auch darin begründet sein mag, daß solche Befragungen und die Interpretation von Befragungsergebnissen mit beträchtlichen methodischen Problemen konfrontiert sind, etwa hinsichtlich der Ursache-Wirkungszusammenhänge zwischen eingetretener Schädigung , Erfahrung frühkindlichen Mißbrauchs und aktuellen Grenzüberschreitungen innerhalb einer therapeutischen Beziehung (Williams 1995).
Hinsichtlich der Bedingungen, unter denen sexuelle Grenzüberschreitungen zustande kommen, liegen gegenwärtig nur wenige leidlich gesicherte Befunde vor, die auch nicht systematischen Studien entstammen, sondern die sich auf die klinische Beurteilung einer größeren Zahl von Einzelfällen stützen. Zu diesen Befunden gehört, daß auf Seiten der Patienten es vor allem die schwerer gestörten und hier wiederum besonders die Borderline-Patienten sind, die von sexuellen Übergriffen betroffen sind (Gabbard 1994, S. 437).
Armsworth legte 1990 eine qualitative Studie vor, innerhalb welcher sechs Patientinnen mit einer Vorgeschichte familiären Inzests, in deren Therapien es zu sexuellen Kontakten mit Therapeuten gekommen war, untersucht wurden. In dieser qualitativen Untersuchung ergab sich als Gemeinsamkeit der untersuchten Probandinnen, daß ihre frühe familiäre Vorgeschichte die Entwicklung von Personalität verhinderte, daß diese Patientinnen innerhalb und außerhalb ihrer Therapie wiederholte Erfahrungen von Depersonalisation durchlebten, welche es zusätzlich erschwerten, sich im Sinne personaler Ganzheit zu erleben und schließlich, daß diese Probandinnen sich ein Verhalten der Selbstaufgabe zu eigen gemacht hatten, mit welchem sie Grenzüberschreitungen, auch durch Therapeuten, begegneten.
Auf Seiten der Therapeuten können - mit Gabbard (1994) die bedingenden Faktoren zu vier Gruppen zusammengefaßt werden: (1.) psychotische Störungen des Therapeuten - dies ist die bei weitem kleinste Gruppe; (2.) Therapeuten mit deutlichen Zügen einer antisozialen Persönlichkeit, hierunter finden sich auch narzißtisch schwer gestörte Therapeuten, mit einer nur geringen Fähigkeit, sich ihren Patienten mitfühlend zuzuwenden und einer ebenso geringen Fähigkeit, Schuld und Bedauern ihren Patienten gegenüber zu empfinden; (3.) Als häufigste Ursache für das Zustandekommen sexueller Übergriffe ist sicherlich die Verliebtheit des Therapeuten anzusehen - in einer von Gartrell et al. (1986) durchgeführten Befragung von Psychiatern gaben 65% von denen, die sexuellen Kontakt zu Patientinnen oder Patienten hatten, an, in diese verliebt gewesen zu sein. Als Hintergrund finden sich hier teilweise weniger ausgeprägte Formen narzißtischer Persönlichkeitsstörungen oder auch - und das ist, so Gabbard (1994), ein in vieler Hinsicht typischer Fall - dramatische persönliche oder berufliche Krisen, die der Therapeut durchlebt. Bei Therapeuten der (4.) und letzten Gruppe erfolgt der sexuelle Übergriff aus einem Akt masochistischer Unterwerfung heraus. Hier handelt es sich um Therapeuten, die zutiefst selbst-destruktiv sind und die infolge ihrer Unfähigkeit, mit eigenen Aggressionen umzugehen, außerstande sind, angesichts Wünschen nach verlängerten Stunden, angesichts von Sehnsüchten danach, gehalten zu werden, oder angesichts von Forderungen ihrer Patienten nach konkreten Beweisen der Zuneigung, Grenzen zu setzen.
Neben den genannten Faktoren ist, so Gabbard (1995), häufig auch ein fehlerhaftes Verständnis von supportiver Therapie am Zustandekommen sexueller Grenzüberschreitungen beteiligt, ein fehlerhaftes Verständnis in dem Sinne einer Verwechslung von supportiver mit grenzenloser Therapie, wobei oftmals am Beginn einer später tragischen Entwicklung durchaus ernsthafte Bemühungen eines Therapeuten stehen können, die therapeutische Technik zu modifizieren, um bestimmten Erfordernissen eines schwerer gestörten Patienten gerecht zu werden. Ein Beispiel dafür kann die unreflektiert erfolgende, nicht im Sinne beispielsweise des therapeutischen Prinzips des als Antwort begriffene und gezielt zur Anwendung gebrachte, also unreflektiert erfolgende Selbstöffnung des Therapeuten sein, die zu einem Gespräch führt, das sich zunehmend von seinen therapeutischen Intentionen entfernt und sich der Art informeller, privater, extratherapeutischer Gespräche annähert.
In diesem Zusammenhang ist auch auf das in der angloamerikanischen Literatur diskutierte Konzept der dual relationship zu verweisen (Pope 1991; Kagle u. Giebelhausen 1994), das die Gefahr einer Grenzverwischung zwischen professioneller und privater Beziehung thematisiert, welche insbesondere dann gegeben ist, wenn Therapeut und Patientin sich außerhalb eines durch das Setting definierten sicheren Rahmens (Petersen 1996) im sogenannten therapeutischen Realraum begegnen.
Eine ganz andere Frage, die jedoch auch ethische Aspekte der Therapeut-Patient-Beziehung berührt, ist die Frage nach den impliziten Wertungen des Therapeuten. Recht deutlich wird die hier angesprochene Problematik, wenn man sich beispielsweise den Umstand vor Augen führt, daß innerhalb der Psychoanalyse zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber nebeneinander bestehen, wie die gesunde, erstrebenswerte Beziehung eines Individuums zu seinen Mitmenschen beschaffen sein sollte: So wird auf der einen Seite menschliche Entwicklung als ein Prozeß stets fortlaufender Autonomiegewinnung und Individuation gesehen - sehr deutlich findet sich diese Position bei M. S. Mahler (1975) oder auch bei A. Freud. Demgegenüber stehen andere Ansichten, denen zufolge die gesunde Entwicklung einer stets tiefer und intensiver werdenden Bezogenheit auf andere zustrebt. In diesem Kontext könnten etwa M. Balint, D. W. Winnicott oder auch - aus jüngerer Zeit - J. Bowlby erwähnt werden. Selbstverständlich sind diese beiden - wenn man sie so nennen will - Anthropologien keine strikten Gegensätze: In der Regel dürften diese beiden Auffassungen im Bewußtsein des einzelnen Therapeuten ja eine jeweils sehr individuelle Legierung miteinander eingehen. Wenngleich die hier bestehenden verschiedenen Möglichkeiten an dieser Stelle nicht diskutiert werden können, so ist es jedoch nützlich, darauf hinzuweisen, daß bislang wenig systematisches Wissen darüber existiert, auf welche Weise und in welche Richtung bestimmte moralisch-ethische Überzeugungen das Therapiegeschehen und die therapeutischen Resultate beeinflussen. Es gibt allerdings Hinweise darauf, daß von Patient und Therapeut geteilte Werthaltungen und Überzeugungen mit günstigeren therapeutischen Resultaten verknüpft sind (Holmes 1996). In diesem Bereich wären sicherlich Arbeiten, die sich der Methoden einer qualitativen Psychotherapieforschung bedienen, besonders aussichtsreich, weiche sich darum bemühen könnten, solche als Hintergrundannahmen (Streeck 1986; Streeck u. Weidenhammer 1987; Levine 1993) wirksam werdenden Auffassungen zu explizieren.

Moralisch-ethische Einstellungen von Patienten und ihre Veränderung in der Psychotherapie

Ich will mich nun dem zweiten eingangs erwähnten Bereich zuwenden: dem der moralisch-ethischen Einstellungen von Patienten und ihrer Veränderung in der Psychotherapie. Es mag dabei durchaus erstaunen, daß der Frage der wertenden Einstellungen von Patienten und der Veränderung dieser Einstellungen in der gegenwärtigen empirischen Psychotherapieforschung kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird, da sich ja doch zunehmend deutlich die zentrale Position der Bewertung und Beurteilung von Erfahrung etwa im Hinblick auf die Motivierung menschlichen Verhaltens oder auch im Verhältnis zu effektiven Vorgängen abzeichnet. In diesem Zusammenhang sei etwa an Robert Holts Versuch erinnert, eine psychoanalytische Motivationspsychologie auf das Konzept des Wunsches zu gründen, wobei Wünsche als ein (bewußtes, vorbewußtes oder unbewußtes) Prozeßgeschehen zu denken sind, das durch Beurteilungsvorgänge charakterisiert ist. Wünsche werden nicht - wie beim Triebkonzept unterstellt - durch einen hypothetischen innersomatischen Erregungszufluß, sondern durch einen perzeptiv-evaluativen Mismatch (Holt 1976, S. 182) aktiviert, wobei dieser Mismatch zwischen einer gegenwärtigen Wahrnehmung und beispielsweise einem Erinnerungsbild, aber auch zwischen einer Wahrnehmung und einem phylogenetisch erworbenen Muster erfolgen kann. In dieser Perspektive ist die menschliche Umwelt durch einen anhaltenden Aufforderungscharakter [press] gekennzeichnet, die Situation auf ihre Abgestimmtheit gegenüber verschiedenen Bedürfnissystemen einzuschätzen und zu bewerten (Holt 1976, S. 191).
Die Bedeutung von Bewertungsvorgängen für den Bereich der Affekte hat insbesondere J. Sandler (1960) in seiner "Sicherheitsgefühl und Wahnehmungsvorgang" betitelten Arbeit herausgearbeitet, wo er die Affektfunktion als sich in einem ständigen Alarmzustand befindlich beschreibt, und wo er es als einen wesentlichen Aspekt dieser Funktion beschreibt, die innere und äußere Erfahrungswelt fortgesetzt auf mögliche Bedrohungen des Sicherheitsgefühls zu untersuchen und diesbezüglich zu bewerten.
Auf solche Bewertungsvorgänge haben ethische Überzeugungssysteme fraglos einen wesentlichen Einfluß, kann man doch solche Überzeugungssysteme in einem allgemeinen Sinn als Informationssysteme auffassen, auf welche Individuen immer wieder dann zurückgreifen, wenn sie Antworten suchen.
In der Persönlichkeits- und Sozialpsychologie existieren umfassende Erfahrungen im Hinblick darauf, wie moralisch-ethische Einstellungen und auch ihre Veränderungen methodisch erfaßt werden können. So entwickelte Rogene Buchholz (1976) ein kompaktes, aus lediglich 45 Fragen bestehendes Instrumentarium, mit dem er unterschiedliche Überzeugungssysteme von Arbeitstätigkeit identifizieren konnte, die er als work ethic, organizational belief system, marxist-related beliefs, humanistic belief system und leisure ethic bezeichnete. Für den Psychotherapeuten sind insbesondere die Studien interessant, in denen der Versuch unternommen wurde, Beziehungen zwischen Persönlichkeitsmerkmalen wie Gewissenhaftigkeit, Neigung zu Schuldgefühlen und internaler vs. externaler Kontrollüberzeugung einerseits und bestimmten Ausformungen einer Arbeitsethik andererseits aufzuzeigen. Hier fanden beispielsweise Furnham und Bland (1982) eine konsistente und signifikante korrelative Beziehung zwischen einem Überzeugungssystem, das sie als protestant work ethic bezeichneten und allgemein-konservativen sozialen Überzeugungen, die durch Züge eines religiösen Fundamentalismus, einem Insistieren auf Regeln und Strafen, einer anti-hedonistischen Haltung, Intoleranz gegenüber Minderheiten und einem mißtrauischen Widerstand gegenüber dem wissenschaftlichen Fortschritt gekennzeichnet waren.
Es ist - zumindest für die empirische Psychotherapieforschung - bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch eine gänzlich offene Frage, wie sich Psychotherapie in ihren unterschiedlichen Formen auf Überzeugungssysteme und Werthaltungen wie die oben skizzierten auswirkt, und auch, wie das überwiegende Vorhandensein bestimmter Überzeugungssysteme oder Werthaltungen wie einer - wenn dies hier einmal verkürzt so genannt werden darf - Protestantischen Arbeitsethik zurückwirkt auf die Fähigkeit und/oder Bereitschaft, bestimmte psychotherapeutische Hilfsangebote anzunehmen und von ihnen auch zu profitieren.
Unter ethischen Aspekten ist hier die Forderung an den Therapeuten zu richten, von den eigenen abweichende weltanschauliche und/oder religiöse Ansichten als Ausdruck personaler Differenzen zu respektieren, so wie dies auch seit 1992 in den "Ethical Principles of Psychologists and Code of Conduct" der American Psychological Association gefordert wird. Das darf jedoch nicht dazu führen, daß religiöse und weltanschauliche Fragen in der therapeutischen Interaktion vermieden werden (Lannert 1991). Die sich hieraus ableitende korrespondierende Forderung an den Psychotherapieforscher kann dahin gehen, der Erfassung auch religiös-weltanschaulicher Variablen Aufmerksamkeit zu schenken (Hall et al. 1994).

Ethische Aspekte der Organisation von Psychotherapieforschung

Unter den ethischen Aspekten der Organisation von Psychotherapieforschung sollen hier das Einholen eines informed consent seitens des Patienten in einer klinischen Studie, die Zustimmung einer Ethik-Kommission zu einem beantragten Studienplan und die Frage eines wissenschaftlichen publication bias beleuchtet werden.
Die Forderung, Patienten auch in der Psychotherapie nur nach Einholen eines informed consent an klinischen Studien zu beteiligen, gründet sich auf die Wertschätzung individueller Autonomie und auf das Recht eines jeden Patienten zur Selbstbestimmung. Das Einholen eines informed consent des Patienten setzt nach geläufigem Verständnis voraus, daß einem Probanden in vollständiger Weise alle Aspekte eingehend erläutert werden, die seine Bereitschaft, an einer Studie mitzuwirken, beeinflussen könnten. Einige Autoren gehen sogar so weit zu fordern, daß Therapeuten gegebenenfalls ihre eigenen weltanschaulichen oder religiösen Orientierungen den möglichen Studienteilnehmern und Patienten gegenüber offenlegen müßten (Hawkins u. Bullock 1995).
Diese Forderung ist in der biomedizinischen Forschung in der Regel umzusetzen (Helmchen u. Müller-Oerlinghausen 1975), in der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Forschung, und damit auch in der Psychotherapieforschung, stößt man mit dieser Forderung jedoch auf Schwierigkeiten. So läuft der psychotherapeutische Forscher, wenn er seinen Studienpatienten gegenüber Hypothesen und Vorgehensweisen, gegebenenfalls auch experimentelle Anordnungen detailliert erläutert, Gefahr, seine Beobachtungen durch Versuchsleitereffekte nachhaltig zu verfälschen. Der Psychotherapieforscher steht also in einem Dilemma, in dem es gilt, die ethische Notwendigkeit, einen informed consent einzuholen, gegen die wissenschaftliche Forderung nach Validität der Studienprozeduren aufzuwiegen. Den Nachteilen der Forderung nach informed consent stehen dabei durchaus auch Vorteile gegenüber, die insbesondere in der stärkeren interaktionellen Einbindung des Patienten, und daraus folgend in einer höheren Zufriedenheit und oftmals auch einer erhöhten Effizienz der untersuchten psychotherapeutischen Vorgehensweisen liegen (Marta u. Lowy 1993).
Eine andere Art von Schwierigkeit ist an die Notwendigkeit geknüpft, für Forschungsvorhaben die Zustimmung einer Ethik-Kommission einzuholen, wobei einzuräumen ist, daß die hier ins Auge gefaßten Schwierigkeiten eher grundsätzlicher, prinzipieller Natur sind, als daß sie gegenwärtig erkennbare praktische Auswirkungen hätten. Die Institution von Ethik-Kommissionen ist ja aus dem öffentlichen und politischen Bedürfnis gewachsen, Skandale zu vermeiden. Ethik-Kommissionen stellen somit eine Art vorsorgliches Krisenmanagement dar. Daraus folgt aber, daß die Entscheidungsprozesse in Ethik-Kommissionen ungleichmäßig gewichtet sind. Zu recht positiv erfolgte Beurteilungen werden nicht positiv sanktioniert, falsch positive Entscheidungen, also Entscheidungen, bei denen das vorsorgliche Krisenmanagement versagt und in deren Folge es in irgendeiner Weise Schwierigkeiten gibt, werden voraussichtlich in deutlicher Weise negativ sanktioniert. Andererseits werden aber wiederum die falsch negativen Entscheidungen einer solchen Kommission kaum je negativ sanktioniert werden, denn außer der einen oder anderen Stimme aus dem Kreis der betroffenen Forscher wird kaum jemand Protest gegen eine solche Entscheidung anmelden. Denkt man diesen Gedanken einmal weiter, so kann man sich leicht vorstellen, daß eine solche Kommission mit den Jahren einen zunehmend restriktiveren Kurs einschlägt, um der einzig zu fürchtenden Gefahr, einen Forschungsantrag fälschlicherweise positiv zu bescheiden, zu entgehen, während es ja sozusagen völlig ungefährlich ist, einen Forschungsantrag zu Unrecht abzulehnen. Die Konsequenz für die wissenschaftliche Gemeinschaft in dem betreffenden Feld bestünde dann sicherlich in einem zunehmenden Widerstand gegen eine solche Kommission bis hin zu dem Punkt, wo die Bereitschaft der Forscher, sich die Grundsätze zu eigen zu machen, über die eine Ethik-Kommission wachen soll, zunehmend unterminiert wird.
Eine vergleichbare Schwierigkeit, jedoch von weitaus größerer praktischer Bedeutung, besteht im Bereich der Publikation wissenschaftlicher Befunde. In vielen wissenschaftlichen Bereichen, so auch in der Psychotherapieforschung, besteht ein erheblicher publication bias zuungunsten negativer Befunde. Im Bereich etwa der Untersuchung differentieller Effektivität unterschiedlicher Therapieformen, kann dieser publication bias dazu führen, daß Negativbefunde systematisch aus der veröffentlichten Literatur ausgeschlossen bleiben und Evidenzen zugunsten bestimmter Hypothesen überschätzt werden, was insbesondere für die Durchführung metaanalytischer Studien bislang nur unbefriedigend gelöste Probleme aufwirft (Sohn 1996).

Literatur

Armsworth, M. W. (1990): A qualitative analysis of adult incest survivors' responses to sexual involvement with therapists. Child Abuse Negl. 14(4): 541-54.

Bory, D. S.; Pope, K. S. (1989): Dual relationships between therapist and client: a national study of psychologists, psychiatrists, and social workers. Professional Psychology: Research and Practice 20: 283-293.

Buchholz, R. A. (1976): Measurement of beliefs. Human Relations 29: 1177-1188.

Furnham, A.; Bland, K. (1982): The protestant work ethic and conservativism. Personality Indiv. Diff. 3: 205-206.

Gabbard, G. O. (1994): Sexual rnisconduct. In: Oldham, J. M.; Riba, M.B. (Hg.), Review of Psychiatry. Amer. Psychiatr. Press 13: 433-456.

Gabbard, G. O. (1995): Lessons to be learned from the study of sexual boundary violations. Unpubl. draft.

Gartrell, N.; Herman, J.; Olarte, S. et al. (1986): Psychiatrist-Patient sexual contact: results of a national survey, I: prevalence. Am. J. Psychiatry 143: 1126-1131.

Hall, T. W.; Tisdale, T. C.; Brokaw, B. F. (1994): Assessment of religious dimensions in Christian clients: A review of selected instruments for research and clinical use. Joumal of Psychology and Theology 22: 395-421.

Hawkins, I. A.; Bullock, S. L. (1 995): Informed consent and religious values: A neglected area of diversity. Psychotherapy 32(2): 293-300.

Helmchen, H.; Müller-Oerlinghausen, B. (1975): The inherent paradox of clinical trials in psychiatry. J. Med. Ethics 1: 168-73.

Holmes, J. (1996): Values in psychotherapy. Am. J. Psychother. 50: 259-273.

Holroyd, J. C.; Brodsky, A. M. (1977): Psychologists' attitudes and practices regarding erotic and nonerotic physical contact with patients. Am. J. Psychiatry 144: 164-169.

Holt, R. R. (1976): Drive or wish? A reconsideration of the psychoanalytic theory of motivation. In: Gill, M. M.; Holzman, P. S. (Hg.), Psychology versus metapsychology. New York, S. 158-197.

Krutzenbichler, S.; Essers, H. (1991): Muß denn Liebe Sünde sein? Über das Begehren des Analytikers. Freiburg.

Kagle, J. D.; Giebelhausen, P. N. (1994): Dual relationships and professional boundaries. Soc. Work 39: 213-220.

Lannert, J. L. (1991): Resistance and countertransference issues with spiritual and religious clients. Joumal of Humanistic Psychology 31: 68-76.

Levine, F. J. (1993): Unconscious fantasy and theories of technique. Psychoanalytic Inquiry 13: 326-342.

Marta, J.; Lowy, F. H. (1993): Le consentement éclaire: un atout pour la psychothérapie? Canadian Journal of Psychiatry 38: 547-551.

Petersen, M. L. (1996): Der sichere Rahmen. Bestandteile, Handhabungen und Wirkungen. Forum Psychoanal. 12: 110-127.

Pollack, W. S. (1992): Should men treat women? Dilemmas for the male psychotherapist: psychoanalytic and developmental perspectives. Ethics and Behavior 2: 39-49.

Pope, K. S. (1991): Dual relationships in psychotherapy. Ethics and Behavior 1: 21-34.

Sandler, J. (1960): Sicherheitsgefühl und Wahmehmungsvorgang. Psyche 15: 124-131.

Sohn, D. (1996): Publication bias and the evaluation of psychotherapy efficacy in reviews of the research literature. Clinical Psychology Review 16: 147-156.

Streeck, U. (1986): Hintergrundannahmen im psychoanalytischen Behandlungsprozeß. Forum Psychoanal. 2: 98-1 10.

Streeck, U.; Weidenhammer, B. (1987): Hintergrundannahmen und sprachliche Handlungsmuster des Analytikers bei der Handhabung der Übertragung. Materialien Psychoanalyse 13: 179-195.

Svartberg, M. (1992): Seksuell kontakt mellom psykoterapeuter og pasienter. En gjennomgælse a nyere amerikansk litteratur. Tidsskr Nor Laegeforen 30; 1 12(26): 3298-3301.

Williams, M. H. (1995): How useful are clinical reports concerning the consequences of therapist-patient sex? Am. J. Psychother. 49(2): 237-43.


Wolfgang Tress, Michael Langenbach (Hg.): Ethik in der Psychotherapie

Inhalt

Ethik in der Psychotherapie? Ethik in der Psychotherapie! - Zur Einführung

Bernhard Waldenfels
Krankheit als mangelnde Responsivität

Leonore Kottje-Birnbacher und Dieter Birnbacher
Ethik in der Psychotherapie

Jörg Frommer und Sabine Frommer
Psychotherapie als Beruf

Jean-Jacques Kress
Einwilligung zu psychotherapeutischer Behandlung. Ethische Fragen

Brigitte Boothe
Die psychoanalytische Allianzbildung. Anregungen aus der Rechtsphilosophie

Claudia Sies und Tobias Brocher
Achtung vor dem kognitiven System! - Ethische Einstellungen in Psychoanalyse,
Radikalem Konstruktivismus und Chaostheorie

Jeremy Holmes
Values in Psychotherapy

Hubert Speidel
Ethische Probleme in der Psychosomatischen Medizin

Gernot Lauer und Christoph Mundt
Ethische Probleme der Psychotherapie im Rahmen psychiatrischer Behandlungen

Johannes Lindenmeyer
Ethische Fragen in der Verhaltenstherapie

Jürgen Ott, Michael Langenbach, Wolfgang Tress
Abstinenz - eine ethische Grundregel stationärer Psychotherapie?

Norbert Hartkamp
Ethische Aspekte in der Psychotherapieforschung. Eine vorläufige Standortbestimmung


Dr.med. N.Hartkamp

Klinik für Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Postfach 12 05 10 - 40605 Düsseldorf
Tel.: +49-211-922-4722
FAX: +49-211-922-4709

hartkamp@uni-duesseldorf.de


Up

Infokontakt
22.10.98