aus: Wolfgang Tress, Michael Langenbach (Hg) Ethik in der Psychotherapie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998
Die Veröffentlichung des Textes im WWW erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Vandenhoeck & Ruprecht
Ethische Fragen finden in der zeitgenössischen Psychotherapieforschung
keine bevorzugte Aufmerksamkeit. Pychotherapieforschung beschäftigt
sich gegenwärtig in erster Linie mit den Fragen nach Therapieeffekten,
mit der Frage der Kosteneffizienz psychotherapeutischer Behandlungen, mit
der Frage nach der Abbildbarkeit der Prozesse, die in psychotherapeutischen
Interaktionen wirksam werden oder auch mit den Fragen differentieller Indikationsstellung
in der Psychotherapie.
Auch dann, wenn man den Begriff der "Ethik" in einem etwas breiteren
Sinne so auffaßt, daß er all das mit einschließt, was
man unter Oberbegriffe wie Moralität und Wertung fassen kann, ändert
sich nichts an diesem Bild: Ethische Fragen sind in der Psychotherapieforschung
kein bevorzugtes Thema.
Vor diesem Hintergrund kann es mir in meinem Versuch einer Standortbestimmung
nicht so sehr darum gehen, unterschiedliche Positionen, die innerhalb einer
Diskussion vertreten werden, zu referieren und kritisch zu würdigen,
sondern eher darum, mögliche Fragestellungen zu formulieren und auf
mögliche Bereiche hinzuweisen, in denen ethische Aspekte innerhalb
der Psychotherapieforschung Bedeutung gewinnen können.
Ein solcher Bereich ist der der Therapeut-Patient-Interaktion. Hier geht
es um Fragen nach dem ethischen Verhalten des Psychotherapeuten als Gegenstand
der Psychotherapieforschung, hier geht es aber auch um Fragen impliziter
Wertungen seitens des Therapeuten, die Teil einer therapeutischen Theorie
der Technik sind. Solche impliziten Wertungen vermögen es zweifelsohne,
die Aufmerksamkeit des Therapeuten in der Interaktion auf bestimmte Phänomene
zu lenken, ihn bestimmte Dinge als wesentlich oder erstrebenswert ansehen
zu lassen, während er gleichzeitig anderen Entwicklungen zurückhaltend
oder gar innerlich ablehnend gegenübertreten mag. In diesem Zusammenhang
geht es auch um die Frage nach den ethischen Systemen, die im empirischen
Wissen von Psychotherapeuten implizit enthalten sind.
Ein zweiter Bereich betrifft die Frage nach der Genese moralisch-ethischer
Einstellungen des Patienten und ihrer Veränderung im Zuge des therapeutischen
Vorgehens. Hier gibt es sicherlich Berührungspunkte zwischen Psychotherapieforschung
einerseits und der Persönlichkeitspsychologie, der Sozialpsychologie
und der Anthropologie andererseits. Hier ist die Frage nach der alltäglichen
Moralität zu stellen, wie diese funktioniert und wie sie sich im Lauf
des Lebens verändert. In diesem Bereich wäre dann auch die forschungsmethodische
Frage anzusiedeln, ob - und wenn ja mit welchen Methoden es gelingen kann,
ethisch-moralische Einstellungen oder Werthaltungen von Patienten und ihre
Veränderung zu erfassen.
Ein dritter Bereich betrifft ethische Aspekte der Organisation von Psychotherapieforschung.
Hier geht es etwa darum, wie eine good practice der Psychotherapieforschung
aussehen sollte und wie ihre Einhaltung gesichert werden kann. In diesem
Zusammenhang kann die Notwendigkeit und können die Schwierigkeiten
des informed consent für die Durchführung von Forschungen
in der Psychotherapie diskutiert werden, ebenso wie die auch unter ethischen
Aspekten problematische Forderung nach Randomisierung von Patienten, die
im Rahmen klinischer Studien unterschiedlichen Behandlungsbedingungen zugewiesen
werden sollen. In diesem dritten Bereich geht es auch um die Rolle von
Ethikkommissionen: Wann sind sie einer ethisch verantwortlichen Forschung
dienlich, wann können sie auch hinderlich sein? Welche Fragen legt
sich die Psychotherapieforschung vor? Wie sehr läßt sich Psychotherapieforschung
in den von ihr untersuchten Fragestellungen in einer Art vorauseilenden
Gehorsams von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen,
wie der Kostendämpfungsdebatte, beeinflussen? In diesem Bereich kann
es schließlich auch um die Frage gehen, wie der psychotherapeutische
Wissenschaftsbetrieb organisiert ist - auch dies hat durchaus ethische
Implikationen.
Wenn im Hinblick auf ethische Aspekte von der Therapeut-Patient-Beziehung
gesprochen wird, so gilt das Interesse in besonderer Weise der Frage der
Grenzüberschreitungen in dieser Beziehung und hier wiederum der Frage
der sexuellen Grenzüberschreitungen. Sexuelle Beziehungen zwischen
dem meist männlichen - Psychotherapeuten und seiner Patientin sind,
soweit die vorliegenden Befunde hierzu eine Aussage zulassen (Svartberg
1992), zwar nicht häufiger als intime Beziehungen zwischen Arzt
und Patientin in anderen medizinischen Bereichen, gleichwohl sind sie -
dies ist breiter Konsens - unter allen Umständen abzulehnen, da sie,
so Svartberg (1992), in nahezu allen
Fällen zum Schaden der Patientin ausgehen. Die American Psychiatric
Association hat diesen Grundsatz in ihren "Principles of Medical Ethics"
eindeutig formuliert: "Sexual activity with a current or former patient
is unethical". Forschung richtet sich in diesem Zusammenhang zum einen
darauf, die Häufigkeit solcher Grenzüberschreitungen abzuschätzen
und zum anderen darauf, die Bedingungen zu klären, unter denen sexuelle
Grenzüberschreitungen zustande kommen.
Die diesbezügliche empirische Befundlage ist allerdings - insbesondere
soweit es um europäische Studien geht - noch recht unbefriedigend,
so daß weitreichende Schlußfolgerungen wie die, Behandlungen
von Patientinnen durch männliche Therapeuten seien grundsätzlich
fragwürdig (Pollack 1992), nicht gerechtfertigt
erscheinen. Krutzenbichler und Essers
(1991) berichten über eine einzige, aus Frankreich stammende, Studie
zur Frage sexueller Beziehungen zwischen Psychoanalytikern und ihren Patientinnen,
in der von 15 befragten Analysandinnen vier angaben, eine sexuelle Beziehung
mit ihrem Analytiker gehabt zu haben. Aus Nordamerika liegen zu dieser
Frage hingegen eine Reihe von empirischen Studien vor, die als anonyme
postalische Befragungen durchgeführt wurden. Der Anteil der Psychotherapeuten,
die über eine sexuelle Beziehung mit einem gegengeschlechtlichen oder
gleichgeschlechtlichen Patienten berichten, liegt - mit einer erheblichen
Schwankungsbreite - zwischen 1,1% (Bory u. Pope 1989)
und 14,7% (Holroyd u. Brodsky 1977). Die in den
80er Jahren zu beobachtende Abnahme dieser Quote gegenüber früheren
Studien muß dabei möglicherweise eher auf die zunehmende Scheu
zurückgeführt werden, über solches Verhalten auch in einer
anonymisierten Befragung zu berichten (Gabbard 1994). Auch für die
amerikanischen Studien gilt, daß systematische Befragungen von Psychotherapiepatienten
zu dieser Frage bislang nahezu völlig fehlen, was auch darin begründet
sein mag, daß solche Befragungen und die Interpretation von Befragungsergebnissen
mit beträchtlichen methodischen Problemen konfrontiert sind, etwa
hinsichtlich der Ursache-Wirkungszusammenhänge zwischen eingetretener
Schädigung , Erfahrung frühkindlichen Mißbrauchs und aktuellen
Grenzüberschreitungen innerhalb einer therapeutischen Beziehung (Williams
1995).
Hinsichtlich der Bedingungen, unter denen sexuelle Grenzüberschreitungen
zustande kommen, liegen gegenwärtig nur wenige leidlich gesicherte
Befunde vor, die auch nicht systematischen Studien entstammen, sondern
die sich auf die klinische Beurteilung einer größeren Zahl von
Einzelfällen stützen. Zu diesen Befunden gehört, daß
auf Seiten der Patienten es vor allem die schwerer gestörten und hier
wiederum besonders die Borderline-Patienten sind, die von sexuellen Übergriffen
betroffen sind (Gabbard 1994, S. 437).
Armsworth legte 1990 eine qualitative Studie vor,
innerhalb welcher sechs Patientinnen mit einer Vorgeschichte familiären
Inzests, in deren Therapien es zu sexuellen Kontakten mit Therapeuten gekommen
war, untersucht wurden. In dieser qualitativen Untersuchung ergab sich
als Gemeinsamkeit der untersuchten Probandinnen, daß ihre frühe
familiäre Vorgeschichte die Entwicklung von Personalität verhinderte,
daß diese Patientinnen innerhalb und außerhalb ihrer Therapie
wiederholte Erfahrungen von Depersonalisation durchlebten, welche es zusätzlich
erschwerten, sich im Sinne personaler Ganzheit zu erleben und schließlich,
daß diese Probandinnen sich ein Verhalten der Selbstaufgabe zu eigen
gemacht hatten, mit welchem sie Grenzüberschreitungen, auch durch
Therapeuten, begegneten.
Auf Seiten der Therapeuten können - mit Gabbard
(1994) die bedingenden Faktoren zu vier Gruppen zusammengefaßt werden:
(1.) psychotische Störungen des Therapeuten - dies ist die bei weitem
kleinste Gruppe; (2.) Therapeuten mit deutlichen Zügen einer antisozialen
Persönlichkeit, hierunter finden sich auch narzißtisch schwer
gestörte Therapeuten, mit einer nur geringen Fähigkeit, sich
ihren Patienten mitfühlend zuzuwenden und einer ebenso geringen Fähigkeit,
Schuld und Bedauern ihren Patienten gegenüber zu empfinden; (3.) Als
häufigste Ursache für das Zustandekommen sexueller Übergriffe
ist sicherlich die Verliebtheit des Therapeuten anzusehen - in einer von
Gartrell et al. (1986) durchgeführten Befragung
von Psychiatern gaben 65% von denen, die sexuellen Kontakt zu Patientinnen
oder Patienten hatten, an, in diese verliebt gewesen zu sein. Als Hintergrund
finden sich hier teilweise weniger ausgeprägte Formen narzißtischer
Persönlichkeitsstörungen oder auch - und das ist, so Gabbard
(1994), ein in vieler Hinsicht typischer Fall - dramatische persönliche
oder berufliche Krisen, die der Therapeut durchlebt. Bei Therapeuten der
(4.) und letzten Gruppe erfolgt der sexuelle Übergriff aus einem Akt
masochistischer Unterwerfung heraus. Hier handelt es sich um Therapeuten,
die zutiefst selbst-destruktiv sind und die infolge ihrer Unfähigkeit,
mit eigenen Aggressionen umzugehen, außerstande sind, angesichts
Wünschen nach verlängerten Stunden, angesichts von Sehnsüchten
danach, gehalten zu werden, oder angesichts von Forderungen ihrer Patienten
nach konkreten Beweisen der Zuneigung, Grenzen zu setzen.
Neben den genannten Faktoren ist, so Gabbard (1995),
häufig auch ein fehlerhaftes Verständnis von supportiver Therapie
am Zustandekommen sexueller Grenzüberschreitungen beteiligt, ein fehlerhaftes
Verständnis in dem Sinne einer Verwechslung von supportiver mit grenzenloser
Therapie, wobei oftmals am Beginn einer später tragischen Entwicklung
durchaus ernsthafte Bemühungen eines Therapeuten stehen können,
die therapeutische Technik zu modifizieren, um bestimmten Erfordernissen
eines schwerer gestörten Patienten gerecht zu werden. Ein Beispiel
dafür kann die unreflektiert erfolgende, nicht im Sinne beispielsweise
des therapeutischen Prinzips des als Antwort begriffene und gezielt zur
Anwendung gebrachte, also unreflektiert erfolgende Selbstöffnung des
Therapeuten sein, die zu einem Gespräch führt, das sich zunehmend
von seinen therapeutischen Intentionen entfernt und sich der Art informeller,
privater, extratherapeutischer Gespräche annähert.
In diesem Zusammenhang ist auch auf das in der angloamerikanischen Literatur
diskutierte Konzept der dual relationship zu verweisen (Pope
1991; Kagle u. Giebelhausen 1994), das die Gefahr
einer Grenzverwischung zwischen professioneller und privater Beziehung
thematisiert, welche insbesondere dann gegeben ist, wenn Therapeut und
Patientin sich außerhalb eines durch das Setting definierten sicheren
Rahmens (Petersen 1996) im sogenannten therapeutischen
Realraum begegnen.
Eine ganz andere Frage, die jedoch auch ethische Aspekte der Therapeut-Patient-Beziehung
berührt, ist die Frage nach den impliziten Wertungen des Therapeuten.
Recht deutlich wird die hier angesprochene Problematik, wenn man sich beispielsweise
den Umstand vor Augen führt, daß innerhalb der Psychoanalyse
zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber nebeneinander bestehen,
wie die gesunde, erstrebenswerte Beziehung eines Individuums zu seinen
Mitmenschen beschaffen sein sollte: So wird auf der einen Seite menschliche
Entwicklung als ein Prozeß stets fortlaufender Autonomiegewinnung
und Individuation gesehen - sehr deutlich findet sich diese Position bei
M. S. Mahler (1975) oder auch bei A. Freud. Demgegenüber stehen andere
Ansichten, denen zufolge die gesunde Entwicklung einer stets tiefer und
intensiver werdenden Bezogenheit auf andere zustrebt. In diesem Kontext
könnten etwa M. Balint, D. W. Winnicott oder auch - aus jüngerer
Zeit - J. Bowlby erwähnt werden. Selbstverständlich sind diese
beiden - wenn man sie so nennen will - Anthropologien keine strikten Gegensätze:
In der Regel dürften diese beiden Auffassungen im Bewußtsein
des einzelnen Therapeuten ja eine jeweils sehr individuelle Legierung miteinander
eingehen. Wenngleich die hier bestehenden verschiedenen Möglichkeiten
an dieser Stelle nicht diskutiert werden können, so ist es jedoch
nützlich, darauf hinzuweisen, daß bislang wenig systematisches
Wissen darüber existiert, auf welche Weise und in welche Richtung
bestimmte moralisch-ethische Überzeugungen das Therapiegeschehen und
die therapeutischen Resultate beeinflussen. Es gibt allerdings Hinweise
darauf, daß von Patient und Therapeut geteilte Werthaltungen und
Überzeugungen mit günstigeren therapeutischen Resultaten verknüpft
sind (Holmes 1996). In diesem Bereich wären
sicherlich Arbeiten, die sich der Methoden einer qualitativen Psychotherapieforschung
bedienen, besonders aussichtsreich, weiche sich darum bemühen könnten,
solche als Hintergrundannahmen (Streeck 1986; Streeck
u. Weidenhammer 1987; Levine 1993) wirksam werdenden
Auffassungen zu explizieren.
Ich will mich nun dem zweiten eingangs erwähnten Bereich zuwenden:
dem der moralisch-ethischen Einstellungen von Patienten und ihrer Veränderung
in der Psychotherapie. Es mag dabei durchaus erstaunen, daß der Frage
der wertenden Einstellungen von Patienten und der Veränderung dieser
Einstellungen in der gegenwärtigen empirischen Psychotherapieforschung
kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird, da sich ja doch zunehmend deutlich
die zentrale Position der Bewertung und Beurteilung von Erfahrung etwa
im Hinblick auf die Motivierung menschlichen Verhaltens oder auch im Verhältnis
zu effektiven Vorgängen abzeichnet. In diesem Zusammenhang sei etwa
an Robert Holts Versuch erinnert, eine psychoanalytische Motivationspsychologie
auf das Konzept des Wunsches zu gründen, wobei Wünsche als ein
(bewußtes, vorbewußtes oder unbewußtes) Prozeßgeschehen
zu denken sind, das durch Beurteilungsvorgänge charakterisiert ist.
Wünsche werden nicht - wie beim Triebkonzept unterstellt - durch einen
hypothetischen innersomatischen Erregungszufluß, sondern durch einen
perzeptiv-evaluativen Mismatch (Holt 1976, S.
182) aktiviert, wobei dieser Mismatch zwischen einer gegenwärtigen
Wahrnehmung und beispielsweise einem Erinnerungsbild, aber auch zwischen
einer Wahrnehmung und einem phylogenetisch erworbenen Muster erfolgen kann.
In dieser Perspektive ist die menschliche Umwelt durch einen anhaltenden
Aufforderungscharakter [press] gekennzeichnet, die Situation auf ihre Abgestimmtheit
gegenüber verschiedenen Bedürfnissystemen einzuschätzen
und zu bewerten (Holt 1976, S. 191).
Die Bedeutung von Bewertungsvorgängen für den Bereich der Affekte
hat insbesondere J. Sandler (1960) in seiner "Sicherheitsgefühl
und Wahnehmungsvorgang" betitelten Arbeit herausgearbeitet, wo er
die Affektfunktion als sich in einem ständigen Alarmzustand befindlich
beschreibt, und wo er es als einen wesentlichen Aspekt dieser Funktion
beschreibt, die innere und äußere Erfahrungswelt fortgesetzt
auf mögliche Bedrohungen des Sicherheitsgefühls zu untersuchen
und diesbezüglich zu bewerten.
Auf solche Bewertungsvorgänge haben ethische Überzeugungssysteme
fraglos einen wesentlichen Einfluß, kann man doch solche Überzeugungssysteme
in einem allgemeinen Sinn als Informationssysteme auffassen, auf welche
Individuen immer wieder dann zurückgreifen, wenn sie Antworten suchen.
In der Persönlichkeits- und Sozialpsychologie existieren umfassende
Erfahrungen im Hinblick darauf, wie moralisch-ethische Einstellungen und
auch ihre Veränderungen methodisch erfaßt werden können.
So entwickelte Rogene Buchholz (1976)
ein kompaktes, aus lediglich 45 Fragen bestehendes Instrumentarium, mit
dem er unterschiedliche Überzeugungssysteme von Arbeitstätigkeit
identifizieren konnte, die er als work ethic, organizational
belief system, marxist-related beliefs, humanistic belief
system und leisure ethic bezeichnete. Für den Psychotherapeuten
sind insbesondere die Studien interessant, in denen der Versuch unternommen
wurde, Beziehungen zwischen Persönlichkeitsmerkmalen wie Gewissenhaftigkeit,
Neigung zu Schuldgefühlen und internaler vs. externaler Kontrollüberzeugung
einerseits und bestimmten Ausformungen einer Arbeitsethik andererseits
aufzuzeigen. Hier fanden beispielsweise Furnham
und Bland (1982) eine konsistente und signifikante korrelative
Beziehung zwischen einem Überzeugungssystem, das sie als protestant
work ethic bezeichneten und allgemein-konservativen sozialen Überzeugungen,
die durch Züge eines religiösen Fundamentalismus, einem Insistieren
auf Regeln und Strafen, einer anti-hedonistischen Haltung, Intoleranz gegenüber
Minderheiten und einem mißtrauischen Widerstand gegenüber dem
wissenschaftlichen Fortschritt gekennzeichnet waren.
Es ist - zumindest für die empirische Psychotherapieforschung - bis
zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch eine gänzlich offene Frage,
wie sich Psychotherapie in ihren unterschiedlichen Formen auf Überzeugungssysteme
und Werthaltungen wie die oben skizzierten auswirkt, und auch, wie das
überwiegende Vorhandensein bestimmter Überzeugungssysteme oder
Werthaltungen wie einer - wenn dies hier einmal verkürzt so genannt
werden darf - Protestantischen Arbeitsethik zurückwirkt auf die Fähigkeit
und/oder Bereitschaft, bestimmte psychotherapeutische Hilfsangebote anzunehmen
und von ihnen auch zu profitieren.
Unter ethischen Aspekten ist hier die Forderung an den Therapeuten zu richten,
von den eigenen abweichende weltanschauliche und/oder religiöse Ansichten
als Ausdruck personaler Differenzen zu respektieren, so wie dies auch seit
1992 in den "Ethical Principles of Psychologists and Code of Conduct"
der American Psychological Association gefordert wird. Das darf jedoch
nicht dazu führen, daß religiöse und weltanschauliche Fragen
in der therapeutischen Interaktion vermieden werden (Lannert
1991). Die sich hieraus ableitende korrespondierende Forderung an den
Psychotherapieforscher kann dahin gehen, der Erfassung auch religiös-weltanschaulicher
Variablen Aufmerksamkeit zu schenken (Hall et al. 1994).
Unter den ethischen Aspekten der Organisation von Psychotherapieforschung
sollen hier das Einholen eines informed consent seitens des Patienten
in einer klinischen Studie, die Zustimmung einer Ethik-Kommission zu einem
beantragten Studienplan und die Frage eines wissenschaftlichen publication
bias beleuchtet werden.
Die Forderung, Patienten auch in der Psychotherapie nur nach Einholen eines
informed consent an klinischen Studien zu beteiligen, gründet
sich auf die Wertschätzung individueller Autonomie und auf das Recht
eines jeden Patienten zur Selbstbestimmung. Das Einholen eines informed
consent des Patienten setzt nach geläufigem Verständnis voraus,
daß einem Probanden in vollständiger Weise alle Aspekte eingehend
erläutert werden, die seine Bereitschaft, an einer Studie mitzuwirken,
beeinflussen könnten. Einige Autoren gehen sogar so weit zu fordern,
daß Therapeuten gegebenenfalls ihre eigenen weltanschaulichen oder
religiösen Orientierungen den möglichen Studienteilnehmern und
Patienten gegenüber offenlegen müßten (Hawkins
u. Bullock 1995).
Diese Forderung ist in der biomedizinischen Forschung in der Regel umzusetzen
(Helmchen u. Müller-Oerlinghausen 1975), in
der sozialwissenschaftlichen und psychologischen Forschung, und damit auch
in der Psychotherapieforschung, stößt man mit dieser Forderung
jedoch auf Schwierigkeiten. So läuft der psychotherapeutische Forscher,
wenn er seinen Studienpatienten gegenüber Hypothesen und Vorgehensweisen,
gegebenenfalls auch experimentelle Anordnungen detailliert erläutert,
Gefahr, seine Beobachtungen durch Versuchsleitereffekte nachhaltig zu verfälschen.
Der Psychotherapieforscher steht also in einem Dilemma, in dem es gilt,
die ethische Notwendigkeit, einen informed consent einzuholen, gegen
die wissenschaftliche Forderung nach Validität der Studienprozeduren
aufzuwiegen. Den Nachteilen der Forderung nach informed consent stehen
dabei durchaus auch Vorteile gegenüber, die insbesondere in der stärkeren
interaktionellen Einbindung des Patienten, und daraus folgend in einer
höheren Zufriedenheit und oftmals auch einer erhöhten Effizienz
der untersuchten psychotherapeutischen Vorgehensweisen liegen (Marta
u. Lowy 1993).
Eine andere Art von Schwierigkeit ist an die Notwendigkeit geknüpft,
für Forschungsvorhaben die Zustimmung einer Ethik-Kommission einzuholen,
wobei einzuräumen ist, daß die hier ins Auge gefaßten
Schwierigkeiten eher grundsätzlicher, prinzipieller Natur sind, als
daß sie gegenwärtig erkennbare praktische Auswirkungen hätten.
Die Institution von Ethik-Kommissionen ist ja aus dem öffentlichen
und politischen Bedürfnis gewachsen, Skandale zu vermeiden. Ethik-Kommissionen
stellen somit eine Art vorsorgliches Krisenmanagement dar. Daraus folgt
aber, daß die Entscheidungsprozesse in Ethik-Kommissionen ungleichmäßig
gewichtet sind. Zu recht positiv erfolgte Beurteilungen werden nicht positiv
sanktioniert, falsch positive Entscheidungen, also Entscheidungen, bei
denen das vorsorgliche Krisenmanagement versagt und in deren Folge es in
irgendeiner Weise Schwierigkeiten gibt, werden voraussichtlich in deutlicher
Weise negativ sanktioniert. Andererseits werden aber wiederum die falsch
negativen Entscheidungen einer solchen Kommission kaum je negativ sanktioniert
werden, denn außer der einen oder anderen Stimme aus dem Kreis der
betroffenen Forscher wird kaum jemand Protest gegen eine solche Entscheidung
anmelden. Denkt man diesen Gedanken einmal weiter, so kann man sich leicht
vorstellen, daß eine solche Kommission mit den Jahren einen zunehmend
restriktiveren Kurs einschlägt, um der einzig zu fürchtenden
Gefahr, einen Forschungsantrag fälschlicherweise positiv zu bescheiden,
zu entgehen, während es ja sozusagen völlig ungefährlich
ist, einen Forschungsantrag zu Unrecht abzulehnen. Die Konsequenz für
die wissenschaftliche Gemeinschaft in dem betreffenden Feld bestünde
dann sicherlich in einem zunehmenden Widerstand gegen eine solche Kommission
bis hin zu dem Punkt, wo die Bereitschaft der Forscher, sich die Grundsätze
zu eigen zu machen, über die eine Ethik-Kommission wachen soll, zunehmend
unterminiert wird.
Eine vergleichbare Schwierigkeit, jedoch von weitaus größerer
praktischer Bedeutung, besteht im Bereich der Publikation wissenschaftlicher
Befunde. In vielen wissenschaftlichen Bereichen, so auch in der Psychotherapieforschung,
besteht ein erheblicher publication bias zuungunsten negativer Befunde.
Im Bereich etwa der Untersuchung differentieller Effektivität unterschiedlicher
Therapieformen, kann dieser publication bias dazu führen, daß
Negativbefunde systematisch aus der veröffentlichten Literatur ausgeschlossen
bleiben und Evidenzen zugunsten bestimmter Hypothesen überschätzt
werden, was insbesondere für die Durchführung metaanalytischer
Studien bislang nur unbefriedigend gelöste Probleme aufwirft (Sohn
1996).
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Bernhard Waldenfels
Krankheit als mangelnde Responsivität
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