Über das Buch

Michael B. Buchholz & Norbert Hartkamp

Die Wissenschaft und das professionelle Handlungssystem der Psychotherapie sind funktional ausdifferenzierte Diskurse geworden; beide bilden Umwelten füreinander, die sich produktiv anregen, verstören, irritieren und vor allem wechselseitig beobachten können.

Supervision ist eine der ausschließlich im professionellen Kontext erbrachten klinischen Leistungen. Eine solche Supervision, bzw. das von ihr vorliegende Transkript, wird hier, unseres Wissens erstmalig im deutschen Sprachraum, mit einer Reihe von verschiedenen wissenschaftlichen und klinischen Methoden beobachtet. Die damit mögliche synoptische Sicht aus verschiedenen methodischen Blickwinkeln stellt damit - insbesondere, wenn man die Beiträge von Oevermann und Kutter dazunimmt, die in dem 1993 von Bardé und Mattke herausgegebenen Band erschienen sind - in der Tat eine, wie wir meinen, gelungene polyzentrische Analyse dar. Wir wollen hier abschließend eine Synopse der verschiedenen Ansichten versuchen. Dabei müssen wir unvermeidlich den Detailreichtum der einzelnen Beobachtungen komprimierend zusammenfassen.

Sehr sorgfältig sind in der ZBKT-Analyse verschiedene Beobachtungsebenen festgelegt worden. Diese verschachteln sich ineinander im Prozeß der Supervision selbst und es ist ein beträchtlicher Gewinn, wenn auf diese Weise detaillierend etwas nachvollzogen werden kann, was man als den Prozeß des "Bildaufbaus" bezeichnen könnte. Das Team hat ein Bild und es macht sich ein Bild von der Patientin, und dieses Bild soll in der Supervision um bislang unbewußte Aspekte erweitert werden, insbesondere jene, die sich aus der Interaktion mit der Patientin ergeben und die, die sich aus der Interaktion des Teams ergeben. Das Team nimmt Eigentümlichkeiten der Nähe-Distanz-Regulierung der Patientin wahr und im Prozeß dieses Wahrnehmens wird eine "Objektaufspaltung" methodisch beobachtbar. Diese äußert sich darin, daß v.a. der Falldarsteller als derjenige beobachtet wird, der überhaupt anamnestisches Material beisteuert, welches er offenbar jedoch noch nicht gut mit seinen Erfahrungen, die er aus der Interaktion mit der Patientin hat, integrieren kann. Er hat einen Bild-Bedarf. Er benötigt ein umfassenderes Bild, als er es sich bislang aus der Anamnese gemacht hat, ein Bild, das die Interaktion mit ihr integriert.

Für unsere übergeordnete Diskussion des Verhältnisses von Wissenschaft und Profession ist hier bemerkenswert, daß die ZBKT-Methode als wissenschaftlich-psychotherapieforscherischer Zugang hier eingebettet erscheint in ein umfassenderes klinisches Verständnis; das professionelle Handlungssystem ist Umwelt des wissenschaftlichen Zugriffs. Diese Einbettung wird hier produktiv genutzt, um zu einer vorsichtigen, aber durchaus kritischen Gesamtbewertung der beobachteten Supervision zu gelangen.

Beobachtet wird auch, wie schwer die Behandlung einer solchen Patientin für das Team ist. Weil dieses Problem jedoch thematisch im Hintergrund bleibt, kann die ZBKT-Analyse ermitteln, daß die Interaktion des Teams atmosphärisch von Kontrolle und Zurückweisung bestimmt ist. Das ist der klinischen Beobachtung innerhalb der Supervision entgangen; hier ist die wissenschaftliche Beobachtung Umwelt des professionellen Handlungssystems und könnte, ja sollte dieses irritieren. An diesem Punkt werden folgerichtig Überlegungen angeknüpft, wie die Methode des ZBKT in der Ausbildung des stationären Personals eingesetzt werden könnte. Insgesamt aber beobachten die Autoren an ihrer eigenen Methode eine Beschränktheit, die aus ihrer Entstehung für die Beobachtung von Zwei-Personen-Beziehungen resultiert. Die wesentlichen Modifikationen am Verfahren selbst waren gerade erforderlich, um der immensen Komplexität eines Gruppenprozesses annähernd gerecht werden zu können.

Solche Schwierigkeiten betonen auch die SASB-Autoren. Auch diese Methode war bislang im wesentlichen auf die Untersuchung von Zwei-Personen-Beziehungen beschränkt gewesen, und es geht hier ebenfalls um einen interessanten Versuch, den Anwendungsbereich der SASB-Analyse zu erweitern. Die Autoren beobachten, daß der Falldarsteller wesentlich mehr Interaktionen "empfängt" als er "sendet", und damit kongruent erscheint, daß er fast nur auf Reaktionen anderer zu antworten scheint, anstatt diese selbst zu initiieren. Die Häufigkeit disaffiliativer Reaktionen irritiert auch hier. Der Supervisor, so wird beobachtet, initiiert eine Mehrzahl von autonomieeinschränkenden Interaktionen, sein Stil wird als aktiv-beeinflussend und freundlich-dominierend zusammengefaßt, und er wendet sich hauptsächlich an den Falldarsteller.

In einem weiteren methodischen Schritt wird beobachtet, daß es beim Falldarsteller und beim Supervisor im letzten Gesprächsdrittel zu einem erheblichen Anstieg disaffiliativer Äußerungen kommt, aber wesentlich scheint auch, daß es dennoch nicht zu einer Entgleisung der Kommunikation kommt - die Kommunikation prozessiert, es geht weiter.

An diese Beobachtung könnte sich eine theoretische Spekulation anschließen: Die auch in therapeutischen Kreisen höchst einflußreiche soziologische Systemtheorie Luhmanns (1984) trennt das System der Kommunikation vom psychischen System radikal ab. Hier schließen Gedanken an Gedanken an, die Gedanken begleiten die Kommunikation stets im Überfluß, können aber nie vollständig mitgeteilt werden. Im kommunikativen System hingegen schließt Kommunikation an Kommunikation an und deshalb geht sie immer weiter (wenn sie nicht de facto abgebrochen wird). Die Frage ist, reicht es für therapeutische oder supervisorische Kommunikation aus, daß sie weiter geht? Ist nicht auch entscheidend, wie?

Im hier in Rede stehenden Supervisions-Transkript beobachten auch die SASB-Autoren eine eher geringe Einfühlung für die Probleme des Falldarstellers mit der Patientin - sowohl beim Supervisor als auch bei einigen Teammitgliedern. Daran schließt sich die Vermutung an, daß sich die pathologischen Interaktionsmuster, die in der Behandlungssituation erfahren wurden und derentwegen der Fall "eingebracht" wurde, sich in der Supervisionssituation wiederholen und einer Bearbeitung eher nicht zugeführt wurden. Eine solche eher kritische Bewertung wird wiederum aus der Perspektive der klinisch-professionellen Erfahrung gewonnen; das professionelle Handlungssystem ist Kontext der wissenschaftlichen Beobachtung und erst die Wahl dieses Kontextes gestattet eine angemessene und verstehend-nachvollziehende Einordnung der wissenschaftlich-beobachtend gewonnenen Befunde.

Das Verfahren der Metaphernanalyse versucht sich einer Ebene zu nähern, die man als die Interaktion der Bilder beschreiben könnte. Dabei wird theoretisch auf Entwicklungen, die sich im Feld der sog. Kognitiven Linguistik ergeben haben, zurückgegriffen deshalb, weil hier eine Theorie angeboten wird, welche die Rolle der Imagination in der Verständigung - über ein Sender-Empfänger-Modell weit hinausgehend - erheblich aufwertet und zu Positionen gelangt, die psychoanalytisch-klinischen Einsichten sehr nahe zu kommen scheinen.

Die Beteiligten an einem Gespräch machen sich im Prozeß ein Bild über den Prozeß und diese aktiv-imaginierende Bildgebung, so wird angenommen, steuert weitere Interaktionen. Hier sind die Bilder von Falldarsteller und Supervisor über die Patientin, die Therapie und die Supervision untersucht worden. Auch die Metaphernanalyse ist an Zweipersonengesprächen (v. Kleist 1984, 1987, Schmitt 1996, Buchholz 1993, 1996) bereits erprobt und wird hier erstmalig auf Gruppenprozesse angewandt. Der interessante Aspekt ist die Einführung des Körpers als eines Bedeutungsgenerators; der Dimension des Psychischen und der Kommunikation wird somit noch eine weitere hinzugefügt, und es wird erprobt, ob diese Dimension des Körpers gewissermaßen als eine Art Klammer für die beiden anderen Dimensionen fungieren kann. Der Körper als Bedeutungsgenerator - das ist gewissermaßen die "Person", die immer Psychisches und Kommunikatives zusammenbringen muß. Dementsprechend orientiert sich die Analyse des Transkripts an den Körperschemata und versucht die so erzeugten Bilder in den genannten drei Bereichen zu ermitteln. Mentale Vorstellungsbilder können nicht "beobachtet", sie müssen erschlossen werden und dies geschieht hier durch Formulierung nicht manifester, sondern konzeptueller Metaphern. Damit wird das den Äußerungen zugrunde liegende Konzept (der Patientin, der Supervision, der Therapie) aus den manifesten Äußerungen zu erschließen versucht.

Auch diese Analyse deckt Schwächen der Supervision auf - Schwächen im Licht eines idealisierten, in keinem Beitrag vollständig explizierten Modells einer "guten" Supervision. Der Supervisor schließt an die als konzeptuelle Metaphern formulierbaren Bildgebungen des Falldarstellers nur selten an, und das ist ein Befund, der sich mit der Beobachtung disaffiliativer Reaktion der SASB-Autoren sowie dem Nicht-Aufgreifen verschiedener Angebote des Teams seitens des Supervisors deckt.

Der erste klinische Kommentar beginnt mit einer wichtigen Klarstellung: Störungen der Kommunikation sind nicht zu beseitigen, sondern avancieren zum interessanten "Datum". Sie sollen Stoff der Reflexion werden. Michael Wolf beobachtet seinerseits die Not des Falldarstellers, Rollenkonflikte des Teams, die zunehmende Aktivität des Supervisors gegen Ende der Sitzung, das Fall- und nicht so sehr Team-bezogene Arbeiten des Supervisors und schließlich ein professionstheoretisch zu würdigendes Problem: Den Konflikt des Falldarstellers zwischen Distanz und Zuwendung zur Patientin. Eine weitere Diskrepanz beobachtet Wolf durch den Vergleich mit seinen anderen Supervisionserfahrungen: Die Redebeiträge und v.a. deren Häufigkeit scheinen mit dem sozialen Status des jeweiligen Sprechers in einem System formeller und informeller Machtausbübung und personaler Kontrolle verknüpft zu sein.

Daser hebt in seinem klinischen Kommentar auf die Inhalte der Supervisionsarbeit ab und benutzt die Metapher des im Sturm der Interaktionen schwankenden Schiffs; um dessen supervisorischer Kapitän sein zu können, braucht es Kenntnisse, wie das Gleichgewicht zwischen Wind und Wellen, zwischen Mannschaft, Ausrüstung und Befehlshierarchie zu erreichen sein kann. Er entwickelt ein triadisches Konzept, wonach der Konflikt des Patienten einschließlich der konflikthaften Interaktion, als ein "dritter Punkt" vor Falldarsteller und Supervisor gleichsam hingestellt werden muß, damit beide eine Anschauung erwerben. Die Herstellung des "dritten Punktes" gibt Stabilität, weil sich im Verständnis der eigenen Instabilität zugleich Verstehen für den Patienten ereignet.

Daser macht mit dieser Sicht etwas sehr wichtiges deutlich: Es könnte durchaus so sein, daß solche, ein ganzes Supervisionsgeschehen umgreifenden, großformatigen konzeptuellen Metaphoriken selbst Steuerungsfunktion im Prozeß für den Prozeß übernehmen. Die von der Metaphernanalyse untersuchten kommunikativen Anschlüsse der "Interaktion der Bilder" könnten hier gefördert werden.

Der triadische Gesichtspunkt spielt in der psychoanalytischen Interpretation die entscheidende Rolle. Wie Wolf an Irritiertheiten, so setzen Dammasch, Metzger und Overbeck an den Inkonsistenzen von Äußerungen an, um einen latenten Text der aktuellen Interaktion zu entdecken. Sie wollen die kollektiv ausgeschlossenen, triebdynamischen Erlebniskonfigurationen hör- und sichtbar machen und führen zwei interne Kontexte ein: den Kontext der Kommunikation und den der Inhalte. Ihr Verfahren verwandelt den Text, er gerät "in Bewegung" - zwischen Identifikation mit den Sprechern und Sicherung der Distanzierung durch die Arbeitsgruppe der Interpreten. Herausgearbeitet wird auf diesem methodischen Weg ein sich in die Beziehungen eintragendes Thema der Rivalität - konkordant mit den bereits dargestellten anderen Beobachtungen. Die Neigung des Teams zur Ausgrenzung der Patientin wird bereits an den ersten Äußerungen festgemacht. Keine andere Methode würde davon sprechen, daß der Falldarsteller sich im Schutz von wissenschaftlicher Terminologie "aufplustert" - und dennoch hat man den Eindruck, hier wird etwas Wichtiges formuliert. Die kleine Verwandlung von der "Patientin" zur "äh…attraktiven Frau" ist ein Detail, das allen anderen Methoden entgangen ist; hier werden die Spuren eines solchen Details bis zur "Hotelszene" sinnreich verfolgt.

Die Thematisierung des Körpers wird hier eingebunden in eine triadische Konstellation gesehen. Der daraus resultierende Kampf um Zugehörigkeiten, um Ein- und Ausschluß hatte in der Interpretation dieser Autoren bereits die Einleitung der Supervisionssitzung prägnant markiert. Ausgeschlossen wird das Böse, und es muß auch zerstört werden, und damit regrediert die triadische Konstellation auf ein binäres Schema. Das wird bis in die intimisierende Wortwahl hinein erschlossen.

Die in "Supervision im Fokus" vorgelegten Analysen machen sichtbar, daß professionelle Leistung und wissenschaftliche Beobachtung disparat sind. Sie bilden, wir wiederholen es, Umwelten füreinander. Es dürfte damit auch klar sein, daß die eigentümliche professionelle Leistung nicht lediglich als "Realisierung von Variablen" gedacht werden kann, von Variablen, die man in empirischen Untersuchungen als "wirksam" ermittelt haben mag. Professionelle Behandlung auf diese Weise zu beschreiben bleibt unterkomplex, und tatsächlich beschränkt sich die empirische Psychotherapieforschung, zumindest in wesentlichen Teilen, nicht auf eine solchermaßen eingegrenzte Sicht (Kordy 1995, Ryle 1995, Stiles 1995). In professioneller Interaktion kommt wesentlich mehr und ganz Anderes zum Zuge, als es ein auf funktionierende Variablen reduziertes Interventionsmodell abbilden könnte. Erkennbar wird, wie viel komplexer ein therapeutischer oder supervisorischer Prozeß gegenüber einer auch durchaus schon komplexen Evaluation ist. Aber die wissenschaftliche Durchdringung ist es eben auch, die diese Komplexität aufzuzeigen in der Lage ist und jene Punkte markieren kann, wo weitere Arbeit ansetzen muß. Dazu haben alle Beiträge deutliche Hinweise gegeben.


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© N.Hartkamp 02.06.97