Vorwort

Michael B. Buchholz & Norbert Hartkamp

Die Psychotherapie hat sich immer mehr als eine spezialisierte Interaktionsform professionalisiert. Sie findet unter den verschiedensten kontextuellen Rahmenbedingungen statt, sie bezieht die unterschiedlichsten Bereiche, wie neuerdings den Körper oder die Familie, mit ein, sie verwendet heterogene Theorien oder bastelt neue aus alten Theoriefragmenten, sie thematisiert Konflikte und behandelt Krankheiten, sie verfolgt höchst unterschiedliche Ziele, sie will Begegnung oder Heilung, sie ist für manche klar formuIierbare Wissenschaft, für andere eine Kunstform der Intuition. Manche sehen hier Widersprüche, andere Ergänzungsverhältnisse.

Die Forschung in der Psychotherapie löst sich mit Bedacht von der ausschließlichen Messung der Behandlungsergebnisse. Man möchte mehr über den Prozeß der wechselseitigen Beeinflussung, über das Wie des Zustandekommens von Ergebnissen wissen. Dabei etabliert sich eine Vielzahl von Beobachtungsverfahren, von Dimensionen der Beziehung, von Skalierungsmethoden für unabhängige und abhängige Variablen, von Modellen der Beeinflussung. Es gibt qualitative und quantitative Methoden.

Angesichts der Vielzahl von Psychologien allein innerhalb der Psychoanalyse haben manche über die babylonische Sprachverwirrung geseufzt, und tatsächlich erweist es sich als unendlich schwierig, den "common ground" der Psychoanalyse in Worte zu fassen. Schon früh war die Psychoanalyse, etwa bei Ferenczi und Rank (1924), von Stimmen begleitet, die vor "Fehlentwicklungen" warnten, und solche Diagnosen des eigenen theoretischen Zustands steigerten sich zur These, sie sei in einer Krise oder gar in einem chaotischen Zustand (Abrams 1988, Wallerstein 1990, Holt 1992).

Nun kann man gewiß sagen, es sei nicht Aufgabe der Wissenschaft, diesen Zustand zu beklagen, sondern jenen Referenzpunkt zu finden, von dem aus das Chaos als geordneter Kosmos erscheint. Davon sind wir allerdings weit entfernt, und man kann mit guten Gründen befürchten, daß eine Strategie, die die Professionalisierung nur mit Verwissenschaftlichung gleichsetzen will, in einer Art "Verschlimmbesserung" resultieren könnte. Professionelle Psychotherapie ist nicht "Anwendung" von wissenschaftlich gefundenen Ergebnissen, sie ist etwas anderes, und sie hat Wissenschaft "zur Seite" (Stein 1979); Wissenschaft kommt - neben vielem anderen - in der Umwelt des professionellen Handlungssystems der Psychotherapie vor. Beide Systeme, das der psychotherapeutischen Wissenschaft und das psychotherapeutisch-professionelle Handlungssystem haben sich funktional ausdifferenziert und üben füreinander kritische Funktionen aus. Sie stellen sich, wie es die wissenssoziologische Theorie der funktionalen Ausdifferenzierung (Luhmann 1984, 1990) formuliert, wechselseitig Komplexität für den Aufbau eigener Komplexität zur Verfügung.

Will man die Komplexität professioneller Psychotherapie mit wissenschaftlichen Methoden beobachten, dann empfiehlt es sich, eine Vielzahl von Perspektiven, eine reichhaltige Anzahl von Beobachtungsverfahren anzuwenden. Sie können Komplexität erzeugen, die das professionelle Handlungssystem dann seinerseits nutzen kann. Ein und dasselbe Geschehen einer psychotherapeutischen Sitzung, wie es in einem Transkript festgehalten werden kann, kann darin polyzentrisch beschrieben worden. Jedes Beobachtungsinstrument erzeugt seinen eigenen Diskurs, spricht mit Gewinn in seiner eigenen Sprache - und so haben wir eine Vielzahl theoretischer und methodischer Dialekte. Pfingsten ist die Antwort auf Babylon.

Wollte man diese offene paradigmatische Situation sowohl in der Forschung als auch in der professionellen Praxis zugunsten nur eines Paradigmas schließen, könnte man der Eindimensionalität nicht entgehen. Deshalb plädieren wir hier für Polyzentrik, nicht aus Schwäche, sondern um der Gefahr restriktiver Effekte einer solchen Schließung zu entkommen.

Die in diesem Buch vorliegenden Analysen eines Supervisionstranskriptes knüpfen an das mit einem früheren Band über "Psychotherapeutische Interaktion - Qualitative Studien zu Konversation und Metapher, Geste und Plan" (Buchholz 1995) begonnene polyzentrische Programm an. In jenem Band wurde eine therapeutische Sitzung, die als konversationsanalytisches Transkript vorlag, mit einer Vielzahl von Methoden analysiert. In dem vorliegenden Band nun haben sich die beitragenden Autoren an eine komplexere Materie gewagt. Sie analysieren das Transkript einer Supervision und wenden sich damit einem außerordentlich wichtigen und praktisch ausgedehntem Tätigkeitsbereich professioneller Praxis zu. Das Transkript war bereits von Bardé und Mattke (1993) zusammen mit einer objektiv hermeneutischen Analyse durch Ulrich Oevermann und mit einer klinisch-psychoanalytischen Sicht, vertreten durch Peter Kutter, veröffentlicht worden. Über diese Sichtweisen und die so erbrachten Ergebnisse kann man sich dort umfangreich und tiefgreifend informieren. Der besseren Lesbarkeit halber hat der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht uns einen erneuten Abdruck des Transkripts gestattet, wofür wir dankbar sind.

Die hier vertretenen Autoren haben das gleiche Transkript weiteren Analyseverfahren unterzogen, die in der psychotherapeutischen Prozeßforschung üblich geworden sind. Das Verfahren der Bestimmung eines Zentralen Beziehungs-Konflikt-Themas (ZBKT), wie es die Arbeitsgruppe um Lester Luborksy entwickelt hat, wird hier erstmalig auf eine Supervision angewendet; dazu sind Festlegungen der Analyse-Ebene erforderlich: Geht es um den zentralen Beziehungskonflikt der in der Supervision besprochenen Patientin, geht es um den Konflikt der Teilnehmer der Supervision, vielleicht in institutioneller Ausprägung? Mit ähnlichen Problemen der Festlegung von Analyse-Ebenen müssen sich auch die weiteren Beiträge herumschlagen. Die "Structural Analysis of Social Behavior" (SASB), von L.S. Benjamin in den USA entwickelt und in Deutschland insbesondere durch Tress und Hartkamp favorisiert, muß ebenfalls an die komplexen Strukturen und Bedeutungsschichten einer Supervisionssitzung adaptiert werden, und auch die an den basalen Körperschemata ansetzende Metaphernanalyse reduziert ihre Analyse-Ziele auf die Metaphern für die Therapie, den Fall und die Supervision, wie sie vom Falldarsteller und vom Supervisor dargestellt werden.

Methodische Beschränkungen einerseits, methodische Erweiterungen andererseits - vielleicht ist es schon ein Ergebnis, wenn festgestellt worden kann, daß ohne den Hintergrund klinisch-professionellen Wissens diese Verfahren nicht sinnvoll auskommen können. Metzger und Overbeck erproben die Entwicklung einer eigenständigen psychoanalytischen Hermeneutik und arbeiten den unbewußten, phantasmatischen Konflikt in der Supervision heraus. Sie operieren so, daß sie das klinisch-professionelle Wissen nicht im Hintergrund belassen, sondern es in den Vordergrund ziehen, um es dann wiederum besser beleuchten zu können. Die Beiträge zweier Kliniker ergänzen die professionelle Perspektive weiter.

Die Beiträge dieses Bandes zeigen, daß psychotherapeutische Profession und psychotherapeutische Wissenschaft in der Tat funktional ausdifferenzierte Methodenrepertoires anwenden und daß dennoch ihre Ergebnisse konvergieren. In einer abschließenden Diskussion werden wir diese Übereinstimmung diskutieren. Was wir dazu sagen werden, ist in gewisser Weise inspiriert von den Diskussionen des 3. Arbeitstreffens für Qualitative Forschung in der Psychotherapie, das im Krankenhaus für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, "Tiefenbrunn" im Jahre 1995 stattfand. Hier ist ein Teil der Beiträge erstmalig mündlich vorgestellt und das polyzentrische Programm zu realisieren begonnen worden. Wir wollen dem Ärztlichen Direktor von Tiefenbrunn, Herrn Prof. Dr. Ulrich Streeck, herzlich danken für die Ermöglichung solcher Tagungen und Arbeitsvorhaben, die sich genau auf der Grenzlinie zwischen psychotherapeutischer Profession und psychotherapeutischer Wissenschaft bewegen. Wir hoffen, daß die hier versammelten Beiträge ein genaueres Bewußtsein für die Eigenart professioneller Leistungen in der Psychotherapie entwickeln helfen und auch ein Bewußtsein dafür, daß Profession und Wissenschaft sich nicht ersetzen, wohl aber sich wechelseitig kritisieren und so auf ein neues Niveau heben können.


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© N.Hartkamp 02.06.97