12|03|01
Spitzer, Manfred
Geist im Netz
Modelle für Lernen, Denken und Handeln
- Heidelberg (Spektrum Akademischer
Verlag) 1996; 385 Seiten mit Glossar,
umfangreicher Literaturliste und Index
Rezension
von Karl Weisensee
Geist im Netz ist ein in bester angelsächsischer
Tradition geschriebenes Sachbuch über neuronale Netze und Simulationen neuronaler und
kognitiver Netze. Auch für Nicht-Neurologen und Nicht-Kognitionswissenschaftler ein
lesenswerter Buch.
Aber warum geht es überhaupt? Spitzer
schreibt sein Buch an den Schnittstellen zwischen Neurobiologie, Neurologie, Psychologie,
Linguistik, Computerwissenschaft und Psychiatrie/Psychotherapie und... Er sucht Fragen zu
beantworten wie:
Wie funktioniert das Gehirn? Wie schaffen
es Milliarden von Nervenzellen Denken, Fühlen, Lernen und Handeln hervorzubringen? Was
kann im Kopf schiefgehen, und wie können sich hieraus Konzentrations- oder
Gedächtnisstörungen, Autismus, Schizophrenie oder Wahn entwickeln?
Im einzelnen:
Zunächst führt er in die Thematik ein, wirft einen ersten
kurzen Blick auf die Geschichte der Erforschung neuronaler Netze und auf die praktische
Relevanz an Hand eines Beispiels aus der Intensivmedizin. Im ersten Teil des Buches stellt
er die Grundlagen neuronaler Netzwerke dar an Hand von vielen Beispielen und sehr
anschaulich, angefangen mit einfachen Netzwerken zur Mustererkennung, weiter über alte
und neue Assoziationsversuche und andere Ergebnisee der Lernpsychologie und zum Abschluß
erläutert er recht verständlich die Vektorverrechnung an einschlägigen Experimenten.
Im zweiten Teil Funktionen neuronaler Netze" ergänzt
er diese Informationen mit den Erkenntnissen durch Computersimulationen, versucht
Simulation und Neurowissenschaft zu verknüpfen. Er schildert die Entdeckung und ein
Stück auch die Theorieentwicklung bei kognitiven Karten, bei Abstraktion und
Typenbildung. Sehr anschaulich zeigt er die Phänomene der Neuroplastizität auf und das
immer sehr lesbar an Hand von Beispielen wie Phantomempfindungen und amputierten Netzen.
Zum Abschluß beschäftigt er sich mit Rückkoppelung in Netzen. Ganz allmählich
entwickelt er seine These, daß die Entwicklung der Neurowissenschaft und der
Kognitionswissenschaft langsam ein neues integriertes Verständnis des Menschen, des
menschlichen Bewußtseins, Fühlen und Handelns schafft.
Im dritten Teil versucht er dies nochmals aufzuzeigen zunächst
an Hand des Gedächtnisses, semantischer Netzwerke und kommt zum Abschluß zu einigen
klinischen Störungen, wie Schizophrenie und Wahn.
Zum Abschluß zieht er ein Resümee seiner Überlegungen und
versucht zu verdeutlichen, was im Alltag für Folgerungen daraus zu ziehen sind. Hier
resümiert er die ganzen bisherigen Ausführungen, daß aus seiner Sicht solche Modelle
nicht zwangsläufig reduktionistisch sind, sondern eine differenziertere Sicht des
Menschen" ermöglichen: Nur dann werden wirklich integrative Ansätze die
Behandlung psychisch Kranker nachhaltig verbessern."(S.333).
In einer
Gebrauchsanweisung für Ihr Gehirn" faßt er nochmals einige Punkte, die ihm
besonders als Folgerungen wesentlich erscheinen, zusammen - wie Kinder brauchen
nicht Regeln, sondern gute Beispiele" , "Kinder brauchen Struktur",
erst einfache, aber grundlegende Beispiele", beachte Phasen" und
die Plastizität des Gehirns mahnt zur Psychohygiene". Diese Punkte sind nicht
unbedingt neu - nur der theoretische Zusammenhang, aus dem sie entwickelt, werden, ist neu
und ausgesprochen anregend. Spitzer ist durchgängig um Integration aller denkbarer
Disziplinen bemüht, versucht ein wirklich umfassendes Bild des menschlichen Gehirns und
seiner Fähigkeiten darzustellen und ist in diesem Sinne integrativ - auch in einem
kleinen Abschnitt am Ende des Buches für den Bereich der Psychotherapie. Vieles, was er
schreibt, ist je nach Ausbildung des Lesenden in Ausschnitten bekannt. Der Reiz diese
Buches liegt in der durchgängigen interdiszipliären Sicht und in der Leichtigkeit der
Vermittlung komplexer Forschungsinhalte. Es ist schon etwas älter - aber immer noch
lesenswert, auch wenn in den angesprochenen Forschungsgebieten die Entwicklung längst
weiter gegangen ist.
Karl Weisensee
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