Dipl.-Psych. Ralf Ott,
Psychologisches Institut der Universität Bonn, ralf.ott@uni-bonn.de
Donnerstag, 25. November 1999
Im Verlauf der letzten Jahre hat das Internet einen immer größeren Einfluß auf wissenschaftliche und berufliche Tätigkeiten bekommen und gewinnt auch in privaten Bereichen zunehmend Bedeutung. Während sich allerdings eine Vielzahl von wissenschaftlichen Publikationen aus den Bereichen der Psychologie hauptsächlich mit konzeptionellen Themen und den Potentialen zur Fachkommunikation beschäftigen, liegen relativ wenige empirisch Arbeiten zu grundlegenden theoretischen sozial- und kognitionspsychologischen Konzepten vor.
Einen Teil dieser Lücke schließt das von Nicola Döring vorgelegte Buch, welches aus jahrelanger theoretischer, praktischer und empirischer Auseinandersetzung mit dem Medium Internet und seinen Möglichkeiten entstanden ist. In den einführenden Kapiteln werden kurz die Geschichte des Internets und seine gesellschaftliche Relevanz (Kap. 1) sowie etwas zu ausführlich die unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten und Internet-Dienste vorgestellt und anhand einer Vielzahl von Beispielen illustriert (Kap. 2 und 3). Den Abschluß dieser grundlegenden Kapitel bildet ein fundiert und kompetent recherchierter Überblick zu demographischen Studien, der ein differenziertes Bild der Benutzer des Internets und ihres Nutzungsverhaltens liefert (Kap. 4).
Sodann systematisiert die Autorin mögliche Methoden der Datenerfassung
und Auswertung. Neben "klassischen" Verfahren wie Beobachtung, Experiment
und Fragebögen, wird auch auf methodisch als neu zu bewertende Zugänge
eingegangen. Erörtert wird hierbei beispielsweise die inhaltsanalytische
Auswertung von automatisch erstellten bzw. systemgenerierten Protokolldateien
(Kap. 5).
Zentralen Stellenwert nimmt das Kapitel 6 ein. Döring diskutiert
verschiedene sozialpsychologische und kommunikationstheoretische Modelle
der computervermittelten Kommunikation und faßt sie in einem Rahmenmodell
zusammen, aus dem verschiedene empirisch überprüfbare Aussagen
ableitbar sind, sowohl über das Kommunikationsverhalten als auch über
kurz- und langfristige psychologische und soziale Folgen. In den letzten
Teil des Buches (Kap. 7 bis 9) werden auf dieser Basis die Begriffe der
"Identität", der "soziale Beziehung" und der "Gruppenbildung" auf
das neue Medium Internet angewendet. Diese theoretischen Überlegungen
wägt Döring mit eigenen und bereits vorliegenden empirischen
Befunden, beispielsweise zur Änderung der bestehenden sozialen Aktivität
durch Netzaktivität, ab. Deutlich wird herausgearbeitet, daß
das Internet als ein neuer sozialer Handlungsraum mit eigenen Gesetzmäßigkeiten
verstanden werden kann, sowohl mit positiven als auch mit negativen psychologischen
und sozialen Konsequenzen.
Das Buch liefert zusammengefaßt einen fundierten Einstieg und Überblick zu sozialpsychologischen Phänomenen computervermittelter Kommunikation. Es besticht, trotz einiger vermeidbarer Längen, durch anschauliche Beispiele und die Anwendung und Diskussion sozialpsychologischer Modelle. Hervorzuheben ist vor allem die Präzision, mit der es Döring gelingt, eine theoriegeleitete Auseinandersetzung mit dem neuen Kommunikationsmedium Internet mit einer Systematisierung schon vorliegender empirischer Befunde zu integrieren.
Gerade klinische Psychologen sollten sich frühzeitig mit interaktionalen und kommunikationstheoretischen Aspekten der neuen Mediums vertraut machen. Ohne eine große Vorhersagefehlerwahrscheinlichkeit in Kauf zu nehmen, kann man heute feststellen, daß das Internet an der Schwelle zu einem Massenkommunikationsmedium steht. Für Klinische Psychologen ergeben sich somit neue Forschungs- und Tätigkeitsfelder, sei dies die Möglichkeit zur psychosozialen Beratung oder Unterstützung, der computergestütze Einsatz diagnostischer Verfahren, neue Wege der Informationsvermittlung und Psychoedukation oder das Auftauchen bisher unbekannter Störungsbilder. Die sogenannten "Cyberdisorders" werden beispielsweise bereits in Vorformen des DSM V diskutiert.
Somit liegt mit der "Sozialpsychologie des Internets" zwar keines in
seiner psychologischen Themenauswahl breiter angelegtes Lehrbuch vor, wie
beispielsweise Batinic (1999), ebenso kein Werk, das Internet-Novizen den
Einstieg erleichtert, wozu m. E. hervorragend der Reader von Krüger
und Funke (1998) geeignet ist, aber ein Buch, das klinischen Psychologen
sowie auch allen anderen Psychologen als Basislektüre dienen sollte,
die sich bereits in ihrer praktischen oder wissenschaftlichen Arbeit mit
dem Internet auseinandersetzen oder irgendwann einmal auseinandersetzen
müssen.
Referenzen
Batinic, B. (Hrsg.) (1999). Internet für Psychologen (2. überarbeitete Auflage). Göttingen: Hogrefe.
Krüger, T. & Funke, J. (Hrsg.) (1998). Psychologie im Internet. Weinheim: Beltz.
Ralf Ott