Rezension:
Fischer, G. & Riedesser, P. (1999). Lehrbuch der Psychotraumatologie. München: Ernst Reinhardt Verlag. [78 DM]

Christiane Eichenberg, christiane@rz-online.de
Donnerstag, 28. Juni 2000


Die psychologische Wissenschaft in Deutschland hat im Gegensatz zu den USA bislang recht wenig zur Traumaforschung beigetragen. Mit Fischers und Riedessers aktueller Monografie wurde ein wesentlicher Schritt getan, dieses Defizit ein Stück weit mehr zu reduzieren und damit die Psychotraumatologie aus ihrem Schattendasein herauszuführen.

Psychotraumatologie: seelische Verletzungen, ihre Ätiologie und umfassenden Auswirkungen, Prävention, Rehabilitation und therapeutische Möglichkeiten, davon handelt dieses Lehrbuch. Es fasst Wissensbestände der Allgemeinen und Differenziellen sowie der Speziellen Psychotraumatologie zusammen.

Der erste Abschnitt behandelt somit zum einen allgemeine Gesetzmäßigkeiten traumatischen Erlebens und dadurch bedingtes Verhalten, zu anderen stellt es inter- und intraindividuelle Differenzen und Dispositionen von Traumaerleben und Traumaverarbeitung heraus. Dabei stellen die Autoren ein eigenes Modell der Entstehung von Symptomen nach psychischer Traumatisierung vor, welches die Genese von Beschwerden aus einem prozesshaften Geschehen heraus versteht und darüber hinaus subjektive und objektive Aspekte der traumatischen Situation aufeinander bezieht. Dieser dialektisch-ökologische Ansatz bietet die Chance, die beschränkte Perspektive individuumszentrierter Modelle zur Störungsentstehung zu verlassen und somit ein weiteres Bündel relevanter Bedingungsvariblen, nämlich die der Umweltfaktoren, zu berücksichtigen. Damit wird eine Grundlage geschaffen, die zu ganz neuen kausalen Verständnissen von psychotraumatischen Störungsbildern führt und sich damit ebenso in die modernen Theorien transaktionaler Ansätze einreiht, die heutzutage in vielen psychologischen Disziplinen dominieren.

Der zweite Abschnitt - die spezielle Psychotraumatologie - ist an typischen traumatisierenden Situationen ausgerichtet wie z.B. sexueller Kindermissbrauch, Vergewaltigung, Gewaltkriminalität, Folter und Exil, Arbeitslosigkeit und Mobbing. Bei der Darstellung dieser verschiedenen Gegenstände der Psychotraumatologie werden theoretische Überlegungen sowie empirische Befunde durch zahlreiche Fallbeispiele ergänzt, auf deren Grundlage die professionelle Leserschaft Hinweise zu den jeweils spezifisch zu berücksichtigenden Maßnahmen in der therapeutischen Intervention erhält. Dabei wird Wert darauf gelegt, Kinder- und Erwachsenentherapie jeweils getrennt zu betrachten. Die Autoren sind dabei nicht einer bestimmten psychotherapeutischen Schule verhaftet, auch wenn analytische Betrachtungen überwiegen. Somit werden Traumatherapien verschiedener psychotherapeutischer Ausrichtungen vorgestellt und durch integrative, d.h. schulenübergreifende Ansätze (psychoanalytisch-behavioral) ergänzt.

Den Autoren ist es wichtig, immer wieder auf den Umgang der Öffentlichkeit allgemein aber auch in Bezug auf spezielle Traumata hinzuweisen und die fatalen Auswirkungen landläufiger, aber dafür umso verbreiteter Annahmen darzustellen. So animiert beispielsweise die Verbreitung inflationärer Zahlen in den Medien über den Vater-Tochter-Inzest tatsächlich inzestuöse Väter sich zu entlasten mit der selbst-verleugnenden Ausrede „ja nur ein Mann zu sein“, wenn nach den wenig profunden Darstellungen in der Öffentlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass nahezu jeder Vater oder jeder Mann ein potentieller Täter ist.

Somit bleibt zu wünschen, dass nicht nur Fachleute und Studierende der psychologischen, medizinischen und pädagogischen Praxis und Forschung sich dieser Lektüre bedienen, sondern auch Vertreter der Öffentlichkeit, um ein realitätsnäheres Bild von Traumata zu verbreiten, was uns alle dazu führt, Betroffenen mit seelischen Verletzungen angemessen zu begegnen. 


Christiane Eichernberg

Infokontakt