Greve, W., Roos, J. (1996): Der Untergang des Ödipus-Komplexes.
Argumente gegen einen Mythos. Bern/Göttingen/Toronto (Huber)
Ähnlich wie um Grawes Herausforderungen der jüngsten Zeit oder wie früher schon die vielfachen "Widerlegungen der Psychoanalyse" wird auch um dieses Buch viel Wirbel entstehen. Ödipus scheint endgültig mit empirischen Mitteln entthront und dies ist ein neuer Stich, diesmal ins psychoanalytische Herz, nachdem die Theorie infantiler Sexualität oder die Wirksamkeit der Deutung oder überhaupt das Unbewußte in jüngster Zeit vollkommen desavouiert wurden.
Es ist ein Stich, der auf den ersten Blick nicht leicht abzuwehren scheint. Das Buch ist in 10 Kapitel unterteilt. Die ersten Kapitel stellen den Ödipus-Komplex in einer höchst kenntnisreichen Anschauung dar; ich muß gestehen, obwohl ich mich seit vielen Jahren mit der Psychoanalyse beschäftige, habe ich Details erfahren, die ich nicht wußte. Die Autoren beziehen sich auf die klassische Formulierung Freuds , beschreiben den negativen und positiven Ödipus-Komplex, männliche und weibliche Varianten (wobei sie neuere Autoren wiederum übersehen), sie referieren die intern-psychoanalytische Kritik ebenso wie die von nicht-psychoanalytischen Autoren seit den 40er Jahren immer wieder vorgebrachten Kritiken.
Diese richten sich hauptsächlich gegen drei Punkte:
a) Gegen die Behauptung der Universalität des ÖK. Danach ist die öd ipale Stufe zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr bei allen Kindern erreicht und nicht nur bei manchen oder nur bei denen, die später neurotisch werden. Dies ist ein Punkt, den Freud tatsächlich in dieser hybriden Form beansprucht hatte. Aber es ist fraglich, ob darin die "Pointe" des ÖK zu sehen ist.
b) Die Behauptung der Zentralität des ÖK - nun, seit vielen Jahren ist die Rolle der präödipalen Entwicklungen anerkannt und damit Freuds These, es handle sich um den "Kernkomplex" der Neurosen, relativiert.
c) Der dritte Einwand richtet sich gegen die theoretische Immunität, die mit der These eines vollständigen ÖK immerhin möglich erscheint: Wenn der Junge erkennbar nicht die Mama begehrt, sondern am Papa hängt, dann ist das keine Widerlegung der Theorie, sondern einfach deren andere Seite - und darin ist, in der empirischen Lesart der Autoren tatsächlich ein Problem versteckt.
Die Autoren behandeln Probleme der Datierung des ÖK und entscheiden sich dafür, daß dessen Vorhandensein für das 4. bis 6. Lebensjahr behauptet wird. Sie diskutieren in einem weiteren Kapitel die dazu vorliegenden empirischen Studien - es gibt mehr als man denkt und einige werden von Ihnen pro ÖK referiert und so stehengelassen. Überhaupt gewinnt man den Eindruck, die Absicht der Autoren, den ÖK einer fairen Prüfung aussetzen zu wollen, wird eingelöst - jedenfalls besteht dieser Eindruck während der Lektüre der theoretischen und referierenden Kapitel.
Umso gespannter war ich auf den empirischen Teil, die eigene Untersuchung der Autoren. Wie würden sie die empirische Frage angehen? Was würden sie testen und v.a. wie? Welche Population würden sie untersuchen, wie sähe ihr Untersuchungs-Design aus? Ab hier ist das Buch eine einzige Enttäuschung. Und, wie ich meine, eine erbärmliche empirische Studie.
Untersucht wurden in Heidelberg Kindergartenkinder, in Trier Kinder aus den ersten vier Grundschulklassen, zusammen 130 Kinder. Deren Eltern hatten ergänzende Fragebögen auszufüllen.Schauen wir uns an, wie der ÖK bei den Kindern ermittelt wurde. Den Kindern wurden zwei große Strichfiguren (richtig, genau solche simplen Strichzeichnungen wie sie jeder kritzelt) gezeigt, in deren Mitte eine kleinere Strichfigur plaziert war, vorgelegt. Ihnen wurde dann gesagt, sie selbst seien das Kind in der Mitte. Sie konnten dann wählen, wer de r Vater, wer die Mutter sein solle und dann wurden sie gefragt, in welche Richtung sie gehen wollten, zu "Mutti oder zu Vati?" (S. 99). Die Ergebnisse wurden alters- und geschlechtsbezogen ausgewertet und gefunden, daß die Hälfte der Kinder nach rechts, die andere Hälfte nach links gehen würde (S. 108). Das verstehen die Autoren als Widerlegung der Ödipus-Hypothese, denn eine solche Zufallsverteilung (bei nur zwei Wahlmöglichkeiten) hätte anders ausfallen müssen, wenn die Entscheidung vom in Frage stehenden Komplex bestimmt gewesen wäre. Aber die Frage ist, was wurde überhaupt getestet? Ist das ein Abbild einer familiären "life"-Situation? Hier setzen die ersten Bedenken ein, die sich gegen die Operationalisierung des ÖK richten müssen und solche Bedenken steigern sich im Lauf der weiteren Untersuchung zu der Frage, ob man diese Art von Untersuchungen überhaupt ernst nehmen kann?
Den Kindern wurden weiter schematisch gezeichnete Gesichtsausdrücke (freundlich, neutral, traurig, ärgerlich) gezeigt, die sie jeder Figur zuordnen sollten. Dabei wurde das Fehlen von aggressiven Reaktionen festgestellt, insbesondere gegenüber dem gegengeschlechtlichen Elternteil. Auch dies gilt den Autoren als Widerlegung der Hypothese - denn warum sollte ein ödipal rivalisierender Knabe nicht aggressive Äußerungen gegen seinen Vater erkennen lassen? Mich erstaunt das vö llige Fehlen alternativer, aber durchaus noch psychoanalytischer Erklärungen. Denn wenn Kinder, sei es im Kindergarten oder in der Grundschule, wie in dieser Untersuchung in ein Nebenzimmer für die Durchführung eines solchen Tests bei einer ihnen fremden Person gebeten werden, wer würde erwarten, daß sie auch nur irgendeine negative Äußerung über ihre Eltern machen würden? Wer auch nur etwas Erfahrung mit Kindern hat, weiß, daß kritische oder gar aggressive Äußerungen von Kindern über ihre Eltern gegenüber Fremden selbst dann höchst unwahrscheinlich sind, wenn die Kinder gute Gründe für solche negativen Äußerungen hätten, etwa dann, wenn sie geschlagen oder mißhandelt werden. Es sind diese aktuell-situativen Untersuchungsbedingungen, die die Befunde erklären - ein Test auf die Ödipushypothese hat gar nicht stattgefunden. Der Verdacht erhärtet sich, daß der ÖK unter der Hand als eine "alles" erklärende Theorie aufgefaßt wird und dieser Anspruch wird dann im Triumph der Empirie zurückgewiesen. Daß die Psychoanalyse hier noch e in bißchen mehr zu bieten hat, erscheint gar nicht mehr im Visier.
Am Ende der Untersuchung erhielten die Kinder die Möglichkeit, die Strichfiguren mit 5 Farben auszumalen. Aus der Farbpräferenz wurde ein Index für die emotionale Präferenz gebildet. Wenn der Bub die Mutter mit der Lieblingsfarbe ausmalt, dann heißt das, er liebt die Mama. Das ist eine ziemlich einfache Vulgärpsychologie, die in die Konstruktion des designs eingeht. Aber diese Psychologie wird von den Autoren nicht diskutiert; sie beruht auf höchst fragwürdigen Annahmen. Manche Schlüsse erscheinen deshalb auch grotesk. Manche Kinder malen sich offenbar selbst nicht in der Lieblingsfarbe, sondern einen Elternteil (bzw. die Strichfigur) und ob man daraus auf ein generell niedrigeres Selbstwertempfinden schließen kann (S. 118), ist ungefähr so, als wol lte man daraus, daß Säuglinge schon "a" sagen können, schließen, daß sie das ganze Alphabet beherrschen. Wenn ich also frage, was hier eigentlich untersucht wurde, dann stelle ich die Operationalisierung der abhängige n Variablen in Frage und bezweifle, daß hier überhaupt ein angemessener Indikator für einen ÖK gewählt wurde. Solche Zweifel beschleichen d ie Autoren (S. 120) selbst, wenn sie diskutieren, ob die Farbpräferenzen nicht von der tatsächlichen Bekleidung der Eltern oder von gesellschaftlichen Konventionen her bestimmt gewesen sein könnten. Strikt methodisch argumentiert machen sich die Autoren des Fehlers schuldig, die Varianz solcher Variablen nicht herausgefiltert zu haben; sie haben sie vielmehr in unzulässiger Weise miteinander konfundiert.
Das gleiche gilt auch für die den Eltern vorgelegten Fragebögen. Hier sollten die Eltern angeben, wie oft ihr Kind in den vergangenen sieben Tagen von sich aus sich habe trösten lassen, getrotzt habe, Streit angefangen, gekuschelt habe usw. Und sie sollten auch angeben, wie oft sie in diesem Zeitraum entsprechende Verhaltensweisen von sich aus gegenüber ihren Kindern initiiiert haben. Man muß sich die Fragwürdigkeit eines solchen Vorgehens einmal vor Augen führen. In der gesamten Diskussion zu Erziehungsstilen beispielsweise ist seit langem klar, daß Fragebögen ungeeignete Instrumente zur Erfassung von wirklichen pädagogischen Verhaltensweisen sind. In der Personalauslese werden Bewerbern nicht Fragebögen vorgelegt, sondern Krisensituationen herbeigeführt, in denen man das in Frage stehende Verhalten zu "erwischen" hofft. Und es ist in Bezug auf Eltern schon länger klar, daß Eltern keineswegs optimale "Beobachter" ihrer Kinder sind. Diesen Befund replizieren die Autoren denn auch. Sie stellen fest, daß "Väter offenbar überhaupt keine Entwicklungen im Verhalten ihrer Kinder bemerken" (S. 124) und erklären dies mit deren voller Berufstätigkeit - darf man sie dann aber naiv als "Beobachter" des kindlichen Ödipuskomplexes in einem solchen design einsetzen? Welchen Wert kann man ihren Aussagen beimessen? Beide Eltern scheinen eher die "Kontinuität der von ihnen wahrgenommene n Muster" (S. 124) zu sehen und das bedeutet im Verständnis der Autoren, daß sie keinen ÖK sehen.
Nun ist der ÖK ein ziemlich komplexes Konstrukt. Wenn man in der Forschung vergleichsweise geringer komplexe Konstrukte prüft, dann findet vorher ein ausgedehntes rater-Training statt. Die rater müssen "sehen" lernen, was sie sehen sollen. Hätte etwas Vergleichbares nicht auch für die Eltern stattfinden müssen? Das wird aus verschiedenen Gründen äußerst schwierig sein, aber hätte dann nicht wenigstens eine Überprüfung des Fragebogen-Instrumentes stattfinden müssen? Sind die Angaben der Eltern reliabel und valide? Stimmen ihre Angaben mit wirklichem Verhalten überein? Immerhin wissen wir aus Untersuchungen zur familiären Gewalt (Honig 1986), daß schlagende Eltern eine "Normalisierungsstrategie" verwenden; befragt, stellen sie die Dinge "normaler" dar, als sie tatsächlich sind und zu solcher "Normalisierung" neigen auch nicht-schlagende Eltern. Auch diese Variable wurde nicht kontrolliert. Sie geht konfundierend in die Untersuchung mit ein und erklärt einen wegen des designs nicht abschätzbaren Anteil an der Varianz der Ergebnisse. Weil das nicht abschätzbar ist, kann man ebensogut annehmen, daß diese Variable "all es" erklärt und wieder käme man zu dem Ergebnis, daß der ÖK überhaupt nicht geprüft wurde. Das Buch ist ein Beispiel für die außerordentlich großen Schwierigkeiten, die sich einer empirischen Prüfung psychoanalytischer Hypothesen stellen. Man wird die Frage nicht leichtfertig unter Hinweis auf "klinische Erfahrung" erledigen dürfen und auch in den amerikanischen Fachjournalen finden höchst elaborierte Diskussionen über die Frage statt, was eigentlich "clinical facts" sind (vgl. die angefügten Hinweise). Aber das Buch ist auch ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte.
Ich will zum Schluß eine wissenssoziologische Überlegung beisteuern. Offenbar machen professionelle Praktiker Erfahrungen, die sie mithilfe bestimmter Konstrukte (in der Kunstgeschichte spricht man seit Aby Warburg von "Pathosformeln") organisieren und die innerhalb des professionellen Kontextes Sinn machen und hilfreich sind. Das gilt nicht nur für Psychoanalytiker, sondern überhaupt für Professionelle wie z.B. Lehrer, Ärzte oder Manager, wie wir seit den Studien von D.A. Schön (1983) wissen. Man stelle sich nur einmal vor, Lehrer würden sich ausschließlich (!) an wissenschaftlichem Wissen, Ehepartner sich ausschließlich an Büchern über Paarbeziehungen orientieren! Von wissenschaftlichem Wissen läßt sich professionelles Wissen ebenso wie natürlich-alltägliches Wissen unterscheiden ( Reiter und Steiner 1996, Buchholz 1997). Was im "natürlichen" Kontext einfach eine niedliche Hausmaus ist, ist im naturwissenschaftlichem Labor nur noch Träger gentechnisch verwertbarer Eigenschaften. Das "natürliche" Objekt hat sich mit dem Eintritt ins Labor in ein "epistemisches" Objekt verwandelt ( Amann 1994). Diese Umwandlung der "Objekte" muß im Fall der Prüfung psychoanalytischer Hypothesen verstärkt Berücksichtigung finden. Das bedeutet v.a. Einschluß von naturalistischen Interaktions- und Kontextbedingungen in Untersuchungsdesigns.
Der Untersuchung von Greve und Roos ist der Vorwurf zu machen, daß sie solche Umwandlung in keiner Weise in Betracht ziehen; aber ihnen ist zugute zu halten, daß sie sich in ihrer kontextfreien Behandlung des ÖK auf psychoanalytische Formulierungen berufen können, die solche Kontextfreiheit vermeintlich nahelegen. Hier wird es auch auf der Seite der Psychoanalytiker Anstrengungen brauchen, um zu bestimmen, was mit dem ÖK eigentlich gemeint ist. Es ist lehrreich, von den Autoren darüber informiert zu werden, wie weit diese Anstrengungen bereits gediehen sind, wie elaboriert die psychoanalytische Diskussion ist und in seinen theoretischen Teilen ist das Buch eine Fundquelle für Literaturhinweise , die in studentischen oder Ausbildungsseminaren nachgearbeitet werden könnten. Doch ebenso lehrreich ist, aus diesem Buch eine Anschauung darüber zu erhalten, wie außerordentlich problematisch die von den Autoren gewählte Transformation aus dem professionellen in den wissenschaftlichen Kontext ist. Und wenn die Autoren am Ende den ÖK als eine "bloße" Metapher diskutieren, dann müssen sie sich darüber belehren lassen, daß sie einem völlig veralteten Verständnis von der Metapher aufsitzen, denn wir wissen mittlerweile sehr (!) genau, daß es überhaupt kein metaphernfreies Wissen gibt (vgl. Buchholz 1996). Weil "Fakten" immer mit einem "point of view" daherkommen, kann der Begriff nicht mehr gegen die Metapher ausgespielt werden. Eine Widerlegung des ÖK hat nicht stattgefunden, er wurde nicht einmal untersucht.
Michael B. Buchholz (Göttingen)
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