Erwin Kaiser, Berlin
Soll sich die Psychoanalyse in die professionellen Büsche schlagen?
Anmerkungen zur Professionalisierungs-These von Buchholz1
Im Zusammenhang mit der jüngsten Diskussion, ob die Psychoanalyse professionell sei , wendet sich Buchholz (1997) gegen eine hierarchisches Verhältnis von Wissenschaft und Anwendung, wie es von der Psychotherapieforschung vertreten wird. Er schlägt stattdessen vor, Wissenschaft und Anwendung als gleichberechtig, jeweils eines als "Umfeld" des anderen zu konzipieren; im Rahmen dieser Dichotomie schlägt er Psychoanalyse zum Anwendungsteil des Wissens. In einem weiteren Schritt stellt Buchholz seine Auffassung von Psychoanalyse als Metaphernanalyse vor. Ich möchte Einwände gegen Buchholz' Vorschläge formulieren.
Indem Buchholz in seinem Beitrag pauschal von Wissenschaft spricht, unterstellt er, daß diesbezügliche Differenzierungen für seine Erörterungen nicht relevant sind. Faktisch unterschreibt Buchholz damit das positivistische Axiom von der Einheitswissenschaft2 , daß die wissenschaftliche Methode dieselbe sein soll, egal ob der Gegenstand ein totes Ding oder ein sozialer ist. Aus Buchholz' Fixierung auf die Einheitswissenschaft folgt unter anderem die komische Feststellung, es sei "außerordentlich verdienstvoll", daß mit den Mitteln der quantifizierenden Methodologie festgestellt worden sei, daß Deutungen des zentralen Beziehungskonflikts mit einem positiven Behandlungsergebnis einhergehen (S. 90). Ich frage mich, wie Buchholz es schafft, ein knappes Jahrhundert Psychoanalyse einfach zu übergehen, in dem die (Be-) Deutung der Übertragung bis in die kleinsten Details erörtert und in allen nur denkbaren theoretischen und praktischen Bezügen beschrieben und reflektiert worden ist!3
Buchholz wendet sich mit seinen Überlegungen zu Recht gegen eine hierarchische Auffassung von Wissenschaft und Anwendung.4 Indem Buchholz aber auf die Einheitswissenschaft fixiert bleibt, bleibt ihm als Ausweg nur den Rückzug in die Profession und dementsprechend versucht er mit seiner Argumentation eine Art Ehrenrettung der psychotherapeutischen Praxis. Was Buchholz völlig übersieht - wenn er nicht von vorneherein schon dieser Ansicht ist: Er überläßt die Wissenschaft den Nomologen, wenn er sich als Psychotherapeut in die professionellen Büsche schlägt. Freud jedenfalls hat immer einen anderen Anspruch vertreten:
"Ich sagte Ihnen, die Psychoanalyse begann als eine Therapie, aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem Interesse empfehlen, sondern wegen ihres Wahrheitgehalts, wegen der Aufschlüsse, die sie uns gibt über das, was dem Menschen am nächsten geht, sein eigenes Wesen, und wegen der Zusammenhänge, die sie zwischen den verschiedensten seiner Betätigungen aufdeckt. Als Therapie ist sie eine unter vielen... " (Freud 1933a, S. 169)
Eine Professionalisierungs-Theorie der Psychoanalyse liefe auf genau das hinaus, wovor Freud unter dem Stichwort "Medizinalisierung" gewarnt hatte: Die Reduzierung der Psychoanalyse auf ein psychotherapeutisches Verfahren.
Die Auseinandersetzung darum, wie die Sozialwissenschaften funktionieren und ob ihr Gegenstand eine andere Methode erfordert, hat eine lange Tradition. In der modernen sprachanalytischen Philosophie ist dieses Problem an der Frage nach dem Status von Erklärungen von Handlungen diskutiert worden. Eine Handlung wird im Alltag erklärt, indem auf ein Motiv als Ursache zusammen mit einer Überzeugung verwiesen wird.5 Die Frage: Sind solche Motive (reasons) Ursachen (causes) von Handlungen? wird nach jahrzehntelanger Diskussion heute positiv beantwortet. Insbesondere die Beiträge von Donald Davidson6 haben diese Debatte entscheidend beeinflußt. Für die Frage nach dem wissenschaftlichen Status der Psychoanalyse hat das Konsequenzen: Zum einen könnenn ihre Erklärungen aus Motiven und Überzeugungen im Rahmen der Sozialwissenschaften den gleichen Status beanspruchen wie Erklärungen in den Naturwissenschaften. Zum anderen aber haben psychoanalytische Erklärungen eine andere Form, weil Wünsche und Überzeugungen nur innerhalb eines ganzen Netzes von Bedeutungen interpretiert werden können und weil diese Erklärungen untrennbar mit normativen Anteilen verbunden sind. (Cavell, 1993, S. 66ff)
Richard Wollheim (1993) hat Davidsons Perspektive weiter ausgeführt und auf dem Hintergrund dieses allgemeinen Schemas von Handlungserklärungen das Besondere psychoanalytischer Erklärungen von Handlungen analysiert. Nach Wollheim sind psychoanalytische Erklärungen eine Ausdehnung und Erweiterung alltagspsychologischen Wissens, indem (a) der Kreis der Motive um die unbewußten erweitert wird, (b) das Erklärungsschema variiert wird, indem Verschiebungen von Motiven nach assoziativen Gesetzen berücksichtigt werden; (c) indem besondere Motive wie ``Kastrationsangst'' , ``ödipale Wünsche'' sowie Motive wie ``Wiederholungszwang'' , ``Wunscherfüllung'', ``omnipotentes Denken'' eingeführt werden; und schließlich (d) indem `` Handlungen kontextualisiert'' werden, d. h. Wünsche und/oder Abwehrmechanismen zu Komplexen zusammengefaßt werden, die über die in der Ontogenese jeweils vorherrschenden Körperzonen (orale, anale, phallische, genitale) organisiert - nach Organen strukturiert - sind.
Die Davidson-Wollheimsche Perspektive hat erhebliche Konsequenzen für das Wissenschaftsverständnis und für Buchholz' Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Anwendung. Weil die Logik dieser Art von Erklärung dem alltagspsychologischen Begriff von Erklärung und damit der Praxis näher steht, stellt sich in der Psychoanalyse die Frage nach der Relevanz der Wissenschaft für die Praxis nicht in derselben Schärfe wie in der nomologischen Psychologie. Der Bezug zur Praxis war und ist in der Psychoanalyse konsitutiv, wie Freud das in seiner Junktim-These zum Ausdruck gebracht hat:
"In der Psychoanalyse bestand von Anfang ein Junktim zwischen Heilen und Forschen, die Erkenntnis brachte den Erfolg, man konnte nicht behandeln, ohne etwas Neues zu erfahren, man gewann keine Aufklärung, ohne ihre wohltätige Wirkung zu erleben. Unser Verfahren ist das einzige, bei dem dies kostbare Zusammentreffen gewahrt bleibt." (Freud, 1927a, S.293-4)
Wie Buchholz halte auch ich es für abwegig, wenn quantifizierende Psychotherapieforschung den Anspruch erhebt, Psychotherapie anleiten zu können; seine Metapher von der 'anorektischen Psychotherapie' (S. 90) bringt die Verhältnisse auf den Punkt, wenn man sich die Psychodynamik der Anorexie vergegenwärtigt. Ich teile auch Buchholz' Einschätzung, daß es eine lohnende Aufgabe wäre, sich mit dem Verhältnis von psychoanalytischer Theorie und Praxis, von Metapsychologie und klinischer Theorie zu beschäftigen. Im Gegensatz zu Buchholz halte ich aber den Rückzug ins Professionnelle für kontraproduktiv. Damit stabilisiert Buchholz die Ansprüche der nomologischen Psychologie, die ihrerseits längst fragwürdig geworden sind. (Kaiser, 1993)
Nur am Rande möchte ich Bedenken anmelden, wenn Buchholz Psychotherapie als "Metaphernanalyse" interpretiert. Ich vermag die besondere Fruchtbarkeit dieser Metapher nicht zu erkennen. Buchholz Anliegen wird in der psychoanalytischen Theorie längst unter dem Stichwort Symbolbildung, Symbolisierung abgehandelt. Nach meiner Auffassung greift Buchholz damit zwar einen wichtigen Aspekt aller Psychotherapie heraus, er erliegt aber der Gefahr, diesen besonderen Aspekt mit dem Ganzen zu verwechseln. Dieser Aspekt ist zu allgemein: Die Rede von der Metapher eignet sich nur bedingt, das Spezifische der Psychoanalyse, das Unbewußte, die Arbeit in der Übertragung und mit dem Widerstand wirklich zu erfassen. Eine Metaphern-Theorie hängt darüberhinaus in der Luft, wenn nicht der Bezug auf eine äußere Realität, die die Metaphern symbolisieren, mitgedacht wird. Eine Perspektive, die sich von Metapher zu Metapher schwingt, ohne auch nur einmal den Boden zu berühren, entspricht doch wohl eher einem systemischen Psychotherapie-Verständnis, wird aber der Tatsache nicht gerecht, daß in der Psychoanalyse Analytiker und Analysand sich in der Regel auf ein Drittes, das die äußere Realität vertritt, beziehen. Was schließlich mit der Metapher von Psychotherapie als Metapher nicht zureichend beschrieben werden kann, sind Störungen der Symbolbildung selbst und deren Dynamik.
Literatur
Buchholz, M. (1997).Psychoanalytische Professionalität. Andere Anmerkungen zu Grawes Herausforderung. Forum der Psychoanalyse , 13(1), S. 75-93.
Bunge, M. (1967). Scientific Research. Vol. 2. Berlin: Springer.
Cavell, M. (1993). The Psychoanalytic Mind. From Freud to Philosophy. Cambridge & London: Harvard University Press.
Davidson, D. (1980). Essays on actions and events. Oxford: Clarendon Press. dt: Davidson, D. (1990). Handlung und Ereignis . Frankfurt M.: Suhrkamp.
Davidson, D. (1984). Inquiries into Truth and Interpretations . Oxford: Oxford University Press. dt: Davidson, D. (1990). Wahrheit und Interpretation. Frankfurt M.: Suhrkamp.
Davidson, D. (1993). Subjektiv, Intersubjektiv, Objektiv. In Davidson, D. (Hrsg.), Dialektik und Dialog. Rede anläßlich der Verleihung des Hegel-Preises 1992 (S. 64-94). Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Freud, S. (1933a). Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (Bd. XV). London: Imago Publishing.
Freud, S. (1927a). Nachwort zur Frage der Laienanalyse . (Bd. XIV, S. 321ff). London: Imago Publishing.
Kaiser, E. (1993).Quantitative Psychotherapieforschung - modernes Paradigma oder Potemkinsches Dorf?" Forum Psychoanal, 9(4) , 348-366.
Wollheim, R. (1993). The Mind and its Depths. Cambridge & London: Harvard University Press.