Dr. med. Winfried Häuser, Facharzt für Innere und Psychotherapeutische Medizin
Übersicht
1. Sind chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CEDE) psychosomatische Erkrankungen?
2. Psychosoziale Einflüsse auf den Verlauf von CEDE
3. Wann ist eine Psychotherapie bei CEDE sinnvoll?
4. Was kann Psychotherapie bei CEDE bewirken?
5. Wie finde ich einen qualifizierten Psychotherapeuten?
6. Checkliste: Wie finde ich einen qualifizierten Psychotherapeuten?
7. Nützliche Links
8. Meine Veröffentlichungen zu diesem Thema
Sind CEDE psychosomatische Erkrankungen? - Eine Frage der Definition
PatientInnen mit CEDE sind zurecht verärgert, wenn sie von ÄrztInnen als psychosomatisch erkrankt im Sinne von psychisch labil oder gar gestört angesehen werden. Manche psychosomatisch orientierten ÄrztInnen erwecken den Eindruck, dass CEDE psychosomatische Erkrankungen im engeren Sinne sind, d. h. dass sie durch seelische Faktoren (mit-) verursacht werden sollen. Es gibt bisher keine Hinweise, dass CEDE durch psychische Faktoren ( wie Stress oder emotionale Probleme) verursacht werden. Daher sind CEDE keine psychosomatischen Erkrankungen im engeren Sinne.
Wie bei anderen körperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Herzinfarkt können im Verlauf der Erkrankung seelische Probleme entstehen bzw. psychosoziale Faktoren (wie das Ausmaß der sozialen Unterstützung) den Verlauf der Erkrankung beeinflussen ( Psychosomatische Erkrankungen im weiteren Sinne). In diesem weitem Sinne sind auch CEDE psychosomatische Erkrankungen.
Psychosoziale Einflüsse auf den Verlauf von CEDE
- Sekundäre seelische und soziale Probleme: Durch den Krankheitsverlauf kann es zu seelischen ( Ängste, Depressionen), zwischenmenschlichen ( sexuellen oder anderen Partnerschaftsproblemen) oder sozialen ( Probleme bei der Berufsausbildung oder am Arbeitsplatz durch Krankheit) Problemen kommen. Angaben über die Häufigkeit dieser Probleme schwanken in der Literatur zwischen 5-40%. Laut Erhebungen der DCCV sind 10% der PatientInnen mit Morbus Crohn und 7% der PatientInnen mit Colitis ulcerosa wegen seelischer Probleme in psychotherapeutischer Behandlung.
- Verschlimmerung der Symptomatik durch wichtige Lebensereignisse: Wissenschaftlich ist es nicht erwiesen, dass einschneidende Lebensereignisse wie wichtige Prüfungen, Arbeitsplatzwechsel oder Partnerverlust Krankheitsschübe auslösen können. Bei einem Teil der PatienInnen scheint im Verlaufe der Erkrankung ein zeitlicher Zusammenhang zwischen einschneidenden Lebensereignissen und Schubauslöung bzw. Zunahme der Krankheitsaktivität zu bestehen.
- Alltagsstress: Ein Teil der PatientInnen mit CEDE reagiert auf Alltagsbelastungen am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft mit einer Zunahme von Durchfällen und Bauchschmerzen. Stressanfällig sind Menschen vor allem dann, wenn sie sich aus alltäglichen Problemen sehr viel machen und nicht mit anderen über ihre Gefühle reden.
- Krankheitsbewältigung: Der Verlauf eines Krankheitsschubs wird nicht nur durch körperliche Faktoren wie Intensität und Ausdehnung der Entzündung, sondern auch durch seelische Faktoren beeinflusst. Depressive Krankheitsbewältigung( Resignation, Grübeln, Rückzug) geht mit einem verlängerten Krankheitsschub einher. Aktive Auseinandersetzung mit der Erkrankung ( Informationssuche, kämpferische Einstellung, Austausch mit Anderen) geht mit einer Schubverkürzung und besserem medizinischen Befund in der Remissionsphase einher.
Wann ist eine Psychotherapie bei CEDE sinnvoll?
Alle PatientInnen mit CEDE brauchen einen vertrauensvollen Kontakt zu einem Internisten (Gastroenterologen) und gegebenfalls zu einem Chirurgen, die mit der Erkrankung vertraut sind. Schulungsprogramme ( Informationen über Erkrankung, medizinische Therapie, Ernährung, Sozialrecht und Krankheits-/Stressbewältigung) sowie die regionalen Gruppen der Landesverbaende der Deutschen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung DCCV e.V. können eine aktive Krankheitsbewältigung fördern. Eine Psychotherapie ist nur bei spezifischen psychosozialen Problemen und einem Behandlungswunsch seitens der PatientInnen gerechtfertigt. Bei folgenden Problemen kann eine Psychotherapie sinnvoll sein:
- Psychische Probleme (Ängste und Depressionen): Oft verschwiegen werden phobische (Angst) Reaktionen nach Durchfallepisoden. Während des akuten Schubes sind viele PatientInnen durch den häufigen und oft unberechenbaren Stuhldrang gezwungen, innerhalb kurzer Zeit eine Toilette aufzusuchen, so dass sie ihre Wege planen und manche soziale Aktivitäten vermeiden. Bei manchen PatientInnen besteht dieses Verhalten auch im entzündungsfreien Intervall fort: Sie organisieren ihr Leben um erreichbare Toiletten herum oder vermeiden Aktivitäten (z.B. Sport). Oft ruft der Gedanke, dass keine Toilette erreichbar ist, Stuhldrang hervor.
- Zwischenmenschliche Probleme ( Partnerschaft, Familie): Verschwiegen werden manchmal auch sexuelle und daraus folgende Partnerschaftsprobleme. Sexuelle Probleme können durch die Krankheitsaktivität ( Erschöpfung, sexuelles Desinteresse) oder durch örtliche Komplikationen wie Fisteln entstehen.
- Einflüsse von belastenden Lebensereignissen oder Alltagsstress auf die Krankheitsaktivität
Was kann Psychotherapie bei CEDE bewirken?
Bisher gibt es im Gegensatz zu zahlreichen Medikamentenstudien nur wenige Untersuchungen über den Einfluss von Psychotherapie auf den Verlauf von CEDE. Bisher ist nur gesichert, dass Psychotherapie das seelische Befinden und die Krankheitsverarbeitung verbessert. Positive Einflüsse auf das körperliche Geschehen ( Häufigkeit, Dauer und Schwere der Schübe) sind bisher nicht eindeutig nachgewiesen.
Checkliste: Wie finde ich einen qualifizierten Psychotherapeuten?
- Wurde mir die PsychotherapeutIn von meinem behandelnden Arzt oder der DCCV empfohlen?
- Hat die PsychotherapeutIn Erfahrungen in der Psychotherapie bei CEDE?
- Wie sympathisch ist mir die PsychotherapeutIn? Versteht Sie mein Problem? Akzeptiert sie mich als Mensch? Kann ich mit ihr offen reden?
- Macht mir die PsychotherapeutIn einen mir einleuchtenden Behandlungsvorschlag, der auf mein spezielles Problem und meine Person abgestimmt ist? Beherrscht Sie mehrere psychotherapeutische Methoden?
- Werden die Kosten der Psychotherapie von den Krankenkassen übernommen?
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Psychotherapie
Dies sind zum einen die fachlichen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten der PsychotherapeutIn. Genauso wie es unterschiedlich geschickte Chirurgen und unterschiedlich wirksame Medikamente gibt, gibt es unterschiedliche Psychotherapieverfahren, welche bei einzelnen Problemen unterschiedlich erfolgsversprechend sind. So sind bei Ängsten oder Depressionen kognitive Verhaltenstherapie oder Hypnose, bei Alltagsstress Stresbewältigungstraining und bei Partnerschaftsproblemen eine (systemische) Paartherapie sinnvoller als andere Psychotherapiemethoden.Noch mehr als bei der medikamentösen Behandlung hängt der Erfolg der Psychotherapie von Ihrer aktiven Mitarbeit ab. Psychotherapie ist immer Hilfe zur Selbsthilfe!
Nützliche Links
Meine Veröffentlichungen zu diesem Thema