Radio-Interview auf WDR1 in der SendungEINSLIVE
Im Studio:
W. Mikus, Dipl.-Psych. u. Psychotherapeut - Sprecherin: Birgit M.
Sprecherin: Jeder Mensch ist eitel - Wer das Gegenteil behauptet der
lügt! Das kann man mal so in den Raum stellen. Werner Mikus! in diesem Raum sitzen Sie
auch, Sie sind Diplompsychologe, stimmt das oder gibt's wirklich Leute die überhaupt
nicht eitel sind.
W. Mikus: Nein, das ist richtig, alle Leute sind eitel. Jedem ist seine
Person wichtig und jeder ist auch daran interessiert, daß er als Person gut ankommt.
Vielleicht ist wichtig sich klarzumachen, daß jeder einen eigenen Stil hat, sonst könnte
er gar nicht leben. Und diesen Stil den prägt er aus, den kultiviert er, da tut er was
dran. Und das findet ganz von alleine seinen Ausdruck.
Sprecherin: Es gibt ein Gedicht, das beginnt mit den Zeilen, alles ist
eitel - heißt damals noch: alles ist vergänglich. Der Begriff hat sich ja nun ein
bißchen gewandelt mithin in der Zwischenzeit was heißt eitel im eigentlichen Sinne
heute?
W. Mikus: Ja - etwas von dieser Haltung in diesem Gedicht ist vielleicht
doch noch vorhanden und zwar so: die Neigung ist zu beobachten irgendeinen ganz hohen
Maßstab zu nehmen, und von da aus dann alles zu relativieren. Also ich bin dafür, nicht
alles zu relativieren sondern im Gegenteil, in die Dinge hineinzugehen, also irgendeine
Leidenschaft zu entwickeln. Wenn ich jetzt Musiker bin, dann versuch ich mich vielleicht
an einer eigenen Komposition und geh dann ganz darin auf und schäm' mich nicht gleich
wenn das noch nicht so schön ist. Wenn ich aber sage "alles ist eitel", bin ich
auch gegen alles versichert. Und ich glaub' das ist auch so 'ne Haltung heute, das tut
dann nicht mehr so weh' - gegenüber irgendeinem hohen, jüngsten Gericht sagen wir mal.
Sprecherin: Ja wenn man "eitel" in diesem Sinn betrachtet geht
das irgendwie schon ein bißchen in Richtung Ehrgeiz. Wie grenzt man das denn nun wieder
ab Eitelkeit und Ehrgeiz?
W. Mikus: Man kann sich ja verrennen: Man ist also in einer Sache drin
und läßt doch die Sache nicht mehr sprechen, also die Person tritt zu sehr in den
Vordergrund. Die Sache selber bringt die notwendigen Korrekturen schon von alleine. Aber
wenn man die Sache nicht mehr sprechen läßt dann kommt das dabei heraus was man Ehrgeiz
nennt. Dann wird laboriert und mit Zwang gearbeitet.
Sprecherin: Eitel im herkömmlichen Sinne und im gesunden Volksempfinden
sagen wir mal ist ja nicht gerichtet auf Leistung sondern es bezieht sich meistens auf
Äußerungen also wenn man zu einem Kind sagt du eitler Fratz, was ja schon wieder was
liebevolles hat. Aber im normalen landläufigen Sinn hat es was Verwerfliches, woran liegt
das? Mögen die Leute eitle Menschen nicht?
W. Mikus: ja, wenn zwei miteinander was zu tun haben, da gibt's ja auch
immer zwei Eitelkeiten. Also der eine hat seine Liebe zu seiner Person und der andere hat
sie. Und manchmal kreuzen die sich wie die Klingen von Schwertern. Und es gibt Menschen
die, um sich gegen diese Wettkämpfe zu rüsten, dann mit so einem Panzer ankommen und
sagen: Eitle Menschen sind böse, ja und dann haben sie gegen solche Wettkämpfe etwas in
der Hand: die anderen sind dann immer die Dummen, die Eitlen.
Sprecherin: Wenn zwei Eitelkeiten aufeinandertreffen wie können die dann
miteinander umgehen?
W. Mikus: Tja, ich würd' erstmal sagen, das einfachste ist, wir sollten
versuchen mal auch über uns selber lachen zu können. Oder vielleicht hilft auch ein
Aphorismus, der sagt, wir sollten soviel Stolz haben, uns unserer Eitelkeiten nicht zu
schämen. Und wenn da jeder dran denkt dann kann das eine oder andere Lächerliche
passieren, das verbindet, das schafft dann eine engere Beziehung und Freundschaft.
Sprecherin: Sie als Diplompsychologe, würden sie sagen, es ist gesund
ein gesundes Maß an Eitelkeit zu entwickeln und auch zu leben?
W. Mikus: Ja! - wenn man den Begriff "gesund" wirklich im
gesunden Sinne nimmt und jetzt nicht als eine besondere Form gegen die Krankheit setzt.
Ja! also es ist einfach gut - die Eitelkeit ist etwas Motivierendes, wir sollten uns als
Menschen feiern wenn wir schon einen eigenen Stil haben - und eine eigene Charaktere haben
- das hat etwas Anfeuerndes.
Sprecherin: Ein Plädoyer für die Eitelkeit von Werner Mikus für WDR1
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am 27. 7. 93 |