Menschen sind immer wieder versucht, etwas Neues zu tun, auch wenn sie das vielleicht selber gar nicht immer so bemerken. Sie machen Versuche, ihre Wirklichkeit zu erweitern oder zu verändern, die in die verschiedensten Richtungen gehen können. Ein Einzelner trägt meistens sogar mehrere, sehr verschiedene und zeitlich sich überschneidende Dinge aus, geht psychisch schwanger mit ihnen. Dabei können natürlich Komplikationen auftreten. Die Menschen fühlen sich dann oft "ratlos". Das ist aber dann kein schlechtes Zeichen: Sie bekommen etwas von den Umbrüchen mit. Oft ziehen sie sich in diesen Fällen eine Zeit lang zu einer Art inneren Beratung zurück und immer häufiger geschieht dies mithilfe professioneller Helfer (Psychotherapeuten/ Berater). Worin sich das Seelische jederzeit verwickeln kann 1.) Das Neue - mag es noch so klein und abgegrenzt erscheinen - hat immer etwas Perspektivisches: der ganze Mensch ist in die Veränderung einbezogen. Dieses eine Neue droht deshalb auch immer zu einer Entfesselung aller Dinge zu werden, die bisher gut untergebracht und einbezogen waren (einbezogen in die bisher gültige Ordnung der Dinge). Das kann Angst erzeugen, ebenso aber auch Maßnahmen hervorrufen, die dem Entstehen solcher Gefühle vorbeugen wollen. Zu verspüren, daß die ganze Person einbezogen ist, ist aber etwas Nützliches. 2.) Wenn der Mensch versucht ist, etwas Neues zu tun, ist immer auch eine Art Verheißung mit im Spiel. Er verspricht sich was von diesem Neuen. Das wiederum hat aber auch eine umfassende Umbewertung des Bisherigen zur Folge: das bisher Gelebte ist angesichts des Neuen das noch nicht Erfüllte, das eher Mangelhafte. Es wird nun vielleicht als mühsam und als uninteressant erlebt. Auch dieser Schatten, der durch die Verheißung des Neuen auf das Bisherige fällt, ist für die Entwicklung von Wichtigkeit und es ist nicht gut, wenn diese Umbewertungserfahrung aus irgend einem Grunde verhindert wird: bei normalem Problemablauf hilft diese Erfahrung nämlich, sich an das Neue etwas näher heranzutrauen, um sich dann nach einer gewissen Art von Vorprüfung vielleicht ganz darauf einzulassen oder es auch als untauglich zu verwerfen. In beiden Fällen ist also nach ausgestandener Krise ein neuer Zustand erreicht. Entweder wird das bisherige Tun neu gewertschätzt und nicht mehr als zu aufwendig erlebt oder aber das Neue bekommt seine Entwicklung und drängt mit all seinen konkreten Herausforderungen die diffuse Angst (verspürte Entfesselung des Ganzen) zurück. Es lassen sich bei dem ganzen Vorgang eine Reihe von Verwicklungen denken: vielleicht will der Betreffende sich das eine oder andere ersparen, oder bestimmte, vorübergehende Lebensumstände (die vom Betroffenen selbst oder oder auch nicht selbst zu verantworten sind) vermindern erheblich die bestehenden Chancen, eine entsprechende Krise erfolgreich durchzustehen. Die Analytische Beratung muß dem Betroffenen auf der einen Seite Schutz und Spielraum geben, auf der anderen Seite muß sie Partei ergreifen für die Zuspitzung und das Austragen einer Krise. In vielen Fällen gilt der Satz: Nicht die Krise ist das Problem, sondern das Aufschieben derselben.
Der normale Mensch ist also ständig dabei, sich zu "versuchen". Er will in seinen Entwicklungen erfahren wer er ist. Dabei setzt er sich notwendigerweise aber auch immer wieder der Gefahr eines Sich-Verlieren-Könnens aus. Gegen diese Gefahr hat der sogenannte Neurotiker ein Art von Universalmittel gefunden: Jede Situation welche die Gefahr in einer bestimmten Richtung in sich trägt, bedeutet für ihn gleichsam die Gewissheit eines auf ihn zukommenden Untergangs. Und wie zur Vorbeugung hat er hierfür eine Formel entwickelt, nach welcher er mit riesigem Aufwand und unter Preisgabe bestimmter Dinge, der Welt und sich zu beweisen sucht, die gewünschte Entwicklung haben zu können, ohne dabei das Risiko eines möglichen Untergehens in Kauf nehmen zu müssen. So eine Formel folgt stets dem Muster: "Wenn nur dies oder jenes anders wäre (bei mir oder auch an irgendeiner anderen Stelle dieser Welt), dann könnte das Befürchtete nie passieren". Seine Art, mit der Wirklichkeit und ihren Grenzen umzugehen bzw. sein eigenes Leben zu "versuchen" reduziert sich damit auf einen einzigen letzten "Versuch", nämlich zu beweisen, daß die gewünschte seelische Entwicklung möglich ist, ohne daß er sich der Gefahr eines Sich-Verlieren-Könnens auszusetzen habe. In einer Psychotherapie muß nun derjenige, der sich also in einem solchen Versuch verfangen hat, mithilfe des Psychotherapeuten dahinterkommen, daß er das, was er verhindern wollte, sich mit seiner, zur Problemabwendung gelebten Methode gleichsam selbst erst antut: Hat er sich doch bereits weitgehend verloren in dieser Art von Beweisführung (s.o.). Unter den Augen des Pschychotherapeuten/Analytikers muß er genau diese Erfahrung machen und zugleich eine zweite, eine Erfahrung, die mit der "auslösenden", im weiten Sinne "traumatischen" Erfahrung wieder versöhnt: Er ist in Wirklichkeit jetzt eben nicht vernichtet: In der gemeinsamen Arbeit und Entwicklung mit dem Psychotherapeuten/Bildanalytiker ist er schon dabei, sich wiederzufinden, oder besser noch, sich wieder-zu-erfinden anstatt wie befürchtet unterzugehen. Auch in den normalen Entwicklungskomplikationen werden "neurotische Tricks", Ablenkungsmanöver, Heilsformeln eingesetzt. Aber sie sind nicht immer durchgehend und bestimmen wie im Falle der Neurose nicht immer das Ganze der seelischen Handlungsformen. Es gibt eben viele Kontexte, in denen verschiedene seelische Manöver einen Sinn machen, in denen sie aber nicht zugleich auch im Dienste einer alles umfassenden Beweismethode stehen.
Leider gibt es auch eine Art von psychischen Problemen und Einschränkung, welche von besonders problematischer Natur sind. Das ist der Fall, wenn der vollkommen fehlende Kontakt zu einer Kehrseite von Entwicklung im Mittelpunkt der seelischen Probleme steht. In diesem Falle muss ein solcher Kontakt erst einmal nachentwickelnd hergestellt werden. Es ist klar, dass ein solches Vorhaben viel Zeit in Anspruch nimmt und uns auch an die Grenzen einer Machbarkeit führen kann. Manchmal ist deshalb auch das mit dem Klienten erarbeitete und geteilte Akzeptieren einer solchen Grenze das angemessene Ziel einer therapeutischen Hilfestellung. Glücklicherweise sind solche Strukturen aber auch um ein vielfaches seltener als solche, die sich in den vorgenannten Konstellationen und strukturellen Vewicklungen zeigen.
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