Ecce homo Vorwort 1. In Voraussicht, dass ich über Kurzem mit der schwersten Forderung an die Menschheit herantreten muss, die je an sie gestellt wurde, scheint es mir unerlässlich, zu sagen, wer ich bin. Im Grunde dürfte man's wissen: denn ich habe mich nicht "unbezeugt gelassen". Das Missverhältnis aber zwischen der Größe meiner Aufgabe und der Kleinheit meiner Zeitgenossen ist darin zum Ausdruck gekommen, dass man mich weder gehört, noch auch nur gesehen hat. Ich lebe auf meinen eignen Credit hin, es ist vielleicht bloß ein Vorurteil, dass ich lebe?... Ich brauche nur irgend einen "Gebildeten" zu sprechen, der im Sommer ins Oberengadin kommt, um mich zu überzeugen, dass ich nicht lebe ... Unter diesen Umständen gibt es eine Pflicht, gegen die im Grunde meine Gewohnheit, noch mehr der Stolz meiner Instinkte revoltiert, nämlich zu sagen: Hört mich! denn ich bin der und der. Verwechselt mich vor Allem nicht!
2. Ich bin zum Beispiel durchaus kein Popanz, kein Moral-Ungeheuer, - ich bin sogar eine Gegensatz-Natur zu der Art Mensch, die man bisher als tugendhaftverehrt hat. Unter uns, es scheint mir, dass gerade Das zu meinem Stolz gehört. Ich bin ein jünger des Philosophen Dionysos, ich zöge vor, eher noch ein Satyr zu sein als ein Heiliger. Aber man lese nur diese Schrift. Vielleicht gelang es mir, vielleicht hatte diese Schrift gar keinen andren Sinn, als diesen Gegensatz in einer heitren und menschenfreundlichen Weise zum Ausdruck zu bringen. Das Letzte, was ich versprechen würde, wäre, die Menschheit zu "verbessern". Von mir werden keine neuen Götzen aufgerichtet; die alten mögen lernen, was es mit tönernen Beinen auf sich hat. Götzen (mein Wort für "Ideale") umwerfen - das gehört schon eher zu meinem Handwerk. Man hat die Realität in dem Grade um ihren Wert, ihren Sinn, ihre Wahrhaftigkeit gebracht, als man eine ideale Welt erlog... Die "wahre Welt" und die "scheinbare Welt" - auf deutsch: die erlogne Welt und die Realität ... Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der umgekehrten Werte, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre.
3. Wer die Luft meiner Schriften zu atmen weiß, weiß, dass es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muss für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer - aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! wie frei man atmet! wie Viel man unter sich fühlt! - Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge - das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher in Bann getan war. Aus einer langen Erfahrung, welche eine solche Wanderung im Verbotenen gab, lernte ich die Ursachen, aus denen bisher moralisiert und idealisiert wurde, sehr anders ansehen als es erwünscht sein mag: die verborgene Geschichte der Philosophen, die Psychologie ihrer großen Namen kam für mich ans Licht. - Wie viel Wahrheit erträgt, wie viel Wahrheit wagt ein Geist? das wurde für mich immer mehr der eigentliche Wertmesser. Irrtum (- der Glaube ans Ideal -) ist nicht Blindheit, Irrtum ist Feigheit... Jede Errungenschaft, jeder Schritt vorwärts in der Erkenntnis folgt aus dem Mut, aus der Härte gegen sich, aus der Sauberkeit gegen sich ... Ich widerlege die Ideale nicht, ich ziehe bloß Handschuhe vor ihnen an ... Nitimur in vetitum: in diesem Zeichen siegt einmal meine Philosophie, denn man verbot bisher grundsätzlich immer nur die Wahrheit. -
4. Innerhalb meiner Schriften steht für sich mein Zarathustra. Ich habe mit ihm der Menschheit das größte Geschenk gemacht, das ihr bisher gemacht worden ist. Dies Buch, mit einer Stimme über Jahrtausende hinweg, ist nicht nur das höchste Buch, das es gibt, das eigentliche Höhenluft-Buch - die ganze Tatsache Mensch liegt in ungeheurer Ferne unter ihm -, es ist auch das tiefste, das aus dem innersten Reichtum der Wahrheit heraus geborene, ein unerschöpflicher Brunnen, in den kein Eimer hinabsteigt, ohne mit Gold und Güte gefüllt heraufzukommen. Hier redet kein "Prophet", keiner jener schauerlichen Zwitter von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt. Man muss vor Allem den Ton, der aus diesem Munde kommt, diesen halkyonischen Ton richtig hören, um dem Sinn seiner Weisheit nicht erbarmungswürdig Unrecht zu tun. "Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen, Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt " Die Feigen fallen von den Bäumen, sie sind gut und süß: und indem sie fallen, reißt ihnen die rote Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen. Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt ihren Saft und ihr süßes Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und Nachmittag Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht "gepredigt", hier wird nicht Glauben verlangt: aus einer unendlichen Lichtfülle und Glückstiefe fällt Tropfen für Tropfen, Wort für Wort, eine zärtliche Langsamkeit ist das tempo dieser Reden. Dergleichen gelangt nur zu den Auserwähltesten; es ist ein Vorrecht ohne Gleichen hier Hörer zu sein; es steht Niemandem frei, für Zarathustra Ohren zu haben ... Ist Zarathustra mit Alledem nicht ein Verführer? ... Aber was sagt er doch selbst, als er zum ersten Male wieder in seine Einsamkeit zurückkehrt? Genau das Gegenteil von dem, was irgend ein "Weiser", "Heiliger", "Welt-Erlöser" und andrer dekadent in einem solchen Falle sagen würde ... Er redet nicht nur anders, er ist auch anders... Allein gehe ich nun, meine Jünger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will ich es. Friedrich Nietzsche.
Inhalt Warum ich so weise bin. An diesem vollkommnen Tage, wo Alles reift und nicht nur die Traube braun wird, fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie so viel und so gute Dinge auf einmal. Nicht umsonst begrub ich heute mein vierundvierzigstes Jahr, ich durfte es begraben, - was in ihm Leben war, ist gerettet, ist unsterblich. Die Umwertung aller Werte, die Dionysos-Dithyramben und, zur Erholung, die Götzen-Dämmerung - Alles Geschenke dieses Jahrs, sogar seines letzten Vierteljahrs! Wie sollte ich nicht meinem ganzen Leben dankbar sein? Und so erzähle ich mir mein Leben.
Warum ich so weise bin. 1. Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem Verhängnis: ich bin, um es in Rätselform auszudrücken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt. Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten Sprosse an der Leiter des Lebens, dekadent zugleich und Anfang - dies, wenn irgend Etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei im Verhältnis zum Gesamtprobleme des Lebens, die mich vielleicht auszeichnet. Ich habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par excellence hierfür, - ich kenne Beides, ich bin Beides. - Mein Vater starb mit sechsunddreissig Jahren: er war zart, liebenswürdig und morbid, wie ein nur zum Vorübergehen bestimmtes Wesen, - eher eine gütige Erinnerung an das Leben, als das Leben selbst. Im gleichen Jahre, wo sein Leben abwärts ging, ging auch das meine abwärts: im sechsunddreißigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt meiner Vitalität, - ich lebte noch, doch ohne drei Schrittweit vor mich zu sehn. Damals - es war 1879 - legte ich meine Basler Professur nieder, lebte den Sommer über wie ein Schatten in St. Moritz und den nächsten Winter, den sonnenärmsten meines Lebens, als Schatten in Naumburg. Dies war mein Minimum: "Der Wanderer und sein Schatten" entstand während dem. Unzweifelhaft, ich verstand mich damals auf Schatten ... Im Winter darauf, meinem ersten Genueser Winter, brachte jene Versüßung und Vergeistigung, diemit einer extremen Armut an Blut und Muskel beinahe bedingt ist, die "Morgenröte" hervor. Die vollkommne Helle und Heiterkeit, selbst Exuberanz des Geistes, welche das genannte Werk wiederspiegelt, verträgt sich bei mir nicht nur mit der tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem Exzess von Schmerzgefühl. Mitten in Martern, die ein ununterbrochner dreitägiger Gehirn-Schmerz samt mühseligem Schleimerbrechen mit sich bringt, - besaß ich eine Dialektiker-Klarheit par excellence und dachte Dinge sehr kaltblütig durch, zu denen ich in gesünderen Verhältnissen nicht Kletterer, nicht raffiniert, nicht kalt genug bin. Meine Leser wissen vielleicht, in wie fern ich Dialektik als Décadence-Symptom betrachte, zum Beispiel im allerberühmtesten Fall: im Fall des Sokrates. - Alle krankhaften Störungen des Intellekts, selbst jene Halbbetäubung, die das Fieber im Gefolge hat, sind mir bis heute gänzlich fremde Dinge geblieben, über deren Natur und Häufigkeit ich mich erst auf gelehrtem Wege zu unterrichten hatte. Mein Blut läuft langsam. Niemand hat je an mir Fieber constatieren können. Ein Arzt, der mich länger als Nervenkranken behandelte, sagte schließlich: "nein! an Ihren Nerven liegt's nicht, ich selber bin nur nervös." Schlechterdings unnachweisbar irgend eine lokale Entartung; kein organisch bedingtes Magenleiden, wie sehr auch immer, als Folge der Gesamterschöpfung, die tiefste Schwäche des gastrischen Systems. Auch das Augenleiden, dem Blindwerden zeitweilig sich gefährlich annähernd, nur Folge, nicht ursächlich: sodass mit jeder Zunahme an Lebenskraft auch die Sehkraft wieder zugenommen hat. - Eine lange, allzu lange Reihe von Jahren bedeutet bei mir Genesung, - sie bedeutet leider auch zugleich Rückfall, Verfall, Periodik einer Art décadence. Brauche ich, nach alledem, zu sagen, dass ich in Fragen der décadence erfahren bin? Ich habe sie vorwärts und rückwärts buchstabiert. Selbst jene Filigran-Kunst des Greifens und Begreifens überhaupt, jene Finger für nuances, jene Psychologie des "Um-die-Ecke-sehns" und was sonst mir eignet, ward damals erst erlernt, ist das eigentliche Geschenk jener Zeit, in der Alles sich bei mir verfeinerte, die Beobachtung selbst wie alle Organe der Beobachtung. Von der Kranken-Optik aus nach gesünderen Begriffen und Werten, und wiederumumgekehrt aus der Fülle und Selbstgewissheit des reichen Lebens hinuntersehn in die heimliche Arbeit des Décadence-Instinkts - das war meine längste Übung,meine eigentliche Erfahrung, wenn irgend worin wurde ich darin Meister. Ich habe es jetzt in der Hand, ich habe die Hand dafür, Perspektiven umzustellen:erster Grund, weshalb für mich allein vielleicht eine "Umwertung der Werte" überhaupt möglich ist.
2. Abgerechnet nämlich, dass ich ein décadent bin, bin ich auch dessen Gegensatz. Mein Beweis dafür ist, unter Anderem, dass ich instinktiv gegen dieschlimmen Zustände immer die rechten Mittel wählte: während der décadent an sich immer die ihm nachtheiligen Mittel wählt. Als summa summarum war ichgesund, als Winkel, als Specialität war ich décadent. Jene Energie zur absoluten Vereinsamung und Herauslösung aus gewohnten Verhältnissen, der Zwanggegen mich, mich nicht mehr besorgen, bedienen, beärzteln zu lassen - das verrät die unbedingte Instinkt-Gewissheit darüber, was damals vor Allem noth that.Ich nahm mich selbst in die Hand, ich machte mich selbst wieder gesund: die Bedingung dazu - jeder Physiologe wird das zugeben - ist, dass man im Grundegesund ist. Ein typisch morbides Wesen kann nicht gesund werden, noch weniger sich selbst gesund machen; für einen typisch Gesunden kann umgekehrtKranksein sogar ein energisches Stimulans zum Leben, zum Mehr-leben sein. So in der That erscheint mir jetzt jene lange Krankheits-Zeit: ich entdeckte dasLeben gleichsam neu, mich selber eingerechnet, ich schmeckte alle guten und selbst kleinen Dinge, wie sie Andre nicht leicht schmecken könnten, - ich machteaus meinem Willen zur; Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie ... Denn man gebe Acht darauf: die Jahre meiner niedrigsten Vitalität waren es, wo ichaufhörte, Pessimist zu sein: der Instinkt der Selbst-Wiederherstellung verbot mir eine Philosophie der Armut und Entmutigung ... Und woran erkennt man imGrunde die Wohlgerathenheit! Dass ein wohlgerathner Mensch unsern Sinnen wohlthut: dass er aus einem Holze geschnitzt ist, das hart, zart und wohlriechendzugleich ist. Ihm schmeckt nur, was ihm zuträglich ist; sein Gefallen, seine Lust hört auf, wo das Maass des Zuträglichen überschritten wird. Er errät Heilmittelgegen Schädigungen, er nützt schlimme Zufälle zu seinem Vortheil aus; was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker. Er sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht,hört, erlebt, seine Summe: er ist ein auswählendes Princip, er lässt Viel durchfallen. Er ist immer in seiner Gesellschaft, ob er mit Büchern, Menschen oderLandschaften verkehrt: er ehrt, indem er wählt, indem er zulässt, indem er vertraut. Er reagiert auf alle Art Reize langsam, mit jener Langsamkeit, die eine langeVorsicht und ein gewollter Stolz ihm angezüchtet haben, - er prüft den Reiz, der herankommt, er ist fern davon, ihm entgegenzugehn. Er glaubt weder an"Unglück", noch an "Schuld": er wird fertig, mit sich, mit Anderen, er weiss zu vergessen, - er ist stark genug, dass ihm Alles zum Besten gereichen muss. -Wohlan, ich bin das Gegenstück eines décadent: denn ich beschrieb eben mich.
3. Ich betrachte es als ein großes Vorrecht, einen solchen Vater gehabt zu haben: die Bauern, vor denen er predigte - denn er war, nachdem er einige Jahre amAltenburger Hofe gelebt hatte, die letzten Jahre Prediger - sagten, so müsse wohl ein Engel aussehn. - Und hiermit berühre ich die Frage der Rasse. ich bin einpolnischer Edelmann pur sang, dem auch nicht ein Tropfen schlechtes Blut beigemischt ist, am wenigsten deutsches. Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mirsuche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester, - mit solcher canaille mich verwandt zu glauben wäreeine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen Augenblick, flösst mir einunsägliches Grauen ein: hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann -in meinen höchsten Augenblicken, ... denn da fehlt jede Kraft, sich gegen giftiges Gewürm zu wehren ... Die physiologische Contiguität ermöglicht eine solchedisharmonia praestabilita ... Aber ich bekenne, dass der tiefste Einwand gegen die "ewige Wiederkunft", mein eigentlich abgründlicher Gedanke, immer Mutterund Schwester sind. - Aber auch als Pole bin ich ein ungeheurer Atavismus. Man würde Jahrhunderte zurückzugehn haben, um diese vornehmste Rasse, die esauf Erden gab, in dem Masse instinktrein zu finden, wie ich sie darstelle. Ich habe gegen Alles, was heute noblesse heisst, ein souveraines Gefühl vonDistinktion, - ich würde dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn, mein Kutscher zu sein. Es giebt einen einzigen Fall, wo ich meines Gleichenanerkenne ich bekenne es mit tiefer Dankbarkeit. Frau Cosima Wagner ist bei Weitem die vornehmste Natur; und, damit ich kein Wort zu wenig sage, sage ich,dass Richard Wagner der mir bei Weitem verwandteste Mann war ... Der Rest ist Schweigen ... Alle herrschenden Begriffe über Verwandtschafts-Grade sindein physiologischer Widersinn, der nicht überboten werden kann. Der Papst treibt heute noch Handel mit diesem Widersinn. Man ist am wenigsten mit seinenEltern verwandt: es wäre das äusserste Zeichen von Gemeinheit, seinen Eltern verwandt zu sein. Die höheren Naturen haben ihren Ursprung unendlich weiterzurück, auf sie hin hat am längsten gesammelt, gespart, gehäuft werden müssen. Die großen Individuen sind die ältesten: ich verstehe es nicht, aber Julius Cäsarkönnte mein Vater sein - oder Alexander, dieser leibhafte Dionysos ... In diesem Augenblick, wo ich dies schreibe, bringt die Post mir einen Dionysos-Kopf ...
4. Ich habe nie die Kunst verstanden, gegen mich einzunehmen auch das verdanke ich meinem unvergleichlichen Vater - und selbst noch, wenn es mir vongroßem Werte schien. Ich bin sogar, wie sehr immer das unchristlich scheinen mag, nicht einmal gegen mich eingenommen. Man mag mein Leben hin- undherwenden, man wird darin, jenen Einen Fall abgerechnet, keine Spuren davon entdecken, dass jemand bösen Willen gegen mich gehabt hätte, - vielleicht aberetwas zu viel Spuren von gutem Willen ... Meine Erfahrungen selbst mit Solchen, an denen Jedermann schlechte Erfahrungen macht, sprechen ohne Ausnahmezu deren Gunsten; ich zähme jeden Bär, ich mache die Hanswürste noch sittsam. In den sieben Jahren, wo ich an der obersten Klasse des Basler PädagogiumsGriechisch lehrte, habe ich keinen Anlass gehabt, eine Strafe zu verhängen; die Faulsten waren bei mir fleissig. Dem Zufall bin ich immer gewachsen; ich mussunvorbereitet sein, um meiner Herr zu sein. Das Instrument, es sei, welches es wolle, es sei so verstimmt, wie nur das Instrument "Mensch" verstimmt werdenkann - ich müsste krank sein, wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm etwas Anhörbares abzugewinnen. Und wie oft habe ich das von den "Instrumenten" selbergehört, dass sie sich noch nie so gehört hätten... Am schönsten vielleicht von jenem unverzeihlich jung gestorbenen Heinrich von Stein, der einmal, nach sorgsameingeholter Erlaubniss, auf drei Tage in Sils-Maria erschien, Jedermann erklärend, dass er nicht wegen des Engadins komme. Dieser ausgezeichnete Mensch,der mit der ganzen ungestümen Einfalt eines preussischen Junkers in den Wagner'schen Sumpf hineingewatet war (- und ausserdem noch in denDühring'schen!) war diese drei Tage wie umgewandelt durch einen Sturmwind der Freiheit, gleich Einem, der plötzlich in seine Höhe gehoben wird und Flügelbekommt. Ich sagte ihm immer, das mache die gute Luft hier oben, so gehe es jedem, man sei nicht umsonst 6000 Fuss über Bayreuth, - aber er wollte mir'snicht glauben ... Wenn trotzdem an mir manche kleine und große Missethat verübt worden ist, so war nicht "der Wille", am wenigsten der böse Wille Grunddavon: eher schon hätte ich mich - ich deutete es eben an - über den guten Willen zu beklagen, der keinen kleinen Unfug in meinem Leben angerichtet hat.Meine Erfahrungen geben mir ein Anrecht auf Misstrauen überhaupt hinsichtlich der sogenannten "selbstlosen" Triebe, der gesammten zu Rath und Thatbereiten "Nächstenliebe". Sie gilt mir an sich als Schwäche, als Einzelfall der Widerstands-Unfähigkeit gegen Reize, - das Mitleiden heisst nur bei décadents eineTugend. Ich werfe den Mitleidigen vor, dass ihnen die Scham, die Ehrfurcht, das Zartgefühl vor Distanzen leicht abhanden kommt, dass Mitleiden imHandumdrehn nach Pöbel riecht und schlechten Manieren zum Verwechseln ähnlich sieht, - dass mitleidige Hände unter Umständen geradezu zerstörerisch inein großes Schicksal in eine Vereinsamung unter Wunden, in ein Vorrecht auf schwere Schuld hineingreifen können. Die Überwindung des Mitleids rechne ichunter die vornehmen Tugenden: ich habe als "Versuchung Zarathustra's" einen Fall gedichtet, wo ein großer Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wieeine letzte Sünde ihn überfallen, ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben, hier die Höhe seiner Aufgabe rein halten von den viel niedrigeren undkurzsichtigeren Antrieben, welche in den sogenannten selbstlosen Handlungen thätig sind, das ist die Probe, die letzte Probe vielleicht, die ein Zarathustraabzulegen hat - sein eigentlicher Beweis von Kraft...
5. Auch noch in einem anderen Punkte bin ich bloss mein Vater noch einmal und gleichsam sein Fortleben nach einem allzufrühen Tode. Gleich jedem, der nieunter seines Gleichen lebte und dem der Begriff "Vergeltung" so unzugänglich ist wie etwa der Begriff "gleiche Rechte", verbiete ich mir in Fällen, wo einekleine oder sehr große Thorheit an mir begangen wird, jede Gegenmaassregel, jede Schutzmaassregel, - wie billig, auch jede Vertheidigung, jede"Rechtfertigung". Meine Art Vergeltung besteht darin, der Dummheit so schnell wie möglich eine Klugheit nachzuschicken: so holt man sie vielleicht noch ein.Im Gleichniss geredet: ich schicke einen Topf mit Confitüren, um eine sauere Geschichte loszuwerden ... Man hat nur Etwas an mir schlimm zu machen, ich"vergelte" es, dessen sei man sicher: ich finde über Kurzem eine Gelegenheit, dem "Missethäter" meinen Dank auszudrücken (mitunter sogar für die Missethat) -oder ihn um Etwas zu bitten, was verbindlicher sein kann als Etwas geben... Auch scheint es mir, dass das gröbste Wort, der gröbste Brief noch gutartiger, nochhonnetter sind als Schweigen. Solchen, die schweigen, fehlt es fast immer an Feinheit und Höflichkeit des Herzens; Schweigen ist ein Einwand,Hinunterschlucken macht nothwendig einen schlechten Charakter, - es verdirbt selbst den Magen. Alle Schweiger sind dyspeptisch. - Man sieht, ich möchte dieGrobheit nicht unterschätzt wissen, sie ist bei weitem die humanste Form des Widerspruchs und, inmitten der modernen Verzärtelung, eine unsrer erstenTugenden. - Wenn man reich genug dazu ist, ist es selbst ein Glück, Unrecht zu haben. Ein Gott, der auf die Erde käme, dürfte gar nichts Andres thun alsUnrecht, - nicht die Strafe, sondern die Schuld auf sich zu nehmen wäre erst göttlich.
6. Die Freiheit vom Ressentiment, die Aufklärung über das Ressentiment - wer weiss, wie sehr ich zuletzt auch darin meiner langen Krankheit zu Dankverpflichtet bin! Das Problem ist nicht gerade einfach: man muss es aus der Kraft heraus und aus der Schwäche heraus erlebt haben. Wenn irgend Etwasüberhaupt gegen Kranksein, gegen Schwachsein geltend gemacht werden muss, so ist es, dass in ihm der eigentliche Heilinstinkt, das ist der Wehr- undWaffen-Instinkt im Menschen mürbe wird. Man weiss von Nichts loszukommen, man weiss mit Nichts fertig zu werden, man weiss Nichts zurückzustossen, -Alles verletzt. Mensch und Ding kommen zudringlich nahe, die Erlebnisse treffen zu tief, die Erinnerung ist eine eiternde Wunde. Kranksein ist eine ArtRessentiment selbst. - Hiergegen hat der Kranke nur Ein großes Heilmittel - ich nenne es den russischen Fatalismus, jenen Fatalismus ohne Revolte, mit demsich ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu hart wird, zuletzt in den Schnee legt. Nichts überhaupt mehr annehmen, an sich nehmen, in sich hineinnehmen, -überhaupt nicht mehr reagieren ... Die große Vernunft dieses Fatalismus, der nicht immer nur der Mut zum Tode ist, als lebenerhaltend unter denlebensgefährlichsten Umständen, ist die Herabsetzung des Stoffwechsels, dessen Verlangsamung, eine Art Wille zum Winterschlaf. Ein paar Schritte weiter indieser Logik, und man hat den Fakir, der wochenlang in einem Grabe schläft ... Weil man zu schnell sich verbrauchen würde, wenn man überhaupt reagierte,reagiert man gar nicht mehr: dies ist die Logik. Und mit Nichts brennt man rascher ab, als mit den Ressentiments-Affekten. Der Ärger, die krankhafteVerletzlichkeit, die Ohnmacht zur Rache, die Lust, der Durst nach der Rache, das Giftmischen in jedem Sinne - das ist für Erschöpfte sicherlich dienachtheiligste Art zu reagieren: ein rapider Verbrauch von Nervenkraft, eine krankhafte Steigerung schädlicher Ausleerungen, zum Beispiel der Galle in denMagen, ist damit bedingt. Das Ressentiment ist das Verbotene an sich für den Kranken - sein Böses: leider auch sein natürlichster Hang. - Das begriff jenertiefe Physiolog Buddha. Seine "Religion", die man besser als eine Hygiene bezeichnen dürfte, um sie nicht mit so erbarmungswürdigen Dingen wie dasChristenthum ist, zu vermischen, machte ihre Wirkung abhängig von dem Sieg über das Ressentiment: die Seele davon frei machen - erster Schritt zurGenesung. "Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende": das steht am Anfang der Lehre Buddhas -so redet nicht die Moral, so redet die Physiologie. - Das Ressentiment, aus der Schwäche geboren, Niemandem schädlicher als dem Schwachen selbst, - imandern Falle, wo eine reiche Natur die Voraussetzung ist, ein überflüssiges Gefühl, ein Gefühl, über das Herr zu bleiben beinahe der Beweis des Reichthums ist.Wer den Ernst kennt, mit dem meine Philosophie den Kampf mit den Rach- und Nachgefühlen bis in die Lehre vom "freien Willen" hinein aufgenommen hat -der Kampf mit dem Christenthum ist nur ein Einzelfall daraus - wird verstehn, weshalb ich mein persönliches Verhalten, meine instinktsicherheit in der Praxishier gerade an's Licht stelle. In den Zeiten der décadence verbot ich sie mir als schädlich; sobald das Leben wieder reich und stolz genug dazu war, verbot ichsie mir als unter mir. Jener "russische Fatalismus", von dem ich sprach, trat darin bei mir hervor, dass ich beinahe unerträgliche Lagen, Orte, Wohnungen,Gesellschaften, nachdem sie einmal, durch Zufall, gegeben waren, Jahre lang zäh festhielt, - es war besser, als sie ändern, als sie veränderbar zu fühlen, - alssich gegen sie aufzulehnen ... Mich in diesem Fatalismus stören, mich gewaltsam aufwecken nahm ich damals tödtlich übel: - in Wahrheit war es auch jedes Maltödtlich gefährlich. - Sich selbst wie ein Fatum nehmen, nicht sich "anders" wollen - das ist in solchen Zuständen die große Vernunft selbst.
7. Ein ander Ding ist der Krieg. Ich bin meiner Art nach kriegerisch. Angreifen gehört zu meinen Instinkten. Feind sein können, Feind sein - das setzt vielleichteine starke Natur voraus, jedenfalls ist es bedingt in jeder starken Natur. Sie braucht Widerstände, folglich sucht sie Widerstand: das aggressive Pathos gehörtebenso nothwendig zur Stärke als das Rach- und Nachgefühl zur Schwäche. Das Weib zum Beispiel ist rachsüchtig: das ist in seiner Schwäche bedingt, so gutwie seine Reizbarkeit für fremde Noth. - Die Stärke des Angreifenden hat in der Gegnerschaft, die er nöthig hat, eine Art Maass; jedes Wachsthum verrät sich im Aufsuchen eines gewaltigeren Gegners - oder Problems: denn ein Philosoph, der kriegerisch ist, fordert auch Probleme zum Zweikampf heraus. Die Aufgabe ist nicht, überhaupt über Widerstände Herr zu werden, sondern über solche, an denen man seine ganze Kraft, Geschmeidigkeit und Waffen-Meisterschaft einzusetzen hat, - über gleiche Gegner... Gleichheit vor dem Feinde - erste Voraussetzung zu einem rechtschaffnen Duell. Wo man verachtet, kann man nicht Krieg führen; wo man befiehlt, wo man Etwas unter sich sieht, hat man nicht Krieg zu führen. Meine Kriegs-Praxis ist in vier Sätze zu fassen. Erstens: ich greife nur Sachen an, die siegreich sind, - ich warte unter Umständen, bis sie siegreich sind. Zweitens: ich greife nur Sachen an, wo ich keine Bundesgenossenfinden würde, wo ich allein stehe, - wo ich mich allein compromittiere ... Ich habe nie einen Schritt öffentlich gethan, der nicht compromittierte: das ist meinKriterium des rechten Handelns. Drittens: ich greife nie Personen an, - ich bediene mich der Person nur wie eines starken Vergrösserungsglases, mit dem maneinen allgemeinen, aber schleichenden, aber wenig greifbaren Nothstand sichtbar machen kann. So griff ich David Strauss an, genauer den Erfolg einesaltersschwachen Buchs bei der deutschen "Bildung", - ich ertappte diese Bildung dabei auf der That... So griff ich Wagnern an, genauer die Falschheit, dieInstinkt-Halbschlächtigkeit unsrer "Cultur", welche die Raffinierten mit den Reichen, die Späten mit den Großen verwechselt. Viertens: ich greife nur Dinge an,wo jedwede Personen-Differenz ausgeschlossen ist, wo jeder Hintergrund schlimmer Erfahrungen fehlt. Im Gegentheil, angreifen ist bei mir ein Beweis desWohlwollens, unter Umständen der Dankbarkeit. Ich ehre, ich zeichne aus damit, dass ich meinen Namen mit dem einer Sache, einer Person verbinde: für oderwider - das gilt mir darin gleich. Wenn ich dem Christenthum den Krieg mache, so steht dies mir zu, weil ich von dieser Seite aus keine Fatalitäten undHemmungen erlebt habe, - die ernstesten Christen sind mir immer gewogen gewesen. Ich selber, ein Gegner des Christenthums de rigueur, bin ferne davon, esdem Einzelnen nachzutragen, was das Verhängniss von Jahrtausenden ist.
8. Darf ich noch. einen letzten Zug meiner Natur anzudeuten wagen, der mir im Umgang mit Menschen keine kleine Schwierigkeit macht? Mir eignet einevollkommen unheimliche Reizbarkeit des Reinlichkeits-Instinkts, so dass ich die Nähe oder - was sage ich? - das Innerlichste, die "Eingeweide" jeder Seelephysiologisch wahrnehme - rieche... Ich habe an dieser Reizbarkeit psychologische Fühlhörner, mit denen ich jedes Geheimniss betaste und in die Handbekomme: der viele verborgene Schmutz auf dem Grunde mancher Natur, vielleicht in schlechtem Blut bedingt, aber durch Erziehung übertüncht, wird mir fastbei der ersten Berührung schon bewusst. Wenn ich recht beobachtet habe, empfinden solche meiner Reinlichkeit unzuträgliche Naturen die Vorsicht meinesEkels auch ihrerseits: sie werden damit nicht wohlriechender ... So wie ich mich immer gewöhnt habe - eine extreme Lauterkeit gegen mich ist meineDaseins-Voraussetzung, ich komme um unter unreinen Bedingungen, schwimme und bade und plätschere ich gleichsam beständig im Wasser, in irgend einemvollkommen durchsichtigen und glänzenden Elemente. Das macht mir aus dem Verkehr mit Menschen keine kleine Gedulds-Probe; meine Humanität bestehtnicht darin, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten, dass ich ihn mitfühle ... Meine Humanität ist eine beständige Selbstüberwindung. - Aber ichhabe Einsamkeit nöthig, will sagen, Genesung, Rückkehr zu mir, den Athem einer freien leichten spielenden Luft ... Mein ganzer Zarathustra ist ein Dithyrambusauf die Einsamkeit, oder, wenn man mich verstanden hat, auf die Reinheit... Zum Glück nicht auf die reine Thorheit. - Wer Augen für Farben hat, wird ihndiamanten nennen. - Der Ekel am Menschen, am "Gesindel" war immer meine grösste Gefahr ... Will man die Worte hören, in denen Zarathustra von derErlösung vom Ekel redet? Was geschah mir doch? Wie erlöste ich mich vom Ekel? Wer verjüngte mein Auge? Wie erflog ich die Höhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen sitzt? Schuf mein Ekel selber mir Flügel und quellenahnende Kräfte? Wahrlich, in's Höchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust wiederfände!- Oh ich fand ihn, meine Brüder! Hier im Höchsten quillt mir der Born der Lust! Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mittrinkt! Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den Becher wieder, dadurch, dass du ihn füllen willst. Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig strömt dir noch mein Herz entgegen: - mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse, schwermüthige, überselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner Kühle! Vorbei die zögernde Trübsal meines Frühlings! Vorüber die Schneeflocken meiner Bosheit im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag, - ein Sommer im Höchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh kommt, meine Freunde, dass die Stille noch seliger werde! Denn dies ist unsre Höhe und unsre Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier allen Unreinen und ihrem Durste. Werft nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob trübe werden? Entgegenlachen soll er euch mit seiner Reinheit. Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen Speise bringen in ihren Schnäbeln! Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen dürften! Feuer würden sie zu fressen wähnen und sich die Mäuler verbrennen. Wahrlich, keine Heimstätten halten wir hier bereit für Unsaubere! Eishöhle würde ihren Leibern unser Glück heissen und ihren Geistern! Und wie starke Winde wollen wir über ihnen leben, Nachbarn den Adlern, Nachbarn dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde. Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit meinem Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft. Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen: und solchen Rath rät er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit: hütet euch, gegen denWind zu speien! ...
Warum ich so klug bin. 1. Warum ich Einiges mehr weiss? Warum ich überhaupt so klug bin? Ich habe nie über Fragen nachgedacht, die keine sind, - ich habe mich nichtverschwendet. Eigentliche religiöse Schwierigkeiten zum Beispiel kenne ich nicht aus Erfahrung. Es ist mir gänzlich entgangen, in wiefern ich "sündhaft" seinsollte. Insgleichen fehlt mir ein zuverlässiges Kriterium dafür, was ein Gewissensbiss ist: nach dem, was man darüber hört, scheint mir ein Gewissensbiss nichtsAchtbares ... Ich möchte nicht eine Handlung hinterdrein in Stich lassen, ich würde vorziehn, den schlimmen Ausgang, die Folgen grundsätzlich aus derWertfrage wegzulassen. Man verliert beim schlimmen Ausgang gar zu leicht den richtigen Blick für Das, was man that: ein Gewissensbiss scheint mir eine Art"böser Blick". Etwas, das fehlschlägt, um so mehr bei sich in Ehren halten, weil es fehlschlug - das gehört eher schon zu meiner Moral. - "Gott", "Unsterblichkeitder Seele", "Erlösung", "Jenseits" lauter Begriffe, denen ich keine Aufmerksamkeit, auch keine Zeit geschenkt habe, selbst als Kind nicht, - ich war vielleicht niekindlich genug dazu? - Ich kenne den Atheismus durchaus nicht als Ergebniss, noch weniger als Ereigniss: er versteht sich bei mir aus Instinkt. Ich bin zuneugierig, zu fragwürdig, zu übermüthig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelicatesse gegen unsDenker -, im Grunde sogar bloss ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken! ... Ganz anders interessiert mich eine Frage, an der mehr das "Heil derMenschheit" hängt, als an irgend einer Theologen-Curiosität: die Frage der Ernährung. Man kann sie sich, zum Handgebrauch, so formulieren: "wie hast geradedu dich zu ernähren, um zu deinem Maximum von Kraft, von Viertù im Renaissance-Stile, von moralinfreier Tugend zu kommen?" - Meine Erfahrungen sind hierso schlimm als möglich; ich bin erstaunt, diese Frage so spät gehört, aus diesen Erfahrungen so spät "Vernunft" gelernt zu haben. Nur die vollkommneNichtswürdigkeit unsrer deutschen Bildung - ihr "Idealismus" - erklärt mir einigermaassen, weshalb ich gerade hier rückständig bis zur Heiligkeit war. Diese"Bildung", welche von vornherein die Realitäten aus den Augen verlieren lehrt, um durchaus problematischen, sogenannten "idealen" Zielen nachzujagen, zumBeispiel der "klassischen Bildung": - als ob es nicht von vornherein verurtheilt wäre, "klassisch", und "deutsch" in Einen Begriff zu einigen! Mehr noch, es wirkterheiternd, - man denke sich einmal einen "klassisch gebildeten" Leipziger! - In der That, ich habe bis zu meinen reifsten Jahren immer nur schlecht gegessen, -moralisch ausgedrückt "unpersönlich", "selbstlos", "altruistisch", zum Heil der Köche und andrer Mitchristen. Ich verneinte zum Beispiel durch Leipziger Küche,gleichzeitig mit meinem ersten Studium Schopenhauer's (1865), sehr ernsthaft meinen "Willen zum Leben". Sich zum Zweck unzureichender Ernährung auchnoch den Magen verderben - dies Problem schien mir die genannte Küche zum Verwundern glücklich zu lösen. (Man sagt, 1866 habe darin eine Wendunghervorgebracht -.) Aber die deutsche Küche überhaupt - was hat sie nicht Alles auf dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit (noch in VenetianischenKochbüchern des 16. Jahrhunderts alla tedesca genannt); die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise zumBriefbeschwerer! Rechnet man gar noch die geradezu viehischen Nachguss-Bedürfnisse der alten, durchaus nicht bloss alten Deutschen dazu, so versteht manauch die Herkunft des deutschen Geistes - aus betrübten Eingeweiden ... Der deutsche Geist ist eine Indigestion, er wird mit Nichts fertig. - Aber auch dieenglische Diät, die, im Vergleich mit der deutschen, selbst der französischen, eine Art "Rückkehr zur Natur", nämlich zum Canibalismus ist, geht meinem eignenInstinkt tief zuwider; es scheint mir, dass sie dem Geist schwere Füsse giebt - Engländerinnen-Füsse ... Die beste Küche ist die Piemont's. - Alkoholika sind mirnachtheilig; ein Glas Wein oder Bier des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein "Jammerthal" zu machen, - in München leben meine Antipoden.Gesetzt, dass ich dies ein wenig spät begriff, erlebt habe ich's eigentlich von Kindesbeinen an. Als Knabe glaubte ich, Weintrinken sei wie Tabakrauchenanfangs nur eine Vanitas junger Männer, später eine schlechte Gewöhnung. Vielleicht, dass an diesem herben Urtheil auch der Naumburger Wein mit schuld ist.Zu glauben, dass der Wein erheitert, dazu müsste ich Christ sein, will sagen glauben, was gerade für mich eine Absurdität ist. Seltsam genug, bei dieserextremen Verstimmbarkeit durch kleine, stark verdünnte Dosen Alkohol, werde ich beinahe zum Seemann, wenn es sich um starke Dosen handelt. Schon alsKnabe hatte ich hierin meine Tapferkeit. Eine lange lateinische Abhandlung in Einer Nachtwache niederzuschreiben und auch noch abzuschreiben, mit demEhrgeiz in der Feder, es meinem Vorbilde Sallust in Strenge und Gedrängtheit nachzuthun und einigen Grog von schwerstem Kaliber über mein Latein zugiessen, dies stand schon, als ich Schüler der ehrwürdigen Schulpforta war, durchaus nicht im Widerspruch zu meiner Physiologie, noch vielleicht auch zu derdes Sallust wie sehr auch immer zur ehrwürdigen Schulpforta ... Später, gegen die Mitte des Lebens hin, entschied ich mich freilich immer strenger gegenjedwedes "geistige" Getränk: ich, ein Gegner des Vegetarierthums aus Erfahrung, ganz wie Richard Wagner, der mich bekehrt hat, weiss nicht ernsthaft genugdie unbedingte Enthaltung von Alcoholicis allen geistigeren Naturen anzurathen. Wasser thut's ... Ich ziehe Orte vor, wo man überall Gelegenheit hat, ausfliessenden Brunnen zu schöpfen (Nizza, Turin, Sils); ein kleines Glas läuft mir nach wie ein Hund. In vino veritas: es scheint, dass ich auch hier wieder über denBegriff "Wahrheit" mit aller Welt uneins bin: - bei mir schwebt der Geist über dem Wasser... Ein paar Fingerzeige noch aus meiner Moral. Eine starke Mahlzeitist leichter zu verdauen als eine zu kleine. Dass der Magen als Ganzes in Thätigkeit tritt, erste Voraussetzung einer guten Verdauung. Man muss die Grösseseines Magens kennen. Aus gleichem Grunde sind jene langwierigen Mahlzeiten zu widerrathen, die ich unterbrochne Opferfeste nenne, die an der table d'hôte.- Keine Zwischenmahlzeiten, keinen Café: Café verdüstert. Thee nur morgens zuträglich. Wenig, aber energisch; Thee sehr nachtheilig und den ganzen Tagankränkelnd, wenn er nur um einen Grad zu schwach ist. Jeder hat hier sein Maass, oft zwischen den engsten und delikatesten Grenzen. In einem sehragaçanten Klima ist Thee als Anfang unrätlich: man soll eine Stunde vorher eine Tasse dicken entölten Cacao's den Anfang machen lassen. - So wenig alsmöglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.Alle Vorurtheile kommen aus den Eingeweiden. - Das Sitzfleisch - ich sagte es schon einmal - die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist.
2. Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort und Klima. Es steht Niemandem frei, überall zu leben; und wer große Aufgaben zu lösenhat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl. Der klimatische Einfluss auf den Stoffwechsel, seine Hemmung, seineBeschleunigung, geht so weit, dass ein Fehlgriff in Ort und Klima jemanden nicht nur seiner Aufgabe entfremden, sondern ihm dieselbe überhaupt vorenthaltenkann: er bekommt sie nie zu Gesicht. Der animalische vigor ist nie groß genug bei ihm geworden, dass jene ins Geistigste überströmende Freiheit erreicht wird,wo jemand erkennt: das kann ich allein ... Eine zur schlechten Gewohnheit gewordne noch so kleine Eingeweide-Trägheit genügt vollständig, um aus einemGenie etwas Mittelmässiges, etwas "Deutsches", zu machen; das deutsche Klima allein ist ausreichend, um starke und selbst heroisch angelegte Eingeweide zuentmutigen. Das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältniss zur Beweglichkeit oder Lahmheit der Füsse des Geistes; der "Geist" selbst ist janur eine Art dieses Stoffwechsels. Man stelle sich die Orte zusammen, wo es geistreiche Menschen giebt und gab, wo Witz, Raffinement, Bosheit zum Glückgehörten, wo das Genie fast nothwendig sich heimisch machte: sie haben alle eine ausgezeichnet trockne Luft. Paris, die Provence, Florenz, Jerusalem, Athen -diese Namen beweisen Etwas: das Genie ist bedingt durch trockne Luft, durch reinen Himmel, - das heisst durch rapiden Stoffwechsel, durch die Möglichkeit,große, selbst ungeheure Mengen Kraft sich immer wieder zuzuführen. Ich habe einen Fall vor Augen, wo ein bedeutend und frei angelegter Geist bloss durchMangel an Instinkt-Feinheit im Klimatischen eng, verkrochen, Specialist und Sauertopf wurde. Und ich selber hätte zuletzt dieser Fall werden können, gesetzt,dass mich nicht die Krankheit zur Vernunft, zum Nachdenken über die Vernunft in der Realität gezwungen hätte. Jetzt, wo ich die Wirkungen klimatischen undmeteorologischen Ursprungs aus langer Übung an mir als an einem sehr feinen und zuverlässigen Instrumente ablese und bei einer kurzen Reise schon, etwavon Turin nach Mailand, den Wechsel in den Graden der Luftfeuchtigkeit physiologisch bei mir nachrechne, denke ich mit Schrecken an die unheimlicheTatsache, dass mein Leben bis auf die letzten 10 Jahre, die lebensgefährlichen Jahre, immer sich nur in falschen und mir geradezu verbotenen Orten abgespielthat. Naumburg, Schulpforta, Thüringen überhaupt, Leipzig, Basel - ebenso viele Unglücks-Orte für meine Physiologie. Wenn ich überhaupt von meiner ganzenKindheit und Jugend keine willkommne Erinnerung habe, so wäre es eine Thorheit, hier sogenannte "moralische" Ursachen geltend zu machen, - etwa denunbestreitbaren Mangel an zureichender Gesellschaft: denn dieser Mangel besteht heute wie er immer bestand, ohne dass er mich hinderte, heiter und tapfer zusein. Sondern die Unwissenheit in physiologicis - der verfluchte "Idealismus" - ist das eigentliche Verhängniss in meinem Leben, das überflüssige und Dummedarin, Etwas, aus dem nichts Gutes gewachsen, für das es keine Ausgleichung, keine Gegenrechnung giebt. Aus den Folgen dieses "Idealismus" erkläre ich miralle Fehlgriffe, alle großen Instinkt-Abirrungen und "Bescheidenheiten" abseits der Aufgabe meines Lebens, zum Beispiel, dass ich Philologe wurde - warumzum Mindesten nicht Arzt oder sonst irgend etwas Augen-Aufschliessendes? In meiner Basler Zeit war meine ganze geistige Diät, die Tages-Eintheilungeingerechnet, ein vollkommen sinnloser Missbrauch ausserordentlicher Kräfte, ohne eine irgendwie den Verbrauch deckende Zufuhr von Kräften, ohne einNachdenken selbst über Verbrauch und Ersatz. Es fehlte jede feinere Selbstigkeit, jede Obhut eines gebieterischen Instinkts, es war ein Sich-gleichsetzen mitIrgendwem, eine "Selbstlosigkeit", ein Vergessen seiner Distanz, - Etwas, das ich mir nie verzeihe. Als ich fast am Ende war, dadurch das sich fast am Endewar, wurde ich nachdenklich über diese Grund-Unvernunft meines Lebens - den "Idealismus". Die Krankheit brachte mich erst zur Vernunft.
3. Die Wahl in der Ernährung; die Wahl von Klima und Ort; das Dritte, worin man um keinen Preis einen Fehlgriff thun darf, ist die Wahl seiner Art Erholung.Auch hier sind je nach dem Grade, in dem ein Geist sui generis ist, die Grenzen des ihm Erlaubten, das heisst Nützlichen, eng und enger. In meinem Fall gehörtalles Lesen zu meinen Erholungen: folglich zu dem, was mich von mir losmacht, was mich in fremden Wissenschaften und Seelen spazieren gehn lässt, - was ichnicht mehr ernst nehme. Lesen erholt mich eben von meinem Ernste. In tief arbeitsamen Zeiten sieht man keine Bücher bei mir: ich würde mich hüten,jemanden in meiner Nähe reden oder gar denken zu lassen. Und das hieße ja lesen ... Hat man eigentlich beobachtet, dass in jener tiefen Spannung, zu der dieSchwangerschaft den Geist und im Grunde den ganzen Organismus verurtheilt, der Zufall, jede Art Reiz von aussen her zu vehement wirkt, zu tief "einschlägt"?Man muss dem Zufall, dem Reiz von aussen her so viel als möglich aus dem Wege gehn; eine Art Selbst-Vermauerung gehört zu den ersten Instinkt-Klugheitender geistigen Schwangerschaft. Werde ich es erlauben, dass ein fremder Gedanke heimlich über die Mauer steigt? - Und das hieße ja lesen... Auf die Zeitender Arbeit und Fruchtbarkeit folgt die Zeit der Erholung: heran mit euch, ihr angenehmen, ihr geistreichen, ihr gescheuten Bücher! - Werden es deutsche Büchersein? ... Ich muss ein Halbjahr zurückrechnen, dass ich mich mit einem Buch in der Hand ertappe. Was war es doch? - Eine ausgezeichnete Studie von VictorBrochard, les Sceptiques Grecs, in der auch meine Laertiana gut benutzt sind. Die Skeptiker, der einzige ehrenwerte Typus unter dem so zwei- bis fünfdeutigenVolk der Philosophen! ... Sonst nehme ich meine Zuflucht fast immer zu den selben Büchern, einer kleinen Zahl im Grunde, den gerade für mich bewiesenenBüchern. Es liegt vielleicht nicht in meiner Art, Viel und Vielerlei zu lesen: ein Lesezimmer macht mich krank. Es liegt auch nicht in meiner Art, Viel oderVielerlei zu lieben. Vorsicht, selbst Feindseligkeit gegen neue Bücher gehört eher schon zu meinem Instinkte, als "Toleranz", "largeur du coeur" und andre"Nächstenliebe" ... Im Grunde ist es eine kleine Anzahl älterer Franzosen zu denen ich immer wieder zurückkehre: ich glaube nur an französische Bildung undhalte Alles, was sich sonst in Europa "Bildung" nennt, für Missverständniss, nicht zu reden von der deutschen Bildung ... Die wenigen Fälle hoher Bildung, die ichin Deutschland vorfand, waren alle französischer Herkunft, vor Allem Frau Cosima Wagner, bei weitem die erste Stimme in Fragen des Geschmacks, die ichgehört habe... Dass ich Pascal nicht lese, sondern liebe, als das lehrreichste Opfer des Christenthums, langsam hingemordet, erst leiblich, dann psychologisch, dieganze Logik dieser schauderhaftesten Form unmenschlicher Grausamkeit; dass ich Etwas von Montaigne's Mutwillen im Geiste, wer weiss? vielleicht auch imLeibe habe; dass mein Artisten-Geschmack die Namen Molière, Corneille und Racine nicht ohne Ingrimm gegen ein wüstes Genie wie Shakespeare in Schutznimmt: das schliesst zuletzt nicht aus, dass mir nicht auch die allerletzten Franzosen eine charmante Gesellschaft wären. Ich sehe durchaus nicht ab, in welchemJahrhundert der Geschichte man so neugierige und zugleich so delikate Psychologen zusammenfischen könnte, wie im jetzigen Paris: ich nenne versuchsweise -denn ihre Zahl ist gar nicht klein - die Herrn Paul Bourget, Pierre Loti, Gyp, Meilhac, Anatole France, Jules Lemaître, oder um Einen von der starken Rassehervorzuheben, einen echten Lateiner, dem ich besonders zugethan bin, Guy de Maupassant. Ich ziehe diese Generation, unter uns gesagt, sogar ihren großenLehrern vor, die allesammt durch deutsche Philosophie verdorben sind: Herr Taine zum Beispiel durch Hegel, dem er das Missverständniss großer Menschenund Zeiten verdankt. So weit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur. Der Krieg erst hat den Geist in Frankreich "erlöst" ... Stendhal, einer der schönstenZufälle meines Lebens denn Alles, was in ihm Epoche macht, hat der Zufall, niemals eine Empfehlung mir zugetrieben - ist ganz unschätzbar mit seinemvorwegnehmenden Psychologen-Auge, mit seinem Thatsachen-Griff, der an die Nähe des grössten Thatsächlichen erinnert (ex ungue Napoleonem -); endlichnicht am Wenigsten als ehrlicher Atheist, eine in Frankreich spärliche und fast kaum auffindbare species, - Prosper Mérimée in Ehren ... Vielleicht bin ich selbstauf Stendhal neidisch? Er hat mir den besten Atheisten-Witz weggenommen, den gerade ich hätte machen können: "die einzige Entschuldigung Gottes ist, dasser nicht existiert" ... Ich selbst habe irgendwo gesagt: was war der grösste Einwand gegen das Dasein bisher? Gott...
4. Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich suche umsonst in allen Reichen der Jahrtausende nach einer gleich süssen undleidenschaftlichen Musik. Er besass jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommne nicht zu denken vermag, - ich schätze den Wert von Menschen,von Rassen darnach ab, wie nothwendig sie den Gott nicht abgetrennt vom Satyr zu verstehen wissen. - Und wie er das Deutsche handhabt! Man wird einmalsagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind - in einer unausrechenbaren Entfernung von Allem, was blosseDeutsche mit ihr gemacht haben. Mit Byrons Manfred muss ich tief verwandt sein: ich fand alle diese Abgründe in mir, - mit dreizehn Jahren war ich für diesWerk reif. Ich habe kein Wort, bloss einen Blick für die, welche in Gegenwart des Manfred das Wort Faust auszusprechen wagen. Die Deutschen sind unfähigjedes Begriffs von Grösse: Beweis Schumann. Ich habe eigens, aus Ingrimm gegen diesen süsslichen Sachsen, eine Gegenouvertüre zum Manfred componiert,von der Hans von Bülow sagte, dergleichen habe er nie auf Notenpapier gesehn: das sei Nothzucht an der Euterpe. - Wenn ich meine höchste Formel fürShakespeare suche, so finde ich immer nur die, dass er den Typus Cäsar concipiert hat. Dergleichen errät man nicht, - man ist es oder man ist es nicht. Dergroße Dichter schöpft nur aus seiner Realität - bis zu dem Grade, dass er hinterdrein sein Werk nicht mehr aushält... Wenn, ich einen Blick in meinenZarathustra geworfen habe, gehe ich eine halbe Stunde im Zimmer auf und ab, unfähig, über einen unerträglichen Krampf von Schluchzen Herr zu werden. - Ichkenne keine herzzerreissendere Lektüre als Shakespeare: was muss ein Mensch gelitten haben, um dergestalt es nöthig zu haben, Hanswurst zu sein! - Verstehtman den Hamlet? Nicht der Zweifel, die Gewissheit ist das, was wahnsinnig macht ... Aber dazu muss man tief, Abgrund, Philosoph sein, um so zu fühlen... Wirfürchten uns Alle vor der Wahrheit ... Und, dass ich es bekenne: ich bin dessen instinktiv sicher und gewiss, dass Lord Bacon der Urheber, der Selbstthierquälerdieser unheimlichsten Art Litteratur ist: was geht mich das erbarmungswürdige Geschwätz amerikanischer Wirr- und Flachköpfe an? Aber die Kraft zurmächtigsten Realität der Vision ist nicht nur verträglich mit der mächtigsten Kraft zur That, zum Ungeheuren der That, zum Verbrechen sie setzt sie selbstvoraus... Wir wissen lange nicht genug von Lord Bacon, dem ersten Realisten in jedem großen Sinn des Wortes, um zu wissen, was er Alles gethan, was ergewollt, was er mit sich erlebt hat ... Und zum Teufel, mein<e> Herrn Kritiker! Gesetzt, ich hätte meinen Zarathustra auf einen fremden Namen getauft, zumBeispiel auf den von Richard Wagner, der Scharfsinn von zwei Jahrtausenden hätte nicht ausgereicht, zu errathen, dass der Verfasser von "Menschliches,Allzumenschliches" der Visionär des Zarathustra ist ...
5. Hier, wo ich von den Erholungen meines Lebens rede, habe ich ein Wort nöthig, um meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was mich in ihm bei weitem amTiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. Ich lasse den Rest meiner menschlichenBeziehungen billig; ich möchte um keinen Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimenZufälle der tiefen Augenblicke... Ich weiss nicht, was Andre mit Wagner erlebt haben: über unsern Himmel ist nie eine Wolke hinweggegangen. - Und hiermitkomme ich nochmals auf Frankreich zurück, - ich habe keine Gründe, ich habe bloss einen verachtenden Mundwinkel gegen Wagnerianer et hoc genus omneübrig, welche Wagner damit zu ehren glauben, dass sie ihn sich ähnlich finden ... So wie ich bin, in meinen tiefsten Instinkten Allem, was deutsch ist, fremd, sodass schon die Nähe eines Deutschen meine Verdauung verzögert, war die erste Berührung mit Wagner auch das erste Aufathmen in meinem Leben: ichempfand, ich verehrte ihn als Ausland, als Gegensatz, als leibhaften Protest gegen alle "deutschen Tugenden" - Wir, die wir in der Sumpfluft der Fünfziger JahreKinder gewesen sind, sind mit Nothwendigkeit Pessimisten für den Begriff "deutsch"; wir können gar nichts Anderes sein als Revolutionäre, - wir werden keinenZustand der Dinge zugeben, wo der Mucker obenauf ist. Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob er heute in andren Farben spielt, ob er sich in Scharlach kleidetund Husaren-Uniformen anzieht ... Wohlan! Wagner war ein Revolutionär - er lief vor den Deutschen davon ... Als Artist hat man keine Heimat in Europaausser in Paris; die délicatesse in allen fünf Kunstsinnen, die Wagner's Kunst voraussetzt, die Finger für nuances, die psychologische Morbidität, findet sich nurin Paris. Man hat nirgendswo sonst diese Leidenschaft in Fragen der Form, diesen Ernst in der mise en scène - es ist der Pariser Ernst par excellence. Man hatin Deutschland gar keinen Begriff von der ungeheuren Ambition, die in der Seele eines Pariser Künstlers lebt. Der Deutsche ist gutmüthig - Wagner wardurchaus nicht gutmüthig ... Aber ich habe schon zur Genüge ausgesprochen (in "Jenseits von Gut und Böse" S. 256 f.), wohin Wagner gehört, in wem er seineNächstverwandten hat: es ist die französische Spät-Romantik, jene hochfliegende und hoch emporreissende Art von Künstlern wie Delacroix, wie Berlioz, miteinem fond von Krankheit, von Unheilbarkeit im Wesen, lauter Fanatiker des Ausdrucks, Virtuosen durch und durch ... Wer war der erste intelligente AnhängerWagner's überhaupt? Charles Baudelaire, derselbe, der zuerst Delacroix verstand, jener typische décadent, in dem sich ein ganzes Geschlecht von Artistenwiedererkannt hat - er war vielleicht auch der letzte ... Was ich Wagnern nie vergeben habe? Dass er zu den Deutschen condescendierte, - dass er reichsdeutschwurde... Soweit Deutschland reicht, verdirbt es die Cultur.
6. Alles erwogen, hätte ich meine Jugend nicht ausgehalten ohne Wagnerische Musik. Denn ich war verurtheilt zu Deutschen. Wenn man von einemunerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch nöthig. Wohlan, ich hatte Wagner nöthig. Wagner ist das Gegengift gegen alles Deutsche parexcellence, - Gift, ich bestreite es nicht ... Von dem Augenblick an, wo es einen Klavierauszug des Tristan gab - mein Compliment, Herr von Bülow! -, war ichWagnerianer. Die älteren Werke Wagner's sah ich unter mir - noch zu gemein, zu "deutsch" ... Aber ich suche heute noch nach einem Werke von gleichgefährlicher Fascination, von einer gleich schauerlichen und süssen Unendlichkeit, wie der Tristan ist, - ich suche in allen Künsten vergebens. Alle FremdheitenLionardo da Vinci's entzaubern sich beim ersten Tone des Tristan. Dies Werk ist durchaus das non plus ultra Wagner's; er erholte sich von ihm mit denMeistersingern und dem Ring. Gesünder werden - das ist ein Rückschritt bei einer Natur wie Wagner ... Ich nehme es als Glück ersten Rangs, zur rechten Zeitgelebt und gerade unter Deutschen gelebt zu haben, um reif für dies Werk zu sein: so weit geht bei mir die Neugierde des Psychologen. Die Welt ist arm fürden, der niemals krank genug für diese "Wollust der Hölle" gewesen ist: es ist erlaubt, es ist fast geboten, hier eine Mystiker-Formel anzuwenden. - Ich denke,ich kenne besser als irgend jemand das Ungeheure, das Wagner vermag, die fünfzig Welten fremder Entzückungen, zu denen Niemand ausser ihm Flügel hatte;und so wie ich bin, stark genug, um mir auch das Fragwürdigste und Gefährlichste noch zum Vortheil zu wenden und damit stärker zu werden, nenne ichWagner den großen Wohlthäter meines Lebens. Das, worin wir verwandt sind, dass wir tiefer gelitten haben, auch an einander, als Menschen diesesJahrhunderts zu leiden vermöchten, wird unsre Namen ewig wieder zusammenbringen; und so gewiss Wagner unter Deutschen bloss ein Missverständniss ist,so gewiss bin ich's und werde es immer sein. - Zwei Jahrhunderte psychologische und artistische Diciplin zu erst, meine Herrn Germanen! ... Aber das holt mannicht nach.
7. Ich sage noch ein Wort für die ausgesuchtesten Ohren: was ich eigentlich von der Musik will. Dass sie heiter und tief ist, wie ein Nachmittag im Oktober.Dass sie eigen, ausgelassen, zärtlich, ein kleines süsses Weib von Niedertracht und Anmut ist ... ich werde nie zulassen, dass ein Deutscher wissen könne, wasMusik ist. Was man deutsche Musiker nennt, die grössten voran, sind Ausländer, Slaven, Croaten, Italiäner, Niederländer - oder Juden; im andren FalleDeutsche der starken Rasse, ausgestorbene Deutsche, wie Heinrich Schütz, Bach und Händel. Ich selbst bin immer noch Pole genug, um gegen Chopin denRest der Musik hinzugeben: ich nehme, aus drei Gründen, Wagner's Siegfried-Idyll aus, vielleicht auch Liszt, der die vornehmen Orchester-Accente vor allenMusikern voraus hat; zuletzt noch Alles, was jenseits der Alpen gewachsen ist - diesseits... Ich würde Rossini nicht zu missen wissen, noch weniger meinenSüden in der Musik, die Musik meines Venediger maëstro Pietro Gasti. Und wenn ich jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn ich einandres Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig. Ich weiss keinen Unterschied zwischen Thränen und Musik zu machen, ich weiss dasGlück, den Süden nicht ohne Schauder von Furchtsamkeit zu denken. An der Brücke standjüngst ich in brauner Nacht.Fernher kam Gesang:goldener Tropfen quoll'süber die zitternde Fläche weg.Gondeln, Lichter, Musiktrunken schwamm's in die Dämmrung hinaus ... Meine Seele, ein Saitenspiel,sang sich, unsichtbar berührt,heimlich ein Gondellied dazu,zitternd vor bunter Seligkeit.- Hörte Jemand ihr zu? ...
8. In Alledem - in der Wahl von Nahrung, von Ort und Klima, von Erholung - gebietet ein Instinkt der Selbsterhaltung, der sich als Instinkt derSelbstvertheidigung am unzweideutigsten ausspricht. Vieles nicht sehn, nicht hören, nicht an sich herankommen lassen - erste Klugheit, erster Beweis dafür,dass man kein Zufall, sondern eine Necessität ist. Das gangbare Wort für diesen Selbstvertheidigungs-Instinkt ist Geschmack. Sein Imperativ befiehlt nicht nurNein zu sagen, wo das Ja eine "Selbstlosigkeit" sein würde, sondern auch sowenig als möglich Nein zu sagen. Sich trennen, sich abscheiden von dem, wo immerund immer wieder das Nein nöthig werden würde. Die Vernunft darin ist, dass Defensiv-Ausgaben, selbst noch so kleine, zur Regel, zur Gewohnheit werdend,eine ausserordentliche und vollkommen überflüssige Verarmung bedingen. Unsre großen Ausgaben sind die häufigsten kleinen. Das Abwehren, dasNicht-heran-kommen-lassen ist eine Ausgabe man täusche sich hierüber nicht -, eine zu negativen Zwecken verschwendete Kraft. Man kann, bloss in derbeständigen Noth der Abwehr, schwach genug werden, um sich nicht mehr wehren zu können. - Gesetzt, ich trete aus meinem Haus heraus und fände, statt desstillen und aristokratischen Turin, die deutsche Kleinstadt: mein Instinkt würde sich zu sperren haben, um Alles das zurückzudrängen, was aus dieserplattgedrückten und feigen Welt auf ihn eindringt. Oder ich fände die deutsche Großstadt, dies gebaute Laster, wo nichts wächst, wo jedwedes Ding, Gutes undSchlimmes, eingeschleppt ist. Müsste ich nicht darüber zum Igel werden? - Aber Stacheln zu haben ist eine Vergeudung, ein doppelter Luxus sogar, wenn esfreisteht, keine Stacheln zu haben, sondern offne Hände ... Eine andre Klugheit und Selbstvertheidigung besteht darin, dass man so selten als möglich reagiert und dass man sich Lagen und Bedingungen entzieht, wo manverurtheilt wäre, seine "Freiheit", seine Initiative gleichsam auszuhängen und ein blosses Reagens zu werden. Ich nehme als Gleichniss den Verkehr mitBüchern. Der Gelehrte, der im Grunde nur noch Bücher "wälzt" - der Philologe mit mässigem Ansatz des Tags ungefähr 200 - verliert zuletzt ganz und gar dasVermögen, von sich aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf einen Reiz (- einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt, - er reagiertzuletzt bloss noch. Der Gelehrte giebt seine ganze Kraft im Ja und Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab, - er selber denkt nicht mehr ... DerInstinkt der Selbstvertheidigung ist bei ihm mürbe geworden; im andren Falle würde er sich gegen Bücher wehren. Der Gelehrte - ein décadent. - Das habe ichmit Augen gesehn: begabte, reich und frei angelegte Naturen schon in den dreissiger Jahren "zu Schanden gelesen", bloss noch Streichhölzer, die man reibenmuss, damit sie Funken - "Gedanken" geben. - Frühmorgens beim Anbruch des Tags, in aller Frische, in der Morgenröthe seiner Kraft, ein Buch lesen - dasnenne ich lasterhaft! - -
9. An dieser Stelle ist nicht mehr zu umgehn die eigentliche Antwort auf die Frage, wie man wird, was man ist, zu geben. Und damit berühre ich dasMeisterstück in der Kunst der Selbsterhaltung - der Selbstsucht ... Angenommen nämlich, dass die Aufgabe, die Bestimmung, das Schicksal der Aufgabe überein durchschnittliches Maass bedeutend hinausliegt, so würde keine Gefahr grösser als sich selbst mit dieser Aufgabe zu Gesicht zu bekommen. Dass man wird,was man ist, setzt voraus, dass man nicht im Entferntesten ahnt, was man ist. Aus diesem Gesichtspunkte haben selbst die Fehlgriffe des Lebens ihren eignenSinn und Wert, die zeitweiligen Nebenwege und Abwege, die Verzögerungen, die "Bescheidenheiten",, der Ernst, auf Aufgaben verschwendet, die jenseits derAufgabe liegen. Darin kann eine große Klugheit, sogar die oberste Klugheit zum Ausdruck <kommen>: wo nosce te ipsum das Recept zum Untergang wäre,wird Sich-Vergessen, Sich-Missverstehn, Sich-Verkleinern, -Verengern, -Vermittelmässigen zur Vernunft selber. Moralisch ausgedrückt: Nächstenliebe, Lebenfür Andere und Anderes kann die Schutzmassregel zur Erhaltung der härtesten Selbstigkeit sein. Dies ist der Ausnahmefall, in welchem ich, gegen meine Regelund Überzeugung, die Partei der "selbstlosen" Triebe nehme: sie arbeiten hier im Dienste der Selbstsucht, Selbstzucht. - Man muss die ganze Oberfläche desBewusstseins - Bewusstsein ist eine Oberfläche - rein erhalten von irgend einem der großen Imperative. Vorsicht selbst vor jedem großen Worte, jedergroßen Attitüde! Lauter Gefahren, dass der Instinkt zu früh "sich versteht" - - Inzwischen wächst und wächst die organisierende, die zur Herrschaft berufne"Idee" in der Tiefe, - sie beginnt zu befehlen, sie leitet langsam aus Nebenwegen und Abwegen zurück, sie bereitet einzelne Qualitäten und Tüchtigkeiten vor, dieeinmal als Mittel zum Ganzen sich unentbehrlich erweisen werden, - sie bildet der Reihe nach alle dienenden Vermögen aus, bevor sie irgend Etwas von derdominierenden Aufgabe, von "Ziel", "Zweck", "Sinn" verlauten lässt. - Nach dieser Seite hin betrachtet ist mein Leben einfach wundervoll. Zur Aufgabe einerUmwertung der Werte waren vielleicht mehr Vermögen nöthig, als je in einem Einzelnen bei einander gewohnt haben, vor Allem auch Gegensätze vonVermögen, ohne dass diese sich stören, zerstören durften. Rangordnung der Vermögen; Distanz; die Kunst zu trennen, ohne zu verfeinden; Nichts vermischen,Nichts "versöhnen"; eine ungeheure Vielheit, die trotzdem das Gegenstück des Chaos ist - dies war die Vorbedingung, die lange geheime Arbeit undKünstlerschaft meines Instinkts. Seine höhere Obhut zeigte sich in dem Maasse stark, dass ich in keinem Falle auch nur geahnt habe, was in mir wächst, - dassalle meine Fähigkeiten plötzlich, reif, in ihrer letzten Vollkommenheit eines Tags hervorsprangen. Es fehlt in meiner Erinnerung, dass ich mich je bemüht hätte, -es ist kein Zug von Ringen in meinem Leben nachweisbar, ich bin der Gegensatz einer heroischen Natur. Etwas "wollen", nach Etwas "streben", einen "Zweck",einen "Wunsch" im Auge haben das kenne ich Alles nicht aus Erfahrung. Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft eine weite Zukunft! wie aufein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich auf ihm. Ich will nicht im Geringsten, dass Etwas anders wird als es ist; ich selber will nicht anderswerden. Aber so habe ich immer gelebt. Ich habe keinen Wunsch gehabt. Jemand, der nach seinem vierundvierzigsten Jahre sagen kann, dass er sich nie umEhren, um Weiber, um Geld bemüht hat! Nicht dass sie mir gefehlt hätten ... So war ich zum Beispiel eines Tags Universitätsprofessor, - ich hatte nie imEntferntesten an dergleichen gedacht, denn ich war kaum 24 Jahr alt. So war ich zwei Jahr früher eines Tags Philolog: in dem Sinne, dass meine erstephilologische Arbeit, mein Anfang in jedem Sinne, von meinem Lehrer Ritschl für sein "Rheinisches Museum" zum Druck verlangt wurde ( Ritschl - ich sage esmit Verehrung - der einzige geniale Gelehrte, den ich bis heute zu Gesicht bekommen habe. Er besass jene angenehme Verdorbenheit, die uns Thüringerauszeichnet und mit der sogar ein Deutscher sympathisch wird: - wir ziehn selbst, um zur Wahrheit zu gelangen, noch die Schleichwege vor. Ich möchte mitdiesen Worten meinen näheren Landsmann, den klugen Leopold von Ranke, durchaus nicht unterschätzt haben...)
10. An dieser Stelle thut eine große Besinnung Noth. Man wird mich fragen, warum ich eigentlich alle diese kleinen und nach herkömmlichem Urtheilgleichgültigen Dinge erzählt habe; ich schade mir selbst damit, um so mehr, wenn ich große Aufgaben zu vertreten bestimmt sei. Antwort: diese kleinen DingeErnährung, Ort, Clima, Erholung, die ganze Casuistik der Selbstsucht - sind über alle Begriffe hinaus wichtiger als Alles, was man bisher wichtig nahm. Hiergerade muss man anfangen, umzulernen. Das, was die Menschheit bisher ernsthaft erwogen hat, sind nicht einmal Realitäten, blosse Einbildungen, strengergeredet, Lügen aus den schlechten Instinkten kranker, im tiefsten Sinne schädlicher Naturen heraus alle die Begriffe "Gott", "Seele", "Tugend", "Sünde","Jenseits", "Wahrheit", "ewiges Leben"... Aber man hat die Grösse der menschlichen Natur, ihre "Göttlichkeit" in ihnen gesucht ... Alle Fragen der Politik, derGesellschafts-Ordnung, der Erziehung sind dadurch bis in Grund und Boden gefälscht, dass man die schädlichsten Menschen für große Menschen nahm, - dassman die "kleinen" Dinge, will sagen die Grundangelegenheiten des Lebens selber verachten lehrte ... Unsre jetzige Cultur ist im höchsten Grade zweideutig ...Der deutsche Kaiser mit dem Papst paktierend, als ob nicht der Papst der Repräsentant der Todfeindschaft gegen das Leben wäre! ... Das, was heute gebautwird, steht in drei Jahren nicht mehr. - Wenn ich mich darnach messe, was ich kann, nicht davon zu reden, was hinter mir drein kommt, ein Umsturz, ein Aufbauohne Gleichen, so habe ich mehr als irgend ein Sterblicher den Anspruch auf das Wort Grösse. Vergleiche ich mich nun mit den Menschen, die man bisher alserste Menschen ehrte, so ist der Unterschied handgreiflich. Ich rechne diese angeblich "Ersten" nicht einmal zu den Menschen überhaupt, - sie sind für michAusschuss der Menschheit, Ausgeburten von Krankheit und rachsüchtigen Instinkten: sie sind lauter unheilvolle, im Grunde unheilbare Unmenschen, die amLeben Rache nehmen ... Ich will dazu der Gegensatz sein: mein Vorrecht ist, die höchste Feinheit für alle Zeichen gesunder Instinkte zu haben. Es fehlt jederkrankhafte Zug an mir; ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft geworden; umsonst, dass man in meinem Wesen einen Zug von Fanatismussucht. Man wird mir aus keinem Augenblick meines Lebens irgend eine anmaassliche oder pathetische Haltung nachweisen können. Das Pathos der Attitüdegehört nicht zur Grösse; wer Attitüden überhaupt nöthig hat, ist falsch... Vorsicht vor allen pittoresken Menschen! Das Leben ist mir leicht geworden, amleichtesten, wenn es das Schwerste von mir verlangte. Wer mich in den siebzig Tagen dieses Herbstes gesehn hat, wo ich, ohne Unterbrechung, lauter Sachenersten Ranges gemacht habe die kein Mensch mir nachmacht - oder vormacht, mit einer Verantwortlichkeit für alle Jahrtausende nach mir, wird keinen Zug vonSpannung an mir wahrgenommen haben, um so mehr eine überströmende Frische und Heiterkeit. Ich ass nie mit angenehmeren Gefühlen, ich schlief nie besser.- Ich kenne keine andre Art, mit großen Aufgaben zu verkehren als das Spiel: dies ist, als Anzeichen der Grösse, eine wesentliche Voraussetzung. Dergeringste Zwang, die düstre Miene, irgend ein harter Ton im Halse sind alles Einwände gegen einen Menschen, um wie viel mehr gegen sein Werk! ... Man darfkeine Nerven haben ... Auch an der Einsamkeit leiden ist ein Einwand, - ich habe immer nur an der "Vielsamkeit" gelitten ... In einer absurd frühen Zeit, mitsieben Jahren, wusste ich bereits, dass mich nie ein menschliches Wort erreichen würde: hat man mich je darüber betrübt gesehn? - Ich habe heute noch diegleiche Leutseligkeit gegen Jedermann, ich bin selbst voller Auszeichnung für die Niedrigsten: in dem Allen ist nicht ein Gran von Hochmut, von geheimerVerachtung. Wen ich verachte, der errät, dass er von mir verachtet wird: ich empöre durch mein blosses Dasein Alles, was schlechtes Blut im Leibe hat ...Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. DasNothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen - aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen -, sondern es lieben...
Warum ich so gute Bücher schreibe. 1. Das Eine bin ich, das Andre sind meine Schriften. - Hier werde, bevor ich von ihnen selber rede, die Frage nach dem Verstanden- oderNicht-verstanden-werden dieser Schriften berührt. Ich thue es so nachlässig, als es sich irgendwie schickt: denn diese Frage ist durchaus noch nicht an der Zeit.Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren -- Irgend wann wird man Institutionen nöthig haben, in denen man lebt und lehrt, wie ichleben und lehren verstehe; vielleicht selbst, dass man dann auch eigene Lehrstühle zur Interpretation des Zarathustra errichtet. Aber es wäre ein vollkommnerWiderspruch zu mir, wenn ich heute bereits Ohren und Hände für meine Wahrheiten erwartete: dass man heute nicht hört, dass man heute nicht von mir zunehmen weiss, ist nicht nur begreiflich, es scheint mir selbst das Rechte. Ich will nicht verwechselt werden, - dazu gehört, dass ich mich selber nichtverwechsele. - Nochmals gesagt, es ist wenig in meinem Leben nachweisbar von "bösem Willen"; auch von litterarischem "bösen Willen" wüsste ich kaum einenFall zu erzählen. Dagegen zu viel von reiner Thorheit ... Es scheint mir eine der seltensten Auszeichnungen, die Jemand sich erweisen kann, wenn er ein Buchvon mir in die Hand nimmt, - ich nehme selbst an, er zieht dazu die Schuhe aus, - nicht von Stiefeln zu reden ... Als sich einmal der Doktor Heinrich von Steinehrlich darüber beklagte, kein Wort aus meinem Zarathustra zu verstehn, sagte ich ihm, das sei in Ordnung: sechs Sätze daraus verstanden, das heisst: erlebthaben, hebe auf eine höhere Stufe der Sterblichen hinauf als "moderne" Menschen erreichen könnten. Wie könnte ich, mit diesem Gefühle der Distanz, auch nurwünschen, von den "Modernen", die ich kenne -, gelesen zu werden! - Mein Triumph ist gerade der umgekehrte, als der Schopenhauer's war, - ich sage " nonlegor, non legar". - Nicht, dass ich das Vergnügen unterschätzen möchte, das mir mehrmals die Unschuld im Neinsagen zu meinen Schriften gemacht hat. Nochin diesem Sommer, zu einer Zeit, wo ich vielleicht mit meiner schwerwiegenden, zu schwer wiegenden Litteratur den ganzen Rest von Litteratur aus demGleichgewicht zu bringen vermöchte, gab mir ein Professor der Berliner Universität wohlwollend zu verstehn, ich sollte mich doch einer andren Form bedienen:so Etwas lese Niemand. - Zuletzt war es nicht Deutschland, sondern die Schweiz, die die zwei extremen Fälle geliefert hat. Ein Aufsatz des Dr. V. Widmann im"Bund", über "Jenseits von Gut und Böse", unter dem Titel "Nietzsche's gefährliches Buch", und ein Gesammt-Bericht über meine Bücher überhaupt seitens desHerrn Karl Spitteler, gleichfalls im Bund, sind ein Maximum in meinem Leben - ich hüte mich zu sagen wovon ... Letzterer behandelte zum Beispiel meinenZarathustra als "höhere Stilübung", mit dem Wunsche, ich möchte später doch auch für Inhalt sorgen; Dr. Widmann drückte mir seine Achtung vor dem Mutaus, mit dem ich mich um Abschaffung aller anständigen Gefühle bemühe. - Durch eine kleine Tücke von Zufall war hier jeder Satz, mit einer Folgerichtigkeit,die ich bewundert habe, eine auf den Kopf gestellte Wahrheit: man hatte im Grunde Nichts zu thun, als alle "Werte umzuwerten", um, auf eine sogarbemerkenswerte Weise, über mich den Nagel auf den Kopf zu treffen - statt meinen Kopf mit einem Nagel zu treffen ... Um so mehr versuche ich eineErklärung. - Zuletzt kann Niemand aus den Dingen, die Bücher eingerechnet, mehr heraushören, als er bereits weiss. Wofür man vom Erlebnisse her keinenZugang hat, dafür hat man kein Ohr. Denken wir uns nun einen äussersten Fall, dass ein Buch von lauter Erlebnissen redet, die gänzlich ausserhalb derMöglichkeit einer häufigen oder auch nur seltneren Erfahrung liegen, - dass es die erste Sprache für eine neue Reihe von Erfahrungen ist. In diesem Falle wirdeinfach Nichts gehört, mit der akustischen Täuschung, dass wo Nichts gehört wird, auch Nichts da ist - . Dies ist zuletzt meine durchschnittliche Erfahrung und,wenn man will, die Originalität meiner Erfahrung. Wer Etwas von mir verstanden zu haben glaubte, hat sich Etwas aus mir zurecht gemacht, nach seinem Bilde,- nicht selten einen Gegensatz von mir, zum Beispiel einen "Idealisten"; wer Nichts von mir verstanden hatte, leugnete, dass ich überhaupt in Betracht käme. -Das Wort "Übermensch" zur Bezeichnung eines Typus höchster Wohlgerathenheit, im Gegensatz zu "modernen" Menschen, zu "guten" Menschen, zu Christenund andren Nihilisten - ein Wort, das im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, ein sehr nachdenkliches Wort wird, ist fast überall mit vollerUnschuld im Sinn derjenigen Werte verstanden worden, deren Gegensatz in der Figur Zarathustras zur Erscheinung gebracht worden ist, will sagen als"idealistischer" Typus einer höheren Art Mensch, halb "Heiliger", halb "Genie" ... Andres gelehrtes Hornvieh hat mich seinethalben des Darwinismus verdächtigt;selbst der von mir so boshaft abgelehnte "Heroen-Cultus", jenes großen Falschmünzers wider Wissen und Willen, Carlyle's, ist darin wiedererkannt worden.Wem ich ins Ohr flüsterte, er solle sich eher noch nach einem Cesare Borgia als nach einem Parsifal umsehn, der traute seinen Ohren nicht. - Dass ich gegenBesprechungen meiner Bücher, in Sonderheit durch Zeitungen, ohne jedwede Neugierde bin, wird man mir verzeihn müssen. Meine Freunde, meine Verlegerwissen das und sprechen mir nicht von dergleichen. In einem besondren Falle bekam ich einmal Alles zu Gesicht, was über ein einzelnes Buch - es war "Jenseitsvon Gut und Böse" - gesündigt worden ist; ich hätte einen artigen Bericht darüber abzustatten. Sollte man es glauben, dass die Nationalzeitung - eine preussischeZeitung, für meine ausländischen Leser bemerkt, ich selbst lese, mit Verlaub, nur das Journal des Débats - allen Ernstes das Buch als ein "Zeichen der Zeit" zuverstehn wusste, als die echte rechte Junker-Philosophie, zu der es der Kreuzzeitung nur an Mut gebreche?
2. Dies war für Deutsche gesagt: denn überall sonst habe ich Leser - lauter ausgesuchte Intelligenzen, bewährte, in hohen Stellungen und Pflichten erzogeneCharaktere; ich habe sogar wirkliche Genies unter meinen Lesern. In Wien, in St. Petersburg, in Stockholm, in Kopenhagen, in Paris und New-York - überall binich entdeckt: ich bin es nicht in Europa's Flachland Deutschland ... Und, dass ich es bekenne, ich freue mich noch mehr über meine Nicht-Leser, solche, dieweder meinen Namen, noch das Wort Philosophie je gehört haben; aber wohin ich komme, hier in Turin zum Beispiel, erheitert und vergütigt sich bei meinemAnblick jedes Gesicht. Was mir bisher am meisten geschmeichelt hat, das ist, dass alte Hökerinnen nicht Ruhe haben, bevor sie mir nicht das Süsseste aus ihrenTrauben zusammengesucht haben. Soweit muss man Philosoph sein. - . Man nennt nicht umsonst die Polen die Franzosen unter den Slaven. Eine charmanteRussin wird sich nicht einen Augenblick darüber vergreifen, wohin ich gehöre. Es gelingt mir nicht, feierlich zu werden, ich bringe es höchstens bis zurVerlegenheit ... Deutsch denken, deutsch fühlen - ich kann Alles, aber das geht über meine Kräfte ... Mein alter Lehrer Ritschl behauptete sogar, ich concipierteselbst noch meine philologischen Abhandlungen wie ein Pariser romancier - absurd spannend. In Paris selbst ist man erstaunt über "toutes mes audaces etfinesses" - der Ausdruck ist von Monsieur Taine -; ich fürchte, bis in die höchsten Formen des Dithyrambus findet man bei mir von jenem Salze beigemischt, dasniemals dumm - "deutsch" - wird, esprit ... Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen. - Wir wissen Alle, Einige wissen es sogar aus Erfahrung, was einLangohr ist. Wohlan, ich wage zu behaupten, dass ich die kleinsten Ohren habe. Dies interessiert gar nicht wenig die Weiblein -, es scheint mir, sie fühlen sichbesser von mir verstanden? ... Ich bin der Antiesel par excellence und damit ein welthistorisches Unthier, - ich bin, auf griechisch, und nicht nur auf griechisch,der Antichrist...
3. Ich kenne einigermassen meine Vorrechte als Schriftsteller; in einzelnen Fällen ist es mir auch bezeugt, wie sehr die Gewöhnung an meine Schriften denGeschmack "verdirbt". Man hält einfach andre Bücher nicht mehr aus, am wenigsten philosophische. Es ist eine Auszeichnung ohne Gleichen, in diese vornehmeund delikate Welt einzutreten, - man darf dazu durchaus kein Deutscher sein; es ist zuletzt eine Auszeichnung, die man sich verdient haben muss. Wer mir aberdurch Höhe des Wollens verwandt ist, erlebt dabei wahre Ekstasen des Lernens: denn ich komme aus Höhen, die kein Vogel je erflog, ich kenne Abgründe, indie noch kein Fuss sich verirrt hat. Man hat mir gesagt, es sei nicht möglich, ein Buch von mir aus der Hand zu legen, - ich störte selbst die Nachtruhe ... Esgiebt durchaus keine stolzere und zugleich raffiniertere Art von Büchern: sie erreichen hier und da das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, denCynismus; man muss sie sich ebenso mit den zartesten Fingern wie mit den tapfersten Fäusten erobern. Jede Gebrechlichkeit der Seele schliesst aus davon, einfür alle Male, selbst jede Dyspepsie: man muss keine Nerven haben, man muss einen fröhlichen Unterleib haben. Nicht nur die Armut, die Winkel-Luft einerSeele schliesst davon aus, noch viel mehr das Feige, das Unsaubere, das Heimlich-Rachsüchtige in den Eingeweiden: ein Wort von mir treibt alle schlechtenInstinkte ins Gesicht. Ich habe an meinen Bekannten mehrere Versuchsthiere, an denen ich mir die verschiedene, sehr lehrreich verschiedene Reaktion aufmeine Schriften zu Gemüthe führe. Wer nichts mit ihrem Inhalte zu thun haben will, meine sogenannten Freunde zum Beispiel, wird dabei "unpersönlich": manwünscht mir Glück, wieder "so weit" zu sein, - auch ergäbe sich ein Fortschritt in einer grösseren Heiterkeit des Tons ... Die vollkommen lasterhaften "Geister",die "schönen Seelen", die in Grund und Boden Verlognen, wissen schlechterdings nicht, was sie mit diesen Büchern anfangen sollen, - folglich sehn sie dieselbenunter sich, die schöne Folgerichtigkeit aller "schönen Seelen",. Das Hornvieh unter meinen Bekannten, blosse Deutsche, mit Verlaub, giebt zu verstehn, man seinicht immer meiner Meinung, aber doch mitunter, zum Beispiel ... Ich habe dies selbst über den Zarathustra gehört ... Insgleichen ist jeder "Femininismus" imMenschen, auch im Manne, ein Thorschluss für mich: man wird niemals in dies Labyrinth verwegener Erkenntnisse eintreten. Man muss sich selbst nie geschonthaben, man muss die Härte in seinen Gewohnheiten haben, um unter lauter harten Wahrheiten wohlgemut und heiter zu sein. Wenn ich mir das Bild einesvollkommnen Lesers ausdenke, so wird immer ein Unthier von Mut und Neugierde daraus, ausserdem noch etwas Biegsames, Listiges, Vorsichtiges, eingeborner Abenteurer und Entdecker. Zuletzt: ich wüsste es nicht besser zu sagen, zu wem ich im Grunde allein rede, als es Zarathustra gesagt hat: wem alleinwill er sein Rätsel erzählen? Euch, den kühnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen Segeln auf furchtbare Meere einschiffte, - euch, den Rätsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit Flöten zu jedem Irrschlunde gelockt wird:
4. Ich sage zugleich noch ein allgemeines Wort über meine Kunst des Stils. Einen Zustand, eine innere Spannung von Pathos durch Zeichen, eingerechnet dastempo dieser Zeichen, mitzutheilen - das ist der Sinn jedes Stils; und in Anbetracht, dass die Vielheit innerer Zustände bei mir ausserordentlich ist, giebt es beimir viele Möglichkeiten des Stils - die vielfachste Kunst des Stils überhaupt, über die je ein Mensch verfügt hat. Gut ist jeder Stil, der einen inneren Zustandwirklich mittheilt, der sich über die Zeichen, über das tempo der Zeichen, über die Gebärden - alle Gesetze der Periode sind Kunst der Gebärde - nicht vergreift.Mein Instinkt ist hier unfehlbar. - Guter Stil an sich - eine reine Thorheit, blosser "Idealismus", etwa, wie das "Schöne an sich", wie das "Gute an sich", wie das"Ding an sich"... Immer noch vorausgesetzt, dass es Ohren giebt - dass es Solche giebt, die eines gleichen Pathos fähig und würdig sind, dass die nicht fehlen,denen man sich mittheilen darf. - Mein Zarathustra zum Beispiel sucht einstweilen noch nach Solchen - ach! er wird noch lange zu suchen haben! - Man mussdessen wert sein, ihn zu hören ... Und bis dahin wird es Niemanden geben, der die Kunst, die hier verschwendet worden ist, begreift: es hat nie jemand mehrvon neuen, von unerhörten, von wirklich erst dazu geschaffnen Kunstmitteln zu verschwenden gehabt. Dass dergleichen gerade in deutscher Sprache möglichwar, blieb zu beweisen: ich selbst hätte es vorher am härtesten abgelehnt. Man weiss vor mir nicht, was man mit der deutschen Sprache kann, - was manüberhaupt mit der Sprache kann. - Die Kunst des großen Rhythmus, der große Stil der Periodik zum Ausdruck eines ungeheuren Auf und Nieder von sublimer,von übermenschlicher, Leidenschaft ist erst von mir entdeckt; mit einem Dithyrambus wie dem letzten des dritten Zarathustra, "die sieben Siegel", überschrieben,flog ich tausend Meilen über das hinaus, was bisher Poesie hieß.
5. - Dass aus meinen Schriften ein Psychologe redet, der nicht seines Gleichen hat, das
ist vielleicht die erste Einsicht, zu der ein guter Leser gelangt - ein Leser,wie ich ihn
verdiene, der mich liest, wie gute alte Philologen ihren Horaz lasen. Die Sätze, über
die im Grunde alle Welt einig ist, gar nicht zu reden von denAllerwelts-Philosophen, den
Moralisten und andren Hohltöpfen, Kohlköpfen - erscheinen bei mir als Naivetäten des
Fehlgriffs: zum Beispiel jener Glaube, dass"unegoistisch" und egoistisch"
Gegensätze sind, während das ego selbst bloss ein "höherer Schwindel", ein
"Ideal" ist ... Es giebt weder egoistische, nochunegoistische Handlungen: beide
Begriffe sind psychologischer Widersinn. Oder der Satz "der Mensch strebt nach
Glück" ... Oder der Satz "das Glück ist derLohn der Tugend"... Oder der
Satz "Lust und Unlust sind Gegensätze"... Die Circe der Menschheit, die Moral,
hat alle psychologica in Grund und Bodengefälscht - vermoralisiert - bis zu jenem
schauderhaften Unsinn, dass die Liebe etwas "Unegoistisches" sein soll ... Man
muss fest auf sich sitzen, man musstapfer auf seinen beiden Beinen stehn, sonst kann man
gar nicht lieben. Das wissen zuletzt die Weiblein nur zu gut: sie machen sich den Teufel
was ausselbstlosen, aus bloss objektiven Männern ... Darf ich anbei die Vermutung wagen,
dass ich die Weiblein kenne? Das gehört zu meiner dionysischen Mitgift.Wer weiss?
vielleicht bin ich der erste Psycholog des Ewig-Weiblichen. Sie lieben mich Alle - eine
alte Geschichte: die verunglückten Weiblein abgerechnet, die"Emancipierten",
denen das Zeug zu Kindern abgeht. - Zum Glück bin ich nicht Willens mich zerreissen zu
lassen: das vollkommne Weib zerreisst, wenn es liebt... Ich kenne diese liebenswürdigen
Mänaden ... Ah, was für ein gefährliches, schleichendes, unterirdisches kleines
Raubthier! Und so angenehm dabei! ... Einkleines Weib, das seiner Rache nachrennt, würde
das Schicksal selbst über den Haufen rennen. - Das Weib ist unsäglich viel böser als
der Mann, auch klüger;Güte am Weibe ist schon eine Form der Entartung ... Bei allen
sogenannten "schönen Seelen" giebt es einen physiologischen Übelstand auf dem
Grunde, - ichsage nicht Alles, ich würde sonst medicynisch werden. Der Kampf um gleiche
Rechte ist sogar ein Symptom von Krankheit: jeder Arzt weiss das. - Das Weib,je mehr Weib
es ist, wehrt sich ja mit Händen und Füssen gegen Rechte überhaupt: der Naturzustand,
der ewige Krieg zwischen den Geschlechtern giebt ihm jabei weitem den ersten Rang. - Hat
man Ohren für meine Definition der Liebe gehabt? es ist die einzige, die eines
Philosophen würdig ist. Liebe - in ihren Mittelnder Krieg, in ihrem Grunde der Todhass
der Geschlechter. - Hat man meine Antwort auf die Frage gehört, wie man ein Weib kuriert
- "erlöst"? Man macht ihmein Kind. Das Weib hat Kinder nöthig, der Mann ist
immer nur Mittel: also sprach Zarathustra. - "Emancipation des Weibes" - das ist
der Instinkthass desmissrathenen, das heisst gebäruntüchtigen Weibes gegen das
wohlgerathene, - der Kampf gegen den "Mann" ist immer nur Mittel, Vorwand,
Taktik. Sie wollen,indem sie sich hinaufheben, als "Weib an sich", als
"höheres Weib", als "Idealistin" von Weib, das allgemeine Rang-Niveau
des Weibes herunterbringen; keinsichereres Mittel dazu als Gymnasial-Bildung, Hosen und
politische Stimmvieh-Rechte. Im Grunde sind die Emancipierten die Anarchisten in der Welt
des"Ewig-Weiblichen", die Schlechtweggekommenen, deren unterster Instinkt Rache
ist ... Eine ganze Gattung des bösartigsten "Idealismus" - der übrigens auch
beiMännern vorkommt, zum Beispiel bei Henrik Ibsen, dieser typischen alten Jungfrau - hat
als Ziel das gute Gewissen, die Natur in der Geschlechtsliebe zuvergiften ... Und damit
ich über meine in diesem Betracht ebenso honnette als strenge Gesinnung keinen Zweifel
lasse, will ich noch einen Satz aus meinemMoral-Codex gegen das Laster mittheilen: mit dem
Wort Laster bekämpfe ich jede Art Widernatur oder wenn man schöne Worte liebt,
Idealismus. Der Satzheisst: "die Predigt der Keuschheit ist eine öffentliche
Aufreizung zur Widernatur. Jede Verachtung des geschlechtlichen Lebens, jede
Verunreinigung desselbendurch den Begriff "unrein" ist das Verbrechen selbst am
Leben, - ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des
6. Um einen Begriff von mir als Psychologen zu geben, nehme ich ein curioses Stück Psychologie, das in "Jenseits von Gut und Böse" vorkommt, - ich verbieteübrigens jede Mutmassung darüber, wen ich an dieser Stelle beschreibe. "Das Genie des Herzens, wie es jener große Verborgene hat, der Versucher-Gott undgeborne Rattenfänger der Gewissen, dessen Stimme bis in die Unterwelt jeder Seele hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein Wort sagt, nicht einen Blick blickt,in dem nicht eine Rücksicht und Falte der Lockung läge, zu dessen Meisterschaft es gehört, dass er zu scheinen versteht - und nicht das, was er ist, sondern wasdenen, die ihm folgen, ein Zwang mehr ist, um sich immer näher an ihn zu drängen, um ihm immer innerlicher und gründlicher zu folgen ... Das Genie desHerzens, das alles Laute und Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt, das die rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen zu kosten giebt,- still zu liegen, wie ein Spiegel, dass sich der tiefe Himmel auf ihnen spiegele ... Das Genie des Herzens, das die tölpische und überrasche Hand zögern undzierlicher greifen lehrt; das den verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen Güte und süsser Geistigkeit unter trübem dickem Eise errät und eineWünschelruthe für jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker vielen Schlammes und Sandes begraben lag ... Das Genie des Herzens, von dessenBerührung jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht, nicht wie von fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern reicher an sich selber, sich neuerals zuvor, aufgebrochen, von einem Thauwinde angeweht und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher zerbrochener, aber voll Hoffnungen,die noch keinen Namen haben, voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens und Zurückströmens ... "
Die Geburt der Tragödie. 1. Um gegen die "Geburt der Tragödie" (1872) gerecht zu sein, wird man Einiges vergessen müssen. Sie hat mit dem gewirkt und selbst fasciniert, was an ihrverfehlt war - mit ihrer Nutzanwendung auf die Wagnerei, als ob dieselbe ein Aufgangs-Symptom sei. Diese Schrift war eben damit im Leben Wagner's einEreigniss: von da an gab es erst große Hoffnungen bei dem Namen Wagner. Noch heute erinnert man mich daran, unter Umständen mitten aus dem Parsifalheraus: wie ich es eigentlich auf dem Gewissen habe, dass eine so hohe Meinung über den Cultur-Wert dieser Bewegung obenauf gekommen sei . - Ich fanddie Schrift mehrmals citiert als "die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik": man hat nur Ohren für eine neue Formel der Kunst, der Absicht, derAufgabe Wagner's gehabt, - darüber wurde überhört, was die Schrift im Grunde Wertvolles barg. "Griechenthum und Pessimismus": das wäre einunzweideutigerer Titel gewesen: nämlich als erste Belehrung darüber, wie die Griechen fertig wurden mit dem Pessimismus, - womit sie ihn überwanden... DieTragödie gerade ist der Beweis dafür, dass die Griechen keine Pessimisten waren: Schopenhauer vergriff sich hier, wie er sich in Allem vergriffen hat. - Miteiniger Neutralität in die Hand genommen, sieht die "Geburt der Tragödie" sehr unzeitgemäss aus: man würde sich nicht träumen lassen, dass sie unter denDonnern der Schlacht bei Wörth begonnen wurde. Ich habe diese Probleme vor den Mauern von Metz, in kalten September-Nächten, mitten im Dienste derKrankenpflege, durchgedacht; man könnte eher schon glauben, dass die Schrift fünfzig Jahre älter sei. Sie ist politisch indifferent, - "undeutsch", wird man heutesagen - sie riecht anstössig Hegelisch, sie ist nur in einigen Formeln mit dem Leichenbitter-parfum Schopenhauer's behaftet. Eine "Idee" - der Gegensatzdionysisch und apollinisch - ins Metaphysische übersetzt; die Geschichte selbst als die Entwicklung dieser "Idee"; in der Tragödie der Gegensatz zur Einheitaufgehoben; unter dieser Optik Dinge, die noch nie einander ins Gesicht gesehn hatten, plötzlich gegenüber gestellt, aus einander beleuchtet und begriffen... DieOper zum Beispiel und die Revolution. - . Die zwei entscheidenden Neuerungen des Buchs sind einmal das Verständniss des dionysischen Phänomens bei denGriechen: es giebt dessen erste Psychologie, es sieht in ihm die Eine Wurzel der ganzen griechischen Kunst. Das Andre ist das Verständniss des Sokratismus:Sokrates als Werkzeug der griechischen Auflösung, als typischer décadent zum ersten Male erkannt. "Vernünftigkeit", gegen Instinkt. Die "Vernünftigkeit" umjeden Preis als gefährliche, als leben-untergrabende Gewalt! - Tiefes feindseliges Schweigen über das Christenthum im ganzen Buche. Es ist weder apollinisch,noch dionysisch; es negiert alle ästhetischen Werte - die einzigen Werte, die die "Geburt der Tragödie" anerkennt: es ist im tiefsten Sinne nihilistisch, währendim dionysischen Symbol die äusserste Grenze der Bejahung erreicht ist. Einmal wird auf die christlichen Priester wie auf eine "tückische Art von Zwergen", von"Unterirdischen" angespielt ...
2. Dieser Anfang ist über alle Maassen merkwürdig. Ich hatte zu meiner innersten Erfahrung das einzige Gleichniss und Seitenstück, das die Geschichte hat,entdeckt, - ich hatte ebendamit das wundervolle Phänomen des Dionysischen als der Erste begriffen. Insgleichen war damit, dass ich Sokrates als décadenterkannte, ein völlig unzweideutiger Beweis dafür gegeben, wie wenig die Sicherheit meines psychologischen Griffs von Seiten irgend einer Moral-IdiosynkrasieGefahr laufen werde: - die Moral selbst als décadence-Symptom ist eine Neuerung, eine Einzigkeit ersten Rangs in der Geschichte der Erkenntniss. Wie hochwar ich mit Beidem über das erbärmliche Flachkopf-Geschwätz von Optimismus contra Pessimismus hinweggesprungen! - Ich sah zuerst den eigentlichenGegensatz: - den entartenden Instinkt, der sich gegen das Leben mit unterirdischer Rachsucht wendet (- Christenthum, die Philosophie Schopenhauers, ingewissem Sinne schon die Philosophie Platos, der ganze Idealismus als typische Formen) und eine aus der Fülle, der Überfülle geborene Formel der höchstenBejahung, ein Jasagen ohne Vorbehalt, zum Leiden selbst, zur Schuld selbst, zu allem Fragwürdigen und Fremden des Daseins selbst ... Dieses letzte, freudigste,überschwänglich-übermüthigste Ja zum Leben ist nicht nur die höchste Einsicht, es ist auch die tiefste, die von Wahrheit und Wissenschaft am strengstenbestätigte und aufrecht erhaltene. Es ist Nichts, was ist, abzurechnen, es ist Nichts entbehrlich - die von den Christen und andren Nihilisten abgelehnten Seitendes Daseins sind sogar von unendlich höherer Ordnung in der Rangordnung der Werte als das, was der Décadence-Instinkt gutheissen, gutheissen durfte. Dieszu begreifen, dazu gehört Mut und, als dessen Bedingung, ein Überschuss von Kraft: denn genau so weit als der Mut sich vorwärts wagen darf, genau nachdem Maass von Kraft nähert man sich der Wahrheit. Die Erkenntniss, das Jasagen zur Realität ist für den Starken eine ebensolche Nothwendigkeit als für denSchwachen, unter der Inspiration der Schwäche, die Feigheit und Flucht vor der Realität - das "Ideal" ... Es steht ihnen nicht frei, zu erkennen: die décadentshaben die Lüge nöthig, sie ist eine ihrer Erhaltungs-Bedingungen. - Wer das Wort "Dionysisch" nicht nur begreift, sondern sich in dem Wort "dionysisch"begreift, hat keine Widerlegung Platos oder des Christenthums oder Schopenhauers nöthig - er riecht die Verwesung ...
3. In wiefern ich ebendamit den Begriff "tragisch", die endliche Erkenntniss darüber, was die Psychologie der Tragödie ist, gefunden hatte, habe ich zuletzt nochin der Götzen-Dämmerung Seite 139 zum Ausdruck gebracht. "Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen; der Willezum Leben im Opfer seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend - das nannte ich dionysisch, das verstand ich als Brücke zurPsychologie des tragischen Dichters. Nicht um von Schrecken und Mitleiden loszukommen, nicht um sich von einem gefährlichen Affekt durch eine vehementeEntladung zu reinigen so missverstand es Aristoteles: sondern um, über Schrecken und Mitleiden hinaus, die ewige Lust des Werdens selbst Zusein, jene Lust,die auch noch die Lust am Vernichten in sich schliesst.. ." In diesem Sinne habe ich das Recht, mich selber als den ersten tragischen Philosophen zu verstehn -das heisst den äussersten Gegensatz und Antipoden eines pessimistischen Philosophen. Vor mir giebt es diese Umsetzung des Dionysischen in einphilosophisches Pathos nicht: es fehlt die tragische Weisheit, - ich habe vergebens nach Anzeichen davon selbst bei den großen Griechen der Philosophie, denender zwei Jahrhunderte vor Sokrates, gesucht. Ein Zweifel blieb mir zurück bei Heraklit, in dessen Nähe überhaupt mir wärmer, mir wohler zu Mute wird alsirgendwo sonst. Die Bejahung des Vergehens und Vernichtens, das Entscheidende in einer dionysischen Philosophie, das Jasagen zu Gegensatz und Krieg, dasWer den, mit radikaler Ablehnung auch selbst des Begriffs "Sein" - darin muss ich unter allen Umständen das mir Verwandteste anerkennen, was bishergedacht worden ist. Die Lehre von der "ewigen Wiederkunft", das heisst vom unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge - diese LehreZarathustra's könnte zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt worden sein. Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre grundsätzlichen Vorstellungen vonHeraklit geerbt hat, Spuren davon.
4. Aus dieser Schrift redet eine ungeheure Hoffnung. Zuletzt fehlt mir jeder Grund, die Hoffnung auf eine dionysische Zukunft der Musik zurückzunehmen.Werfen wir einen Blick ein Jahrhundert voraus, setzen wir den Fall, dass mein Attentat auf zwei Jahrtausende Widernatur und Menschenschändung gelingt.Jene neue Partei des Lebens, welche die grösste aller Aufgaben, die Höherzüchtung der Menschheit in die Hände nimmt, eingerechnet die schonungsloseVernichtung alles Entartenden und Parasitischen, wird jenes Zuviel von Leben auf Erden wieder möglich machen, aus dem auch der dionysische Zustand wiedererwachsen muss. Ich verspreche ein tragisches Zeitalter: die höchste Kunst im Jasagen zum Leben, die Tragödie, wird wiedergeboren werden, wenn dieMenschheit das Bewusstsein der härtesten, aber nothwendigsten Kriege hinter sich hat, ohne daran zu leiden ... Ein Psychologe dürfte noch hinzufügen, dasswas ich in jungen Jahren bei Wagnerischer Musik gehört habe, Nichts überhaupt mit Wagner zu thun hat; dass wenn ich die dionysische Musik beschrieb, ichdas beschrieb, was ich gehört hatte, - dass ich instinktiv Alles in den neuen Geist übersetzen und transfigurieren musste, den ich in mir trug. Der Beweis dafür, sostark als nur ein Beweis sein kann, ist meine Schrift "Wagner in Bayreuth": an allen psychologisch entscheidenden Stellen ist nur von mir die Rede, man darfrücksichtslos meinen Namen oder das Wort "Zarathustra" hinstellen, wo der Text das Wort Wagner giebt. Das ganze Bild des dithyrambischen Künstlers ist dasBild des präexistenten Dichters des Zarathustra, mit abgründlicher Tiefe hingezeichnet und ohne einen Augenblick die Wagnersche Realität auch nur zuberühren. Wagner selbst hatte einen Begriff davon; er erkannte sich in der Schrift nicht wieder. - Insgleichen hatte sich "der Gedanke von Bayreuth" in Etwasverwandelt, das den Kennern meines Zarathustra kein Rätsel-Begriff sein wird: in jenen großen Mittag, wo sich die Auserwähltesten zur grössten allerAufgaben weihen - wer weiss? die Vision eines Festes, das ich noch erleben werde ... Das Pathos der ersten Seiten ist welthistorisch; der Blick, von dem aufder siebenten Seite die Rede ist, ist der eigentliche Zarathustra-Blick; Wagner, Bayreuth, die ganze kleine deutsche Erbärmlichkeit ist eine Wolke, in der eineunendliche fata morgana der Zukunft sich spiegelt. Selbst psychologisch sind alle entscheidenden Züge meiner eignen Natur in die Wagners eingetragen dasNebeneinander der lichtesten und verhängnissvollsten Kräfte, der Wille zur Macht, wie ihn nie ein Mensch besessen hat, die rücksichtslose Tapferkeit imGeistigen, die unbegrenzte Kraft zu lernen, ohne dass der Wille zur That damit erdrückt würde. Es ist Alles an dieser Schrift vorherverkündend: die Nähe derWiederkunft des griechischen Geistes, die Nothwendigkeit von Gegen-Alexandern, welche den gordischen Knoten der griechischen Cultur wieder binden,nachdem er gelöst war ... Man höre den welthistorischen Accent, mit dem auf Seite 30 der Begriff "tragische Gesinnung" eingeführt wird: es sind lauterwelthistorische Accente in dieser Schrift. Dies ist die fremdartigste "Objektivität", die es geben kann: die absolute Gewissheit darüber, was ich bin, projicierte sichauf irgend eine zufällige Realität, - die Wahrheit über mich redete aus einer schauervollen Tiefe. Auf Seite 71 wird der Stil des Zarathustra mit einschneidenderSicherheit beschrieben und vorweggenommen; und niemals wird man einen großartigeren Ausdruck für das Ereigniss Zarathustra, den Akt einer ungeheurenReinigung und Weihung der Menschheit, finden, als er in den Seiten 43-46 gefunden ist.
Die Unzeitgemässen. 1. Die vier Unzeitgemässen sind durchaus kriegerisch. Sie beweisen, dass ich kein "Hans der Träumer" war, dass es mir Vergnügen macht, den Degen zu ziehn,- vielleicht auch, dass ich das Handgelenk gefährlich frei habe. Der erste Angriff (1873) galt der deutschen Bildung, auf die ich damals schon mit schonungsloserVerachtung hinabblickte. Ohne Sinn, ohne Substanz, ohne Ziel: eine blosse "öffentliche Meinung". Kein bösartigeres Missverständniss als zu glauben, der großeWaffen-Erfolg der Deutschen beweise irgend Etwas zu Gunsten dieser Bildung - oder gar ihren Sieg über Frankreich ... Die zweite Unzeitgemässe (1874)bringt das Gefährliche, das Leben-Annagende und -Vergiftende in unsrer Art des Wissenschafts-Betriebs an's Licht -: das Leben krank an diesementmenschten Räderwerk und Mechanismus, an der " Unpersönlichkeit" des Arbeiters, an der falschen Ökonomie der "Theilung der Arbeit". Der Zweck gehtverloren, die Cultur: - das Mittel, der moderne Wissenschafts-Betrieb, barbarisiert... In dieser Abhandlung wurde der "historische Sinn", auf den dies Jahrhundertstolz ist, zum ersten Mal als Krankheit erkannt, als typisches Zeichen des Verfalls. - In der dritten und vierten Unzeitgemässen werden, als Fingerzeige zu einemhöheren Begriff der Cultur, zur Wiederherstellung des Begriffs "Cultur", zwei Bilder der härtesten Selbstsucht, Selbstzucht dagegen aufgestellt, unzeitgemässeTypen par excellence, voll souverainer Verachtung gegen Alles, was um sie herum "Reich", "Bildung", "Christenthum", "Bismarck", "Erfolg" hieß, -Schopenhauer und Wagner oder, mit Einem Wort, Nietzsche ...
2. Von diesen vier Attentaten hatte das erste einen ausserordentlichen Erfolg. Der Lärm, den es hervorrief, war in jedem Sinne prachtvoll. Ich hatte einersiegreichen Nation an ihre wunde Stelle gerührt, - dass ihr Sieg nicht ein Cultur-Ereigniss sei, sondern vielleicht, vielleicht etwas ganz Anderes ... Die Antwortkam von allen Seiten und durchaus nicht bloss von den alten Freunden David Straussens, den ich als Typus eines deutschen Bildungsphilisters und satisfait, kurzals Verfasser seines Bierbank-Evangeliums vom "alten und neuen Glauben" lächerlich gemacht hatte (- das Wort Bildungsphilister ist von meiner Schrift her inder Sprache übrig geblieben). Diese alten Freunde, denen ich als Würtembergern und Schwaben einen tiefen Stich versetzt hatte, als ich ihr Wunderthier, ihrenStrauss komisch fand, antworteten so bieder und grob, als ich's irgendwie wünschen konnte; - die preussischen Entgegnungen waren klüger, - sie hatten mehr"Berliner Blau" in sich. Das Unanständigste leistete ein Leipziger Blatt, die berüchtigten "Grenzboten"; ich hatte mühe, die entrüsteten Basler von Schrittenabzuhalten. Unbedingt für mich entschieden sich nur einige alte Herrn, aus gemischten und zum Theil unausfindlichen Gründen. Darunter Ewald in Göttingen,der zu verstehn gab, mein Attentat sei für Strauss tödtlich abgelaufen. Insgleichen der alte Hegelianer Bruno Bauer, an dem ich von da an einen meineraufmerksamsten Leser gehabt habe. Er liebte es, in seinen letzten Jahren, auf mich zu verweisen, zum Beispiel Herrn von Treitschke, dem preussischenHistoriographen, einen Wink zu geben, bei wem er sich Auskunft über den ihm verloren gegangnen Begriff "Cultur" holen könne. Das Nachdenklichste, auchdas Längste über die Schrift und ihren Autor wurde von einem alten Schüler des Philosophen von Baader gesagt, einem Professor Hoffmann in Würzburg. Ersah aus der Schrift eine große Bestimmung für mich voraus, - eine Art Krisis und höchste Entscheidung im Problem des Atheismus herbeizuführen, als desseninstinktivsten und rücksichtslosesten Typus er mich errieth. Der Atheismus war das, was mich zu Schopenhauer führte. - Bei weitem am besten gehört, ambittersten empfunden wurde eine ausserordentlich starke und tapfere Fürsprache des sonst so milden Karl Hillebrand, dieses letzten humanen Deutschen, der dieFeder zu führen wusste. Man las seinen Aufsatz in der "Augsburger Zeitung"; man kann ihn heute, in einer etwas vorsichtigeren Form, in seinen gesammeltenSchriften lesen. Hier war die Schrift als Ereigniss, Wendepunkt, erste Selbstbesinnung, allerbestes Zeichen dargestellt, als eine wirkliche Wiederkehr desdeutschen Ernstes und der deutschen Leidenschaft in geistigen Dingen. Hillebrand war voll hoher Auszeichnung für die Form der Schrift, für ihren reifenGeschmack, für ihren vollkommnen Takt in der Unterscheidung von Person und Sache: er zeichnete sie als die beste polemische Schrift aus, die deutschgeschrieben sei, - in der gerade für Deutsche so gefährlichen, so widerrathbaren Kunst der Polemik. Unbedingt jasagend, mich sogar in dem verschärfend, wasich über die Sprach-Verlumpung in Deutschland zu sagen gewagt hatte (- heute spielen sie die Puristen und können keinen Satz mehr bauen -), in gleicherVerachtung gegen die "ersten Schriftsteller" dieser Nation, endete er damit, seine Bewunderung für meinen Mut auszudrücken - jenen "höchsten Mut, der gerade die Lieblinge eines Volks auf die Anklagebank bringt".. . Die Nachwirkung dieser Schrift ist geradezu unschätzbar in meinem Leben. Niemand hat bisher mit mir Händel gesucht. Man schweigt, man behandelt mich in Deutschland mit einer düstern Vorsicht: ich habe seit Jahren von einer unbedingten Redefreiheit Gebrauch gemacht, zu der Niemand heute, am wenigsten im "Reich", die Hand frei genug hat. Mein Paradies ist "unter dem Schatten meines Schwertes" ... ImGrunde hatte ich eine Maxime Stendhals prakticiert: er rät an, seinen Eintritt in die Gesellschaft mit einem Duell zu machen. Und wie ich mir meinen Gegnergewählt hatte! den ersten deutschen Freigeist! ... In der That, eine ganz neue Art Freigeisterei kam damit zum ersten Ausdruck: bis heute ist mir Nichts fremderund unverwandter als die ganze europäische und amerikanische Species von "libres penseurs". Mit ihnen als mit unverbesserlichen Flachköpfen undHanswürsten der "modernen Ideen" befinde ich mich sogar in einem tieferen Zwiespalt als mit Irgendwem von ihren Gegnern. Sie wollen auch, auf ihre Art, dieMenschheit "verbessern", nach ihrem Bilde, sie würden gegen das, was ich bin, was ich will, einen unversöhnlichen Krieg machen, gesetzt dass sie esverstünden, - sie glauben allesammt noch ans "Ideal" ... Ich bin der erste Immoralist
3. Dass die mit den Namen Schopenhauer und Wagner abgezeichneten Unzeitgemässen sonderlich zum Verständniss oder auch nur zur psychologischenFragestellung beider Fälle dienen könnten, möchte ich nicht behaupten, Einzelnes, wie billig, ausgenommen. So wird zum Beispiel mit tiefer Instinkt-Sicherheitbereits hier das Elementarische in der Natur Wagners als eine Schauspieler-Begabung bezeichnet, die in seinen Mitteln und Absichten nur ihre Folgerungenzieht. Im Grunde wollte ich mit diesen Schriften Etwas ganz Andres als Psychologie treiben: - ein Problem der Erziehung ohne Gleichen, ein neuer Begriff derSelbst-Zucht, Selbst-Vertheidigung bis zur Härte, ein Weg zur Grösse und zu welthistorischen Aufgaben verlangte nach seinem ersten Ausdruck. Ins großegerechnet nahm ich zwei berühmte und ganz und <gar> noch unfestgestellte Typen beim Schopf, wie man eine Gelegenheit beim Schopf nimmt, um Etwasauszusprechen, um ein Paar Formeln, Zeichen, Sprachmittel mehr in der Hand zu haben. Dies ist zuletzt, mit vollkommen unheimlicher Sagacität, auf S. 93 derdritten Unzeitgemässen auch angedeutet. Dergestalt hat sich Plato des Sokrates bedient, als einer Semiotik für Plato. - Jetzt, wo ich aus einiger Ferne auf jeneZustände zurückblicke, deren Zeugniss diese Schriften sind, möchte ich nicht verleugnen, dass sie im Grunde bloss von mir reden. Die Schrift "Wagner inBayreuth" ist eine Vision meiner Zukunft; dagegen ist in "Schopenhauer als Erzieher" meine innerste Geschichte, mein Werden eingeschrieben. Vor Allem meinGelöbniss! ... Was ich heute bin, wo ich heute bin - in einer Höhe, wo ich nicht mehr Mit Worten, sondern mit Blitzen rede -, oh wie fern davon war ich damalsnoch! - Aber ich sah das Land, - ich betrog mich nicht einen Augenblick über Weg, Meer, Gefahr - und Erfolg! Die große Ruhe im Versprechen, diesglückliche Hinausschaun in eine Zukunft, welche nicht nur eine Verheissung bleiben soll! - Hier ist jedes Wort erlebt, tief, innerlich; es fehlt nicht amSchmerzlichsten, es sind Worte darin, die geradezu blutrünstig sind. Aber ein Wind der großen Freiheit bläst über Alles weg; die Wunde selbst wirkt nicht alsEinwand. - Wie ich den Philosophen verstehe, als einen furchtbaren Explosionsstoff, vor dem Alles in Gefahr ist, wie ich meinen Begriff "Philosoph" meilenweitabtrenne von einem Begriff, der sogar noch einen Kant in sich schliesst, nicht zu reden von den akademischen "Wiederkäuern" und andren Professoren derPhilosophie: darüber giebt diese Schrift eine unschätzbare Belehrung, zugegeben selbst, dass hier im Grunde nicht "Schopenhauer als Erzieher", sondern seinGegensatz, "Nietzsche als Erzieher", zu Worte kommt. - In Anbetracht, dass damals mein Handwerk das eines Gelehrten war, und, vielleicht auch, dass ich meinHandwerk verstand, ist ein herbes Stück Psychologie des Gelehrten nicht ohne Bedeutung, das in dieser Schrift plötzlich zum Vorschein kommt: es drückt dasDistanz-Gefühl aus, die tiefe Sicherheit darüber, was bei mir Aufgabe, was bloss Mittel, Zwischenakt und Nebenwerk sein kann. Es ist meine Klugheit, Vielesund vielerorts gewesen zu sein, um Eins werden zu können, - um zu Einem kommen zu können. Ich musste eine Zeit lang auch Gelehrter sein.
Menschliches, Allzumenschliches. Mit zwei Fortsetzungen. 1. "Menschliches, Allzumenschliches" ist das Denkmal einer Krisis. Es heisst sich ein Buch für freie Geister: fast jeder Satz darin drückt einen Sieg aus ich habe mich mit demselben vom Unzugehörigen in meiner Natur freigemacht. Unzugehörig ist mir der Idealismus: der Titel sagt "wo ihr ideale Dinge seht, sehe ich- Menschliches, ach nur Allzumenschliches!" ... Ich kenne den Menschen besser... - In keinem andren Sinne will das Wort "freier Geist" hier verstanden werden: ein frei gewordner Geist, der von sich selber wieder Besitz ergriffen hat. Der Ton, der Stimmklang hat sich völlig verändert: man wird das Buch klug, kühl, unter Umständen hart und spöttisch finden. Eine gewisse Geistigkeit vornehmen Geschmacks scheint sich beständig gegen eine leidenschaftlichere Strömung auf dem Grunde obenauf zu halten. In diesem Zusammenhang hat es Sinn, dass es eigentlich die hundertjährige Todesfeier Voltaire's ist, womit sichdie Herausgabe des Buchs schon für das Jahr 1878 gleichsam entschuldigt. Denn Voltaire ist, im Gegensatz zu allem, was nach ihm schrieb, vor allem eingrandseigneur des Geistes: genau das, was ich auch bin. - Der Name Voltaire auf einer Schrift von mir - das war wirklich ein Fortschritt - zu mir ... Sieht mangenauer zu, so entdeckt man einen unbarmherzigen Geist, der alle Schlupfwinkel kennt, wo das Ideal heimisch ist, - wo es seine Burgverließe und gleichsamseine letzte Sicherheit hat. Eine Fackel in den Händen, die durchaus kein "fackelndes" Licht giebt, mit einer schneidenden Helle wird in diese Unterwelt desIdeals hineingeleuchtet. Es ist der Krieg, aber der Krieg ohne Pulver und Dampf, ohne kriegerische Attitüden, ohne Pathos und verrenkte Gliedmaassen - diesAlles selbst wäre noch "Idealismus". Ein Irrthum nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt - es erfriert... Hier zum Beispielerfriert "das Genie"; eine Ecke weiter erfriert "der Heilige"; unter einem dicken Eiszapfen erfriert "der Held"; am Schluss erfriert "der Glaube", die sogenannte"Überzeugung", auch das "Mitleiden" kühlt sich bedeutend ab - fast überall erfriert "das Ding an sich" ...
2. Die Anfänge dieses Buchs gehören mitten in die Wochen der ersten Bayreuther Festspiele hinein; eine tiefe Fremdheit gegen Alles, was mich dort umgab, isteine seiner Voraussetzungen. Wer einen Begriff davon hat, was für Visionen mir schon damals über den Weg gelaufen waren, kann errathen, wie mir zu Mutewar, als ich eines Tags in Bayreuth aufwachte. Ganz als ob ich träumte ... Wo war ich doch? Ich erkannte Nichts wieder, ich erkannte kaum Wagner wieder.Umsonst blätterte ich in meinen Erinnerungen. Tribschen - eine ferne Insel der Glückseligen: kein Schatten von Ähnlichkeit. Die unvergleichlichen Tage derGrundsteinlegung, die kleine zugehörige Gesellschaft, die sie feierte und der man nicht erst Finger für zarte Dinge zu wünschen hatte: kein Schatten vonÄhnlichkeit. Was war geschehn? - Man hatte Wagner ins Deutsche übersetzt! Der Wagnerianer war Herr über Wagner geworden! Die deutsche Kunst! derdeutsche Meister! das deutsche Bier! ... Wir Andern, die wir nur zu gut wissen, zu was für raffinierten Artisten, zu welchem Cosmopolitismus des GeschmacksWagners Kunst allein redet, waren ausser uns, Wagnern mit deutschen "Tugenden" behängt wiederzufinden. - Ich denke, ich kenne den Wagnerianer, ich habedrei Generationen "erlebt", vom seligen Brendel an, der Wagner mit Hegel verwechselte, bis zu den "Idealisten" der Bayreuther Blätter, die Wagner mit sichselbst verwechseln, - ich habe alle Art Bekenntnisse "schöner Seelen" über Wagner gehört. Ein Königreich für Ein gescheidtes Wort! - In Wahrheit, einehaarsträubende Gesellschaft! Nohl, Pohl, Kohl mit Grazie in infinitum! Keine Missgeburt fehlt darunter, nicht einmal der Antisemit. - Der arme Wagner! Wohinwar er gerathen! - Wäre er doch wenigstens unter die Säue gefahren! Aber unter Deutsche! ... Zuletzt sollte man, zur Belehrung der Nachwelt, einen echtenBayreuther ausstopfen, besser noch in Spiritus setzen, denn an Spiritus fehlt es -, mit der Unterschrift: so sah der "Geist" aus, auf den hin man das "Reich"gründete ... Genug, ich reiste mitten drin für ein paar Wochen ab, sehr plötzlich, trotzdem dass eine charmante Pariserin mich zu trösten suchte; ich entschuldigtemich bei Wagner bloss mit einem fatalistischen Telegramm. In einem tief in Wäldern verborgnen Ort des Böhmerwalds, Klingenbrunn, trug ich meineMelancholie und Deutschen-Verachtung wie eine Krankheit mit mir herum und schrieb von Zeit zu Zeit, unter dem Gesammttitel "die Pflugschar", einen Satz inmein Taschenbuch, lauter harte Psychologica, die sich vielleicht in "Menschliches, Allzumenschliches" noch wiederfinden lassen.
3. Was sich damals bei mir entschied, war nicht etwa ein Bruch mit Wagner - ich empfand eine Gesammt-Abirrung meines Instinkts, von der der einzelneFehlgriff, heisse er nun Wagner oder Basler Professur, bloss ein Zeichen war. Eine Ungeduld mit mir überfiel mich; ich sah ein, dass es die höchste Zeit war,mich auf mich zurückzubesinnen. Mit Einem Male war mir auf eine schreckliche Weise klar, wie viel Zeit bereits verschwendet sei, - wie nutzlos, wie willkürlichsich meine ganze Philologen-Existenz an meiner Aufgabe ausnehme. Ich schämte mich dieser falschen Bescheidenheit ... Zehn Jahre hinter mir, wo ganzeigentlich die Ernährung des Geistes bei mir stillgestanden hatte, wo ich nichts Brauchbares hinzugelernt hatte, wo ich unsinnig Viel über einem Krimskramsverstaubter Gelehrsamkeit vergessen hatte. Antike Metriker mit Akribie und schlechten Augen durchkriechen - dahin war es mit mir gekommen! - Ich sah mitErbarmen mich ganz mager, ganz abgehungert: die Realitäten fehlten geradezu innerhalb meines Wissens und die "Idealitäten" taugten den Teufel was! - Eingeradezu brennender Durst ergriff mich: von da an habe ich in der That nichts mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Naturwissenschaften, - selbst zueigentlichen historischen Studien bin ich erst wieder zurückgekehrt, als die Aufgabe mich gebieterisch dazu zwang. Damals errieth ich auch zuerst denZusammenhang zwischen einer, instinktwidrig gewählten Thätigkeit, einem sogenannten "Beruf", zu dem man am letzten berufen ist und jenem Bedürfniss nacheiner Betäubung des Öde- und Hungergefühls durch eine narkotische Kunst, - zum Beispiel durch die Wagnerische Kunst. Bei einem vorsichtigeren Umblickhabe ich entdeckt, dass für eine große Anzahl junger Männer der gleiche Nothstand besteht: Eine Widernatur erzwingt förmlich eine zweite. In Deutschland, im"Reich", um unzweideutig zu reden, sind nur zu Viele verurtheilt, sich unzeitig zu entscheiden und dann, unter einer unabwerfbar gewordnen Last, hinzusiechen...Diese verlangen nach Wagner als nach einem Opiat, - sie vergessen sich, sie werden sich einen Augenblick los ... Was sage ich! fünf bis sechs Stunden!
4. Damals entschied sich mein Instinkt unerbittlich gegen ein noch längeres Nachgeben, Mitgehn, Mich-selbst-verwechseln. Jede Art Leben, die ungünstigstenBedingungen, Krankheit, Armut - Alles schien mir jener unwürdigen "Selbstlosigkeit" vorziehenswert, in die ich zuerst aus Unwissenheit, aus Jugend gerathenwar, in der ich später aus Trägheit, aus sogenanntem "Pflichtgefühl" hängen geblieben war. - Hier kam mir, auf eine Weise, die ich nicht genug bewundern kann,und gerade zur rechten Zeit jene schlimme Erbschaft von Seiten meines Vaters her zu Hülfe, - im Grunde eine Vorbestimmung zu einem frühen Tode. DieKrankheit löste mich langsam heraus: sie ersparte mir jeden Bruch, jeden gewaltthätigen und anstössigen Schritt. Ich habe kein Wohlwollen damals eingebüsstund viel noch hinzugewonnen. Die Krankheit gab mir insgleichen ein Recht zu einer vollkommnen Umkehr aller meiner Gewohnheiten; sie erlaubte, sie gebot mirVergessen; sie beschenkte mich mit der Nöthigung zum Stillliegen, zum Müssiggang, zum Warten und Geduldigsein ... Aber das heisst ja denken! ... MeineAugen allein machten ein Ende mit aller Bücherwürmerei, auf deutsch: Philologie: ich war vom "Buch" erlöst, ich las jahrelang Nichts mehr die grössteWohlthat, die ich mir je erwiesen habe! - Jenes unterste Selbst, gleichsam verschüttet, gleichsam still geworden unter einem beständigen Hören-Müssen aufandre Selbste (- und das heisst ja lesen!) erwachte langsam, schüchtern, zweifelhaft, - aber endlich redete es wieder. Nie habe ich so viel Glück an mir gehabt,als in den kränksten und schmerzhaftesten Zeiten meines Lebens: man hat nur die "Morgenröthe" oder etwa den "Wanderer und seinen Schatten" sich anzusehn,um zu begreifen, was diese "Rückkehr zu mir" war: eine höchste Art von Genesung selbst! ... Die andre folgte bloss daraus.
5. Menschliches, Allzumenschliches, dies Denkmal einer rigorösen Selbstzucht, mit der ich bei mir allem eingeschleppten "höheren Schwindel", "Idealismus","schönen Gefühl", und andren Weiblichkeiten ein jähes Ende bereitete, wurde in allen Hauptsachen in Sorrent niedergeschrieben; es bekam seinen Schluss, seineendgültige Form in einem Basler Winter, unter ungleich ungünstigeren Verhältnissen als denen in Sorrent. Im Grunde hat Herr Peter Gast, damals an der BaslerUniversität studierend und mir sehr zugethan, das Buch auf dem Gewissen. Ich diktierte, den Kopf verbunden und schmerzhaft, er schrieb ab, er corrigierte auch, -er war im Grunde der eigentliche Schriftsteller, während ich bloss der Autor war. Als das Buch endlich fertig mir zu Händen kam - zur tiefen Verwunderungeines Schwerkranken -, sandte ich, unter Anderem, auch nach Bayreuth zwei Exemplare. Durch ein Wunder von Sinn im Zufall kam gleichzeitig bei mir einschönes Exemplar des Parsifal-Textes an, mit Wagners Widmung an mich "seinem theuren Freunde Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Kirchenrath". - DieseKreuzung der zwei Bücher - mir war's, als ob ich einen ominösen Ton dabei hörte. Klang es nicht, als ob sich Degen kreuzten? ... Jedenfalls empfanden wir esbeide so: denn wir schwiegen beide. - Um diese Zeit erschienen die ersten Bayreuther Blätter: ich begriff, wozu es höchste Zeit gewesen war. - Unglaublich!Wagner war fromm geworden ...
6. Wie ich damals (1876) über mich dachte, mit welcher ungeheuren Sicherheit ich meine Aufgabe und das Welthistorische an ihr in der Hand hielt, davon legtdas ganze Buch, vor Allem aber eine sehr ausdrückliche Stelle Zeugniss ab: nur dass ich, mit der bei mir instinktiven Arglist, auch hier wieder das Wörtchen"ich" umgieng und dies Mal nicht Schopenhauer oder Wagner, sondern einen meiner Freunde, den ausgezeichneten Dr. Paul Rée, mit einer welthistorischenGlorie überstrahlte - zum Glück ein viel zu feines Thier, als dass ... Andre waren weniger fein: ich habe die Hoffnungslosen unter meinen Lesern, zum Beispielden typischen deutschen Professor, immer daran erkannt, dass sie, auf diese Stelle hin, das ganze Buch als höheren Réealismus verstehn zu müssen glaubten ...In Wahrheit enthielt es den Widerspruch gegen fünf, sechs Sätze meines Freundes: man möge darüber die Vorrede zur Genealogie der Moral nachlesen. - DieStelle lautet: welches ist doch der Hauptsatz, zu dem einer der kühnsten und kältesten Denker, der Verfasser des Buchs "über den Ursprung der moralischenEmpfindungen" (lisez: Nietzsche, der erste Immoralist) vermöge seiner ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns gelangt ist? "Dermoralische Mensch steht der intelligiblen Welt nicht näher als der physische - denn es giebt keine intelligible Welt... " Dieser Satz, hart und schneidig gewordenunter dem Hammerschlag der historischen Erkenntniss (lisez: Umwertung aller Werte) kann vielleicht einmal, in irgend welcher Zukunft - 1890! - als die Axtdienen, welche dem "metaphysischen Bedürfniss" der Menschheit an die Wurzel gelegt wird, - ob mehr zum Segen oder zum Fluche der Menschheit, werwüsste das zu sagen? Aber jedenfalls als ein Satz der erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich und mit jenem Doppelblick in die Welt sehend,welchen alle großen Erkenntnisse haben ...
Morgenröthe. Gedanken über die Moral als Vorurtheil. 1. Mit diesem Buche beginnt mein Feldzug gegen die Moral. Nicht dass es den geringsten Pulvergeruch an sich hätte: - man wird ganz andre und viel lieblichereGerüche an ihm wahrnehmen, gesetzt, dass man einige Feinheit in den Nüstern hat. Weder großes, noch auch kleines Geschütz: ist die Wirkung des Buchsnegativ, so sind es seine Mittel um so weniger, diese Mittel, aus denen die Wirkung wie ein Schluss, nicht wie ein Kanonenschuss folgt. Dass man von demBuche Abschied nimmt mit einer scheuen Vorsicht vor Allem, was bisher unter dem Namen Moral zu Ehren und selbst zur Anbetung gekommen ist, steht nichtim Widerspruch damit, dass im ganzen Buch kein negatives Wort vorkommt, kein Angriff, keine Bosheit, - dass es vielmehr in der Sonne liegt, rund, glücklich,einem Seegethier gleich, das zwischen Felsen sich sonnt. Zuletzt war ich's selbst, dieses Seegethier: fast jeder Satz des Buchs ist erdacht, er schlüpft in jenemFelsen-Wirrwarr nahe bei Genua, wo ich allein war und noch mit dem Meere Heimlichkeiten hatte. Noch jetzt wird mir, bei einer zufälligen Berührung diesesBuchs, fast jeder Satz zum Zipfel, an dem ich irgend etwas Unvergleichliches wieder aus der Tiefe ziehe: seine ganze Haut zittert von zarten Schaudern derErinnerung. Die Kunst, die es voraus hat, ist keine kleine darin, Dinge, die leicht und ohne Geräusch vorbeihuschen, Augenblicke, die ich göttliche Eidechsennenne, ein wenig fest zu machen - nicht etwa mit der Grausamkeit jenes jungen Griechengottes, der das arme Eidechslein einfach anspiesste, aber immerhindoch mit etwas Spitzem, mit der Feder... "Es giebt so viele Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben" diese indische Inschrift steht auf der Thür zudiesem Buche. Wo sucht sein Urheber jenen neuen Morgen, jenes bisher noch unentdeckte zarte Roth, mit dem wieder ein Tag - ah, eine ganze Reihe, eineganze Welt neuer Tage! - anhebt? In einer Umwertung aller Werte, in einem Loskommen von allen MoraWerten, in einem Jasagen und Vertrauen-haben zuAlledem, was bisher verboten, verachtet, verflucht worden ist. Dies jasagende Buch strömt sein Licht, seine Liebe, seine Zärtlichkeit auf lauter schlimme Dingeaus, es giebt ihnen "die Seele", das gute Gewissen, das hohe Recht und Vorrecht auf Dasein wieder zurück. Die Moral wird nicht angegriffen, sie kommt nurnicht mehr in Betracht ... Dies Buch schliesst mit einem "Oder?", - es ist das einzige Buch, das mit einem "Oder?" schliesst ...
2. Meine Aufgabe, einen Augenblick höchster Selbstbesinnung der Menschheit vorzubereiten, einen großen Mittag, wo sie zurückschaut und hinausschaut, wosie aus der Herrschaft des Zufalls und der Priester heraustritt und die Frage des warum?, des wozu? zum ersten Male als Ganzes stellt -, diese Aufgabe folgtmit Nothwendigkeit aus der Einsicht, dass die Menschheit nicht von selber auf dem rechten Wege ist, dass sie durchaus nicht göttlich regiert wird, dass vielmehrgerade unter ihren heiligsten Wertbegriffen der Instinkt der Verneinung, der Verderbniss, der décadence-Instinkt verführerisch gewaltet hat. Die Frage nachder Herkunft der moralischen Werte ist deshalb für mich eine Frage ersten Ranges, weil sie die Zukunft der Menschheit bedingt. Die Forderung, man solleglauben, dass Alles im Grunde in den besten Händen ist, dass ein Buch, die Bibel, eine endgültige Beruhigung über die göttliche Lenkung und Weisheit imGeschick der Menschheit giebt, ist, zurückübersetzt in die Realität, der Wille, die Wahrheit über das erbarmungswürdige Gegentheil davon nicht aufkommen zulassen, nämlich, dass die Menschheit bisher in den schlechtesten Händen war, dass sie von den Schlechtweggekommenen, den Arglistig-Rachsüchtigen, densogenannten "Heiligen", diesen Weltverleumdern und Menschenschändern, regiert worden ist. Das entscheidende Zeichen, an dem sich ergiebt, dass derPriester (- eingerechnet die versteckten Priester, die Philosophen) nicht nur innerhalb einer bestimmten religiösen Gemeinschaft, sondern überhaupt Herrgeworden ist, dass die décadence-Moral, der Wille zum Ende, als Moral an sich gilt, ist der unbedingte Wert, der dem Unegoistischen und die Feindschaft, diedem Egoistischen überall zu Theil wird. Wer über diesen Punkt mit mir uneins ist, den halte ich für inficiert ... Aber alle Welt ist mit mir uneins ... Für einenPhysiologen lässt ein solcher Wert-Gegensatz gar keinen Zweifel. Wenn innerhalb des Organismus das geringste Organ in noch so kleinem Maasse nachlässt,seine Selbsterhaltung, seinen Kraftersatz, seinen, "Egoismus" mit vollkommner Sicherheit durchzusetzen, so entartet das Ganze. Der Physiologe verlangtAusschneidung des entartenden Theils, er verneint jede Solidarität mit dem Entartenden, er ist am fernsten vom Mitleiden mit ihm. Aber der Priester will geradedie Entartung des Ganzen, der Menschheit: darum conserviert er das Entartende - um diesen Preis beherrscht er sie ... Welchen Sinn haben jene Lügenbegriffe,die Hülfsbegriffe der Moral, "Seele", "Geist", "freier Wille", "Gott", wenn nicht den, die Menschheit physiologisch zu ruinieren? ... Wenn man den Ernst von derSelbsterhaltung, Kraftsteigerung des Leibes, das heisst des Lebens ablenkt, wenn man aus der Bleichsucht ein Ideal, aus der Verachtung des Leibes "das Heilder Seele" construiert, was ist das Anderes, als ein Recept zur décadence? - Der Verlust an Schwergewicht, der Widerstand gegen die natürlichen Instinkte, die"Selbstlosigkeit" mit Einem Worte - das hieß bisher Moral... Mit der "Morgenröthe" nahm ich zuerst den Kampf gegen die Entselbstungs-Moral auf.
Die fröhliche Wissenschaft. ("la gaya scienza") Die "Morgenröthe" ist ein jasagendes Buch, tief, aber hell und gütig. Dasselbe gilt noch einmal und im höchsten Grade von der gaya scienza: fast in jedem Satzderselben halten sich Tiefsinn und Mutwillen zärtlich an der Hand. Ein Vers, welcher die Dankbarkeit für den wunderbarsten Monat Januar ausdrückt, den icherlebt habe - das ganze Buch ist sein Geschenk - verrät zur Genüge, aus welcher Tiefe heraus hier die "Wissenschaft" fröhlich geworden ist: Der du mit dem FlammenspeereMeiner Seele Eis zertheilt,Dass sie brausend nun zum MeereIhrer höchsten Hoffnung eilt:Heller stets und stets gesunder,Frei im liebevollsten MussAlso preist sie deine Wunder,Schönster Januarius! Was hier "höchste Hoffnung" heisst, wer kann darüber im Zweifel sein, der als Schluss des vierten Buchs die diamantene Schönheit der ersten Worte desZarathustra aufglänzen sieht? - Oder der die granitnen Sätze am Ende des dritten Buchs liest, mit denen sich ein Schicksal für alle Zeiten zum ersten Male inFormeln fasst? - Die Lieder des Prinzen Vogelfrei, zum besten Theil in Sicilien gedichtet, erinnern ganz ausdrücklich an den provencialischen Begriff der "gayascienza", an jene Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist, mit der sich jene wunderbare Frühkultur der Provencalen gegen alle zweideutigen Culturen abhebt; dasallerletzte Gedicht zumal, "anden Mistral", ein ausgelassenes Tanzlied, in dem, mit Verlaub! über die Moral hinweggetanzt wird, ist ein vollkommnerProvençalismus.
Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. 1. Ich erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die Grundconception des Werks, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Formel derBejahung, die überhaupt erreicht werden kann -, gehört in den August des Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift: "6000 Fuss jenseitsvon Mensch und Zeit". Ich gieng an jenem Tage am See von Silvaplana durch die Wälder; bei einem mächtigen pyramidal aufgethürmten Block unweit Surleimachte ich Halt. Da kam mir dieser Gedanke. - Rechne ich von diesem Tage ein paar Monate zurück, so finde ich, als Vorzeichen, eine plötzliche und imTiefsten entscheidende Veränderung meines Geschmacks, vor Allem in der Musik. Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die Musik rechnen; -sicherlich war eine Wiedergeburt in der Kunst zu hören, eine Vorausbedingung dazu. In einem kleinen Gebirgsbade unweit Vicenza, Recoaro, wo ich denFrühling des Jahrs 1881 verbrachte, entdeckte ich, zusammen mit meinem maëstro und Freunde Peter Gast, einem gleichfalls "Wiedergebornen", dass derPhönix Musik mit leichterem und leuchtenderem Gefieder, als er je gezeigt, an uns vorüberflog. Rechne ich dagegen von jenem Tage an vorwärts, bis zurplötzlichen und unter den unwahrscheinlichsten Verhältnissen eintretenden Niederkunft im Februar 1883 - die Schlusspartie, dieselbe, aus der ich im Vorwort einpaar Sätze citiert habe, wurde genau in der heiligen Stunde fertig gemacht, in der Richard Wagner in Venedig starb - so ergeben sich achtzehn Monate für dieSchwangerschaft. Diese Zahl gerade von achtzehn Monaten dürfte den Gedanken nahelegen, unter Buddhisten wenigstens, dass ich im Grunde einElephanten-Weibchen bin. - In die Zwischenzeit gehört die "gaya scienza", die hundert Anzeichen der Nähe von etwas Unvergleichlichem hat; zuletzt giebt sieden Anfang des Zarathustra selbst noch, sie giebt im vorletzten Stück des vierten Buchs den Grundgedanken des Zarathustra. - Insgleichen gehört in dieseZwischenzeit jener Hymnus auf das Leben (für gemischten Chor und Orchester), dessen Partitur vor zwei Jahren bei E. W. Fritzsch in Leipzig erschienen ist:ein vielleicht nicht unbedeutendes Symptom für den Zustand dieses Jahres, wo das ja sagende Pathos par excellence, von mir das tragische Pathos genannt, imhöchsten Grade mir innewohnte. Man wird ihn später einmal zu meinem Gedächtniss singen. - Der Text, ausdrücklich bemerkt, weil ein Missverständnissdarüber im Umlauf ist, ist nicht von mir: er ist die erstaunliche Inspiration einer jungen Russin, mit der ich damals befreundet war, des Fräulein Lou von Salomé.Wer den letzten Worten des Gedichts überhaupt einen Sinn zu entnehmen weiss, wird errathen, warum ich es vorzog und bewunderte: sie haben Grösse. DerSchmerz gilt nicht als Einwand gegen das Leben: "Hast du kein Glück mehr übrig mir zu geben, wohlan! noch hast du deine Pein... " Vielleicht hat auch meineMusik an dieser Stelle Grösse. (Letzte Note der Oboe cis nicht c. Druckfehler.) - Den darauf folgenden Winter lebte ich in jener anmutig stillen Bucht vonRapallo unweit Genua, die sich zwischen Chiavari und dem Vorgebirge Porto fino einschneidet. Meine Gesundheit war nicht die beste; der Winter kalt und überdie Maassen regnerisch; ein kleines Albergo, unmittelbar am Meer gelegen, so dass die hohe See nachts den Schlaf unmöglich machte, bot ungefähr in Allemdas Gegentheil vom Wünschenswerten. Trotzdem und beinahe zum Beweis meines Satzes, dass alles Entscheidende "trotzdem", entsteht, war es dieser Winterund diese Ungunst der Verhältnisse, unter denen mein Zarathustra entstand. - Den Vormittag stieg ich in südlicher Richtung auf der herrlichen Strasse nachZoagli hin in die Höhe, an Pinien vorbei und weitaus das Meer überschauend; des Nachmittags, so oft es nur die Gesundheit erlaubte, umgieng ich die ganzeBucht von Santa Margherita bis hinter nach Porto fino. Dieser Ort und diese Landschaft ist durch die große Liebe, welche der unvergessliche deutsche KaiserFriedrich der Dritte für sie fühlte, meinem Herzen noch näher gerückt; ich war zufällig im Herbst 1886 wieder an dieser Küste, als er zum letzten Mal diesekleine vergessne Welt von Glück besuchte. - Auf diesen beiden Wegen fiel mir der ganze erste Zarathustra ein, vor Allem Zarathustra selber, als Typus:richtiger, er überfiel mich...
2. Um diesen Typus zu verstehn, muss man sich zuerst seine physiologische Voraussetzung klar machen: sie ist das, was ich die große Gesundheit nenne. Ichweiss diesen Begriff nicht besser, nicht persönlicher zu erläutern, als ich es schon gethan habe, in einem der Schlussabschnitte des fünften Buchs der "gayascienza". "Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen - heisst es daselbst - wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir bedürfen zu einemneuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle Gesundheitenbisher waren. Wessen Seele darnach dürstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werte und Wünschbarkeiten erlebt und alle Küsten dieses idealischen"Mittelmeers" umschifft zu haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem Eroberer und Entdecker des Ideals zu Mute ist,insgleichen einem Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem Gelehrten, einem Frommen, einem Göttlich-Abseitigen alten Stils: der hatdazu zu allererst Eins nöthig, die große Gesundheit - eine solche, welche man nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt und erwerben muss, weil mansie immer wieder preisgiebt, preisgeben muss ... Und nun, nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir Argonauten des Ideals, mutiger vielleicht alsklug ist und Oft genug schiffbrüchig und zu Schaden gekommen, aber, wie gesagt, gesünder als man es uns erlauben möchte, gefährlich gesund, immer wiedergesund, - will es. uns scheinen, als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch unentdecktes Land vor uns haben, dessen Grenzen noch Niemand abgesehn hat, ein jenseitsaller bisherigen Länder und Winkel des Ideals, eine Welt so überreich an Schönem, Fremdem, Fragwürdigem, Furchtbarem und Göttlichem, dass unsreNeugierde sowohl als unser Besitzdurst ausser sich gerathen sind - ach, dass wir nunmehr durch Nichts mehr zu ersättigen sind! ... Wie könnten wir uns, nachsolchen Ausblicken und mit einem solchen Heisshunger in Wissen und Gewissen, noch am gegenwärtigen Menschen. genügen lassen? Schlimm genug, aber esist unvermeidlich, dass wir seinen würdigsten Zielen und Hoffnungen nun mit einem übel aufrecht erhaltenen Ernste zusehn und vielleicht nicht einmal mehrzusehn ... Ein andres Ideal läuft vor uns her, ein wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir Niemanden überreden möchten, weil wirNiemandem so leicht das Recht darauf zugestehn: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heisst ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mitAllem spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hieß; für den das Höchste, woran das Volk billigerweise sein Wertmaass hat, bereits so viel wieGefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens, wie Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten würde; das Ideal einesmenschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens, welches oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum Beispiel, wenn es sich neben den ganzenbisherigen Erdenernst, neben alle bisherige Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe wie deren leibhafteste unfreiwillige Parodie hinstellt- und mit dem, trotzalledem, vielleicht der große Ernst erst anhebt, das eigentliche Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der Seele sich wendet, derZeiger rückt, die Tragödie beginnt -
3. Hat jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten? Im andren Falle willich's beschreiben. Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich würde man in der That die Vorstellung, bloss Incarnation, bloss Mundstück, bloss mediumübermächtiger Gewalten zu sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn, dass plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, Etwassichtbar, hörbar wird, Etwas, das Einen im Tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach den Thatbestand. Man hört, man sucht nicht; man nimmt, manfragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern, - ich habe nie eine Wahl gehabt. EineEntzükkung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Thränenstrom auslöst, bei der der Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; einvollkommnes Ausser-sich-sein mit dem distinktesten Bewusstsein einer Unzahl feiner Schauder und Überrieselungen bis in die Fusszehen; eine Glückstiefe, inder das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, sondern als bedingt, als herausgefordert, sondern als eine nothwendige Farbe innerhalb einessolchen Lichtüberflusses; ein Instinkt rhythmischer Verhältnisse, der weite Räume von Formen überspannt - die Länge, das Bedürfniss nach einemweitgespannten Rhythmus ist beinahe das Maass für die Gewalt der Inspiration, eine Art Ausgleich gegen deren Druck und Spannung ... Alles geschieht imhöchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit ... Die Unfreiwilligkeit des Bildes,des Gleichnisses ist das Merkwürdigste; man hat keinen Begriff mehr, was Bild, was Gleichniss ist, Alles bietet sich als der nächste, der richtigste, dereinfachste Ausdruck. Es scheint wirklich, um an ein Wort Zarathustras zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen und sich zum Gleichnisse anböten (-"hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu jederWahrheit. Hier springen dir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf; alles Sein will hier Wort werden, alles Werden will von dir reden lernen "). Dies istmeine Erfahrung von Inspiration; ich zweifle nicht, dass man Jahrtausende zurückgehn muss, um jemanden zu finden, der mir sagen darf "es ist auch die meine".
4. Ich lag ein Paar Wochen hinterdrein in Genua krank. Dann folgte ein schwermüthiger Frühling in Rom, wo ich das Leben hinnahm - es war nicht leicht. ImGrunde verdross mich dieser für den Dichter des Zarathustra unanständigste Ort der Erde, den ich nicht freiwillig gewählt hatte, über die Maassen; ichversuchte loszukommen, - ich wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft gegen Rom gegründet, wie ich einen Ort dereinst gründenwerde, die Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen meiner Nächstverwandten, den großen Hohenstaufen-Kaiser Friedrich denZweiten. Aber es war ein Verhängniss bei dem Allen: ich musste wieder zurück. Zuletzt gab ich mich mit der piazza Barberini zufrieden, nachdem mich meineMühe um eine anti-christliche Gegend müde gemacht hatte. Ich fürchte, ich habe einmal, um schlechten Gerüchen möglichst aus dem Wege zu gehn, im palazzodel Quirinale selbst nachgefragt, ob man nicht ein stilles Zimmer für einen Philosophen habe. - Auf einer loggia hoch über der genannten piazza, von der aus manRom übersieht und tief unten die fontana rauschen hört, wurde jenes einsamste Lied gedichtet, das je gedichtet worden ist, das Nachtlied; um diese Zeit giengimmer eine Melodie von unsäglicher Schwermut um mich herum, deren Refrain ich in den Worten wiederfand "todt vor Unsterblichkeit..." Im Sommer,heimgekehrt zur heiligen Stelle, wo der erste Blitz des Zarathustra-Gedankens mir geleuchtet hatte, fand ich den zweiten Zarathustra. Zehn Tage genügten; ichhabe in keinem Falle, weder beim ersten, noch beim dritten und letzten mehr gebraucht. Im Winter darauf, unter dem halkyonischen Himmel Nizza's, der damalszum ersten Male in mein Leben hineinglänzte, fand ich den dritten Zarathustra - und war fertig. Kaum ein Jahr, für's Ganze gerechnet. Viele verborgne Fleckeund Höhen aus der Landschaft Nizza's sind mir durch unvergessliche Augenblicke geweiht; jene entscheidende Partie, welche den Titel "von alten und neuenTafeln" trägt, wurde im beschwerlichsten Aufsteigen von der Station zu dem wunderbaren maurischen Felsenneste Eza gedichtet, - die Muskel-Behendheit warbei mir immer am grössten, wenn die schöpferische Kraft am reichsten floss. Der Leib ist begeistert: lassen wir die "Seele" aus dem Spiele ... Man hat mich ofttanzen sehn können; ich konnte damals, ohne einen Begriff von Ermüdung, sieben, acht Stunden auf Bergen unterwegs sein. Ich schlief gut, ich lachte viel -, ichwar von einer vollkomm<n>en Rüstigkeit und Geduld.
5. Abgesehn von diesen Zehn-Tage-Werken waren die Jahre während und vor Allem nach dem Zarathustra ein Nothstand ohne Gleichen. Man büsst es theuer,unsterblich zu sein: man stirbt dafür mehrere Male bei Lebzeiten. - Es giebt Etwas, das ich die rancune des Großen nenne: alles Große, ein Werk, eine That,wendet sich, einmal vollbracht, unverzüglich gegen den, der sie that. Ebendamit, dass er sie that, ist er nunmehr schwach - er hält seine That nicht mehr aus, ersieht ihr nicht mehr in's Gesicht. Etwas hinter sich zu haben, das man nie wollen durfte, Etwas, worin der Knoten im Schicksal der Menschheit eingeknüpft ist -und es nunmehr auf sich haben! ... Es zerdrückt beinahe.. - Die rancune des Großen! - Ein Andres ist die schauerliche Stille, die man um sich hört. DieEinsamkeit hat sieben Häute; es geht Nichts mehr hindurch. Man kommt zu Menschen, man begrüsst Freunde: neue Öde, kein Blick grüsst mehr. Im bestenFalle eine Art Revolte. Eine solche Revolte erfuhr ich, in sehr verschiednem Grade, aber fast von Jedermann, der mir nahe stand; es scheint, dass Nichts tieferbeleidigt als plötzlich eine Distanz merken zu lassen, - die vornehmen Naturen, die nicht zu leben wissen, ohne zu verehren, sind selten. - Ein Drittes ist dieabsurde Reizbarkeit der Haut gegen kleine Stiche, eine Art Hülflosigkeit vor allem Kleinen. Diese scheint mir in der ungeheuren Verschwendung allerDefensiv-Kräfte bedingt, die jede schöpferische That, jede That aus dem Eigensten, Innersten, Untersten heraus zur Voraussetzung hat. Die kleinenDefensiv-Vermögen sind damit gleichsam ausgehängt; es fliesst ihnen keine Kraft mehr zu. - Ich wage noch anzudeuten, dass man schlechter verdaut, ungernsich bewegt, den Frostgefühlen, auch dem Misstrauen allzu offen steht, - dem Misstrauen, das in vielen Fällen bloss ein ätiologischer Fehlgriff ist. In einemsolchen Zustande empfand ich einmal die Nähe einer Kuhheerde, durch Wiederkehr milderer, menschenfreundlicherer Gedanken, noch bevor ich sie sah: dashat Wärme in sich ...
6. Dieses Werk steht durchaus für sich. Lassen wir die Dichter bei Seite: es ist vielleicht überhaupt nie Etwas aus einem gleichen Überfluss von Kraft herausgethan worden. Mein Begriff "dionysisch" wurde hier höchste That; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von menschlichem Thun als arm und bedingt.Dass ein Goethe, ein Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheuren Leidenschaft und Höhe zu athmen wissen würde, dass Dante, gegen Zarathustragehalten, bloss ein Gläubiger ist und nicht Einer, der die Wahrheit erst schafft, ein weltregierender Geist, ein Schicksal dass die Dichter des Veda Priester sindund nicht einmal würdig, die Schuhsohlen eines Zarathustra zu lösen, das ist Alles das Wenigste und giebt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnenEinsamkeit, in der dies Werk lebt. Zarathustra hat ein ewiges Recht zu sagen: "ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen mitmir auf immer höhere Berge, - ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen." Man rechne den Geist und die Güte aller großen Seelen in Eins: allezusammen wären nicht im Stande, Eine Rede Zarathustras hervorzubringen. Die Leiter ist ungeheuer, auf der er auf und nieder steigt; er hat weiter gesehn,weiter gewollt, weiter gekonnt, als irgend ein Mensch. Er widerspricht mit jedem Wort, dieser jasagendste aller Geister; in ihm sind alle Gegensätze zu einerneuen Einheit gebunden. Die höchsten und die untersten Kräfte der menschlichen Natur, das Süsseste, Leichtfertigste und Furchtbarste strömt aus Einem Bornmit unsterblicher Sicherheit hervor. Man weiss bis dahin nicht, was Höhe, was Tiefe ist; man weiss noch weniger, was Wahrheit ist. Es ist kein Augenblick indieser Offenbarung der Wahrheit, der schon vorweggenommen, von Einem der Grössten errathen worden wäre. Es giebt keine Weisheit, keineSeelen-Erforschung, keine Kunst zu reden vor Zarathustra; das Nächste, das Alltäglichste redet hier von unerhörten Dingen. Die Sentenz von Leidenschaftzitternd; die Beredsamkeit Musik geworden; Blitze vorausgeschleudert nach bisher unerrathenen Zukünften. . Die mächtigste Kraft zum Gleichniss, die bisherda war, ist arm und Spielerei gegen diese Rückkehr der Sprache zur Natur der Bildlichkeit. - Und wie Zarathustra herabsteigt und zu Jedem das Gütigste sagt!Wie er selbst seine Widersacher, die Priester, mit zarten Händen anfasst und mit ihnen an ihnen leidet! - Hier ist in jedem Augenblick der Mensch überwunden,der Begriff "Übermensch" ward hier höchste Realität, - in einer unendlichen Ferne liegt alles das, was bisher groß am Menschen hieß, unter ihm. DasHalkyonische, die leichten Füsse, die Allgegenwart von Bosheit und Übermut und was sonst Alles typisch ist für den Typus Zarathustra. ist nie geträumtworden als wesentlich zur Grösse. Zarathustra fühlt sich gerade in diesem Umfang an Raum, in dieser Zugänglichkeit zum Entgegengesetzten als die höchsteArt alles Seienden; und wenn man hört, wie er diese definiert, so wird man darauf verzichten, nach seinem Gleichniss zu suchen.
Aber das ist der Begriff des Dionysos selbst. Eben dahin führt eine andre Erwägung. Das psychologische Problem im Typus des Zarathustra ist, wie der,welcher in einem unerhörten Grade Nein sagt, Nein thut, zu Allem, wozu man bisher Ja sagte, trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes sein kann;wie der das Schwerste von Schicksal, ein Verhängniss von Aufgabe tragende Geist trotzdem der leichteste und jenseitigste sein kann - Zarathustra ist einTänzer -; wie der, welcher die härteste, die furchtbarste Einsicht in die Realität hat, welcher den "abgründlichsten Gedanken" gedacht hat, trotzdem darin keinenEinwand gegen das Dasein, selbst nicht gegen dessen ewige Wiederkunft findet, - vielmehr einen Grund noch hinzu, das ewige Ja zu allen Dingen selbst zu sein,"das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen" ... "In alle Abgründe trage ich noch mein segnendes Jasagen" ... Aber das ist der Begriff des Dionysos nocheinmal.
7. - Welche Sprache wird ein solcher Geist reden, wenn er mit sich allein redet? Die Sprache des Dithyrambus. Ich bin der Erfinder des Dithyrambus. Man höre,wie Zarathustra vor Sonnenaufgang (III, 18) mit sich redet: ein solches smaragdenes Glück, eine solche göttliche Zärtlichkeit hatte noch keine Zunge vor mir.Auch die tiefste Schwermut eines solchen Dionysos wird noch Dithyrambus; ich nehme, zum Zeichen, das Nachtlied, die unsterbliche Klage, durch dieÜberfülle von Licht und Macht, durch seine Sonnen-Natur, verurteilt zu sein, nicht zu lieben. Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen. Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden. Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das will laut werden. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe. Licht bin ich: ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin. Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten des Lichts saugen! Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und Leuchtwürmer droben! - und selig sein ob eurer Licht-Geschenke. Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen. Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht; und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen. Das ist meine Armut, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte derSehnsucht. Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh Begierde nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sättigung! Sie nehmen von mir: aber rühre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist zwischen Nehmen und Geben; und die kleinste Kluft ist am letzten zu überbrücken. Ein Hunger wächst aus meiner Schönheit: wehethun möchte ich denen, welchen ich leuchte, berauben möchte ich meine Beschenkten, - also hungere ich nachBosheit. Die Hand zurückziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt; dem Wasserfall gleich, der noch im Sturze zögert: also hungere ich nach Bosheit. Solche Rache sinnt meine Fülle aus, solche Tücke quillt aus meiner Einsamkeit. Mein Glück im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer selber müde an ihrem Überflusse! Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austheilen. Mein Auge quillt nicht mehr über vor der Scham der Bittenden; meine Hand wurde zu hart für das Zittern gefüllter Hände. Wohin kam die Thräne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh Einsamkeit aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden! Viel Sonnen kreisen im öden Raume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte - mir schweigen sie. Oh dies ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes: erbarmungslos wandelt es seine Bahnen. Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen - also wandelt jede Sonne. Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen ihre Bahnen, ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte. Oh ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! Oh ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern! Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst ist in mir, der schmachtet nach eurem Durste. Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nächtigem! Und Einsamkeit! Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, - nach Rede verlangt mich. Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen. Nacht ist es: nun erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
8. Dergleichen ist nie gedichtet, nie gefühlt, nie gelitten worden: so leidet ein Gott, ein Dionysos. Die Antwort auf einen solchen Dithyrambus derSonnen-Vereinsamung im Lichte wäre Ariadne ... Wer weiss ausser mir, was Ariadne ist! ... Von allen solchen Rätseln hatte Niemand bisher die Lösung, ichzweifle, dass je jemand auch hier nur Rätsel sah. - Zarathustra bestimmt einmal, mit Strenge, seine Aufgabe - es ist auch die meine -, dass man sich über denSinn nicht vergreifen kann: er ist ja sagend bis zur Rechtfertigung, bis zur Erlösung auch alles Vergangenen. Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft: jener Zukunft, die ich schaue. Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und zusammentrage, was Bruchstück ist und Rätsel und grauser Zufall. Und wie ertrüge ich es Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch Dichter und Rätselrather und Erlöser des Zufalls wäre? Die Vergangnen zu erlösen und alles "Es war" umzuschaffen in ein "So wollte ich es!" das hieße mir erst Erlösung. An einer andren Stelle bestimmt er so streng als möglich, was für ihn allein "der Mensch" sein kann - kein Gegenstand der Liebe oder gar des Mitleidens -auch über den großen Ekel am Menschen ist Zarathustra Herr geworden: der Mensch ist ihm eine Unform, ein Stoff, ein hässlicher Stein, der des Bildnersbedarf. Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schätzen und Nicht-mehr-schaffen: oh dass diese große Müdigkeit mir stets ferne bleibe! Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zeuge- und Werdelust; und wenn Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht dies, weil Wille zurZeugung in ihr ist. Hinweg von Gott und Göttern lockte mich dieser Wille: was wäre denn zu schaffen, wenn Götter - da wären? Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine. Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild der Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss! Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine stäuben Stücke: was schiert mich das! Vollenden will ich's, denn ein Schatten kam zu mir, - aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam einst zu mir! Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten: was gehen mich noch - die Götter an! ... Ich hebe einen letzten Gesichtspunkt hervor: der unterstrichne Vers giebt den Anlass hierzu. Für eine dionysische Aufgabe gehört die Härte des Hammers, dieLust selbstam Vernichten in entscheidender Weise zu den Vorbedingungen. Der Imperativ "werdet hart!", die unterste Gewissheit darüber, dass alleSchaffenden hart sind, ist das eigentliche Abzeichen einer dionysischen Natur.
Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft. 1. Die Aufgabe für die nunmehr folgenden Jahre war so streng als möglich vorgezeichnet. Nachdem der jasagende Theil meiner Aufgabe gelöst war, kam dieneinsagende, neinthuende Hälfte derselben an die Reihe: die Umwertung der bisherigen Werte selbst, der große Krieg, - die Heraufbeschwörung eines Tagsder Entscheidung. Hier ist eingerechnet der langsame Umblick nach Verwandten, nach Solchen, die aus der Stärke heraus Zum Vernichten mir die Hand bietenwürden. - Von da an sind alle meine Schriften Angelhaken: vielleicht verstehe ich mich so gut als jemand auf Angeln? ... Wenn Nichts sich fieng, so liegt dieSchuld nicht an mir. Die Fische fehlten...
2. Dies Buch (1886) ist in allem Wesentlichen eine Kritik der Modernität, die modernen Wissenschaften, die modernen Künste, selbst die moderne Politik nichtausgeschlossen, nebst Fingerzeigen zu einem Gegensatz-Typus, der so wenig modern als möglich ist, einem vornehmen, einem jasagenden Typus. Im letzterenSinne ist das Buch eine Schule des gentilhomme, der Begriff geistiger und radikaler genommen als er je genommen worden ist. Man muss Mut im Leibe haben,ihn auch nur auszuhalten, man muss das Fürchten nicht gelernt haben ... Alle die Dinge, worauf das Zeitalter stolz ist, werden als Widerspruch zu diesem Typusempfunden, als schlechte Manieren beinahe, die berühmte "Objektivität" zum Beispiel, das "Mitgefühl mit allem Leidenden", der "historische Sinn" mit seinerUnterwürfigkeit vor fremdem Geschmack, mit seinem Auf-dem-Bauch-liegen vor petits faits, die "Wissenschaftlichkeit". - Erwägt man, dass das Buch nachdem Zarathustra folgt, so errät man vielleicht auch das diätetische régime, dem es eine Entstehung verdankt. Das Auge, verwöhnt durch eine ungeheureNöthigung fern zu sehn - Zarathustra ist weitsichtiger noch als der Czar -, wird hier gezwungen, das Nächste, die Zeit, das Um-uns scharf zu fassen. Man wirdin allen Stücken, vor Allem auch in der Form, eine gleiche willkürliche Abkehr von den Instinkten finden, aus denen ein Zarathustra möglich wurde. DasRaffinement in Form, in Absicht, in der Kunst des Schweigens, ist im Vordergrunde, die Psychologie wird mit eingeständlicher Härte und Grausamkeitgehandhabt, - das Buch entbehrt jedes gutmüthigen Worts ... Alles das erholt: wer errät zuletzt, welche Art Erholung eine solche Verschwendung von Güte,wie der Zarathustra ist, nöthig macht? ... Theologisch geredet - man höre zu, denn ich rede selten als Theologe - war es Gott selber, der sich als Schlange amEnde seines Tagewerks unter den Baum der Erkenntniss legte: er erholte sich so davon, Gott zu sein... Er hatte Alles zu schön gemacht ... Der Teufel ist blossder Müssiggang Gottes an jedem siebenten Tage ...
Genealogie der Moral. Eine Streitschrift.
Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der Überraschung, dasUnheimlichste, was bisher geschrieben worden ist. Dionysos ist, man weiss es, auch der Gott der Finsterniss. - Jedes Mal ein Anfang, der irre führen soll, kühl,wissenschaftlich, ironisch selbst, absichtlich Vordergrund, absichtlich hinhaltend. Allmählich mehr Unruhe; vereinzeltes Wetterleuchten; sehr unangenehmeWahrheiten aus der Ferne her mit dumpfem Gebrumm laut werdend, - bis endlich ein tempo feroce erreicht ist, wo Alles mit ungeheurer Spannung vorwärtstreibt. Am Schluss jedes Mal, unter vollkommen schauerlichen Detonationen, eine neue Wahrheit zwischen dicken Wolken sichtbar. - Die Wahrheit der erstenAbhandlung ist die Psychologie des Christenthums: die Geburt des Christenthums aus dem Geiste des Ressentiment, nicht, wie wohl geglaubt, wird, aus dem"Geiste", - eine Gegenbewegung ihrem Wesen nach, der große Aufstand gegen die Herrschaft vornehmer Werte. Die zweite Abhandlung giebt diePsychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt wird, "die Stimme Gottes im Menschen", - es ist der Instinkt der Grausamkeit, der sichrückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach aussen hin sich entladen kann. Die Grausamkeit als einer der ältesten und unwegdenkbarstenCultur-Untergründe hier zum ersten Male ans Licht gebracht. Die dritte Abhandlung giebt die Antwort auf die Frage, woher die ungeheure Macht desasketischen Ideals, des Priester-Ideals, stammt, obwohl dasselbe das schädliche Ideal par excellence, ein Wille zum Ende, ein décadence-Ideal ist. Antwort:nicht, weil Gott hinter den Priestern thätig ist, was wohl geglaubt wird, sondern faute de mieux, - weil es das einzige Ideal bisher war, weil es keinenConcurrenten hatte. "Denn der Mensch will lieber noch das Nichts wollen als nicht wollen"... Vor allem fehlte ein Gegen-Ideal bis auf Zarathustra. - Man hatmich verstanden. Drei entscheidende Vorarbeiten eines Psychologen für eine Umwertung aller Werte. - Dies Buch enthält die erste Psychologie desPriesters.
Götzen-Dämmerung. Wie man mit dem Hammer philosophiert. 1. Diese Schrift von noch nicht 150 Seiten, heiter und verhängnissvoll im Ton, ein Dämon, welcher lacht -, das Werk von so wenig Tagen, dass ich Anstandnehme, ihre Zahl zu nennen, ist unter Büchern überhaupt die Ausnahme: es giebt nichts Substanzenreicheres, Unabhängigeres, Umwerfenderes, - Böseres. Willman sich kurz einen Begriff davon geben, wie vor mir Alles auf dem Kopfe stand, so mache man den Anfang mit dieser Schrift. Das, was Götze auf demTitelblatt heisst, ist ganz einfach das, was bisher Wahrheit genannt wurde. Götzen- Dämmerung - auf deutsch: es geht zu Ende mit der alten Wahrheit ...
2. Es giebt keine Realität, keine "Idealität", die in dieser Schrift nicht berührt würde (- berührt: was für ein vorsichtiger Euphemismus! ... ) Nicht bloss die ewigenGötzen, auch die allerjüngsten, folglich altersschwächsten. Die "modernen Ideen" zum Beispiel. Ein großer Wind bläst zwischen den Bäumen, und überall fallenFrüchte nieder - Wahrheiten. Es ist die Verschwendung eines allzureichen Herbstes darin: man stolpert über Wahrheiten, man tritt selbst einige todt, - es sindihrer zu viele ... Was man aber in die Hände bekommt, das ist nichts Fragwürdiges mehr, das sind Entscheidungen. Ich erst habe den Maassstab für "Wahrheiten" in derHand, ich kann erst entscheiden. Wie als ob in mir ein zweites Bewusstsein gewachsen wäre, wie als ob sich in mir "der Wille" ein Licht angezündet hätte überdie schiefe Bahn, auf der er bisher abwärts lief ... Die schiefe Bahn - man nannte sie den Weg zur "Wahrheit"... Es ist zu Ende mit allem "dunklen Drang", dergute Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Wegs bewusst ... Und allen Ernstes, Niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg aufwärts:erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen, Aufgaben, vorzuschreibende Wege der Cultur - ich bin deren froher Botschafter... Eben damit bin ich auch einSchicksal. - -
3. Unmittelbar nach Beendigung des eben genannten Werks und ohne auch nur einen Tag zu verlieren, griff ich die ungeheure Aufgabe der Umwertung an, in einem souveränen Gefühl von Stolz, dem Nichts gleichkommt, jeden Augenblick meiner Unsterblichkeit gewiss und Zeichen für Zeichen mit der Sicherheit eines Schicksals in eherne Tafeln grabend. Das Vorwort entstand am 3 . September 1888: als ich Morgens, nach dieser Niederschrift, ins Freie trat, fand ich den schönsten Tag vor mir, den das Oberengadin mir je gezeigt hat - durchsichtig, glühend in den Farben, alle Gegensätze, alle Mitten zwischen Eis und Süden in sichschliessend. - Erst am 20. September verließ ich Sils-Maria, durch Überschwemmungen zurückgehalten, Zuletzt bei weitem der einzige Gast dieseswunderbaren Orts, dem meine Dankbarkeit das Geschenk eines unsterblichen Namens machen will. Nach einer Reise mit Zwischenfällen, sogar mit einerLebensgefahr im überschwemmten Como, das ich erst tief in der Nacht erreichte, kam ich am Nachmittag des 21. in Turin an, meinem bewiesenen Ort, meinerResidenz von nun an. Ich nahm die gleiche Wohnung wieder, die ich im Frühjahr innegehabt hatte, via Carlo Alberto 6, III, gegenüber dem mächtigen palazzoCarignano, in dem Vittore Emanuele geboren ist, mit dem Blick auf die piazza Carlo Alberto und drüber hinaus aufs Hügelland. Ohne Zögern und ohne mich einen Augenblick abziehn zu lassen, gieng ich wieder an die Arbeit: es war nur das letzte Viertel des Werks noch abzuthun. Am 30, September großer Sieg; Beendigung der Umwertung; Müssiggang eines Gottes am Po entlang. Am gleichen Tage schrieb ich noch das Vorwort zur "Götzen-Dämmerung", derenDruckbogen zu corrigieren meine Erholung im September gewesen war. - Ich habe nie einen solchen Herbst erlebt, auch nie Etwas der Art auf Erden fürmöglich gehalten, - ein Claude Lorrain ins Unendliche gedacht, jeder Tag von gleicher unbändiger Vollkommenheit.
Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem. 1. Um dieser Schrift gerecht zu werden, muss man am Schicksal der Musik wie an einer offnen Wunde leiden. - Woran ich leide, wenn ich am Schicksal derMusik leide? Daran, dass die Musik um ihren weltverklärenden, jasagenden Charakter gebracht worden ist, - dass sie décadence-Musik und nicht mehr die Flötedes Dionysos ist ... Gesetzt aber, dass man dergestalt die Sache der Musik wie seine eigene Sache, wie seine eigene Leidensgeschichte fühlt, so wird man dieseSchrift voller Rücksichten und über die Maassen mild finden. In solchen Fällen heiter sein und sich gutmüthig mit verspotten - ridendo dicere severum, wo dasverum dicere jede Härte rechtfertigen würde - ist die Humanität selbst. Wer zweifelt eigentlich daran, dass ich, als der alte Artillerist, der ich bin, es in der Handhabe, gegen Wagner mein schweres Geschütz aufzufahren? - Ich hielt alles Entscheidende in dieser Sache bei mir zurück, - ich habe Wagner geliebt. - Zuletztliegt ein Angriff auf einen feineren "Unbekannten", den nicht leicht ein Anderer errät, im Sinn und Wege meiner Aufgabe - oh ich habe noch ganz andre"Unbekannte" aufzudecken als einen Cagliostro der Musik - noch mehr freilich ein Angriff auf die in geistigen Dingen immer träger und instinktärmer, immerehrlicher werdende deutsche Nation, die mit einem beneidenswerten Appetit fortfährt, sich von Gegensätzen zu nähren und den Glauben" so gut wie dieWissenschaftlichkeit, die "christliche Liebe" so gut wie den Antisemitismus, den Willen zur Macht (zum "Reich") so gut wie das évangile des humbles ohneVerdauungsbeschwerden hinunterschluckt ... Dieser Mangel an Partei zwischen Gegensätzen! diese stomachische Neutralität und "Selbstlosigkeit"! Diesergerechte Sinn des deutschen Gaumens, der Allem gleiche Rechte giebt, - der Alles schmackhaft findet ... Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten ...Als ich das letzte Mal Deutschland besuchte, fand ich den deutschen Geschmack bemüht, Wagnern und dem Trompeter von Säckingen gleiche Rechtezuzugestehn; ich selber war eigenhändig Zeuge, wie man in Leipzig, zu Ehren eines der echtesten und deutschesten Musiker, im alten Sinne des Wortes deutsch,keines blossen Reichsdeutschen, es Meister Heinrich Schütz einen Liszt-Verein gründete, mit dem Zweck der Pflege und Verbreitung listiger Kirchenmusik ...Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten ...
2. Aber hier soll mich Nichts hindern, grob zu werden und den Deutschen ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer thut es sonst? - Ich rede von ihrer Unzucht inhistoricis. Nicht nur, dass den deutschen Historikern der große Blick für den Gang, für die Werte der Cultur gänzlich abhanden gekommen ist, dass sieallesammt Hanswürste der Politik (oder der Kirche -) sind: dieser große Blick ist selbst von ihnen in Acht gethan. Man muss vorerst "deutsch" sein, "Rasse"sein, dann kann man über alle Werte und Unwerte in historicis entscheiden - man setzt sie fest... "Deutsch" ist ein Argument, "Deutschland, Deutschland überAlles" ein Princip, die Germanen sind die "sittliche Weltordnung" in der Geschichte; im Verhältniss zum imperium romanum die Träger der Freiheit, imVerhältniss zum achtzehnten Jahrhundert die Wiederhersteller der Moral, des "kategorischen Imperativs", ... Es giebt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung,es giebt, fürchte ich, selbst eine antisemitische, - es giebt eine Hof-Geschichtsschreibung und Herr von Treitschke schämt sich nicht ... Jüngst machte einIdioten-Urtheil in historicis, ein Satz des zum Glück verblichenen ästhetischen Schwaben Vischer, die Runde durch die deutschen Zeitungen als eine "Wahrheit",zu der jeder Deutsche Ja sagen müsse: "Die Renaissance und die Reformation, Beide zusammen machen erst ein Ganzes - die aesthetische Wiedergeburt unddie sittliche Wiedergeburt." - Bei solchen Sätzen geht es mit meiner Geduld zu Ende, und ich spüre Lust, ich fühle es selbst als Pflicht, den Deutschen einmal zusagen, was sie Alles schon auf dem Gewissen haben. Alle großen Cultur-Verbrechen von vier Jahrhunderten haben sie auf dem Gewissen! ... Und immer ausdem gleichen Grunde, aus ihrer innerlichsten Feigheit vor der Realität, die auch die Feigheit vor der Wahrheit ist, aus ihrer bei ihnen Instinkt gewordnenUnwahrhaftigkeit, aus "Idealismus"... Die Deutschen haben Europa um die Ernte, um den Sinn der letzten großen Zeit, der Renaissance-Zeit, gebracht, in einemAugenblicke, wo eine höhere Ordnung der Werte, wo die vornehmen, die zum Leben jasagenden, die Zukunft-verbürgenden Werte am Sitz derentgegengesetzten, der Niedergangs-Werte zum Sieg gelangt waren - und bis in die Instinkte der dort Sitzenden hinein! Luther, dies Verhängniss von Mönch,hat die Kirche, und, was tausend Mal schlimmer ist, das Christenthum wiederhergestellt, im Augenblick, wo es unterlag... Das Christenthum, diese Religiongewordne Verneinung des Willens zum Leben! ... Luther, ein unmöglicher Mönch, der, aus Gründen seiner "Unmöglichkeit", die Kirche angriff und sie - folglich!- wiederherstellte ... Die Katholiken hätten Gründe, Lutherfeste zu feiern, Lutherspiele zu dichten ... Luther - und die "sittliche Wiedergeburt"! Zum Teufel mitaller Psychologie! Ohne Zweifel, die Deutschen sind Idealisten. Die Deutschen haben zwei Mal, als eben mit ungeheurer Tapferkeit und Selbstüberwindung einerechtschaffne, eine unzweideutige, eine vollkommen wissenschaftliche Denkweise erreicht war, Schleichwege zum alten "Ideal", Versöhnungen zwischenWahrheit und "Ideal", im Grunde Formeln für ein Recht auf Ablehnung der Wissenschaft, für ein Recht auf Lüge zu finden gewusst. Leibniz und Kant - diesezwei grössten Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europas! - Die Deutschen haben endlich, als auf der Brücke zwischen zweidécadence-Jahrhunderten eine force majeure von Genie und Wille sichtbar wurde, stark genug, aus Europa eine Einheit, eine politische und wirtschaftlicheEinheit, zum Zweck der Erdregierung zu schaffen, mit ihren "Freiheits-Kriegen" Europa um den Sinn, um das Wunder von Sinn in der Existenz Napoleon'sgebracht, - sie haben damit Alles, was kam, was heute da ist, auf dem Gewissen, diese culturwidrigste Krankheit und Unvernunft, die es giebt, denNationalismus., diese névrose nationale, an der Europa krank ist, diese Verewigung der Kleinstaaterei Europas, der kleinen Politik: sie haben Europa selbst umseinen Sinn, um seine Vernunft - sie haben es in eine Sackgasse gebracht. - Weiss jemand ausser mir einen Weg aus dieser Sackgasse? ... Eine Aufgabe großgenug, die Völker wieder zu binden? ...
3. - Und zuletzt, warum sollte ich meinem Verdacht nicht Worte geben? Die Deutschen werden auch in meinem Falle wieder Alles versuchen, um aus einemungeheuren Schicksal eine Maus zu gebären. Sie haben sich bis jetzt an mir compromittiert, ich zweifle, dass sie es in Zukunft besser machen. - Ah was es michverlangt, hier ein schlechter Prophet zu sein! ... Meine natürlichen Leser und Hörer sind jetzt schon Russen, Skandinavier und Franzosen, - werden sie es immermehr sein? - Die Deutschen sind in die Geschichte der Erkenntniss mit lauter zweideutigen Namen eingeschrieben, sie haben immer nur "unbewusste"Falschmünzer hervorgebracht (- Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel, Schleiermacher gebührt dies Wort so gut wie Kant und Leibniz, es sind Alles blosseSchleiermacher -): sie sollen nie die Ehre haben, dass der erste rechtschaffne Geist in der Geschichte des Geistes, der Geist, in dem die Wahrheit zu Gerichtkommt über die Falschmünzerei von vier Jahrtausenden, mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet wird. Der "deutsche Geist" ist meine schlechte Luft: ichathme schwer in der Nähe dieser Instinkt gewordnen Unsauberkeit in psychologicis, die jedes Wort, jede Miene eines Deutschen verrät. Sie haben nie einsiebzehntes Jahrhundert harter Selbstprüfung durchgemacht wie die Franzosen, ein La Rochefoucauld, ein Descartes sind hundert Mal in Rechtschaffenheit denersten Deutschen überlegen, - sie haben bis heute keinen Psychologen gehabt. Aber Psychologie ist beinahe der Maassstab der Reinlichkeit oder Unreinlichkeiteiner Rasse ... Und wenn man nicht einmal reinlich ist, wie sollte man Tiefe haben? Man kommt beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf denGrund, er hat keinen: das ist Alles. Aber damit ist man noch nicht einmal flach. - Das, was in Deutschland "tief" heisst, ist genau diese Instinkt-Unsauberkeitgegen sich, von der ich eben rede: man will über sich nicht im Klaren sein. Dürfte ich das Wort "deutsch" nicht als internationale Münze für diese psychologischeVerkommenheit in Vorschlag bringen? - In diesem Augenblick zum Beispiel nennt es der deutsche Kaiser seine "christliche Pflicht", die Sklaven in Afrika zubefreien: unter uns andren Europäern hieße das dann einfach "deutsch"... Haben die Deutschen auch nur Ein Buch hervorgebracht, das Tiefe hätte? Selbst derBegriff dafür, was tief an einem Buch ist, geht ihnen ab. Ich habe Gelehrte kennen gelernt, die Kant für tief hielten; am preussischen Hofe, fürchte ich, hält manHerrn von Treitschke für tief. Und wenn ich Stendhal gelegentlich als tiefen Psychologen rühme, ist es mir mit deutschen Universitätsprofessoren begegnet,dass sie mich den Namen buchstabieren liessen ...-
4. - Und warum sollte ich nicht bis ans Ende gehn? Ich liebe es, reinen Tisch zu machen. Es gehört selbst zu meinem Ehrgeiz, als Verächter der Deutschen parexcellence zu gelten. Mein Misstrauen gegen den deutschen Charakter habe ich schon mit sechsundzwanzig Jahren ausgedrückt (dritte Unzeitgemässe S. 71) -die Deutschen sind für mich unmöglich. Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen meinen Instinkten zuwiderläuft, so wird immer ein Deutscher daraus.Das Erste, worauf hin ich mir einen Menschen "nierenprüfe", ist, ob er ein Gefühl für Distanz im Leibe hat, ob er überall Rang, Grad, Ordnung zwischen Menschund Mensch sieht, ob er distinguiert damit ist man gentilhomme; in jedem andren Fall gehört man rettungslos unter den weitherzigen, ach! so gutmüthigen Begriffder canaille. Aber die Deutschen sind canaille - ach! sie sind so gutmüthig ... Man erniedrigt sich durch den Verkehr mit Deutschen: der Deutsche stellt gleich ...Rechne ich meinen Verkehr mit einigen Künstlern, vor Allem mit Richard Wagner ab, so habe ich keine gute Stunde mit Deutschen verlebt ... Gesetzt, dass dertiefste Geist aller Jahrtausende unter Deutschen erschiene, irgend eine Retterin des Capitols würde wähnen, ihre sehr unschöne Seele käme zum Mindestenebenso in Betracht ... Ich halte diese Rasse nicht aus, mit der man immer in schlechter Gesellschaft ist, die keine Finger für nuances hat - wehe mir! ich bin einenuance -, die keinen esprit in den Füssen hat und nicht einmal gehen kann ... Die Deutschen haben zuletzt gar keine Füsse, sie haben bloss Beine ... DenDeutschen geht jeder Begriff davon ab, wie gemein sie sind, aber das ist der Superlativ der Gemeinheit, - sie schämen sich nicht einmal, bloss Deutsche zu sein... Sie reden über Alles mit, sie halten sich selbst für entscheidend, ich fürchte, sie haben selbst über mich entschieden ... - Mein ganzes Leben ist der Beweis derigueur für diese Sätze. Umsonst, dass ich in ihm nach einem Zeichen von Takt, von délicatesse gegen mich suche. Von Juden ja, noch nie von Deutschen.Meine Art will es, dass ich gegen Jedermann mild und wohlwollend bin ich habe ein Recht dazu, keine Unterschiede zu machen dies hindert nicht, dass ich dieAugen offen habe. Ich nehme Niemanden aus, am wenigsten meine Freunde, - ich hoffe zuletzt, dass dies meiner Humanität gegen sie keinen Abbruch gethanhat! Es giebt fünf, sechs Dinge, aus denen ich mir immer eine Ehrensache gemacht habe. - Trotzdem bleibt wahr, dass ich fast jeden Brief, der mich seit Jahrenerreicht, als einen Cynismus empfinde: es liegt mehr Cynismus im Wohlwollen gegen mich als in irgend welchem Hass ... Ich sage es jedem meiner Freunde insGesicht, dass er es nie der Mühe für wert genug hielt, irgend eine meiner Schriften zu studieren; ich errathe aus den kleinsten Zeichen, dass sie nicht einmalwissen, was drin steht. Was gar meinen Zarathustra anbetrifft, wer von meinen Freunden hätte mehr darin gesehn als eine unerlaubte, zum Glück vollkommengleichgültige Anmaassung? ... Zehn Jahre: und Niemand in Deutschland hat sich eine Gewissensschuld daraus gemacht, meinen Namen gegen das absurdeStillschweigen zu vertheidigen, unter dem er vergraben lag: ein Ausländer, ein Däne war es, der zuerst dazu genug Feinheit des Instinkts und Mut hatte, dersich über meine angeblichen Freunde empörte ... An welcher deutschen Universität wären heute Vorlesungen über meine Philosophie möglich, wie sie letztesFrühjahr der damit noch einmal mehr bewiesene Psycholog Dr. Georg Brandes in Kopenhagen gehalten hat? - Ich selber habe nie an Alledem gelitten; dasNothwendige verletzt mich nicht; amor fati ist meine innerste Natur. Dies schliesst aber nicht aus, dass ich die Ironie liebe, sogar die welthistorische Ironie. Undso habe ich, zwei Jahre ungefähr vor dem zerschmetternden Blitzschlag der Umwertung, der die Erde in Convulsionen versetzen wird, den "Fall Wagner" in dieWelt geschickt: die Deutschen sollten sich noch einmal unsterblich an mir vergreifen und verewigen! es ist gerade noch Zeit dazu! - Ist das erreicht? - ZumEntzücken, meine Herrn Germanen! Ich mache Ihnen mein Compliment ... Soeben schreibt mir noch, damit auch die Freunde nicht fehlen, eine alte Freundin, sielache jetzt über mich ... Und dies in einem Augenblicke, wo eine unsägliche Verantwortlichkeit auf mir liegt, - wo kein Wort zu zart, kein Blick ehrfurchtsvollgenug gegen' mich sein kann. Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der Schulter. -
Warum ich ein Schicksal bin. 1. Ich kenne mein Loos. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, - an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, andie tiefste GewissensCollision, an eine Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin keinMensch, ich bin Dynamit. - Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter - Religionen sind Pöbel-Affairen, ich habe nöthig, mir die Hände nachder Berührung mit religiösen Menschen zu waschen ... Ich will keine "Gläubigen", ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu glauben, ich redeniemals zu Massen ... Ich habe eine erschreckliche Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: man wird errathen, weshalb ich dies Buch vorherherausgebe, es soll verhüten, dass man Unfug mit mir treibt ... Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst ... Vielleicht bin ich ein Hanswurst ... Undtrotzdem oder vielmehr nicht trotzdem denn es gab nichts Verlogneres bisher als Heilige - redet aus mir die Wahrheit. - Aber meine Wahrheit ist furchtbar: dennman hieß bisher die Lüge Wahrheit. Umwertung aller Werte: das ist meine Formel für einen Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit, der in mirFleisch und Genie geworden ist. Mein Loos will, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, dass ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden imGegensatz weiss... Ich erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch dass ich zuerst die Lüge als Lüge empfand - roch ... Mein Genie ist in meinen Nüstern ... Ichwiderspreche, wie nie widersprochen worden ist und bin trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter, wie es keinen gabich kenne Aufgaben von einer Höhe, dass der Begriff dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen. Mit Alledem bin ich nothwendigauch der Mensch des Verhängnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einenKrampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkriegaufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt - sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine aufErden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf Erden große Politik.
2. Will man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? - Sie steht in meinem Zarathustra. - und wer ein Schöpfer sein will im Guten und Bösen, der muss ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen. Also gehört das höchste Böse zur höchsten Güte: diese aber ist die schöpferische. Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat; dies schliesst nicht aus, dass ich der wohlthätigste sein werde. Ich kenne die Lust amVernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum Vernichten gemäss ist, - in Beidem gehorche ich meiner dionysischen Natur, welche das Neinthun nicht vomJasagen zu trennen weiss. Ich bin der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence.
3. Man hat mich nicht gefragt, man hätte mich fragen sollen, was gerade in meinem Munde, im Munde des ersten Immoralisten, der Name Zarathustra bedeutet:denn was die ungeheure Einzigkeit jenes Persers in der Geschichte ausmacht, ist gerade dazu das Gegentheil. Zarathustra hat zuerst im Kampf des Guten unddes Bösen das eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehn, - die Übersetzung der Moral in's Metaphysische, als Kraft, Ursache, Zweck an sich, ist seinWerk. Aber diese Frage wäre im Grunde bereits die Antwort. Zarathustra, schuf diesen verhängnissvollsten Irrthum, die Moral: folglich muss er auch der Erstesein, der ihn erkennt. Nicht nur, dass er hier länger und mehr Erfahrung hat als sonst ein Denker - die ganze Geschichte ist ja die Experimental-Widerlegungvom Satz der sogenannten "sittlichen Weltordnung" -: das Wichtigere ist, Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre und sie allein hat dieWahrhaftigkeit als oberste Tugend - das heisst den Gegensatz zur Feigheit des "Idealisten", der vor der Realität die Flucht ergreift, Zarathustra hat mehrTapferkeit im Leibe als alle Denker zusammengenommen. Wahrheit reden und gut mit Pfeilen schießen, das ist die persische Tugend. - Versteht man mich? ...Die Selbstüberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die Selbstüberwindung des Moralisten in seinen Gegensatz in mich - das bedeutet in meinem Munde derName Zarathustra.
4. Im Grunde sind es zwei Verneinungen, die mein Wort Immoralist in sich schliesst. Ich verneine einmal einen Typus Mensch, der bisher als der höchste galt,die Guten, die Wohlwollenden, Wohltäthigen; ich verneine andrerseits eine Art Moral, welche als Moral an sich in Geltung und Herrschaft gekommen ist, diedécadence-Moral, handgreiflicher geredet, die christliche Moral. Es wäre erlaubt, den zweiten Widerspruch als den entscheidenderen anzusehn, da dieÜberschätzung der Güte und des Wohlwollens, ins Große gerechnet, mir bereits als Folge der décadence gilt, als Schwäche-Symptom, als unverträglich miteinem aufsteigenden und jasagenden Leben: im Jasagen ist Verneinen und Vernichten Bedingung. - Ich bleibe zunächst bei der Psychologie des gutenMenschen stehn. Um abzuschätzen, was ein Typus Mensch wert ist, muss man den Preis nachrechnen, den seine Erhaltung kostet, - muss man seineExistenzbedingungen kennen. Die Existenz-Bedingung der Guten ist die Lüge -: anders ausgedrückt, das Nicht-sehn-wollen um jeden Preis, wie im Grunde dieRealität beschaffen ist, nämlich nicht der Art, um jeder Zeit wohlwollende Instinkte herauszufordern, noch weniger der Art, um sich ein Eingreifen vonkurzsichtigen gutmüthigen Händen jeder Zeit gefallen zu lassen. Die Nothstände aller Art überhaupt als Einwand, als Etwas, das man abschaffen muss,betrachten, ist die niaiserie par excellence, ins Große gerechnet, ein wahres Unheil in seinen Folgen, ein Schicksal von Dummheit -, beinahe so dumm, als es derWille wäre, das schlechte Wetter abzuschaffen - aus Mitleiden etwa mit den armen Leuten ... In der großen Ökonomie des Ganzen sind die Furchtbarkeitender Realität (in den Affekten, in den Begierden, im Willen zur Macht) in einem unausrechenbaren Maasse nothwendiger als jene Form des kleinen Glücks, diesogenannte "Güte"; man muss sogar nachsichtig sein, um der letzteren, da sie in der Instinkt-Verlogenheit bedingt ist, überhaupt einen Platz zu gönnen. Ichwerde einen großen Anlass haben, die über die Maassen unheimlichen Folgen des Optimismus, dieser Ausgeburt der homines optimi, für die ganze Geschichtezu beweisen. Zarathustra, der Erste, der begriff, dass der Optimist ebenso décadent ist wie der Pessimist und vielleicht schädlicher, sagt: gute Menschen redennie die Wahrheit. Falsche Küsten und Sicherheiten lehrten euch die Guten; in Lügen der Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund hineinverlogen und verbogen durch die Guten. Die Welt ist zum Glück nicht auf Instinkte hin gebaut, dass gerade bloss gutmüthiges Heerdengethier darin sein engesGlück fände; zu fordern, dass Alles "guter Mensch", Heerdenthier, blauäugig, wohlwollend, "schöne Seele" - oder, wie Herr Herbert Spencer es wünscht,altruistisch werden solle, hieße dem Dasein seinen großen Charakter nehmen, hieße die Menschheit castrieren und auf eine armselige Chinesereiherunterbringen. - Und dies hat man versucht! .. Dies eben hieß man Moral ... In diesem Sinne nennt Zarathustra die Guten bald "die letzten Menschen", baldden "Anfang vom Ende"; vor Allem empfindet er sie als die schädlichste Art Mensch, weil sie ebenso auf Kosten der Wahrheit als auf Kosten der Zukunft ihreExistenz durchsetzen. Die Guten - die können nicht schaffen, die sind immer der Anfang vom Ende - - sie kreuzigen den, der neue Werte auf neue Tafeln schreibt, sie opfern sich die Zukunft, sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft! Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende ... Und was auch für Schaden die Welt-Verleumder thun mögen, der Schaden der Guten ist der schädlichste Schaden.
5. Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist - folglich ein Freund der Bösen. Wenn eine décadence-Art Mensch zum Rang der höchsten Art aufgestiegenist, so konnte dies nur auf Kosten ihrer Gegensatz-Art geschehn, der starken und lebensgewissen Art Mensch. Wenn das Heerdenthier im Glanze der reinstenTugend strahlt, so muss der Ausnahme-Mensch zum Bösen heruntergewertet sein. Wenn die Verlogenheit um jeden Preis das Wort "Wahrheit" für ihre Optikin Anspruch nimmt, so muss der eigentlich Wahrhaftige unter den schlimmsten Namen wiederzufinden sein. Zarathustra lässt hier keinen Zweifel: er sagt, dieErkenntniss der Guten, der "Besten" gerade sei es gewesen, was ihm Grausen vor dem Menschen überhaupt gemacht habe; aus diesem Widerwillen seien ihmdie Flügel gewachsen, "fortzuschweben in ferne Zukünfte", - er verbirgt es nicht, dass sein Typus Mensch, ein relativ übermenschlicher Typus, gerade imVerhältniss zu den Guten übermenschlich ist, dass die Guten und Gerechten seinen Übermenschen Teufel nennen würden ... Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete, das ist mein Zweifel an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr würdet meinen Übermenschen- Teufel heissen! So fremd seid ihr dem Großen mit eurer Seele, dass euch der Übermensch furchtbar sein würde in seiner Güte ... An dieser Stelle und nirgends wo anders muss man den Ansatz machen, um zu begreifen, was Zarathustra will: diese Art Mensch, die er concipiert, concipiertdie Realität, wie sie ist: sie ist stark genug dazu -, sie ist ihr nicht entfremdet, entrückt, sie ist sie selbst, sie hat all deren Furchtbares und Fragwürdiges auch nochin sich, damit erst kann der Mensch Grösse haben ...
6. - Aber ich habe auch noch in einem andren Sinne das Wort Immoralist zum Abzeichen, zum Ehrenzeichen für mich gewählt; ich bin stolz darauf, dies Wort zuhaben, das mich gegen die ganze Menschheit abhebt. Niemand noch hat die christliche Moral als unter sich gefühlt: dazu gehörte eine Höhe, ein Fernblick, einebisher ganz unerhörte psychologische Tiefe und Abgründlichkeit. Die christliche Moral war bisher die Circe aller Denker, - sie standen in ihrem Dienst. - Wer istvor mir eingestiegen in die Höhlen, aus denen der Gifthauch dieser Art von Ideal - der Weltverleumdung! - emporquillt? Wer hat auch nur zu ahnen gewagt,dass es Höhlen sind? Wer war überhaupt vor mir unter den Philosophen Psycholog und nicht vielmehr dessen Gegensatz "höherer Schwindler" "Idealist"? Es gabvor mir noch gar keine Psychologie. - Hier der Erste zu sein kann ein Fluch sein, es ist jedenfalls ein Schicksal: denn man verachtet auch als der Erste ... DerEkel am Menschen ist meine Gefahr ...
7. Hat man mich verstanden? - Was mich abgrenzt, was mich bei Seite stellt gegen den ganzen Rest der Menschheit, das ist, die christliche Moral entdeckt zuhaben. Deshalb war ich eines Worts bedürftig, das den Sinn einer Herausforderung an Jedermann enthält. Hier nicht eher die Augen aufgemacht zu haben giltmir als die grösste Unsauberkeit, die die Menschheit auf dem Gewissen hat, als Instinkt gewordner Selbstbetrug, als grundsätzlicher Wille, jedes Geschehen, jedeUrsächlichkeit, jede Wirklichkeit nicht zu sehen, als Falschmünzerei in psychologicis bis zum Verbrechen. Die Blindheit vor dem Christenthum ist dasVerbrechen par excellence - das Verbrechen am Leben ... Die Jahrtausende, die Völker, die Ersten und die Letzten, die Philosophen und die alten Weiber -fünf, sechs Augenblicke der Geschichte abgerechnet, mich als siebenten - in diesem Punkte sind sie alle einander würdig. Der Christ war bisher das "moralischeWesen", ein . Curiosum ohne Gleichen - und, als "moralisches Wesen", absürder, verlogner, eitler, leichtfertiger, sich selber nachtheiliger als auch der grössteVerächter der Menschheit es sich träumen lassen könnte. Die christliche Moral - die bösartigste Form des Willens zur Lüge, die eigentliche Circe derMenschheit: Das, was sie verdorben hat. Es ist nicht der Irrthum als Irrthum, was Mich bei diesem Anblick entsetzt, nicht der Jahrtausende lange Mangel an"gutem Willen", an Zucht, an Anstand, an Tapferkeit im Geistigen, der sich in seinem Sieg verrät: - es ist der Mangel an Natur, es ist der vollkommenschauerliche Thatbestand, dass die Widernatur selbst als Moral die höchsten Ehren empfieng und als Gesetz, als kategorischer Imperativ, über der Menschheithängen blieb! ... In diesem Maasse sich vergreifen, nicht als Einzelner, nicht als Volk, sondern als Menschheit! ... Dass man die allerersten Instinkte desLeben<s> verachten lehrte; dass man eine "Seele", einen "Geist" erlog, um den Leib zu Schanden zu machen; dass man in der Voraussetzung des Lebens, in derGeschlechtlichkeit, etwas Unreines empfinden lehrt; dass man in der tiefsten Nothwendigkeit zum Gedeihen, in der strengen Selbstsucht (- das Wort schon istverleumderisch! -) das böse Princip sucht; dass man umgekehrt in dem typischen Abzeichen des Niedergangs und der Instinkt-Widersprüchlichkeit, im"Selbstlosen", im Verlust an Schwergewicht, in der "Entpersönlichung" und "Nächstenliebe" (- Nächstensucht!) den höheren Wert, was sage ich! den Wert ansich sieht! ... Wie! wäre die Menschheit selber in décadence? war sie es immer? - Was feststeht, ist, dass ihr nur Décadence-Werte als oberste Wertegelehrt worden sind. Die Entselbstungs-Moral ist die Niedergangs-Moral par excellence, die Thatsache "ich gehe zu Grunde", in den Imperativ übersetzt: "ihrsollt alle zu Grunde gehn" und nicht nur in den Imperativ! ... Diese einzige Moral, die bisher gelehrt worden ist, die Entselbstungs-Moral, verrät einen Willenzum Ende, sie verneint im untersten Grunde das Leben. - Hier bliebe die Möglichkeit offen, dass nicht die Menschheit in Entartung sei, sondern nur jeneparasitische Art Mensch, die des Priesters, die mit der Moral sich zu ihren Wert-Bestimmern emporgelogen hat, - die in der christlichen Moral ihr Mittel zurMacht errieth ... Und in der That, das ist meine Einsicht: die Lehrer, die Führer der Menschheit, Theologen insgesammt, waren insgesammt auch décadents:daher die Umwertung aller Werte ins Lebensfeindliche, daher die Moral ... Definition der Moral: Moral - die Idiosynkrasie von décadents, mit derHinterabsicht, sich am Leben zu rächen - und mit Erfolg. Ich lege Wert auf diese Definition.
8. - Hat man mich verstanden? - Ich habe eben kein Wort gesagt, das ich nicht schon vor fünf Jahren durch den Mund Zarathustras gesagt hätte. DieEntdeckung der christlichen Moral ist ein Ereigniss, das nicht seines Gleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer über sie aufklärt, ist eine force majeure, einSchicksal, - er bricht die Geschichte der Menschheit in zwei Stücke. Man lebt vor ihm, man lebt nach ihm ... Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisheram Höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er überhaupt noch Etwas in den Händen hat. Alles, was bisher "Wahrheit" hieß, istals die schädlichste, tückischste, unterirdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, die Menschheit zu "verbessern" als die List, das Leben selbstauszusaugen, blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus ... Wer die Moral entdeckt, hat den Unwert aller Werte mit entdeckt, an die man glaubt odergeglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst heilig gesprochnen Typen des Menschen nichts Ehrwürdiges mehr, er sieht die verhängnissvollste Art vonMissgeburten darin, verhängnissvoll, weil sie fascinierten... Der Begriff "Gott" erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben, - in ihm alles Schädliche, Vergiftende,Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff "Jenseits", "wahre Welt" erfunden, um dieeinzige Welt zu entwerten, die es giebt, - um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrig zu behalten! Der Begriff "Seele", "Geist",zuletzt gar noch "unsterbliche Seele", erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank - "heilig" - zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen,den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt derGesundheit das "Heil der Seele" - will sagen eine folie circulaire zwischen Bußkrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff "Sünde" erfunden samt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff "freier Wille", um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des "Selbstlosen", des "Sich-selbst-Verleugnenden" das eigentliche décadence-Abzeichen, das Gelockt-werden vom Schädlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-können, die Selbst-Zerstörung zum Wertzeichen überhaupt gemacht, zur "Pflicht", zur "Heiligkeit", zum "Göttlichen" im Menschen! Endlich - es ist das Furchtbarste - im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Missratnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zu Grunde gehen soll -, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgeratenen, gegen den ja-sagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht - dieser heißt nunmehr der Böse... Und das Alles wurde geglaubt als Moral! - Ecrasez l'infâme!--
9. - Hat man mich verstanden? - Dionysos gegen den Gekreuzigten ...
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