Faust II
und was Goehtes Werk uns über die Lage der Psychotherapie heute
sagen kann
.

(aus einem Mailing)

Bezug:
Werner Mikus's mail vom 11.02.99, 21:36 Uhr zum Thema
"Karneval, Faust und Goethe" ;-)


Hallo liebe Mitlesende,
auf vielfachen Wunsch habe ich mich nunmehr überreden lassen ;-), in ein paar kurzen Erläuterungen noch einmal auf den - in meiner letzten mail von mir hergetellten - Zusammenhang zwischen Goethes Faust-Teil2 und der aktuellen Problemlage heutiger Psychotherapie einzugehen... ;-)))

Viel Spass:
----------

> (1)
> Faust erfand genau zur Karnevalszeit
> das Papiergeld.
> Und zwar am Hofe des Kaisers,
> wo es (weil man notorisch ueber seine Verhaeltnisse lebte),
> ein paar drueckende Probleme gab...

Das ist wie die Psychotherapie "am Hofe" der Heilkunde...
Der Klient gibt den Auftrag, "heal me" und
Faustus erfindet etwas, was genau den Wuenschen
des Auftraggebenden entpricht...

> (2)
> Über die Homunkulus-Schöpfung Wagners nachdenkend:
> (das Schöpfungswerk von Faustens Musterschüler meinend)
> stellt sich im weiteren mir die Frage:
> Was ist ein "Leben" wert, welches den natürlichen "Umweg"
> des Getragenseins in einer Art von Mutterschoß - mit allem
> was dazugehört - entbehren mußte, nur um von anfang an schon
> als etwas "Fertiges" in dieser Welt zu sein und als etwas
> schon "voll" Abgegrenztes nach allen Seiten hin
> (Ironie: die Phiole bzw. das Reagenzglas, als sein Lebensraum).

Meine Frage auf die Psychotherapie übertragen lautet:
------------------------------------------------------------
Was traegt denn eigentlich dieses neuentstandene "Wesen",
bzw. diesen Prozess, den eine Psychotherapie als etwas
Eigenstaendiges und Entwicklungsfaehiges ausmacht?
Wenn dem Innewerden dieses Tragendem nicht der noetige Raum
gegeben wird, dann entsteht eben eine Homunkulustherapie-Form
nach der anderen: Die Krankenkassen-Phiole muss es richten ;-)

> (3)
> Dann gibt es den Versuch, mit den alten Idealen zu verschmelzen,
> (Goetterhimmel, Helena)

Wir denken nicht daran, die großen alten Vorbilder ("Seele" und "Körper" genannt) in einem Nach und Nach etwa gegen die sich neu einstellenden Erfahrungen und Begrifflichkeiten einzutauschen. Nein! Vielmehr versuchen wir diese alten "Götter" ganz fest wieder zu ergreifen, um, wie aus zwei getrennten Teilen, das heile Geschoepf (nun "Psychosoma" genannt) wiederauferstehen zu lassen. Oh schöne Helena!
Auch versuchen wir es sodann - mit viel Hokuspokus - zu beseelen (aber sie enttaeuscht uns am Ende doch, die schoene Helena).
Auch die Belebung des Geistes der objektiven Wissenschaft bildet
für mich eine solche Reise in das alte Griechenland ab, die Faust
tragigkomisch mit seinem Freund Mephisto und dem Homunkulus
unternimmt.

> (4)
> Parallel dazu zerbricht "Homunculus" (also dies virtuell
> eingeschweisste Leben) seine glaeserne Welt und stuerzt sich
> in das Meer um nun - TRAGISCH, wie wir es ruhig deuten duerfen! -
> auch die andere Seite des "absoluten Gehaltenseins", fuer sich
> in Anspruch zu nehmen: nämlich das sich auflösende Verbundensein
> in dem - wie es Goethe nennt - "UREINEN".

Die medizinische Phiole "zerbrechen" oder in ihr selbst "verrecken"
- das klingt nach einer feinen "Alternative", von der mir der
jüngste Hilferuf eines zwischen den aufgestellten Stühlen sich
aufopfern"wollenden" Psychotherapeuten zu künden scheint...
(so einen Hilferuf gab es jedenfalls in der berufspolitischen
Liste von "psychotherapie.org" vor kurzem).


Schlußbetrachtung:
-------------------

> Zwischen der Verheissung "glorreicher Abkuerzungen" auf der
> einen Seite (Mephistos diverse Versuchungen betreffend)
> und dem Ideal einer absolut heilen und "Himmlischen" Welt
> gibt es natuerlich nicht wirklich etwas zu waehlen.

Klar! Ist es doch das gleiche.

Lassen wir der Psychotherapie doch ihre Zeit!
--------------------------------------------------------------
Faust brauchte ein paar Jahrhunderte, bis er dem Meer das Land
abgewonnen hatte, auf dem dann wirklich ein neuer Lebensraum
entstanden war. Auch ganz gemeine Dinge koennen wohl
dabei vorkommen (Faust bringt in seinem Eifer zwei alte
Leutchen um, deren Grundstueck er haben will).

# Kann die Psychotherapie ihre Seele verkaufen
# (an die Medizin etwa?)?
# Eigentlich "Nein"! Sie kann das doch nur, wenn sie im Laufe
# ihrer Geschichte ihre eigene Seele erst einmal gewinnt!

Sie verkauft sie aber dennoch vorher schon.
Und das ist - so unmöglich es auch klingen mag -
offenbar tatsächlich möglich! - jedenfalls in einem übertragenen
Sinne! Dem Faust-II-Betrachter geht das ja auch erst
gegen Ende des Stückes auf ....

Und weiter: Warum spreche ich von einem Seelenverkauf
"in einem *übertragenen Sinn*"?

Es soll heissen:
------------------
Statt erst einmal auf die Entwicklung des Eigenen zu schauen
und genau *hierauf* zu setzen, verlegt sich die Psychotherapie
(dieses neue Geschöpf des ausgehenden Jahrhunderts! also)
vielmehr auf die Frage nach DEM RICHTIGEN ORT und DEM RICHTIGEN "VEREIN"....,so als müßte nicht gerade dieser doch erst noch gefunden und entwickelt werden.

So verkauft auch Faust im Teil I seine Seele, obwohl er sie im
eigentlichen Sinne ja noch gar nicht "besitzt". Er hat sie
SICH, bzw. dem, dem er sie am Ende versprochen hatte, eigentlich ja erst noch entwickeln müssen. Das "Nicht-Entwickeln" aber ist es wohl, was sich wie von selbst bald aus der Absprache mit dem Teufel zu ergeben droht. Und erst im Faust II wird uns genau dieser paradoxe Dreh von Entwicklung recht listenreich in den Mittelpunkt des Verstehens gerückt. Und wir Psychotherapeuten können dabei eine ganze Menge, wie mir scheint :-) vom alten Meister lernen.

Also noch einmal:
Statt erst einmal auf die Entwicklung des Eigenen zu schauen
und genau *hierauf* zu setzen, verlegt sich die Psychotherapie
(dieses neue Geschöpf des ausgehenden Jahrhunderts! also)
vielmehr auf die Frage nach DEM RICHTIGEN ORT und DEM RICHTIGEN "VEREIN"....,so als müßte nicht gerade dieser doch erst noch gefunden und entwickelt werden.

Von daher erklärt sich auch das mir jedenfalls so fremd
erscheinende Begehr des "Psychotheapeuten" nach der Heilkunde
und das Gezerre um die vermeintliche "Seele" die es dabei zu
verlieren bzw. um das "Heil", was es dabei zu gewinnen
gäbe...

> Faust selbst muß das Ganze gegen sein Ende hin wohl
>
wie eine Komoedie vorgekommen sein, wenn er
> - aus dem ihm vertrauten Szenario "aussteigend" -
> sehen muß, wie die Macht des grossen Abkuerzungen-Verkaeufers
> schwindet... und die versammelte himmlische Heerschar - dem
> IRDISCHEN offenbar viel mehr zugewandt als erwartet - ihm ein
> recht derbes Frohlocken entgegenbringt.

> Ich kann die Verwirrung und auch Erleichterung gut
> nachempfinden... : )

So weit wie in der koestlichen Schlussszene des Stueckes
sind wir aber in der Berufspolitischen Wirklichkeit als
Psychotherapeuten leider noch lange nicht -
und ich sehe unter uns Psychotherapeuten eher Inflationaeres,
Phiolen- oder Reagenzglasbruch und sehr viel Brimborium
noch drumherum. Die haesslichen Aspekte lasse ich jetzt - weil
Karneval ist - ganz einfach mal weg ;-)

Wer Lust hat, der kann die letzten 16 Zeilen aus dem
Faust II auch auf meiner homepage lesen, nebst einer 16zeiligen
Alternative hierzu (eine kleine Umdichtung, die sich urspruenglich
aus einer Kommentierung Zeile fuer Zeile ergab).

Adresse:
-----------
http://www.psychotherapie.org/wm/faust2.htm

Ein paar schoene Karnevaltage euch
allen noch wuenschend

Werner (Mikus)

---
http://psf.net (beruflich)
http://www.psychotherapie.org/wm (privat)

W.M-homepage | Das Ende von Faus-II | Nietzsche im Netz